Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 37 (8.5.1936)
- Date
- 1936-05-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37, 8, V. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Das Gedäditnisfeuer von Meron* Von S. J. Agnon Wer die Lag-b’omer-Freude ain Grabe Rabbi Schimon ben Jochais in Meron noch nicht gesehen hat, der hat sein Leben Jang keine Freude gehabt. Züge um Züge zieht Israel mit Liedern und allerlei Mnsikgeriiten festlich dahin und kommt von allen Orten: ans den Städten unseres Gottes und aus den Ländern Edoms und Jischinaels. Sie stehen dort den Tag und die Nacht, lernen einen Abschnitt aus dem heiligen Sohar und andre geziemende Lernstücke, sie beten und sprechen Psalmen. Und eine Säule aus Marmor ist dort angebracht, mit einem Behälter für Oel an ihrer Spitze; darein tut man Olivenöl, man reißt Streifen von Seidenstoffen, schönen Schleiern, allerart kostbaren Tüchern und von Kleidern, die mit Gold und Silber durchwirkt sind, legt all das ins Oel und zündet es an, man begeht ein großes Fest und tanzt in Reigen angesichts der Schechina, die in jener Nacht kommt, um sich der Freude an dem göttlichen Lehrer mitzuerfreuen. Wie gar erst die heilige Gemeinde der Männer von Safed, die ihm näher sind als alle anderen Länder, weil er ja in ihrer Gemarkung begraben ist; wie sollten denn sie sich der Freude an ihm nicht miterfreuen? Weil die Sünden es bewirkten, ist die Freude entschwunden, und die ganze Welt von Grimm erfüllt durch den Haß der Könige, die gegeneinander zum Krieg ausgezogen sind; die Hand Eßaws erhob sich gegen jischmacl, und die Hand Jischinaels gegen Eßaw und die Hand beider gegen Israel. Geht ein Mensch auf die Straße, schlägt ihn das Schwert; sitzt ein Mensch im Hause, treffen ihn die Pfeile des Hungers; findet ein Mensch einen Tropfen Oel, dann weiß er nicht, soll er ihn für die Seele seiner Verwandten entzünden, die im Kriege erschlagen worden sind, oder soll er sein Weib und seine Kinder versorgen, die Hungers sterben. Die in Purpur üroßgewordeiien, die gleichen, die sich ehemals in Seidengewänder kleideten und das Auge der Welt mit Schönheit nährten, sitzen für sich, bedecken sich mit Lumpen und fürchten sieli auszugehen, bis gar die Kunde der Wallfahrt im Lande vergessen ward und alle Wege verödeten. Berge, die von der Menge israeis zu tosen pflegten, sind stumm geworden; Meron, das wie ein Hochzeitshaus zu leuchten pflegte, liegt im Dunkel; und selbst die heilige Gemeinde, die Männer von Safed, die gewaltig sind in der Kraft, den Willen ihres Schöpfers zu tun, verstecken sich in ihren Hausern und lassen Klage aufsteigen. Als die Tage um waren, ließ der Heilige, er sei gesegnet, sein Haupt wieder zu dem Ort sith wenden, von dem er ausgezogen war, und er sah, was sich in seiner Welt ereignet hatte. Da erfüllte ihn Erbarmen über seine Geschöpfe, er erwies den vom Schwert Erübrigten Huld, er zerbrach die Geißel der Frevler und demütigte die Hoffart der Frechen. Sie senkten ihre Waffen, die Kriegsgeräte feierten, und die Welt begann, sich wieder ihrer Bestimmung zuzuwenden. Die Völker kehrten heim, Volk um Volk in sein Land, Volk um Volk in sein Haus. Das war eine Zeit der Prüfung für Israel, derengleichen es nicht mehr gegeben hat, seit der zweite Tempel zerstört worden ist. Diejenigen in Israel, die an der Erlösung noch nicht verzweifelt waren, machten sich auf und zogen zu einem Teil in das Land Israel hinauf. Sie fanden das Land verwüstet und in Blut gewälzt und Israel siecli und bedrängt. Da setzten sie ihr Herz daran, die Kranken zu heilen und die Gestrauchelten aufzurichten, sie zogen durch das ganze Land und stärkten sie mit gutem Rat, mit Brot und Kleidern. Als sic nach Safed gelangten, war das der Tag, der ■ Lag-b’omer vorausgeht. Ganz Safed versammelte sich um sie, und man sprach zu ihnen: ״Nicht Silber und nicht Gold begehren wir von euch, ihr Brüder, und keinerlei Gabe; aber es ist ein großer Brauch im Lande Israel, daß man am Lagb’omer nach Meron liinaufziehe und beim Grabe des Rabbi Schimon ben Jochai Oel entzünde. Vielleicht wollt ihr uns bei dieser Gebotshandlimg behilflich sein? Denn in all den Kriegsjahren waren die Wege von den Heerhaufen überflutet, wir aber saßen wie Gefangene in unseren Häusern und konnten nicht nach Meron ziehen. Nun aber, da der Heilige, er sei gesegnet, sich seiner Welt erbarmt hat, verlangt es uns, hinaufzuziehen und dort ein Licht am Tag seiner Feier zu entzünden.“ Da sprachen die Männer aus den Ländern der Verbannung zu den Männern von Safed: ״Auch uns verlangt es, dieser Freude uns zu erfreuen.“ Sie schickten und ließen Krüge voll mit Olivenöl kommen, sie nahmen schöne Tücher und zogen hinauf nach Meron. Als sie bei der Höhle des Rabbi Schimon ben Jochai ankamen, fanden sie Araber, die dort vor der Höhle standen und mit Oel getränkte Lumpen in ihren Händen hielten. Die Araber sprachen zu Israel: ״Unsere Brüder, Söhne Israels, *) Uebersetzt aus dem 6. Band der Gesammelten Schriften S, J. Agnons. Schocken-Veriag 1035. Lag b’omer in Meron _ ^lll? Siitlll llii |g||p|g Die Nacht von \Meron Rings um Meron übernachten viele Pilger, sie haben Verpflegung für mehrere Tage mit gebracht und versorgen sich selbst vj». * Am Orabe Rabbi Schimon ben Jochais werden Oellampen angezündet Besucher, die den Tanzenden Zusehen t anzende Pilger Foto•: 1»r. s. cm•! 1 gesegnet sei Gott, gesegnet sei er, der euch hierher hat kommen lassen, und gesegnet seiet ihr dem Gotte unseres Vaters Abraham, darum, daß ihr zur rechten Zeit gekommen seid. AH die Jahre, die ihr nicht gekommen seid, haben wir das Feuer am Grabe dieses Gerechten entzündet, jetzt aber, da ihr gekommen seid, nehmt das eure und zündet an.“ Da entzündete Israel an des Rabbi Schimon ben Jochai Grab ein Feuer, daß das ganze Land von seinem Lichte leuchtete. Der Bialik-Preis des amerikanischen Keren Hajessod wurde Israel Davidson für sein Gedicht ״Thesaurus“ zuerkannt. Morris Rothenberg nahm die Preisverteilung vor. Rasse und Kultur. Das Royal Anthropolo gl* cal Institute und das Institute of Sociology geben soeben unter dem Titel ״Race arid Culture“ (Verlag: La Play Press, 35, Gordon Square, London WC. 1) eine kleine Sammelschrift von 24 Seiten heraus, in der die Arbeit der beiden Institutionen zu einer knappen zusammenfassenden Darstellung gebracht wird. Bedeutende englische Anthropologen und Soziologen (so u. a. Sir Eiiiot Smith, Prof. Fleure, Prof. Haldane und viele andere) bemühen sich, das Wesen der Begriffe ״Rasse“, ״Kultur* und ״Volk“ zu bestimmen. Wie es bei diesem Thema nicht anders zu erwarten ist, stehen sich die verschiedensten Ansichten diametral gegenüber und kommen noch zu keinem Ausgleich. —nn. Das Vogelnest Von JEIIUDA YAARI Deutsch von Escha Sc hole m (Foru«u»«g) Wer aber vermuten würde, daß mit den Lochbohrern die Zahl der Abstv '"ungen ihr Ende hätte, der würde irren. Geber ihnen gab es noch eine Stufe, zu der niemand vordringen konnte, das war der Rang von Mosche oder, wie er genannt wurde, Misehka, dem Chassid, und Saad, dem Araber. Misehka wurde ״der Chassid“ benannt, weil er immer mit gesenktem Haupte ging, weil sein Blick zugleich Freude und Trauer ausdrückle wie der Blick eines Chassid und weil er stets chassidische Melodien in näselndem Singsang summte. Saad, der Araber, aber war gerade gewachsen w׳ie eine Zypresse, seine schwarzen Augen funkelten wie zwei Kolden, und seine starken Zähne hoben sich weiß von seinem Gesicht ab, wie der Steinbruch sich w«iß vom grünen Karmel abhob. Diese beiden waren die Fachleute des Steinbruchs, und nach ihren Anordnungen richtete sieh die ganze Arbeit. Als Saad Ihn Salim aus einem Dorf aus der Gegend von Nazareth ins Lager gebracht wurde, damit er die jungen Leute das Steinbrechen lehre, schloß sieh ihm sofort Misehka an und wurde sein Freund. Er nahm ihn zu sieh ins Zelt, er lehrte ihn Hebräisch, er machte ihn mit der Lebensform des Lagers vertraut, die ihm fremd war. Und Saad, der aus einer Familie von Steinhauern stammte, der jede Gesteinsart im Lande mit all ihrem Geäder und ihren Eigenschaften kannte, lehrte Misehka die Arbeit des Steinbruchs. Er machte ihn mit den Arten der Steine und mit ihren arabischen Namen bekannt, er unterrichtete ihn in der Anwendung der verschiedenen Sprengmittel: Dynamit, Pottasche und Schießpulver, und er klärte ihn auch über die vielen Arbeiten auf, die mit dem Steinbrechen im Zusammenhang stehen, bis aus ihm ein vorzüglicher Stein- Lauer geworden war, beinahe ein ebensoguter wie Saad selbst war. Die Aufgabe Saads im Lager war beendigt. Es kam für ihn die Zeit, in sein Dorf zurückzukehren. Aber inzwischen fühlte sich Misehka dem Saad eng «verbunden, und Saad selbst war mit dem Lage, ■!rd seinem Leben innig verwachsen. Er hatte seine Liebe allen Menschen im Lager zugewandt und war wie einer von ihnen geworden. Er wollte nicht Weggehen, er sehnte sich gar nicht danach, in sein Dorf zurückzukeliren. Bei der Arbeitsverteilung stand Misehka auf und schlug vor, man solle Saad im Lager behalten. Es gibt sehr viel Arbeit im Steinbruch, man muß auch das benachbarte Lager, das keinen eigenen Stcinbruch hat, mit Steinen versorgen, seine Kräfte reichen für die Arbeit nicht aus. Er kann die ganze Verantwortung nicht allein übernehmen. Das w׳ar ein Vorwand, alle spürten es sofort. Alter der Vorwand war überflüssig. Man liebte Saad. Er gab dem Leben im Lager eine besondere Note mit seinen arabischen Liedern und Tänzen und mit seiner ganzen Erscheinung. Man liebte ihn und wollte ihn überhaupt nicht wegschicken. Nur war cs anfangs niemandem in den Sinn gekommen, daß er bleiben wolle. Man dachte, das Leben iin Lager, das ihm fremd war, wäre schwer für ihn. Ais man hörte, er wolle bleiben, beschloß man ohne viel Redens, ihn im Lager zu lassen. Sand blieb. Seine Freundschaft mit Misehka vertiefte sieh immer mehr. Man sah sie nicht mehr ohne einander. Immer, immer sah man sie zusammen, im Eßroutn, im Losezimmer, und als Misehka Malaria bekam, hatte Sand Glück und verletzte sich am seilten Tage den Fuß und wurde ebenfalls in die Krankenbaracke gebracht. Stets waren die beiden zusammen, und es war schwer, nicht zu lachen, wenn man sic dabei beobachtete. Saad aufrecht und hoch gewachsen, von dunkler Gesichtsfarbe wie ein Beduine, mit seinen arabischen Hosen und seinem Kopftuch, auf die er bei all seiner Anpassung an das Leben im Lager doch, nicht verzichten konnte, und Misehka, der Chassid, gebückt, mit seinem hellen Gesicht, in dem die Sonnenstrahlen Verheerungen angerichtet hatten, in kurzen Hosen, die seine Gestalt noch kleiner erscheinen ließen. Wie komisch waren die beiden, wenn sie zusammen auf traten! Aber diese Zwei waren die Leiter dos Steinbruchs, und das sicherte ihnen Ehre und Ruhm bei allen Arbeitern des Lagers. Jeden Morgen standen sie, wenn es noch finster war, zur gleichen Zeit mit denen, welche das Frühstück bereiteten, auf und gingen zun» Steinbruch, um den Arbeitsplan für den ganzen Tag fcstzusetzen, und wenn die anderen Steinhauer kamen, teilten sie jedem seinen Arbeitsplatz und seine bestimmte Aufgabe zu. Mit einem an beiden Seiten zugespitzten Hammer machten sie für die Lochbohrer Zeieben in den Felsen, damit sio wüßten, wo sie zu bohren hätten. ״Hier macht das Loch anderthalb Spannen groß — hier zwei Spannen, und hier drei Spannen!“ ״Diese Striiuchcr da oben muß man beschneiden und die Erde in der Breite von zwei Metern vom Felsen wegschürfen, hört ihr?“ ״Für dies Loch nehmt ihr am besten die große Stahl- Stange!“ ״Es lohnt sich nicht, in diesen Felsen ein Loch zu bohren, Note kann ihn mit der dicken Berta zertrümmern.“ ״Diesen Felsen kann man mit dom Stemmeisen herausheben.“ ln Ruhe und Gemächlichkeit gaben sie ihre Anweisungen, und sie begnügten sich nicht mit Vorschriften allein, sondern sic verließen die Arbeit erst mit den Arbeitern zusammen und waren so vom Morgen bis zum Abend in all den mannigfachen AufgaWn tätig, mit denen der Steinbruch gesegnet war, vom Schürfen bis zum Lochbohren. Deshalb folgten ihnen die Steinhauer freudig und ohne Einwände und Widerreden. Am Abend aber, wenn die Steänhauer den Steinbruch verlassen hatten, blieben Misehka und Saad noch dort, um die im Laufe des Tages gebohrten Löcher mit Sprengmaterial zu füllen und uni zu sprengen. Das war ihre Arbeit Diese gefahrenreiehe Arbeit, hätten sie selbst dem vorzflgliebsten Steinhauer nicht anvertraut, Abend für Abend, wenn die übrigen Steinhauer sich schon im Eßraum an ihren doppelten Portionen gütlich taten, verweilten Misehka und Saad noch im Steinbruch und nahmen die Sprengungen vor. Sie füllten jedes Loch zu einem Drittel mit Dynamit, Pottasche oder Schießpulver, ganz nach ihrem Ermessen, legten eine lange Zündschnur in das Loch, die von innen Schießpulver enthielt und von außen mit Gummi und Leinwand überzogen war, brachten das eine Ende, an dem eine Kapsel befestigt war, mit dem Sprengmaterial in Berührung, während das andere Ende herausragte. Dann verstopften sie das Loch mit Erdbrocken, die ein wenig feucht sein