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Jüdische Rundschau · 1936-05-15 · Heft 39 (15.5.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 39 (15.5.1936)
Date
1936-05-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39, 15.V. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Gustay Mahler / Zum 25. Todestag am 18. Mai Max Brod war einer der ersten Juden, wenn nicht der erste, der das Jüdische im Werk Gustav Mahlers entdeckte. Von diesem Moment an glaubte man zu wissen, woher diese gewaltige l' .rast, die Verzückung, das fast biblische Bekenner- und Mahnerlurn der Malderschen Musik sich herleiten. Früher hörte man nur den wienerischen Klang und die anderen Stilelemente der großen Symphonie, aber man vergaß die Mentalität, die sie eigenwillig leitete, die Hand, die sie voll Ekstase zusammenpreßte. Die Nichtjuden spürten in Mahlers Musik und Musizieren viel früher die fremde Geste — das, was sich mitteleuropäischen Maßen widersetzte. Mahler hat, obwohl er zum Katholizismus übergetreten war, sein Jude s ein nicht verleugnet und auch nicht verleugnen können, da man es ihm bei allen möglichen Gelegenheiten vorwarf und gegen die Verehrung, die er bei vielen genoß, und den Platz, den er cinnahm, ausspielte. Es war aber nicht sein Judentum, d. h. der kulturelle Bereich des Stammes, den sein Antlitz verriet. Man muß sich seinen Standort vergegenwärtigen. Er fühlte sich bei aller Anfeindung frei und emanzipiert in dem Lande, in dem er sich am meisten entfalten konnte. Als Künstler — auf der Suche nach den Geheimnissen alles Lebenden — mußte er die Landschaft, die ihn umgab, liehen lernen. Er verband sich ihr. Er zog seine Kräfte aus ihr, er fühlte sich als ihr Geschöpf. Ist es da ein Wunder, daß für ihn die Gegenwart, das ständige Erlebnis stärker war als die Güter einer Vergangenheit und eines Volkes, das damals fast nur von Erinnerungen lebte? Das Judentum konnte für Mahler höchstens Konfession sein. Aber selbst das war cs nicht einmal. Der folgende Aufsatz versucht eine Antwort darauf zu geben, warum Mahler Katholik wurde. Es würde sich lohnen, einmal eingehender diese Erscheinung zu untersuchen. Mahler ist als Dogmatiker gar nicht vorstellbar. Es ist daher zweifelhaft, ob seine religiöse Ilaltung nun wirklich echt katholisch gewesen ist. Daß er doch die Religion seines Landes annahm, war die Konsequenz seines Lebens. Der 25. Todestag von Mahler ist für uns ein Anlaß, über die Probleme nachzudenken, die uns seine Person und sein Werk aufgibt. Der nachfolgende Aufsatz soll die Deutungen des Jüdischen in der Gestalt Mahlers zusammenlassen. (Red.) Vor 50 Jahren Erinnerungen an D. B. Gordon und N. H. Imber In den Ijar-Tagen des Jahres 1886 starb in Lyck (Ostpreußen) ein Journalist, der wegen seiner hebräischen Schriftstellerei und wegen seines literarischen Kampfes für die Sache der jüdisch-nationalen Renaissance unvergessen sein sollte: David — Dow Beer — Oordon. David Oordon war 1826 in der Nähe von Wilna geboren und verließ als 25jähriger die Heimat, um in London sich literarischer Arbeit in hebräischer und englischer Sprache zu widmen, wozu ihn neben Anlage seine Schulbildung und sein eigenes fleißiges Studium befähigten. Seine hebräischen Aufsätze, die eine neue Ausdrucksform und einen neuen Stil in diese Publizistik brachten und der alten Meliza-Uebung abhold gesinnt waren, schrieb er zuerst anonym; sie fanden Aufnahme in dem von E. L. Silbermann herausgegebenen Wochenblatt ״Hamaggid“. Nach etwa zehn Jahren verließ Oordon London und siedelte nach Lyck über, um in die Redaktion des Blattes einzutreten, dem er 1878 eine wissenschaftliche Beilage ,.Maggid Mischne“ anfügte, um 1880 die Zeitschrift ganz allein weiterzuführen. Damit nicht zufrieden gab er auch eine deutsche Zeitung in Lyck heraus, den ״Lycker Anzeiger“, und war fleißiger Mitarbeiter an der ״Times“ und dem ״Jcwish Chronicle“. ln Lyck entstanden auch seine Uebersetzungen aus den verschiedensten Gebieten, z. B. schrieb er auch eine populäre medizinische Abhandlung ״dake refuah“. Doch war Gordon nicht nur der Schriftsteller am grünen Tisch. Er war Schriftführer der von Silbermann begründeten Gesellschaft ״Mekize Nirdamim“, die vor zwei Jahren in Erez Israel ihre zweite Auferstehung gefeiert hat und war einer der Kämpfer der frühen vorzionistischen Palästinabewegung. Diesen Plänen galten schon 1863 seine Aufsätze im ״Hamaggid“. Er war einer der tüchtigsten Mitarbeiter der Chowewe-Zion - Bewegung und berichtete bei der Zweiten Sitzung der Kattowitzer Konferenz am 7. November 1884 über seine Reise nach Paris und London; er wird mit der Höchstzahl der Stimmen — 28 — zum Kommissionsmitglied gewählt und am 0. November wird auf Antrag des Rabbiners Mohilewer und Gordons die Summe von 10 000 Francs bewilligt. Die erwähnte Reise galt Besuchen bei Moses Montefiore in London und bei Baron Rothschild in Paris. Aber das waren nicht die einzigen Palästina-Freunde, mit denen Gordon in Verbindung trat. Auch mit Pinsker, Zadok Kahn und anderen war er verbunden. * Eine literarische Erscheinung des Jahres 1886 verdient, erwähnt zu werden. Naftali Herz Imber, der Verfasser der Hatikwah, gab seine erste Gedichtsammlung ״Barkai“, nationale Klänge und Dichtungen“ 1886 in Jerusalem heraus. Diese Gedichtsammlung enthält: 1. Gedichte über die Moschawoth im Süden des Landes: Mikweh Jisrael, Rischoti le Zion (schon früher publiziert in der Zeitschrift Chawazeleth): 2. im Norden des Landes: Ekron, Rosch Pinah, Pctacli Tikwali, üolan babaschan; 3. Schire porijah. An erster Stelle steht hier sein Gedicht ״Tikwatcnu“, das später als ״Hatikwah“ zur jüdischen Nationalhymne wurde; es ist in Jerusalein zwei Jahre vor der Publikation entstanden. Die erste Fassung hat es bereits 1876 in Jassy erhalten. Dieser Teil der Gedichte liefert also ein Abbild der Kolonien; die Gedichte sind in Jaffa, Jerusalem oder den Kolonien in den Jahren 1882—1886 entsfanden. Diesem ersten Teile ist ein zweiter beigefügt ״Bet Almin“, Elegien, darunter Klagelied auf den Tod der Frau Elise Ohphant, der Gattin des englischen Zionsfreundes Lawrence Oüphant, verfaßt in Alexandrien in Aegypten 1886, oder ein Gedicht, das er auf seinem schweren Krankenlager verfaßte (1885), ferner ein Gedicht zum 000. Geburtstage Jehuda Halevis und schließlich ein größeres Gedicht ,,Palmen und Psalmen“, das er in hebräischer und deutscher Sprache — auf den Wunsch eines Herrn in Rischon le Zion — verfaßte. Rabbiner Dr. A. Posner, Jerusalem 35 Jahre Nobelpreis Die Nobelpreisträger jüdischer Abstammung Die Nobel-Stiftung in Stockholm veröffentlicht eine Zusammenstellung der Nobelpreisträger von 1901 bis »35, also der ersten 35 Jahre, seitdem der Nobelpreis verteilt rird. Es ist eine Liste mit insgesamt 183 Namen. Zu jedem dieser Repräsentanten der modernen Kuiturwelt ist die Leistung angegeben, für die der Preis verliehen wurde. In diesem beispielhaft sachlichen Büchlein der Namen, Daten und der epochalen Leistungen sind auch die Länder verzeichnet, wo die einzelnen Nobelpreisträger zur Zeit der Preiszuteilung wirkten. Hingegen schließt das Statut der Stiftung jede offizielle Angabe der nationalen, konfessionellen und der Rassen-Zugehörigkeit grundsätzlich aus. Unter den 183 Erwählten befinden sich 20 Nobel- Preisträger jüdischer Abstammung: Adolph von Baeyer (Professor an der Universität München; Nobelpreis für Chemie des Jahres 1905). Albert Abraham Micheison (Professor an der Universität Chicago; Nobelpreis für Physik des Jahres 1907). Paul Ehrlich (Protessor, Geheimer Obermedizinalrat, Frankfurt a. M.; Nobelreis für Physiologie und Medizin des Jahres 1908). Gabriel i p p in a n n (Professor an der Universität Paris; Nobelpreis für Physik des Jahres 1908). Iliya Metchnikov (Dircktor am Institut Pasteur, Paris; Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 1908). Paul Heyse (Deutschland; Nobelpreis für Literatur des Jahres 1910)". Otto Wallach (Professor an der Universität Göttingen; Nobelpreis für Chemie des Jahres 1910). Tobias Michael Carel Asser und Alfred Hermann Fried (Friedens-Nobelpreis des Jahres 1911). Robert B .1 r ä n y (Wien; Nobelp reis für Physiologie und Medizin des Jahres 1914). Richard Wiilstätter (Professor an der Universität München; Nobelpreis für Chemie des Jahres 1915). Fritz Haber (Deutschland; Nobelpreis für Chemie des Jahres 1919). Albert Einstein!(Deutschland; Nobelpreis für Physik des Jahres 1921). Niels Bohr (Professor an der Universität Kopenhagen; Nobelpreis für Physik des Jahres 1922). Otto Meyerhof (Professor an der Universität Kiel; Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 1922). James Franck (Professor an der Universität Göttingen) und Gustav Hertz (Halle a. d. Saale; Nobelpreis für Physik des Jahres 1925). Henri Bergson (Mitglied der Französischen Akademie, Paris; Nobelpreis für Literatur des Jahres 1927). Karl Land- Steiner (Wien, New York; Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 1930). Otto F. War bürg (Deutschlarid; Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 1931). Demnach haben von den 20 Nobelpreisträgern jüdischer Abstammung erhalten: 6 Preisträger den Nobelpreis für Physik (Micheison, Lippmann, Einstein, Bohr, Franck, Hertz); 6 Preisträger den Nobelpreis für Physiologie und Medizin (Ehrlich, Metchnikov, Bäräriy, Meyerhof, Landsfeiner, War- Burg); 4 Preisträger den Nobelpreis für Chemie (von Baeyer, Wallach, Wiilstätter, Haber); 2 Preisträger den Friedens- Nobelpreis (Asser, Fried); 2 Preisträger den Nobelpreis für Literatur (Heyse, Bergson). r. Seit der Oeffnung des Ghettos können wir auf allen geistigen Gebieten den gleichen Bogen der Entwicklung jüdischer Fruchtbarkeit beobachten. Erst gab es noch urwüchsige Kräfte aus dem aufgcspcichericn Vorrat selbstverstündlichen Eigenlebens der Jahrtausende. Die Heine, Börne, Meycrbcer, Mendelssohn, Offenbach dichteten mit einer Unbefangenheit, wie es späteren schon in dritter Generation als Europäer Geborenen unmöglich war. Wer könnte sich z. B. vorstellen, daß Hofmannsthal oder Borehardt als längst Getaufte es über sich gebracht hätten, etwas über ״Schalet, edle Götterspeise“ zu dichten. Hofmannsthal dichtete vielmehr ein katholisches großes Weittheatcr. Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten, Mosenthals Hohenstaufen-Dramen und in der Musik die großen Vermittler: Ureigenes vermochten sic nicht zu schaffen. Und wenn sie es versuchten, wurde es schwächliehe Epigonen-Leistung wie bei Goldmark und Ignaz Brüll. Erst als wieder Vertiefung und Verinnerlichung des Bewußtseins jüdischer Gemeinschaft eintrat, ein Wendepunkt der Selbstbesinnung, als man von der eigenen Vergangenheit nicht mehr verschämt wegsah, erstanden unter den Juden wieder originale schöpferische Geister von Weltbedeutung. Wie in anderen geistigen Bezirken Sigmund Freud, Henri Bergson usw., sind es in der Musik Gustav Mahler und Arnold Schönberg. Die Ausbrüche des Mißversteliens, der spöttischen Oering- Schätzung oder des Hasses gegenüber der Erscheinung Gustav Mahlers beziehen sich fast ausnahmslos auf dasselbe: Auf das Frappierende der Widersprüche, die auf den ersten Blick auftallcn, ob man nun den Menschen oder die Musik Mahlers betrachtet. Die Paradoxie seiner Persönlichkeit, das Umspannen der schärfst zugespitzten Gegensätze. In der Musik das Pathos der Probleme, der wuchtigen seelischen Fragen neben der naiven volkstümlichen Anmut der in Melodie umgesetzten Landschaft. Ländler, Militärmusik, Wiener Praterklange und unmittelbar darauf die Feierlichkeit schmerzvollster Beichten der verzweifelten Seele in edelster Herbheit nie erhörter kühner Dissonanzen und fremdartiger asymmetrischer Melodik. Zu diesen beiden Elementen tritt noch die ironische Spottlust, die bittere Heiterkeit. Zur religiösen Andacht und dem freien Schwung des Volkstanzes der karikaturistische Witz. Adolf Wcißmann kennzeichnctc Mahler so: ״Ein Philosoph und Volksredner, ein Träumer und Realist, ein Wahrheitsfanatiker und Phantast, ein alliebendcr Schwärmer und bitterer Kritiker.“ Unmögliches zu vereinen ist ihm das einzig Natürliche, daher die ekstatische Krainpfhaftigkcit als elementares Naturphänomen seines Wesens und seiner Kunst. Fühlen wir nicht in diesem übermenschlichen Heroismus, der eine tragische Gcspaltenheit seines Wesens zu überwinden strebt, etwas, das uns sehr nahe angcht? Mahler ist der einzige zum vollkommenen künstlerischen Bilde gerundete Seelcnspiege! des Juden seiner Zeit, der spät-liberalen Aera vor der Jahrhundertwende und damit des Gahith-Judcn überhaupt, der zwischen seinem Judentum und der ihn umgehenden National■• Kultur stellt und dieses Zwitlerdasoin mit alles überrennendem glühendem Einheitsvcrlangcn durch seine unbedingte Ehrliehkeit zu klarem Ausdruck bringt. Die Taufe Mahlers, durch die er katholisch wurde, war bei ihm keine äußere Nachgiebigkeit zur Bcrufserlcichterung, sondern ein aufrichtiges Bekenntnis, da er nicht ahnen konnte, daß diejenigen Elemente des Christentums, die ihn anzogen, die Elemente waren, die cs vom Judentum entlehnt hatte. Denn vom wirklichen Inhalt des Judentums wußte er wie die meisten seiner Generation so gut wie nichts. Das religiöse Bekenntnis dieses Meisters des unmittelbaren persönlichen Ausdrucks wird übrigens weit stärker und klarer aus seiner Musik als aus dett Tatsachen seines Lebens zu uns sprechen. Etwas fast Unbegreifliches umgibt die Entstehung seines ersten Liederzyklus ״Die Lieder eines fahrenden Gesellen“. Ohne daß Mahler je ״Des Knaben Wunderhorn“ gehört oder gelesen hatte, trifft er als Dichter bei freier Benützung eines zufällig gefundenen Textes mit täuschender Vollkommenheit Stil und Charakter dieser urwüchsig naturhaften, dabei innig schlichten Art, diesen ganz unverwechselbaren Ton ungcschliffcner, eigenwilliger Volkstümlichkeit. Er empfand es selbst als zauberhafte Ueberraschung, als er den Band der Wundcrhorn-Licder später in die Hand bekam, und war ganz trunken von dieser unwahrscheinlichen Selbstbcgcgnung. Es war die geradezu zwanghaft übersteigerte leidenschaftliche Liebe zu dem neuerlebten Humusboden der Sprache, die er als Heimat annektierte, weil er in sie hineingeboren war. Es war die dankbare Freude, das fanatische Verlangen in einem so naturgewaclisenen urkräftigen Eiement zu verwurzeln und zu verwachsen, wie es gerade die intellektuellsten Juden jener Zeit erfaßte und virtuose Sprach- Wüstungen einer besonderen Art in die deutsche Literatur einführte. Der volkslied-nahe jugendfrische Charakter des ersten Schaffensabschnitts umfaßt die ersten vier Symphonien mit den darin verwobenen Gesellen- und Wunderhornliedcrn. Der zweite, mit Scelenkämnfen und geistigen Problemen am meisten beschwerte, die Zeit der Mannesreife, spricht aus der Fünften, Sechsten und Siebenten Symphonie mit den hier aufgenommenen Rückert-Liedem. Der dritte Schaffensabsohnitt, der Höhepunkt, die sieghafte, weltumfassende Verklärimg hallt sich in einem einzigen Werk zusammen, dem monumentalsten Mahlers überhaupt: der Achten Symphonie. Hier ist das Liedhafte nicht mehr aus dem symphonischen Bau zu lösen und gesondert zu denken. Alte liturgische Poesie im ersten Teil und die letzte Szene aus Goethes ״Faust" im zweiten bieten eine traumhaft tönende Darstellung der Stufen der sittlichen Menschhcitsenlwicklung von derunhcwußten kreatüriiclien Demut bis zur Erkenntnis des unsichtbaren Sinn und Gnade verteilenden Gottes. 1 )er vierte, letzte Abschnitt, die Zeit in Amerika, da Mahler als Direktor der Metropolitan Opera die höchste Stufe einer Musikregentschaft seiner Aera erreicht hatte, bringt den zauberhaft zarten wehen Abschiedsgesang vom Leben: ״Das Lied von der Erde“, die Neunte Symphonie und das Fragment der Zehnten, innerlich war er von der Welt seiner gewaltigen Arbeitsleistung und von der Macht des Glanzes mul Ehrgeizes schon weit fort. Er, der wie kein anderer mit klarem Erkennen den Tod auf sich zukommen sali, starb in Wahrheit nicht an einem körperliehen Zufall, nicht an der typhösen Erkrankung, die seine vorzeitige Rückkehr von Amerika erzwang. Er war von dem rasenden Tempo seines Kampfes gegen die menschliche Unzulänglichkeit um ihn her und seines Ringens um die höchste Vollendung innerlich verbrannt. Seine letzten Gesänge, die so unirdisch rein, mit der wissenden Wahrheit verblutenden Herzens von seinem eigenen Tod singen, dem Leben entschwebend in zarter Erahmmg des anderen Reichs, umweht eine völlig neue Luft, die Luft des Morgenlandes. Altchinesische Lyrik regt die rhythmische und melodische Exotik an, aber ohne jede wirklich entlehnte Folklore. Aus tiefstem Verlangen seiner Seele wächst diese orientalische Atmospare. In seiner Jugend brachte Mahler die Landschaft um sielt her, die körperliche Heimat, in unerhörter Farbenfrische in Töne. Als reifender Mann gestaltete er die Zeit- Seele, die Probleme des europäischen Geistes. Doch zuletzt, als er sich von seinem äußeren Leben löste und der ewigen Heimat nabe fühlte, die Stimme seines Innersten nicht mehr übertönt wurde, stieg vom Grunde des Herzens der Gesang seines Blutes empor und sang in traumklarer Plastik, in Klangbildern von wunderbarer Vollendung vorn Geist eines Landes, das er leiblich nie gesehen hatte: Vom Geist des Orients. Im Adagio der Neunten Symphonie, stärker noch im unaussprechlich erschütternden Fragment der Zehnten tönt diese Demut der letzten Hingabe ans Zeitlose, dieses Verflüchtigen alles Irdischen in der Selbstaufgabe und Rückkehr in die Ewigkeit. Aber diese Werke weichen auch in 11er Form von allem ab, was Mahler bis dahin schuf, ja von der gesamten europäischen Musikkultur überhaupt. Hier hat sich das ereignet, was uns dazu berechtigt, von einem jüdischen Einschlag in dieser Musik zu sprechen. Die streng gesetzlich geordnete Tonwelt des Europäers mit ihren gleieben Tonarten, eingehenden Vorschriften über die wohl- und mißtönenden Zusammenhänge und ihre erlaubte oder verbotene Aufeinanderfolge, dem ehernen Gitter des Takt- Strichs und der gebundenen Symmetrie, die nur Melodien mit Unterabteilungen von genau gleicher Dauer duldet, all dies Bedürfnis nach Ordnung und Uchersiclitlichkcit, das dem Volkslied wie den ekstatischen Genie-Eingebungen des Europäers natürlich, also nicht hinderlich, ist, konnte Mahler iti seinen letzten Werken nicht mehr ertragen. Der Orientale kennt dieses Organisationsbedürfnis in seiner künstlerischen Gcfühlsvcrklärung nicht. Er gibt sich der Ekstase in einer Unendlichen Melodie mit völlig freiem Rhythmus anheim, die dem Europäer als formlose Improvisation erscheinen muß. Denken wir an unsere Gebetmelodien, von denen man manche, wie z. B. das Kol nidre, zu ihrem nicht geringen Schaden in das Mieder der europäischen Struktur zu pressen versuchte. Gustav Mahler hat nun, als er, dem Tode nah, zum tiefsten Ursprung seines Musikgefühls zurückfand, die Fesseln der europäischen Bautechnik gesprengt, am auffälligsten im ״Lied von der Erde“. Die Melodien von unvcrglcichlich zartem östlichem Duft sind asymmetrisch und Von kühnster Freiheit der Rhythmik. Aber tiefer noch geraten wir in die unbekannten unserer Vernunft uncrrcichbaren Wurzeltiefen unserer Seele, wenn wir fcststcllen müssen, daß nicht nur in der 'jedem Fachmusiker offenkundigen Umkehr der Alters-Musik, sondern im gesamten Musikschaffen Mahlers vom ersten Ton an eine Unter- Strömung urjüdischen Wesens unverkennbar ist. Max Brod hat diese Entdeckung gemacht, als er im Krieg einmal einen chassidisdien Flüchtlingsgottesdienst hörte und in den Vorbcter-Melodien wie in den Chören der chassidisdien Gottestreudigkeit mit Verwunderung eine frappante Verwandtschaft mit jenen Wesenszügen der Mahlerschen Musik erkannte, die von Verehrern und Feinden als charakteristisch für seine Eigenart bezeichnet werden. Da ist das Marsch-Tempo mit den schart akzentuierten zackigen Rhythmen, das die jubeinde chassidischc Gebet-Ekstase beherrscht. Die umstandliehe Einleitung vorher, das mehrfache zögernde Ansetzen, durch das die Rhythmen nachher doppelt hinreißend wirken, und das man Mahler so gern als Effekthascherei ankreidete. Da ist schließlich das zwischen Dur und Moll schwebende Melos, das sich bald in tänzerischem Element, bald in bell und langhin gesungener, ungeniert volkstümlicher Melodie auslebt, die die Gegner Mahler als Trivialität verübelten, das aber für uns ein Symptom des tiefsten Wesens des Musikers Mahler ist Oskar Baum

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