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Jüdische Rundschau · 1936-05-05 · Heft 36 (5.5.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 36 (5.5.1936)
Date
1936-05-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36, 5. V. 1936 J0DISCHE RUNDSCHAU Seife 5 Erfüllter Traum? Wiedersehen mit einem Buch Von Helene Hanna Thon, Jerusalem Die Notwendigkeit, nach erledigter Aufgabe in einer Siedlung zu übernachten, hat mich in ein fremdes Haus geführt. Es ist ein schönes, eben erst vollendetes Haus mit Helen luftigen Räumen, einer hochmodernen Einrichtung und guten Bildern, mit gepflegtem Tisch und «lern Bewußtsein, daß das bequeme Auto vor der Gartentür wartet. Wenn mau sich ein wenig gegen die Silberfülle des Mondlichts und gegen den duftschweren südlichen Hauch verschließt, der durch die Fenster dringt, könnte man glauben, in einer Villa in Berlin, Hamburg oder Frankfurt zu sein. Auch das Tischgespräch unterscheidet sich kaum von den dort geführten: Geschäfte, ein bißchen Klatsch, ein bißchen Kunst, dazwischen ein Konzert vom Budapester Sender — nur das wiederholt auftauchende Bedenken, ob man sich hier wird einleben können, ohne allzu große Opfer zu bringen, gab es dort nicht. Bald nach dem Essen ziehe ich mich zurück — in ein höchst komfortables Fremdenzimmer, vor dessen Fenstern die große neue wie ein Riesenpilz aufgeschossene Siedlung liegt, die mir wie eine Fata Morgana erscheint, wenn ich mir zurückrufe, was hier noch vor wenigen Jahren war: Sand, Sumpf, Einöde, durch die nachts nur der eintönige Singsang eines Kameltreibers klang. Da es zum Schlafen noch zu früh ist, wende ich meine Aufmerksamkeit dem Bücherbrett zu: einige populär geschriebene nationalökonomische und politische Bücher, Kunstmonographien, ein paar Moderomane in verschiedenen europäischen Sprachen. Schließlich entdecke ich, halb bedeckt von anderen Büchern, einen braunen Buchdeckel, der mir bekannt vorkommt. Siehe da, in dieser Fremde eine vertraute Erscheinung: ״Jüdischer Almanach“ steht auf dem Buch und unter dem Vorwort das Erscheinungsjahr 1902. Ich blättere in den unmodern gedruckten, mit dem Buchschmuck einer überholten Epoche ausgestatteten Seiten; ich verweile bei Namen, deren Träger schon tot oder doch seit langer Zelt verstummt sind, bei Nansen anderer, die noch heute an der damals begonnenen Sache arbeiten oder doch im alten Gleise weiterziehen. Ich lese wieder in dem Buche, das ich seit vielen Jahren nicht mehr geöffnet habe, und im Lesen versinkt die ganze Welt um mich und eine andere Welt ersteht: die Welt vor dem großen Kriege, als wir noch jung waren. Damals kannten wir uns selbst noch nicht: wir lebten dahin wie die anderen, strebten zu einem Beruf, tu einem allgemeinen europäischen Bildungsideal, strebten nach einer Lebensaufgabe im Kreise von Gleichgestimmten — und fanden sie nicht. Eine Ahnung war in uns, daß etwas in unserem Leben nicht stimmte, daß wir isoliert waren, daß irgendwo» in unserem Innern eine kalte, leere Kammer war, die wir vergeblich mit den geistigen Werten, die uns aus unserer Umwelt zuströmten, zu erfüllen suchten und die wir vor dieser Umwelt verbargeii. Eines Tages gab uns jemand, der nicht zu unserem angestammten Kreise gehörte, dieses Buch mit dem eigenartigen Titel: ״Jüdischer Almanach“, die erste Publikation des eben gegründeten ״Jüdischen Verlags“ in Berlin. Was ist ein jüdischer Almanach? Wir begannen zu lesen. Eine ganz unbekannte Welt erstand vor uns: dichte russische Wälder, große Ströme, armselige polnische Dörfer — eine fremde, exotische Landschaft. Aber in dieser Landschaft Menschen, die beteten wie wir, die die gleichen Feste hielten, die gleiche historische Vergangenheit hatten wie wir, die — trotz, der Verschiedenheit in Sprache und Tracht — uns offenbar ahnlieh sahen, die uns in ihrem Denken und Fühlen verwandt zu sein schienen ־— etwa gar — verwandter als die Mensehen unserer Landschaft? — Mit aufgewühltem Gefühl lasen wir uns In diese Er- Zählungen von Ostjuden hinein -- wie traurig das alles war, noch nachzitternd von den Erschütterungen der kaum verhallten russischen Pogrome, noch getroffen vom Schlag des Gestern und dabei schon zitternd vor dem Morgen. Morgen? Sah so das Morgen der Ostjuden aus? Wir lasen weiter: es gab da auch Erzählungen aus früheren Jahrhunderten, aus Italien, aus anderen europäischen Ländern im Mittelalter, und immer das gleiche: Verfolgung und Not, Not und Verfolgung. Immer Gefahr, immer Abbruch der errichteten Wohnstätten, immer der ewige, wandernde Jude. War nun wirklich unser eigenes Schicksal dauernd von diesem ewigen Judenschicksal verschieden, oder konnte ein Tag kommet!, wo das Gestern zu einem furchtbaren Heute wurde, wo diese fremdartigen Ostjuden mit uns, den Westjuden, wieder zu einer tragischen Srjhicksalsgemein schaff vereinigt wurden? Würden wir auch dann noch jenen gegenüber unser Gefühl der Ueberlegenheit bewahren können? Jene besaßen ja auch Werte — Werte, von denen wir gar nichts wußten, deren Namen wir hörten, ohne ihren Sinn zu erfassen, Werte, die sie zu festen, den Lcbensprüfimgen gewachsenen Persönlichkeiten machten. Die leere Kammer in uns meldete sich durch ihren eisigen Hauch, und zugleich mit der erschütternden Erkenntnis von der ewigen'Wiederkehr des jüdischen Schicksals dämmerte in uns das Verständnis, daß der Inhalt, auf den diese Kammer wartete, jüdischer Geist war. In jiih erwachter Sehnsucht, den Schlüssel zu diesem Inhalt zu finden, lasen wir die Geschichten und Gedichte des Aluianachs von Dichtern, deren Namen wir nie zuvor gehört hatten: Percz, Bialfk, Tschernichowsky, Scholem Aleichem, Zangwiil; hatten wir je geahnt, daß es in ihren unbekannten Sprachen — Jiddisch und Hebräisch in deutscher Ucbersctzung — Dichter von solcher Kraft geben könne, von viel größerer Kraft als eine Reihe westeuropäischer jüdischer Schriftsteller, die sich — wie wir zu unserem Erstaunen fanden in diesem ostjüdischen Kreise zu Hause fühlten? Unter diesen ostjüdischen Geschichten waren aber nur wenige, die einen Weg in die leere Kammer unseres Ich erschlossen — sie handelten von Menschen wie wir, mit Lieben und Hassen, mit Vorzügen und Schwächen wie wir, die von uns nur durch eine abgründige Schwermut, durch die Erinnerung an Jahrhunderte altes Leid und das Wissen um die Fortdauer dieses Leides unterschieden waren. Nein, diese Ergebung in das Leid war kein Weg für uns, dagegen lehnte unser frischer Lebenswille sich auf. Aber da waren noch andere Klänge, bei denen wir aufhorchten: da war eine Hoffnung, eine Verheißung. Da waren Träume von einer ganz anderen, in südlicher Fülle prangenden Landschaft, von der auch wir — wir entdeckten cs plötzlich — einen Abglanz in uns trugen, in uns getragen hatten, seitdem wir die Geschichten der Bibel, die Geschichte unseres Volkes, in uns aufgenommen hatten. War cs möglich? Wurde wirklich dieses Land uns wieder verheißen? Sollten — nicht nur jene armen, verfolgten Ghettojuden, sondern auch wir — sollten wir wieder heimkehren in diese Landschaft unserer kaum bewußten Träume? Heirnkehren! Heimat! Plötzlieh gingen uns die Augen auf: das also war es, was uns fehlte: die Heimat! Die schöpferischen Kräfte, die aus dem Heimatboden, aus dem die Großen des eigenen Volkes erstanden sind, strömen! Das war die leere, eisige Kammer in uns! Durstig lasen wir die Lieder und Träume von der Heimat, die das seltsame Buch enthielt — darunter Lieder von manchen, die mir damals, nur ein einziges Mal ihr übermächtiges Erlebnis sich vom Herzen sangen — lasen die wenigen, spärlichen Berichte über das Land, über das Wunder der neu erwachenden hebräischen Sprache, und die Sehnsucht dieser Dichter und Träumer teilte sich uns mit, so stark, daß sie nie wieder zum Schweigen kam und viele andere unseres Kreises mitriß. Ich blicke von dem Buche auf, das mir in dem eleganten Fremdenz.immer, inmitten der blühenden jüdischen Siedlung in Erez Israel plötzlich wieder begegnet ist, und ein grenzenloses Staunen überfällt mich. Kann es denn sein, daß der vage Traum von dem fernen Wunderlande, den einige Dichter vor einem Menschenalter träumten, sich erfüllt hat? Wenn ich aus diesem Fenster blicke, auf die Flut von Häusern und Lichtern, auf die Straßen, die jüdische Siedlung und jüdische Stadt verbinden, so sehen meine Augen die Erfüllung. Die Hupen der vorbeirasenden Autos, das Radio im Nebenhaus, der Motor der mit Nachtschichten arbeitenden Fabrik in der Nähe, der Gesang einer voriiberziehenden jungen Schar — alles ruft mir diese Erfüllung zu, Erfüllung! Ein gewaltiges Wort! Das Leben gewährt so selten Erfüllung unserer Träume. — — Ist nun wirklich das Ziel erreicht, von dem unsere Dichter vor einem Menschenalter träumten? Zu dem sie uns verführten, an dem wir uns berauschten, um dessentwillen wir uns große, erhebende Gelübde gaben? Gewiß, das Ziel, all das zu schaffen, was nun vor diesem Fenster liegt, war kühn und erstrebenswert genug, und wir scharten uns um den Mann, der mit großer Willenskraft diesem Ziel zustrebte. Aber nicht in dem konkreten Ziel allein lag die aufrütteinde Kraft dieses Buches unserer Jugend. Was uns bannte und mitriß, war die Verheißung, daß die gespenstische leere Kammer in un* serem Innern sich mit Leben erfüllen würde. Ich blättere nochmals im Jüdischen Almanach: was er uns damals von diesem Leben zu sagen wußte, war noch vage, traumhaft. ״Das Jüdische Volk“ -— sagt Bcrthold Feiwel in seinem Geleitwort, — ״einst der Träger einer unvergeßlichen Kultur, während zweier Jahrtausende durch leibliche und seelische Not ohnegleichen, durch den Fluch der Heimatlosigkeit und Zerstreuung in jeder Art des Schaffens gehemmt, soll in der Zukunft die befreiten Rassenkräfte in eine neue Kultur Umsetzern. Der Vermählung des Volkes mit dem Mutterboden soll der neue Geist entwachsen.“ Auch der noch junge Martin Buhcr bleibt vorerst bei der Verheißung neuer Kräfte, die dem Volk aus dem Heimatboden Zuströmen werden -- den Weg, einen Weg hoher menschlicher Forderungen an den Einzelnen wies er mit dem von ihm herangebildcteu Kreise junger Prager Studenten erst einige Jahre später in einem anderen Almanach, den ich vergeblich auf dem Bücherbrett meiner Gastfreunde suche. Anderen Dichfern des Almanach schwebt eine Verkörperung des wiedergeborenen jüdischen Geistes vor: immer wieder kehren ihre Lieder zurück zu den Gestalten der Propheten mit ihrer gewaltigen religiösen Aufgabe und ihrer titanischen Kraft zur Bewältigung dieser Aufgabe. So traumhaft das alles noch war — uns berauschte es und erfüllte uns mit Kraft, das unerhörte Wagnis zu unternehmen. Ich׳ lasse das Buch sinken und lausche in die Nacht hinaus, in der nun die Stimmen unermüdlicher Bewegung, rastlosen Tuns übertönt werden durch ein heftiges hebräisches Gespräch vor meinem Fenster: das Schimpfen und Zetern zweier Leute, die um eine Geldsumme streiten. Ich wende mich wieder dem luxuriösen Zimmer meiner Gastfreunde z.u, die vorhin davon sprachen, ob es praktischer sei, liier zu bleiben oder nach Amerika weiterzuwandern. Das Wort ans dem Almanach klingt in mir nach: ״Der Vermählung des Volkes mit dem Mutterboden soll der neue Geist entwachsen!“ ... Als das geschrieben wurde, waren wir alle jung, und das Wort Vermählung bedeutete uns nicht nur die körperliche Vereinigung, wie sie inzwischen Tausende ausgewanderter Juden mit dem Boden des neuen Landes vollzogen haben, sondern Vermählung bedeutete uns: Sehnsucht nach geistiger Verschmelzung, Bereitschaft, sich zu opfern, sich zu reinigen und zu erhöhen um der Liebe willen . . . Ich stelle den Jüdischen Almanach zurück an seinen Platz hinter den europäischen Moderomanen, und Menschen, Stunden aus jener Zeit fallen mir ein, als wir zusammen von der Erfüllung träumten, gläubig warteten, daß sich die leere Kammer in unserem Innern mit schöpferischer Krafl füllen würde. Wer von uns ahnte damals, daß der Weg zu diesem Ziel schwerer und voller von Enttäuschungen seiti würde als der Weg zur Ansiediung Tausender von Juden in Palästina? Als der Weg zur Schaffung jüdischer Dörfer und Städte mit den letzten Errungenschaften europäischer Zivilisation? . . . Das Vogelnest Von JEIIUDA YAARI Deutsch von Escha Schalem Das Lager stand im Tal. Ein Halbkreis runder blendendweißer Zelle, die von ferne den Segeln uiuhcrfahrender Schiffe glichen, und in der Mitte ragte wie ein Turm ein Taubensehlag in der Form eines Miniaturhauses. Drei graue Holzburaeken schlossen sieh aneinander an und bildeten zusammen ein offenes Rechteck rechts vom Halbkreis, und links von ihm in geringer Entfernung standen zwei große viereckige, gelbliche Zelte. Das war das Lager. Eines von den vielen Lagern dev Chaussecarbeiter an der großen Straße, die zwischen Haifa und Nazareth gebaut wurde. In den runden Zelten wohnten die Arbeiter. Zu dritt lebten sie in jedem Zelt, und jeder von ihnen hatte ein schmales Eisenbett, das mit einem weißen Laken oder einer grauen Decke bedeckt war. Außer den drei Betten gab es in jedem Zelte noch einen aus Kisten zusammen• ezimmerlen Tisch und ein leeres Petroleumblech, das als tuhl diente. Der Tisch war meist wackelig und nicht gehobelt, und Teile lateinischer Buchstaben, die Reste der Namen großer Städte oder Handelsgesellschaften, waren aul ihm in schwarzer Farbe zu sehen und erzählten von seinem Ursprungsort und seinen Fahrten. In einem Teil der Zelte war dieser Tisch mit einem weißen oder bunten Tischtuch bedeckt, und in der Mitte schwebte Uber einem TongetBß voll Wasser ein Strauß Feldblumen. In diesen Zelten wohnten die Mädchen. Ihre Zelte zeichneten sich im Lager durch ihre Reinlichkeit und Ordnung aus, das Zelttuch war jeden Tag hochgeschlagen, um Sonne und frische Luft einzulassen, eine Matte aus Rohr war über den Boden gebreitet, um die Erde zu bedecken und 80 den Staub fernzuhalten, die Lampe, die an dem Pflock in der Mitte hing und sich bei jeder Erschtttterung des Zeltes klirrend bewegte, war immer geputzt und blank, und die Belten waren stets säuberlich gemacht, und mit schneeweißen Laken bedeckt. Diese Zelle waren der Stolz des Lagers. In den Baracken waren die ״Anstalten“ des Lagers unter* gebracht. Die eine enthielt Küche und Eßraum, die durch eine gekalkte, nicht ganz bis zur Decke reichende Bretterwand voneinander getrennt waren. In der Mitte dieser Wand war ein fensterartiges Loch ausgosägt, durch das von der Küche das Essen zur Verteilung hinnusgcrcicht wurde. In der zweiten Baracke war das großartige Krankenhaus, an dessen Außenwänden sich zarte, duftende Wicken hinaufrankten. Diese Baracke war ganz erfüllt von Frieden und Wohlbefinden; hier fanden die Arbeiter nicht nur Heilung für ihre Krankheit, sondern auch F.rholung von der aufreibenden Arbeit und Ruhe vor dem I.iinn des Lagerlebens. Wie eine ruhige Insel war diese Baracke inmitten des geräuschvollen Lagers. Deshalb sehnten sich die Arbeiter immer nach Krunkheitstagon. In der dritten Baracke ober war das Lesezimmor. Das war das Heiligtum des Lagers. Alle liebten es und sorgten dafür, daß es schön und reinlich aussah. F.iner hatte Blumenbeete vor die Fenster gepflanzt, ein anderer die Wände mit Reproduktionen aus dem Jüngsten Gericht von Michelangelo, die er vom Ausland mitgebracht hatte, geschmückt, der Knssenverwnlter hatte in Haifa bunte Motten, ein Erzeugnis der Hule-Beduinen, gekauft und sie auf den Boden gebreitet, die Krankenschwester, die aus Tel-Awiw stammte, batte gar ihr Klavier aus ihrem F.lternhause für das Lesezimmer bringen lassen, Suschn, der Tischler, hatte in seinen Ruhestunden einen großen Bücherschrank nngefertigt, und wer nur irgendein Buch in seinem Koffer oder unter dem Kissen seines Bettes hatte, der brachte es ins Lesezimmer und stellte cs in den Bücherschrank, und alle Feiern und Vortrage fanden im Lesezimmer statt. Hier war also das Heiligtum des Lagers. Von den großen viereckigen Zelten links vom Halbkreis war das eine der Stall für Jossel Golem, das riesengroße, graue Maultier, das die eisernen, mit Steinen beladenen Wagen vom Steinbrech am Bergabbang bis zur Chaussee im Tale zog, und das andere die Werkstätte: die Tischlerei und die Schmiede. Und wenn wir noch die beiden aus Barackenteilen ziisammengefüglon Bauwerke erwähnen, die außerhalb des Lagers nufgestollt und dem Blick dos Beschauers durch ein fernes OHvenwä kleben verborgen waren, obgleich sie von nicht geringer Wichtigkeit waren, denn das eine enthielt den ״Anstnndsrnum“ und das andere die Dusche — so ersteht vor unseren Augen das vollständige Bild des ganzen Lagers. Auf der einen Seite floß der Kisclmn — an dieser Stelle ein kleines, trübes Gewässer —, umrahmt an beiden Ufern von blühenden Olcandcrbüschon, während an der arideren Seite der graue Karmel aufragte. In königlicher Unbekümmerlheit lagerte er dort wie ein gewaltiger schiummornder Löwe, und während er schlief, brachen die Arbeiter des Lagers Steine aus seinen Rippen und machten daraus die weiße Chaussee und breiteten sie zu seinen Füßen aus wie einen endlosen Teppich. Früher war hier ein schmaler Pfad gewesen, voll von Gruben und Löchern, nicht einmal tauglich für Kamelknrawanen. Im Sommer versank der Reisende im Staub und in der Regenzeit in der schlammigen Erde. Es versteht sich von selbst, daß die Fahrt, im Wagen oder Automobil auf dieser Straße ungemein beschwerlich war, und wer sie unternehmen wollte, verabschiedete sich von Verwandten und Freunden wie vor einer weiten Reise. So war es früher gewesen. Bis die Lager der jungen Arbeiter kamen, die niesen gefahrenreichen Pfad zerstörten und ein Bett gruben, in das sie die große weiße Chaussee hineinlegten, die sich wie eine mächtige Marmorplatto von der Stadt Hnif'11 bis nach Nazareth erstreckte und von dort abwärts bis nach Afule, das auch Jesreel genannt wird. Und so bahnten sie die Chaussee: anstatt des alten Pfades gruben sie ein breites Bett und zu seinen beiden Seiten zogen sie liefe Gräben zur Sammlung des Regen*. Wassers; sie unterlegten es mit großen, groben Steinstücken, bedeckten diese mit aufgelesencn runden Steinen, verteilten dann darauf eine dicke Schicht Kies und befuhren sic einige Male mit der Walze, bis die Steine sich aneinanderfügtei», und die ganze Straße zu einem großen einfarbigen Mosaik wurde. Darüber wurde dann Steinstaub und Sand gestreut und alles wurde wieder sehr, sehr gut ausgew alzt, bis es fest und weiß wie ein Felsen war, Die Arbeit an der Chaussee war in verschiedene Stufen eingetcilt, jede Arbeit hatte ihre bestimmte Stufe. Ohne cs zu wollen, ja fast ohne es klar zu wissen, unterschied tnan zum Beispiel zwischen dem, der im Steinbruch und dem, der am Wege arbeitete, zwischen dem, der grub und dem, der Kies machte oder Steine nuflas. Diese unterschiedliehe Bewertung war in allem spürbar, und man bemühte sich gar nicht, einen Hehl daraus zu machen. Im Gegenteil, geschah es zum Beispiel, daß einer vom Steinbrech eich nachts in den Vorratsraum einschlich und die Hälfte der Nachspeise, die für den nächsten Tag im Topfe bereitstand, aufaß, so würgte man in der Küche den Schaden sehweigend herunter, kochte eine andere Nachspeise und beschwerte sich nicht mit einem einzigen Wort — handelte es sieh doch um einen Steinhnuer! Wenn es aber vorkam, daß einer, der beim Kies, am Wege oder sogar beim Graben arbeitete, auch nur einen Teller voll Nachspeise aus dem Topfe nahm, so wurde das nicht beigelegt, ohne daß man die Untat in der Mitgliederversammlung erwähnt und dem ״Dieb“ einen gehörigen Verweis erteilt hätte. ״Das ist eine Verantwortungslosigkeit! Das ist ein Skandal! So etwas darf im Lager nicht wieder Vorkommen!“

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