Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 36 (5.5.1936)
- Date
- 1936-05-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36, 5. V. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seflefl Kunst in Palästina Musik in Jerusalem Klavierabend Bruno Eisner Die Musical Society Jerusalem wählte als Interpreter! ihres sechsten Konzerts dieser Saison den unlängst hier einfetroffenen Pianisten Bruno Eisner, der dem hiesigen Publium keine neue Erscheinung ist. Von seinem Beethoven- Chopin-Programm interessierte am meisten die selten gespielte, phantastisch-zerfledderte Sonate op. 101 von Beethoven. Es ist schwer, sie so zusammenzupacken, daß sie nicht zerfällt — ohne ihr etwas von ihrem spätrornantischen Alterscharakter zu rauben. Eisner spielt unsentimental, gediegen, mit natür- Hoher Dynamik und Oeradheit. Das kommt besonders Beethoven zugute, während die Chopin-Sonate zum Teil ein wenig zu massig und trocken klang. Aber der — meist schon unerträgliche — Trauermarsch gelang meisterlich in abgeklärter Distanziertheit. FVßadikonzert auf dem Skopus Karl Salomon wird durch die Uebernahme des Musikdirektorenpostens im Radio genötigt, sich für vorläufig von seiner Konzerttätigkeit außerhalb des Senders —- zu verabschieden. Er tat dies mit einem hebraisierten ßibelprogramm, mit klassischen Psalmenkompositionen. Ein günstiger Wind wehte — und dies ist ein seltener Glücksfall — die Klänge den Hörern zu (anstatt — wie oft — in entgegengesetzter Richtung — nach dem Toten Meer hin). Salomon hatte diesmal ganz auf Solisten verzichtet. Erfahrungen haben bewiesen, daß es mit der Akustik eine sehr heikle Sache ist. Das Orchester klang sauber und einheitlicher als sonst — jedoch müßte es hier oben mindestens aufs Doppelte bis Dreifache verstärkt werden. Hoffentlich finden diese Konzerte im Amphitheater, diesem einzig schönen Ort, die von Salomon eingeführt worden waren und sich immer durch sinnvolle Programmgestaltung ausgezeichnet hatten, eine würdige Fort- Setzung. Außer zwei Psalmenkompositionen von Händel und Mozart sang der Akademische Chor noch zwei schöne, von Karl Salomon arrangierte volksmäßige Psalmengesänge. — Zwischendurch spielte das Jerusalemer Kammerorchester eine Chaconne von Purceli und ein Andante von Mozart. — Die ausgezeichneten Solisten, der Oboist Josef Marx, der Geiger Wolfgang Schocken, der Cellist Albert Stuebgen und Beate Goldstein -Gumpertz, verdienen besondere Hervorhebung. Jüdische Musik im Radio Jerusalem Auch in der zweiten und dritten Woche nach der Er- Öffnung gab es viel jüdische Musik und hierdurch unterscheidet sich diese Radiostation nicht nur von allen anderen, sondern auch rühmlich vom hiesigen Konzertleben überhaupt. Hoffentlich wird endlich dadurch eine systematische Erziehung der Juden zu ihrer eigenen Musik möglich sein. Allerdings besteht zur Zeit die Gefahr einer gewissen ״prosperity“ der jüdischen Musik (und dem, was dafür gehalten wird), d. h. jüdische Musik wird neuerdings (und nicht nur in Palästina) von Künstlern interpretiert, die sich früher für zu gut dafür hielten und deren Interpretation man es anmerkt, daß sie keine tiefere Beziehung dazu haben und nur die Mode mitmachen. Orientalisch-sefardische Peßachlieder der Bagdader und marokkanischen Juden wurden von orientalischen Sängern selber ins Radio hineingesungen. Dazu wurde — der knappen Zeit entsprechend — das Erforderlichste an historiseh-sachliehen Erläuterungen verlesen, die Dr. R. Lachmann verfaßt hatte. Dr. Lachmann — Kapazität auf dem Gebiet der orientalischen Musik — hat sich jetzt auch der jüdischen zugewandt. Seiner Einstellung entsprechend betonte der Verfasser vor allem dasjenige, was die orientalisch-jüdische Musik mit anderen gemeinsam hat, während über das Spezifisch- Jüdische in diesem Rahmen wohl auch kaum neue Erkenntnisse vermittelt werden wollten. Schlomo Weißfisch sang eine Reihe hebräischer Volkslieder in Bearbeitungen von Zeira, Nade! und Chajes. Weißfisch hat einen rhythmisch-lebendigen, Schwung- und spannungsvollen Vortrag und ausgezeichnetes, wenn auch noch nicht ganz zu Ende geformtes stimmliches Material. Dazu eine besonders hervortretende Befähigung, orientalische Lieder nachzuahmen. Zwischendurch spielte der Begleiter Erich Sachs den ״Marche Jtiif“ von Michael Jota. Als Weekend-Kabarett sang Daniel Samburskv — bekannt als Verfasser des Emek-Liedes und etlicher weiterer, hier schnell populär gewordener Lieder — seine Songs selbst; die mehr lyrischen wurden von Hede Schack mit Zartheit und Delikatesse vorgetragen. Unter dem Titel ״Jüdische Klaviermusik“ spielte Irma Schönberg eine Reihe kleinerer Stücke, von denen nur die bekannten Tänze von Joachim Stutschewski als jüdisch gelten können. Ist denn alles jüdisch, was einen der Rasse nach jüdischen Komponisten zum Verfasser hat? Der Tanz von Michalovici ist ein interessantes und begabtes Stück — ebenso der Tango und der Marsch von Stefan Woloe, über die an dieser Stelle schon bei anderer Gelegenheit berichtet wurde. Weniger glückten die palästinensischen Hirtenmelodien, die von I. H a r r i s o n auf der Flöte gespielt, und von A. Klausner auf der Laute begleitet wurden. Die Imitation des Orientalischen kann auf diese Weise nicht gelingen — man stellt sich unwillkürlich immer die Originalfassung vor. Besonders störten die Dreiklangformen auf der Gitarre. Karl Salomon spielte mit dem Kammerorchester Werke von Brandmann, Achron und Krcin, und Hanna Kipn is sang — von Sara Holland begleitet hebräische Lieder. Hermann S w e t führte Schalipiatten jüdischer Sänger vor. Palästlnensiche Shake speare-Muslk Anläßlich der Othello-Aufführung im neuen Theater in Haifa schrieb einer der Darsteller — Chajim Ladendorf — hübsche und dem hebraisierten Shakespeare im Stil durchaus angepaßte Musik dazu. Hebräische Lieder auf Postkarten An den Keren Kajemeth-Postkarten (die seit einigen Jahren vom Hauptbüro Jerusalem herausgegeben werden) ist nur selten die melodische Erfindung die Hauptsache. Das Wesentliche ist eigentlich die palästinensische Atmosphäre, der Rhythmus, die Inhalte der Texte. Dabei ist es interessant zu beobachten, wie sich dieser Liedstil — an dem Komponisten, Dichter, Landschaft, Arbeit gleichermaßen beteiligt sind — als charakteristisch palästinensisch immer mehr konsolidiert und auch schematisiert. Die Serien: ״Waw“ und ״Sajin“ enthalten Volks- und Kinderlieder nach Komposition«! von Wiener, Postoisky, Esrachi, Pugazcow, Rabinowitz, Feibisches und Grinsponn. Alice J acob-Loe w e n son Jerusalemer Ausstellungen Jerusalem, Mitte April Die ״Galeriah Hechadaschah“ zeigt in ihren neuen Räumen 34 Bilder der Landschafterin M. E. Congreve. In sehr traditionellen, jeder eigenen Note baren Pastellen schildert die Malerin das Antlitz Palästinas und der Insel Cypern, die sie sich zum Wohnsitz wählte. Gerade in der Gaieriah Hechadaschah haben wir vor einigen Monaten eine so mustergültige Schau palästinensischer Landschaften erlebt (von Grete Krakauer), daß uns diese Bildchen wenig zu sagen haben. Trotz allem ist Congreve Talent nicht abzustreiten. Aber das genügt nicht. Wo sich dieser elementarsten Voraus- Setzung nicht strenge Zucht und ernstes Wollen zugeselien, kann nichts anderes entstehen, ais unbedeutende ,,Lichens- Würdigkeiten“, die im Familienkreise wohl erfreuen mögen, denen aber jene Ausstellungsreife abzusprechen ist. Die ״Gaieriah Hechadaschah“ unternahm sodann einen interessanten Versuch, indem sic die in Jerusalem ansässigen Gebrauchsgraphiker zu einer Plakatausstellung einiud. Der in Palästina schon bestbekanntc Künstler Henschel zeigt neben gedruckten, von den Anschlagtafeln her bekannten Plakaten einige neue Entwürfe, von denen besonders ein witziges Plakat für die saftige Jaffa-Orange hervorzuheben ist. Henschel ist ein gewandter Techniker. Neben der Zeichnung verwendet er — vor allem in seinen Reiseplakaten — die Photomontage. Aber oft schwächt das Allzuspekulative, das die Ideenarmut verdecken soll, die Wirkung seiner Arbeiten ab. Wenn er etwa für Palästina durch eine Taube werben will, die einen Oclzweig im Schnabel trägt und aus Landschaftsphotos zusammengeklebt ist, so muß ein derartiger, jeder bildhaften Wirkung bare Versuch verneint werden. Große Begabung, handwerkliches Können und reiche Einfälle verraten die Arbeiten der jungen Pragerin Ruth Reich mann, die in etwa zwanzig Blättern zeigt, daß sie aut allen Gebieten des Plakates zu Hause ist. ln einem Prager Reiseplakat verstand es Ruth Reichmann, die Atrno- Sphäre dieser schönen Stadt einzufangen, mit sehr viel Witz und Anmut wirbt es für ״Mehr Milch“ und ״Tozereth Haarez“. Auch Gabriella Rosenthal zeigt einfallsreiche Proben ihrer Gebrauchskunst. Die zumeist in Klebetechnik (Buntpapier aut farbigem Karton) gehaltenen Plakate sprechen durch ihre flächenmäßige Behandlung den Beschauer stark an. Auch die Verbindung von Bild und Schrift ist hier besonders wohlgelungen. Welch köstlicher Einfall, wenn Rosenthal zum Beispiel einen Stoff-Affen (Wahrzeichen eines Jerusalemer Spielwarengeschäfts) an einem Zadde und Lamed turnen läßt. Einige allzu skizzenhafte Entwürfe Bergs beschließen die interessante Schau, der bald eine größere, die Plakatkünstlcr des ganzen Landes umfassende, folgen sollte. Schalom Ben-Chorln Einweihung einer Thorarolle in Tel-Josef. Aus Tel- Awiw wird uns geschrieben: Der ״Dawar“ berichtet: ״Ein großes Ereignis im Leben der Alten in der Emeksiedlung Tel-Josef war die Einweihung einer Thorarolle in den Zwischenfeiertagen des Peßachfcstes. Von diesem Ereignis, das auch unter den jungen Mitgliedern der Wirtschaft ein lebhaftes Echo fand, gibt die Zeitung der Siedlung, ,Mechajenu‘, ein anschauliches Bild. Einer der Mitiieder des Betriebes war zufällig nach Haifa gekommen und atte einem dort lebenden Verwandten erzählt, wie wohl sich die Alten in Tei-Josef fühlten. Dabei klagte er über das Fehlen einer geeigneten Thorarolle für die Synagoge (die Buchstaben der alten Thorarolic waren schon verwischt). Der Verwandte beschloß, ,sich ein Verdienst zu erwerben‘ und ließ eine neue Thorarolic auf seinen Namen schreiben una brachte sie am Peßach ais Geschenk. An der Eisenbahnstation nahmen ihn ältere Leute aus Tei-Josef und Ejn-Charod in Empfang. Ais der Zug sich dem Wirtschaftshofe von Tei-Josef näherte, kamen die übrigen Alten mit der alten Thorarolle ihm entgegen. Die alten Frauen hatten Kuchen gebacken und die alten Männer brachten die Thorarolle unter einen Baldachin. Vor Beginn des Festes beteiligten sich die alten Männer an der Fertigstellung der letzten Buchstaben der Thorarolic. Die Frauen berührten die Feder. Als Baidachinstangen dienten die Fahnenstangen von Tei-Josef. An den Tänzen um die Thora beteiligten sich auch die Kinder.“ Karte von Tel-Awiw und Jaffa, Maßstab 1 : 7500, Größe 60:00 cm, ist soeben im Verlage des Paiestine & Egypt Lloyd Ltd., Jerusalem, erschienen (bearbeitet und gezeichnet von־ Zvi Friedlacnder, Kiryat Haim bei Haifa). Die im Dreifarbendruck hcrgestelite Karte bietet eine genaue Oriontierungsmöglichkeit über die beiden Städte. Die Karte erscheint gleichzeitig in zwei Ausgaben, mit hebräischer und englischer Beschriftung. Anschlagtafel in Tel-Awiw Neue Anschlagtafeln sind in Tel-Awiw an die Stelle der früheren ״wilden״ Plakatlerung getreten FeU» t C. 25. EL!AU«i, J*ra«alem 1!ווי MW *SS1" -4«'•».,rf,;* . -1 Wadisender Verkehr ׳i'MMäk *I Während bis vor einiger Zeit die Autohusrhauffaire, selbst den Fahrpreis trassierten, ist cs infolge des wachsenden Verkehrs in Tel-Awiw notwendig geworden, an den wichtigsten // :,testellcn Kassiererinnen :11 postieren, die. vor Ankunft des Autobusses die Füllet•! verkaufen Foto; H. Som1«n£ei*i Von der Woche 3086 jüdische Einwanderer kamen im Ap r i 1 über die Häfen Jaffa und Haifa nach Palästina. Die Statistik enthält nicht die Einwanderer, welche über die Landgrenzen kamen, sowie Touristen, welche dauernde Aufenthaitsbewilligung erhielten. Ein vorläufiges Grundbuch amt wurde in Tel-Awiw eingerichtet, in Grundbuchgeschäften war bisher immer für Tel-Awiw Jaffa zuständig. Es soll nunmehr vermieden werden, daß die Juden sich nach Jaffa in Grundbuch-Angelegenheiten begeben müssen. Der Waad Leumi hat die Wahlen für den Oberrabbin er von Jerusalem auf den 10. Mai festgesetzt. Die Paale M i s r a c h i, die Arbeiterorganisation des Misrachi, hat die Beziehungen zur Histadruth Haowd i m, der palästinensischen Arbeitergewerkschaft, abgebro chen. Als Grund hierfür wird angegeben, daß die Histadrut sämtliche Beschäftigungsmöglichkcitcn für sicli monopolisiere. Ein über 10 000 Arbeiter zählendes Publikum füllte das Freilicht-Theater der T e i - A w i w e r Messe anläßlich der Maifeier der Histadrut. Hauptredner war Berl Kaznclson, der zu fester Haltung gegenüber den Ereignissen und zur Fortsetzung der Aufbauarbeit aufforderte. Die Feier schloß mit einer Rede Schalom Aschs. ln H a i f a fand die Maifeier der Histadrut in Anwesenheit von 5000 Personen statt. Neben Vertretern der arabischen Arbeiterschaft sprach Berl Locker, der zu guten Beziehungen zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern aufrief und von den arabischen Arbeitern verlangte, die Streikaktionen ab/ulehnen. Auch in Jerusalem fand eine Feier statt. (Palcor.) Bei den Karäern in Jerusalem ln der Monatsschrift ״Hahed" berichtet 1). Goitcin über einen Besuch bei den Karaern in Jerusalem zur Zeit des Peßachfcstes: ״Die karüischc Gemeinde in Jerusalem umfaßt nur noch 12 Personen. In zwei oder drei Jahren wird niemand von ihnen mehr liier sein. Noch besteht die unterirdische Synagoge und die Häuser der Karaer stellen noch, aber cs ist schwer, sie in den winkligen Gassen zu 'finden. Ich klopfte an einer Tür, und eine Karäerin öffnete, ich wandte mich auf arabisch an sie, aber sie bat mich, englisch zu sprechen. Die Synagoge war zwar geschlossen, aber sie führte mich hinein. Ein schöner Raum, geschmückt mit Thorarollen, verschiedene Bruchstücke aus der Bibel an den Wänden. Die Frau erklärte, daß sie englisch spräche, weil sie in die Missionsschule gegangen sei, denn die Juden nähmen die Karäcr nicht in ihre Schulen auf. Man versuchte sie dort vergebens zum Christentum zu bekehren. Wir glauben an die Religion unserer Väter, an die Thora und die zehn Gebote. Sie äußerte sich auch erbittert darüber, daß sich die Juden nicht mit Karäern verschwägern, und die Mädchen dadurch gezwungen sind, sich mit Christen zu verheiraten. Aber am Peßach kommen sie mit ihren Männern und Kindern zu uns. Sie haben uns nicht verlassen und nicht vergessen. Auch ihr Sohn konnte sich in Jerusalem als Karäcr nicht!!alten und wandert« nach Amerika aus, und sie wartet darauf, daß er sie zu sich ruft. Am nächsten Tag kehrte der Besucher zur Gebetszeit wieder. Nach dreimaligem Klopfen öffnete sich eine Tür, und durch einen dunklen Gang hörte mar! ferne Stimmen. Stufen führen hinunter. Eine hebräische und arabische Aufschrift an der Wand fordert auf, die Schuhe auszuziehen. So betritt man die Synagoge. Sie ist aus Stein gebaut und nicht sehr groß. An den Wänden hängen herrliche Decken, eine Lampe erleuchtet den Raum. Es beteten drei Menschen: Vater, Sohn und ein Gast. Der Sohn las die Thora in derselben Art vor, wie die Araber den Koran in der Moschee voriesen. Die Gebete sind Bruchstücke aus der Bibel, keines unserer Gebete wird hier vorgetragen. Jeder, der aus der Thora voriiest, wirti sich vorher flach auf den Boden, spricht so die Segenssprüche und beginnt die Vorlesung. (Schluß des Palästina-Teils) 1936 Tet-Auiv Besuchen SU die■ £evante-Messe Mai