Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 38 (12.5.1936)
- Date
- 1936-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38, 12. V. 1936 JQDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 ״Mein Bruder Scholem Alejchem“ Zum 20. Todestag Scholem Alejchems am 13. Mai ״William und ich wurden als Zwillinge geboren. Gleich daraut ertrank einer von uns in der Badewanne. Da wir einander zum Verwechseln ähnlich sahen, weih ich noch heute nicht, welcher von uns beiden am Leben geblieben ist.“ An diesen Scherz Mark Twains fühlt man sich erinnert, wenn man von Scholem Alejchems Bruder liest: eine neuentdeckte Mystifikation des Humoristen? 'Denn auch darin .. ~ . war er Mark Twains ״Kollege“, » was Mark Twain bekanntlieh wohl zu würdigen wußte, indem er etwas jiddisch lernte und »den in New York landenden Scholem Alejchem mit den Worten begrüßte: ״Scholem alejchem, der jüdischer Mark Twain!“ (״Alejchem Scholem, der amerikanischer Scholem Alejchem!“ antwortete damals Scholem Alejchem.) Aber was den Bruder betrifft, so ist der durchaus keine Mystifikation, sondern der leibhaltige Wolf Rabinowitsch, der, 72 Jahre alt, in Berditschew lebt, unter dem Namen ״Wewik“ in mancher Erzählung Scholem Alejchems auftritt, öfter noch als der ״schwarze Kater“, einem Spitznamen, den er schon als Kind abbekommen hatte. Er ist fünf Jahre älter als Scholem Alejchem, in seinem Aussehen, seinen Gesten, seiner Redeweise wie eine Kopie des Bruders und sogar im Stil..,denn Wolf Rabinowifsch ist neuerdings auch unter die Schriftsteller gegangen, und sein in Rußland erscheinendes Buch ״Mein Bruder Scholem A I e j c h e in“ soll die Autobiographie des Humoristen, deren Ausführung der Tod — am 13. Mai 1916 — unterbrach, nach Kräften erganzen. Wolf Rabinowitsch erzählt mancherlei von den Helden der Erzählungen seines Bruders, die er noch als Modelle gekannt hat, als sie noch nicht die ״Menachem Mendels“ usw. waren, charakterisiert besonders Nachum Wewik, den Vater Scholem Alejchems, und andere Familienmitglieder und teilt viel Unbekanntes ״aus der Werkstatt des Dichters“ mit. Wolf Rabinowitsch lebt seit fünfzig Jahren in Berditschew, war Handschuhfabrikant, zeigt stolz die Medaillen, die seine Fabrikate ihm vor dem Krieg auf Ausstellungen eingebracht haben, und ist jetzt Obmann des Berditschewer Handwerker- Kollektivs. Das Bikl seines Bruders, das er in seinen Erinnerungen entwirft, ergänzt sehr glücklich den Eindruck vom Wesen des großen jüdischen Humoristen, den nach den vielen Uebcrtragungen auch der deutschlesende Jude gewonnen hat, so daß wir — an Stelle einer neuen Charakterisierung — lieber eine Episode mitteilen wollen. I'ot® : Archiv Ein literarischer Abend zu Hanse ״Im Jahre 1902 (erzählt Wolf Rabinowitsch), war ich wieder bei Scholem in Kiew. Ich kam gerade recht zu einem ״literarischen Abend zu Hause“ (solche Abende kamen bei Scholem Alejchem öfters vor). Die Gäste waren natürlich Schriftsteller, Bekannte, die ״eigene Republik“ (so nannte Scholem Alejchem seine Familie), der Advokat Maser (sein Schwager) und, ich glaube, auch David Frischmann, der aus Warschau gekommen war. Die Vorlesung fand nicht im Arbeitszimmer statt, sondern im Eßzimmer, bei einem Glaschen Tee. Nach dem Tee fängt Scholem Alejchem an und liest den Anfang von ״Tewje, der Milchhändler“, dann die Skizzen über Kaßrilewke (Scholem Alejchems Spottname für Berditschew). ״Das heißt“, sagt er, ״weil mein Bruder Wewik hier ein Berditschewer geworden ist, muß man die Geschichte von Berditschew vorlesen.“ _ Die Stimmung wurde immer besser, so recht scholemalejchemmäßig, man wollte immer mehr hören, und da er schon müde wurde, ließ er mich eine Erzählung lesen, und endlich brachte seine Frau eine gläserne Schüssel mit Aepfeln auf den Tisch. Die Aepfcl waren besonders schön aufgebaut, wie ein hoher Turm. Scholem Alejchem beguckt sich den Turm von unten herauf und von oben herunter und sagt: ״Kürzlich war ich zu einem literarischen Abend eingeladen. Auch zu einem Gläschen Tee. Das heißt, das sagt sich so leicht, ,ein Gläschen Tee‘. Zum Tee gab’s, was der Mund kaum erzählen kann, nämlich Warcnje aus Weintrauben, Warenje aus Pfirsichen, Warcnje aus Johannisbeeren, Warcnje aus Erdbeeren und sogar aus Esrogim, vielleicht waren cs aber auch nur Limonen, — und zu all solchem Eingemachten gab’s noch Aepfel. Acpfel, rechte Tiroler! Aber die Aepfel waren auf einem Untersatz so kunstvoll aufgebaut, ganz wie der Eiffelturm in Paris!“ — Dabei wirft Scholem Alejchem einen Seitenblick auf die Schüssel Aepfel, die seine Frau hereingebracht hat. — ״Zuunterst aut dem Untersatz lagen vielleicht hundert Aepfel, in der Schicht darüber etwas weniger, darüber wieder weniger, in der vierten Schicht noch weniger und so weiter und weiter bis zur Spitze ganz hoch oben, wo mir ein bezauberndes Aepfelchen lag. Und alles so Kredenzte, das Eingemachte, die Warenje und die Aepfel, das alles war auf einem Tischtuch mit feinen, langen Fransen.“ Scholem Alejchem betrachtet die Aepfel auf dem Tisch Und fährt fort: ״Aber um zu den Aepfeln zurückzukehren: Aepfel haben nun einmal so eine Natur, daß sic den Appetit reizen, — also seien Sie so gut und nehmen Sie einen Apte! mitten aus dem Turm heraus . . . ach, ach, dann beneide ich Sie nicht. Denn sofort werden die Aepfel nach allen Seiten fallen, und wie leicht hätte mir das passieren können! Und was heißt fallen . . . wie ein Hagel! Mit solcher Wucht, mit solcher Courage, daß Sie nicht mehr wissen werden, wo auf der Welt Sie sind. Ein ganzes Erdbeben! Von dem Aufbau stürzen Aepfel auf den Tisch, vom Tisch den Gästen auf die Knie, von den Knien unter den Tisch, und Ihnen bleibt nichts als die Arbeit, den Aepfeln nachzulaufen und sie möglichst schnell zu fassen, Sie fühlen sich schon wie ein Sünder, um Gotteswillen, was haben Sie für eine Katastrophe angerichtet. Aber halt, das ist noch gar nichts, ein Unglück schleppt das zweite nach sich. Kaum daß Sie vom Stuhl aufspnngen, um den Aepfeln nachzujagen, hat sich Ihr lackcnknopt in einige Fransen verhakt, Sie springen auf, das Tischtuch reißen Sie mit und plötzlich, Schlag auf Schlag, Donner auf Donner — alle Gefäße mit den Aepfeln, dem Eingemachten liegen auf der Erde, und Sie nebbich stehen dabei, lassen den Kopf hängen und können gar nicht verstehen, wie Sie da in solch eine Schande gekommen sind. Sie wollen sich irgendwie verantworten, ein Wort sagen und wissen gar nicht, womit Sie anfangen sollen.“ Scholem Alejchem ist eine Sekunde still, dann sagt er lächelnd: ״Nun sagen Sic mir, wie meine ich das? Ich will Ihnen hoher einen Rat geben: Man wartet Ihnen hier Aepfel auf, besser gesagt: man zeigt Ihnen, daß Acpfel da sind — Polnische Reisebriefe VII. Kurzes Resümee (Vgl. ״Jüd. Rundschau“ Nr. 26, 29, 30/31, 33, 34 und 37) Wir haben versucht, auf Grund der Eindrücke während einer kurzen Reise in Polen einige Beobachtungen über den dort lebenden Teil der Judenheit wiederzugeben. (Weitere gründliche Darstellungen von berufener Seite werden folgen.) Diese Serie sei nun mit einigen zusammenfassenden Bernerklingen abgeschlossen. Die polnische Judenheit, eine Masse von über drei Millionen, kämpft einen gewaltigen Existenzkampf. Zugleich vollzieht sich ein äußerer und innerer Gestaltwandel. Politisch, ökonomisch, kulturell, national, religiös ist alles in der Schwebe, voller Fragen, auf die nur das Leben seihst Antwort geben kann. Das Eine muß jedenfalls festgchalten werden: Die Judenschaft Polens ist ein integrierender Bestandteil des polnischen Staates, besonders aus dem städtischen Leben Polens nicht wegzudenken. Je mehr der Staat in Polen die einzelnen Lehensgebiete und vor allem auch die Wirtschaft kontrolliert, desto mehr wird er genötigt und verpflichtet, auch die Existenz der Juden in seine aktive Politik einzubeziehen. Jetzt besteht der Eindruck, daß der polnische Staat, der als solcher die volle Gleichberechtigung der Juden anerkennt, also offiziell keineswegs den Antisemitismus bejaht, die Juden aus dem Wirtschaftsleben verdrängen will, ihnen ein Tätigkeitsfeld nach dem andern entzieht; und daß den Kräften, die auf Vernichtung der Juden hinarbeiten, nicht immer genug Widerstand geleistet wird. Vorfälle wie die unglücklichen Ereignisse in Przvtik sind eine furchtbare Warnung. Wir sind freilich der Meinung, daß das Fenstereirnverfen polnischer Konsulate in Tel-Awiw oder anderwärts keine würdige oder sinnvolle Art jüdischer Reaktion ist. Die Dinge liegen ja viel komplizierter, und es wäre eine falsche Grundeinstellung, wollte man von jüdischer Seite diese Kompliziertheit nicht eiusehen. Die polnische Regierung wünscht keine antisemitischen Ausschreitungen, aber sie bleibt im Negativen stecken. Aus der Befürchtung, der Volksstinmumg entgcgeimiharideln oder gar als ״judenschützier“ zu erscheinen, läßt sie die Dinge treiben. Was können die Juden selbst tun, um aus dieser Sackgasse herauszukommen? Die Einordnung der Juden hat bisher noch weniger eine grundsätzliche Form gefunden als die der anderen Minderheiten. Die Juden sind politisch und wirtschaftlich, soweit es den Staat betrifft, mit den Polen solidarisch, falls sie in der ihnen gebührenden Weise Anteil an den Gütern der Gesamtheit haben; kulturell und national sind sie verschieden und müssen die Möglichkeit haben, ihrer Eigenart gemäß sich weiter zu entwickeln. Wäre dieses Minimalprogramm erfüllt, dann wären die Juden in Polen die besten Patrioten, gerade sie müssen nach ihrer ganzen Lage besonders fest zum polnischen Staate stehen. Das Aktivum, das diese jiidischc Anhänglichkeit für Polen bilden könnte, wurde von den Polen bisher nicht erkannt. Die große Peripherie der Judenheit könnte auf diese Weise ein positives Interesse für Polen erhalten. Die kulturelle Autonomie, die trotz der Friedensverträge bisher keine Förderung vom Staat erhält, liegt gleichfalls im wohlverstandenen Staatsinteressc, weil so die ״Beherrschung“ der national wichtigen polnischen Bereiche durch Juden verhindert wird; damit würde zugleich eine gewaltige potentielle Quelle des Antisemitismus verstopft. Ein System dieser Art müßte von jüdischer Seite, womöglich im Einvernehmen mit polnischen Stellen, gefunden werden. Die Juden stehen heute in einem Abwehrkampf innerhalb Polens. Aber die Einsichtigen wissen, daß hei jeder Betrachtung der Judenfrage nicht nur die jüdische, sondern auch die polnische Seite der Sache bedacht und begriffen werden muß. Gerade der Zionismus ist da ein Lehrmeister; denn er geht ja davon aus, daß nicht durch Apologetik oder Polemik die jüdische Frage zu lösen ist, sondern nur durch klare und ungeschminkte Erkenntnis der Wirklichkeit und durch Beachtung der Interessen beider Teile. Ein Appell an die Humanität wirkt wohl auf Individuen Auf dem We״e nach Südamerika An Bord der ״Pulaski“ In dem Lehen der mittelum! osteuropäischen Juden beginnen die Bahnhöfe eine wichtige Rolle cin/uuehmen. Immer häufiger finden sich hier viclköofige Gruppen ein, Eltern, Geschwister, Verwandte, Freunde, 11;1d nehmen Abschied. Mit einem jähen Ruck zerreißen die Fällen z 11 einem Lebenskreis, dessen Sicherheit und Geborgenheit sieh als trügerisch erwiesen. Einschiffung in Gdynia. Im Hafen herrscht geschäftiges Leben und Treiben, im Glanze eines sonnigen Wiiitertage.s liegt der schmucke 12 üOD-t-IDampfer ״Pulaski". Eine Matrosenkapelle spielt Märsche, lauge Reihen von Autobussen fahren polnische, ruthenische und ukrainische Bauernfamilien heran. Viele Frauen und eine erstaunlich große Anzahl von Kindern. Immer mehr Menschen sirömen am Kai zusammen, um dem feierlichen Aiigenh'ick der Abfahrt bei/mvohnen. Denn es ist zum ersten Male, daß ein Schiff die polnische Flagge nach Südamerika tragen wird. Mit dieser Fahrt nimmt Polen seinen regelmäßigen Siidamerika-Dienst auf. Diese neue Verbindimg wird für die Ueberseeaiiswanderung der Juden vor allem wegen der niedrigen Ucbertahrtspreise wichtig werden. Man hat den Eindruck, daß die Schiffahrtsgesellschaft auf jüdische Passagiere den größten Wert legt, — alle Aufschriften in der 2. und 3. Klasse sind polnisch und jiddisch, in einem besonderen Speisesaal ist die Möglichkeit ritueller Vcrpflegung gegeben, unter den Schiffsangestelltcn sind mehrere Juden. 220;Klinische Juden fahren in der 3. Klasse. Größtenteils Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Daneben eine ganze Anzahl junger Frauen, deren Männer drüben bereits festen Fuß gefaßt haben. Es^ sind viele ernste, entschlossene, von der Not gezeichnete Gesichter darunter, deren Trägern man ansieht, daß sie an schwere Arbeit gewöhnt sind. Man hat das Gefühl: das sind Menschen ohne Illusionen, die wissen, da, bitte, sitzen Sie davor und gucken Sie sie an, aber mit den Händen — —“ Aber dann, als dieser Rat genug belacht war, gibt Scholem einen zweiten: ״Damit die Aepfel nicht herunterfallen und keine Katastrophe entsteht, sollten alle zugleich und jeder mit beiden Händen Aepfel nehmen, dann würde nichts passieren.“ L. H. auch heute noch, aber ohne Erkenntnis und Berücksichtigung der wirklichen Bedürfnisse, der objektiven Sachläge und Dynamik, laufen wir Gefahr, Illusionen zu erliegen. Das polnische Volk ist in seiner großen Mehrheit sehr arm und wirtschaftlich gedrückt, es meint, auf Kosten der Juden seine Lage verbessern zu können. Es ist ein Irrtum. Richtig ist vielmehr, daß eine wohl geleifetc und richtig gehandhabte Einbeziehung der Juden in alle Reformmaßnahmen auch den andern und dem Ganzen nutzen würde. Auf jüdischer Seite wird man gewiß für die Lage der polnischen Mitbürger und für die Verpflichtung des Staates diesen gegenüber Verständnis haben. Jetzt aber entsteht Unglücklieber Weise leicht der Eindruck, als ob die Juden, weil sic gegen ihre eigene Ausschaltung protestieren müssen, die eigene Krise der Polen nicht sähen. Herstellung einer Solidarität in P o I i t i k und Wirtschaft — das müßte das Ziel sein. Nach einer sehr unruhigen Zeit muß das neue Polen zu der Einsicht kommen, daß es seinen Juden einen produktiven Platz zuweisen muß. Statt immerwährender Aergernisse könnte der Staat ein positives, intelligentes, aufhauendes Element und weitreichende Sympathien gewinnen. Natürlich wird auch die Auswanderung weitergehen. Eines der Grimdphäuomcne der jüdischen Lage in Polen ist ja die Verbundenheit mit Ausgewanderten. Fast jede Familie hat irgendein Mitglied in Westeuropa, in Amerika, in Palästina. Diese Ausgewanderten unterstützen ihre Angehörigen, und oft helfen sie ihnen zur Auswanderung. Bei der heutigen Wanderungssperre ist dies fast der einzige Weg, der noch ein Hinaiiskommeii ermöglicht. Man versteht, welch ein Gut hier ein Palästina-Zertifikat ist, sogar ganz, abgesehen von den von uns damit verbundenen ideellen Momenten. Die Hoffnung auf Auswanderung erleichtert vielen Juden in!•,ölen das [.eben; alter in Wahrheit wird q 11 a 111 i t a t i v auch im günstigsten Lall nur ein kleines Ventil geschaffen, das Hauptproblem bleibt. Das grollte Hindernis eines politischen Fortschritts auf jüdischer Seite ist die jüdische Zersplitterung. Das Parteiwesen hat bei den polnischen Juden geradezu groteske Formen angenommen. Fine einheitliche Front der Juden ist die Vorbedingung einer erfolgreichen konstruktiven Politik. Alle Hoffnungen, die Not wurde die Einheit bringen, haben bisher getrogen. Kleine Differenzen und Ideologien scheinen noch immer wesentlicher als die Sorge um das Ganze. Eine neue jüdische Politik, deren Notwendigkeit in Polen fast alle eiusehen, müßte alle jüdischen Faktoren zusammenfassen. Aber das scheint nicht zu gelingen. Fs gibt keine Führer, die es zustande bringen konnten. Ist die Not noch nicht groß genug? Das jüdische Volk arbeitet und ringt mit gewaltiger Energie und hält sich am Leben. Wir wollen nicht idealisieren, es gibt genug des Unzulänglichen und selbst Verwerflichen, viel zu bessern und zu vollenden. Es ist eben ein wirkliches Leben des Alltags, mit all seinen Schlacken, aber auch mit den Perspektiven jeder elementaren Kraft. Als vor etwa lt) Jahren der jüdischamerikanische Schriftsteller Ludwig Lewisohn vor seiner Palästinareise Polen besuchte, schrieb er in seinem Buch ״Israel“ von diesem Volk: ״bowed, Hut unbroken“ — gebeugt, aber ungebrochen, in Polen •sieht inan, daß dieses Judentum, dessen Rücken unter einer unvorstellbaren Last der Jahrhunderte gekrümmt wurde, aufrecht gehen kann, daß der Geist innerer Aufrichtung auch in dem elenden und gequälten Juden vorhanden ist. Vor unserer Generation steht die Aufgabe, diese Kräfte richtig zu lenken und über die Krisen, vielleicht Katastrophen, die noch bevorstehen, hinüberzuretten als eine schöpferische Macht der Zukunft. Denn diese polnische Judenheit ist ja in der heutigen Diaspora der größte und stärkste Kern, instinktsieher und volkhaft, voll lebendiger, ihkIi nicht ahgesehwächter und denaturierter Traditioucn, mit einem durch Not, Schicksal mul Weltfrcmdhcit oft irregeleiteten, aber doch in der jüdischen Welt unserer Tage ohne Parallele dastehenden ״Elan vital“. Das Schicksal der polnischen Juden wird in hohem Grade das Schicksal des g a 11 z e 11 jüdischen Volkes entscheiden. R. W. daß Südamerika ihnen nur das schenken wird, was sie sich mit viel, viel Arbeit mul ein bißchen Glück erkämpfen werden. Alle fahren zu Verwandten, die ihnen die Rufkarte geschickt haben. Ein jeder läßt nahe Verwandte zurück, die er so bald als möglich nachkomnien lasser! will. Einige der Auswanderer erzählen von ihren Plänen. Obwohl der größte teil von ihnen Handwerker sind, geht keiner mit einer gebundenen Marschroute in das neue Land. Man hat den Eindruck, daß diese Leute jeden Beruf auszuüben bereit und aus/ttfullen imstande sind. Die Juden aus Deutsch- 1 and werden von der Elastizität 11ml Zähigkeit dieser Menselten lernen können. Auch einige sind dabei, die zu weitem Sprung in den großen Kontinent starten. Sie strotzen vor Optimismus. Ein etwa 30j,ähriger intelligenter Klempner aus Krakatl erzählt seine Geschichte, ein tragischer Lall. Jahrelang ohne ausreichende Arbeit, immer größere steuerliche Verpflichtungen, die unerschwinglichen Abgaben für das Handwerkerpatent, vor allem aber die Erkenntnis, daß der jüdische Lebensraum in Polen immer kleiner wird, haben ihn veranlaßt, sein Ranzel zu packen und zu seinem Bruder nach Buenos Aires zu fahren. Nach zwei bis drei Jahren will er dann Weib und Kind, die in Polen bleiben, abholen und mit ihnen nach Pakistina gelten. Das ist überhaupt das Erfreulichste an der heutigen Ueberseeaiiswanderung, daß sie nicht mehr wie früher ein Marsch von Heimatlosen ist. In der Vorstelliingswelt der Mehrzahl nimmt das palästinensische Aufbauwerk einen zeittralen Platz ein. Erez Israel gibt einem jeden dieser Menschen das unschätzbare Recht, sich als Glied eines lebendigen Volkes zu wissen. Nach dem Abendessen wird cs auf dem Deck der 3. Klasse lebendig. Am vorderen Teile des Schiffes bilden die Bauern Chöre. Russische und polnische Lieder erklingen, die die Weite und Schwermut der Heimat dieser Bauern atmen. Hinten am Heck werden jiddische und hebräische Lieder gesungen. Eine frohe Stimmung herrscht hier. Vor mir bildet sich eine Gruppe und fängt an, Horrah zu tanzen. Ein älterer Jude kommt hinzu: ״Ihr täuscht euch, das Schiff fährt nicht nach Palästina!“ Einen Augenblick wird der Tanz, unterbrochen, ein Schatten scheint über die Gesichter zu huschen. Am Abend des Purimfestes fand sich im Speisesaal, der eigens hierfür zur Verfügung gestellt wurde, eine lustige Gesellschaft zusammen. Man las die Megillnth Esther, lachte, tanzte und trank. Aul hoher See, unweit des Aequators, feiern Juden das Fest und sind in ihren Hoffnungen mit den Jmäen in aller Welt eins, Harry Berg