Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 38 (12.5.1936)
- Date
- 1936-05-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seit« 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38, 12. V. 1936 Zur Lage in Polen Zum Tode von Oswald Spengler Oswald Spengler, der vor wenigen Tagen verstorben ist, hat in seinem Hauptwerk: ״Der Untergang des Abendlandes“ im Jahre 1922 auch zur Frage des Juden tum s Stellung genommen. Naturgemäß mußte eine historische Erscheinung, wie sie das Judentum darstellt, einem Forscher auffallen, der den Gedanken der geschichtlichen Zusammenschau in den Mittelpunkt seines Systems stellte und dem es darauf ankam, die Gliederung und den Rhythmus der Weltgeschichte in allen ihren Verzweigungen und Zusammenhängen zu deuten. An zwei Stellen seines Buches wendet sich Spengler dem Judentum zu. Einmal behandelt er es im Zusammenhang mit einer Erörterung der Probleme der arabischeu Kultur und sucht das Judentum der Antike in seiner religiösen Bedeutung darzustellen. Der zweite Abschnitt, der dem Judentum gewidmet ist, beschäftigt sich mit seiner Ent- Wicklung im Rahmen der gesamten Weltgeschichte. Er versucht, das allgemeine Schema des Aufblühens und Vergehens einer Kultur, das in diesem Werk enthalten ist, auch für das Judentum aus/uwerten. Allerdings wird dadurch der tatsächlieben Entwicklung Zwang angetan, besonders wenn Spengler den Satz verteidigt, daß das Judentum seit vielen Jahrhunderten j^c schichtslos geworden sei. In dieser Tatsache liege die tiefste Trennung der Juden von den Völkern, in deren Mitte sie leben, da sie deren geschichtliche Erlebnisse selbst dann, wenn sie an ihnen teilnehmen, nicht begreifen können. Das Judentum unserer Zeit sei in das Getriebe einer jungen Zivilisation geraten ohne Zusammenhang mit irgendeinem Stück Land, nachdem es sich während vieler Jahrhunderte im Ghetto abgeschlossen habe. Dadurch gehe es der völligen Auflösung entgegen. Spenglers Darstellung des Judentums, die nicht ohne interessante Parallelen zur historischen Entwicklung anderer Vöiker ist, übersah die eigentlichen Krailströme der jüdischen Geschichte, die es ermöglichten, daß ein Volk ohne Land sich unter schwierigen Bedingungen lebend erhielt, und er weiß nicht, daß das G e s c 11 i c h t s b e w u IS t s e i 11 des jüdischen Volkes in allen Perioden seiner (ieschichle wach war. Für die letzte Periode sieht er mit Recht die Gefahr der Auflösung, ohne zu bemerken, daß diese als wc-entliche Reaktion des jüdischen Volkes hiergegen den Versuch der Wiederverkniipfung des Volkes mit einem Lande, nämlich dem Lande der alten Vergangenheit, herbeigefuhrt hat. Das Milchgesetz Warschau, 8. Mai. (JTA.) Im Amtsblatt der Polnisehen Republik ist das seinerzeit mit dem Schächtgesetz gleichzeitig angenommene Milchgesetz veröffentlicht worden. Das Gesetz, das am 6. August in Kraft treten wird, ist nur ein Rahmengesetz, durch das der Landwirtschafts- und Handdsminister ermächtigt wird, die entsprechenden Durchführungsbestimmungen zu erlassen. Für jeden mit dem Milchhandcl und der Milchverarbeitung zusammenhängenden Betrieb wird eine Anmeldepflicht bei der zuständigen Landwirtschaftskammcr angeordnet, die zu prüfen hat, ob der betreffende Betrieb den Anforderungen des Gesetzes entspricht und bejahendenfalls ihn zuläßt. Bei Nichtzulassung muß der Betrieb geschlossen werden. Die Aulsicht über die Milchbetriebe hat ebenfalls die Landwirtschaftskammcr. Das Milchgesetz findet in jüdischen Kreisen starke Bcachtung. Die Existenz von tausenden jüdischen Familien, die vom Milchhandel leben, wird dadurch berührt. Wie bekannt wird, soll die Ausf ii hrungsverord• nung zum Schächtgesetz, die im August veröifentlicht werden wird, auch die Strafen für Uebcrtretungcn des Gesetzes enthalten. Fs sollen Höchststrafen bis zu 3000 Zloty oder bis zu drei Monaten Gefängnis für Verletzung des Schächtvcrbotes bzw. Ucberschreitung des zum Schächten zugclassenen Kontingents angedroht werden. Gerne indewählen Im September sollen in ganz Polen neue Wahlen zu den jüdischen Gemeindeverwaltungen vorgenommen werden. Das Kultusministerium hat an alle Gemeinden, in denen der Posten eines Rabbiners nicht besetzt ist, die Aufforderung gerichtet, binnen 14 Tagen den Posten auszuschreiben. Nach dem entsprechenden Gesetz dürfe keine Gemeinde in Polen ohne Rabbiner sein. Das Kultusministerium hat der Warschauer Gcmeindeverwaltung niitgetcilt, daß der Rücktritt des Vorsitzenden der Gemeinde, M a s u r, und des Vizepräsidenten der Gemeinde, Lern er. angenommen werde. Beide Vorsteher sind vor einiger Zeit im Zusammenhang mit inneren Differenzen in der Gemeindeverwaltung zurückgetreten. Nachklang zu den Sejmwahlen Warschau, 8. Mai. (JTA.) Bei den Sejmwahlen, die im September des vergangenen Jahres stattfanden, wurde im jüdischen Wahlbezirk von Warschau der verstorbene jiidische Abgeordnete W i s I i c k i mit einer Stimme Mehrheit vor Dr. Jnschua Gott lieb gewählt, weil fünf für Dr. Gottlieb abgegebene Stimmen für ungültig erklärt worden waren. Nunmehr hatte sich der Oberste Gerictitshof mit der Frage des Mandates des verstorbenen Abgeordneten Wislicki zu beschäftigen. Es wurde entschieden, daß die fünf ursprünglich für ungültig erklärten Stimmen für Dr. Gottlieb anzurechnen seien, so daß nunmehr Dr. Gott lieb das Mandat zufällt. Die )udenfeindHche Bewegung Von dem Kriegsgericht Radom ist in der Berufung» instanz der Führer der Exzedenten von Przytik, Korczak, freigesprochen worden. Korczak war in erster Instanz zu acht Monaten Arrest verurteilt worden. Der Staatsanwalt will gegen das Urteil Revision einlegen. Der Senat des Warschauer Polytechnikums, das vor wenigen Tagen wiederum wegen Zusammenstößen zwischen nationaklcniokratischcn und jüdischen Studenten geschlossen wurde, hat eine Untersuchungskommission eingesetzt, die die Aufgabe hat die Ursachen der Zwischenfälle und die Schuldigen festzustellen. In Warschau ist eine neue politische Partei Yinter dem Namen ״G esellschaftlichpolitisch es Lager Warta“ registriert worden. Der Gründer der Partei isf der Herausgeber dör antijüdischen Zeitung ״Warta“. Luthers Schriften über die Juden Martin Lutherb Schriften /um Judeiiproblem, von denen die gründlichste ״Von den Juden und ilueii Lügen“ heißt, sind im vorigen Jahre von dem Literarhistoriker Dr. W. Linden neu lierausgegebcn und in den heutigen Sprachgebrauch übertragen w ordern. Die Einleitung des Herausgebers macht zwar auf die geschichtliche Eigenart von Luthers ganz wesentlich religiöser B e g r u ti d u n g sei n e r Haltung aufmerksam, kommt aber zu dem Ergebnis, daß hier ״ein noch heute vollauf gültiges völkisch-religiöses Bekenntnis“ vorliege. Eine Glosse im Maiheft der Zeitschrift der Hitler-lugend, ״Wille und Macht“, nimmt nun zu der Ausgabe Lindcns Stellung. Sie zitiert aus dem Lutherschen Text einige Sätze, welche eindeutig!telegen, daß initiier den religiösen Anspruch des Judentums, für immer das ״auserwählte Volk“ zu sein, gerade mit dem Argument zurückweist, daß ״das Wort oder die Berufung" die Geburt und den Unterschied des Fleisches nichts achte. Der Verfasser der Glosse folgert daraus, daß Luther die blutsm a ß i g e rassische Seite nicht sehe. Die Einleitung Lindcns sei daher völlig verzeichnet und ohne jeden echten Maßstab. Nur daher vermöge sie auch, eine ,,abendländischchristliche“ Front zu konstruieren, ohne zu bemerken, daß dies keine nationalsozialistischen Begriffe seien. Unterstützungsschwindel unter jüdischem Namen Der Fall, daß sich ein Mann dcutsvhbintiger Abstammung als Jude a u s g a I), fand It. ״f rankt'. Ztg.“ vom 9. 5. vor der Ersten Strafkammer in Stuttgart ein gerichtliches Nachspiel. Ein b'.’jaliriger Angeklagter aus Remscheid hatte unter verschiedenen jüdisch klingenden Namen erfolgreich bei jüd i 8 c h c n Familien um 11 n t e r s t ü t z u n g v o r g c sp rochen, wobei er ein gefälschtes Schreiben des Rabbinats vorwies. Auch eine amtliche Legitimation fertigte er sich selber au. Seine ebenfalls arische Begleiterin trat auch unter einem falschen Namen auf. Er se!b-d gab sich zuweilen als ehemaliger Redakteur bei einer Nürnberger Zeitung aus. Nach seinen Angaben hat er in-gesamt 4l)ü RM. erschwindelt, doch wird vermutet, daß der Ertrag bedeutend höher gewesen sei. Das Gericht erkannte auf zwei Jahre Zuchthaus, drei Jahre Ehrverlust, für die Begleiterin auf zehn Monate O e f a 11 g n i s. Die Auswanderer aus Deutschland London, 7. Mai. (JTA.) Im Unter hause fragte der Abgeordnete Mander den Außenminister Eden,welche Aktion der Obcrkotnmissar des Völkerbundes für Auswandererfiirsorge ergriffen hat, um den nichtarischen Auswan• deren! aus Deutschland zu helfen, sich in neuen Ländern seßhaft zu machen. Außenminister Eden erwiderte, nach einer Mitteilung des Generalsekretärs des Völkerbundes an die Regierungen habe Oberkommissar General Sir Neill Malcolm bereits die notwendigen Schritte zur Erfüllung der ihm vom Völkerbimdsrat übertragenen Pflichten ergriffen; z. B. habe er Beratungen mit den verschiedenen Regierungen über die Möglichkeit der Niederlassung und der Beschäftigung der Auswanderer aufgenommen. Er stehe auch mit den privaten Gesellschaften, die sich mit Auswandererhilfe, Arbeitsbeschaffung und Wandererschutz befassen, in Verbindung. Das Verbot des außerehelichen Geschlechtsverkehrs In der Zeitschrift ״Deutsche Justiz“ vom 8. Mai führt Oberstaatsanwalt Dr. Krug im Rekhsjustizministcrnim in der Wochenschau an, daß verschiedene Urteile sich in der letzten Zeit mit der Frage zu befassen hatten, ob ein außerehelicher Geschlechtsverkehr im Sinne des Blut״ schutzgcsetzcs auch dann vorliege, wenn es sie!! um einen anormalen Verkehr oder nur um irgendwelche unzüchtigen Handlungen handelt. Die bisherige Praxis der Gerichte hat neben dem normalen Geschlechtsverkehr auch den anormalen und ebenso solche unzüchtigen Handlungen bestraft, die der Befriedigung geschlechtlicher Lust dienen und teils in anormaler Veranlagung, teils -- tatsächlich oder angeblich — zur Umgehung des Gesetzes an Stelle des _normalen Geschlechtsverkehrs getreten sind. Einige Gerichte haben die Bestrafung nicht aus dem Biutschutzgcsetz selbst, sondern nach dem Analogieparagraphen 2 StGB, ausgesprochen. Dr, Krug bemerkt, daß bei Beschränkung der Strafbarkeit auf den gewöhnlichen Geschlechtsverkehr selten Bestrafung möglich wäre, da die durch Berufung aut solche Rechtsprechung nnhe^elej^tc Ausrede schnell Schule machen würde. Der Ueberblick über die bisherige I landhabung des Blutschutzgesetzes zeige, eiaß alle Verstoße hiergegen mit dem richtigen Verständnis für die gesunde Volksansehauung behandelt und geahndet werden. Bestehende Mischehen und Nürnberger Gesetzgebung Ijie ״Deutsche Justiz“ vom 8• Mai veröffentlicht einen Beschluß des Gberlandcsgerichts Hamburg vom 21. 12. 1933, der die Scheidung einer nach der nationalen Erhebung geschlossenen Mischehe auf Klage des arischen Eheteils als'unzulässig bezeichnet, wenn diesem ein gesetzlicher Schcidungsgrunü nicht zur Seite stellt. Die Klägerin hatte im Mai 33 einen Juden geheiratet. Nach ihrer Darstellung hatten sie seit Juli 1935 nicht mehr ehelich verkehrt und sich Mitte Oktober 1935 getrennt. Sie machte für ihr Schcidimgsvcrlangen geltend, daß sie durch ihre Umwelt und die Entwicklung der Judenfragc in Deutschland in ihrer nationalsozialistischen Gesinnung immer mehr bestärkt worden sei, was zu Reibungen und zu einem ständigen seelischen Druck geführt habe, der ihr die Fortsetzung dieser Ehe unzumutbar mache.!11 dem oben erwähnten Beschlüsse wird die Verweigerung des Armenrechts für eine solche Klage gebilligt und bemerkt, daß sie an dem in der Nürnberger Gesetzgebung klar zum Ausdruck gelangten Willen der Führung bezüglich der Ehen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes scheitere. In einer Anmerkung billigt Landgerichtsrat Dr. Spind• ler, z. Zt. Schulungswart im Gemeinschaftslager ״Hanns Kerrl“, dieses Ergebnis, da zur Begründung mit Recht darauf hingewiesen sei, daß in den Nürnberger Gesetzen nur eine Scheidung des Judentums vom deutschen Volk für die Zu• k u n f t mul nicht rückwirkend vorgenommen worden sei. Bei dieser erschöpfenden und endgültigen gesetzlichen Regelung hätte es der nationalsozialistische Gesetzgeber nicht unterlassen, durch Erleichterung der Scheidung oder der Eheanfeclituug die Trennung bereits bestehender Mischehen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandien Blutes zu ermöglichen, wenn er dies über die Grenzen des bisherigen Rechtes hinaus gewollt hätte. Prof. Selig Brodetsky und Mrs, I, M. S i e f f sind in Capetown gelandet. Ihnen wurde ein herzlicher Empfang zuteil. Prof. Brodetsky und Mrs. Sieff, die in Südafrika eine Kampagne zugunsten des Keren Hajcssod unternehmen, wur• den von dem'früheren Ministerpräsidenten General Smnts zum Essen geladen, bei dem auch der Ministerpräsident General H e r t z o g zugegen war. Gegen Rheuma Rari pichian Ponsion, Ar«, Bauer, Kurtaxe!11 Wochonpnuscnale f. RM 96,-, Reisescheck durch sof. Anmeldun beim PIstyan '8 Büro, Berlin W1S, Faeanenatr. •1, J 3 400« Das Vogelnest Von JEHUDA Y A A li I Deutsch von Esch a S cliolem (Schluß) Sie hielten die brennenden Zigaretten im Munde, und ohne Aufenthalt machten sie sieh daran, die Zündschnüre anzuzünden. Voll Hingabe und Verantwortungsgefühl machten sie sich ans Werk. Diesmal war das Anzünden ja keine Berufsarbeit, sondern es geschah zu höheren Zwecken. Saad ging und steckte von rechts nach links lilngs der unterer! Schicht an und Mischka von links nach rechts Rings der oberen Schicht. Eine leichte Berührung zwischen der Zigarette und dem Ende der Zündschnur, ein Sprühen von blauen Funken aus den Schnüren, begleitet von leisem Zischen, als ob eine Schlange im Grase zischte. Wieder eine Berührung, wieder Funken. Innerhalb einer• Minute waren alle Schnüre angezündet und ließen einen feinen, weißen Rauch aufsteigen. Saad entwich schon nach links und ließ langgezogen und gellend Ba—rud-Rufe ertönen. Saad lag schon in seiner Deckung unter dem Johannisbrot- Strauch und wartete auf den Schall der Explosion, Mischka aber war im Steinbruch geblieben. — Als er die letzte Zündschnur anstockte, sah Mischka lötzlich ein kleines, enges Loch innerhalb des obersten elßcns, der gerade zersprengt werden sollte, und aus dem Loch guckte das mit weichem, grünlichem Flaum bedeckte Köpfchen eines zarten, jungen Vogels. Ein Vogelnest war darin, Mischka betrachtete das Junge einen kurzen Augenblick mit glücklichem Lächeln. Das Bild war so zart und lieblich. Plötzlich fuhr er zusammen. E» war ihm klar geworden, daß bei der Dynamitexplosion der ganze Felsen zusammen mit dem Nest in Trümmer zersprengt werden würde und dieses Junge würde in Stücke zerrissen werden. Nein! Er kann es nicht zulassen, daß dieses zarte Junge, das um nichts weiß, von Dynamit zerrissen werden soll. Er muß cs retten. Der winzig© Kopf!)lickte ihn aus dem Neste an und strömte so viel Leben aus, seine kleinen Augen schauton auf ihn in Furcht und doch in l reude, wie ein Kind einen fremden Menschen ansicht, wenn seine Mutter nicht bei ihm ist. Er muß es retten, koste es w1!׳s cs wolle. Er versuchte, Daumen und Zeigefinger in das Nest cinzuführcn, aber os gelang ihm nicht. Der Daumen war sehr dick und der Eingang zum Neste sein• schmal. Zum Teufe!! Die Sekunden vergehen. F.r muß sich beeilen! Noch kurze Zeit, und der Fels geht in Rauch auf. Fr steckte die Zeigefinger beider Hfmde in das Nest. Jetzt ging es. Er zog das Junge am Kopfe heraus. Es blickte erschreckt, Mischka hielt es fest in seiner Hand und floh. Er vermocht© nur einige Schritte zu fliehen. Die ersten Sprcngsebüsse Ingen los, einer nach dem anderen, und große und kleine leinbrocken wurden mit voller Kraft gegen ihn geschleudert. Sie prulllcn gegen seinen Kopf, gegen sein Gesicht, gegen seinen ganzen Körper. Er sank in sieh zusammen... Als er erwachte, fand er sieh im Krnnkenhausc. Sein ganzer Körper war verbunden und schmerzte wie eine einzige große Wunde. Und mit dom einen Auge, das nicht verbunden war, das aber brannte, als ob man es mit glühender Asche bestreut hätte, sah er Saad auf seinem Bett sitzen und ihn kummervoll betrachten, sah er die Krankenschwester an der Kopfseite des Bettes mit Arzneien in den Händen und einige von den Steinhauern, die mit tiel besorgten Mienen seitwärts standen. Er blickte jeden aus seinem einen schmerzenden Auge weich und beinahe lächelnd an, und schließlich ruhte sein Blick auf Saad. Saad brach in Weinen aus; ״Mussa, ach Muss»! Was war nur mit dir, Mussa? Warum bist du nicht wegjjelaufen, Mussa?“ ״Ein kleiner Vogel“, murmelt© Mischka schwach, fast unhörbar, ״ein kleiner Vogel.. Die jungen Leute sahen zum Fenster hinaus, denn sie dachten, er siihe einen Vogel am Fenster umherflattern, die Schwester dachte, er phantasiere, aber Saad ahnte sogleich alles. Als er Mischka vom Boden aufgehoben hatte, hatte er neben ihm auf der Erde ein zartes, grünlich geiiedertes Vogelfanges gesellen, das froh um sieh blickte. Nun war ihm alles klar. Sein Gesicht wurde grau wie altes Felsgestein. Er fühlte ])lötzlich ein starkes Verlangen, Mischkas einziges schmerzendes Auge zu küssen, aber dieses Auge schloß sich jäh. Mischka verlor wieder das Bewußtsein. Die Krankenschwester versuchte noch eine Einspritzung in den Arm, aber vergeblich. Nach einer Minute gab er sein© Seele auf. Die Schwester entfernte sogleich alle aus dem Kranken* haus. Beim Verlassen weinte Saad wie ein kleines Kind: ״Mussa war wirklich ein Cliasaid, ein frommer Mann. Bei meinem Leben, er war fromm! Er war wie ein Prophet... Mussa, ach Mussa!“ Seit dieser Zeit hielt Saad streng darauf, die Schnüre im Steinbruch nicht rm zu zünden, bevor er nicht den Felsen wiederholt von allen Seiten nach verborgenen Vogelnestern abgesucht halte, und als ihn die Arbeiter im nächsten Jahr, am Tage des ״Festes dor Arbeit“ fragten: ״Saad, was ist die Bedeutung des ,Festes der Arbeit‘?“ hob Saad fromm und kummervoll den Blick und erwidert© mit leiser, trauriger Stimme: ״Das Fest der Arbeit ist der Tag, an dem Mussa, der Prophet, starb.“ Die Arbeiter lachten. Sie dachten, ©r spHche so in seiner Unwissenheit und denke an das Fest des ״Nebi Mussa“, den Todestag Moses’, des Gesetzgebers. Doch Saad dachte an seinen Freund Mussa, den Chassid. 1