Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 36 (5.5.1936)
- Date
- 1936-05-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 6 JOD ISCHE RUNDSCHAU Nr. 36, 5. V. 1936 W i«» «•«**lalle ieli «len 11 aI»l>aI? Für Schabbai, 9. Mal Wochenabschnitt: ״Emor“ (3. B. M., Kap. 21 —25.) I. Unser Wochenabschnitt ist die Quelle für das üebot des ״(') m e r - Z ä h 1 e n s“. Wir werden also die betreffenden Stellen gemeinsam ItTnen und den Sinn dieser Institution herausarbeiten. Was bedeutet ״Omer“? Man ziehe den Kommentar von S. R. Hirsch zu Kap. 23; 10, 11 und insbesondere 15 heran, wo viel Material zum Verständnis dieses Oebot es zusamnieiigctragcn ist. Hier wird auch verständlich gemacht, weshalb dieses Gebot an den Besitz des heiligen Landes geknüpft ist. Da am Ausgang unseres Schabbat der 33. Tag 1m ״Omer“ beginnt (das heißt ״Lag“ ל׳ג ), werden wir uns anschließend über diesen Tag unterhalten. Es gibt mehrere Gründe fiir die Sonderstellung dieses Tages innerhalb der ״Ssefira-Zcit“. Atn meisten anerkannt ist jedoch die Annahme, daß zu (fiesem Tag das Sterben unter den Schülern Rabbi Akibas zu wüten aufhörte. II. In kabbalistischen Kreisen, vor allem in Palästina, steht dieser Tag ganz im Zeichen von Rabbi Schimon bar Jochai, dem auch das Buch ״Sohar“ zugeschrieben wird. In Meron, in der Nähe von Safed, befindet sich das Gral) Rabbi Simons. Am Lag b’Omer, dem ״Jahrzeitstag“ von R. Simon bar Jochai, ist es der Treffpunkt zahlreicher Kabbalisten und auch anderer Juden, die die ganze Nacht und den ganzen Tag dort in einem Zustand unbeschreiblieber Freude, ja geradezu Verzückung, verbringen. Näheres über Rabbi Simon lese man im ״Jüdischen Lexikon" unter dem Stichwort ״Simon ben Jochai“ nach. Um eit) Bild vom Wesen des Sohar zu bekommen, lesen wir die Abhandlung über Gehalt und Wesen des Sohar von Gerhard Se holen! 1rn Schockenbuch -10: Die Geheimnisse der Schöpfung und anschließend einet! Teil aus dem Sohar seihst, die Deutung der Schöpfungsgeschichte. Wir lassen den ()neg Schahhat mit einem der vielen Lieder über Schimon bar Jochai ausklingen. Ais Hatiarah wird Jecheskel Kap. -11, 15—31 gelesen, wo, wie zum Beginn unseres Wochenabschnittes, von der besonderen Priestergeset/gebung die Rede ist. J. E. Der Brauch des ״Peßach-Scheni*‘ und ״Lag b'-Omer“ Wir unterhalten uns diesmal iiher die im Monat Ijar ausgezeichneten tage des ״Reßach-Scheni" und ״Lag b’-Omer“. In alter Zeit feierte man am 14. Ijar das Fest des zweiten V e li a c h - () p f e r s oder Reliach-Scheni. Diese lnstitution trifft vor allem diejenigen Personen, die am eigentliehen Rehadt-Opfer des 14. Nissan nicht teilnehmen konnten, weil sie entweder kultisch unrein oder auf einer weiten Reise waren. Sie mußten, da sie nun das üemeinschaftsopfer am vorgeschriebenen Lage nicht darbringen konnten, es vier Wochen später nachholen. Man lese hierzu den Abschnitt im 4. B. M. <), <! ff. und vergleiche die Vorschrift des eigentliehen Peliachopfers int 2. B. M. 12, 1 ff. und 5. B. M. 16, 1 ff. Matt knüpfe hieran ein Gespräch über den Begriff des kultisch Unreinen, dessen Funktionen innerhalb des kultischen Bezirkes für die Zeit seiner Unreinheit ruhen und erläutere dies an Hand von verschiedenen ähnlichen Beispielen ans dem orientalisch-jüdischen Kulturkreis. Ein großer Teil der polnischen Judcnheit feiert am Lag b’-Omer den Todestag des bekannten Lehrers und Meisters R. Moses I ss er I es (RMA), der auf dem alten Friedhof in Krakau begraben liegt. Diese anerkannte große Autorität und Glossator des ״Schulchan Aruch“, der im 16. Jahrhundert in Krakau lebte, soll ebenfalls am 33. Tage der Ssefira dort gestorben sein. Viele Tausende von Frommen und Gläubigen besuchen an diesem Tage das Grab des ״Rnta“, wo sie in Andacht und Gebet lange Zeit verharren. Es wäre sehr lohnend, sieh in diesem Zusammenhang über die Bedeutung der Persönlichkeit des Rma zu unterhalten und auf die wirtschaftlich-kulturelle Lage der polnischen Jtidenheit im lt). Jahrhundert ausführlich einzttgehen. Neben der (icsehichte Dubnows verweisen wir in diesem Zusamm enhang auf die entsprechenden Stellen im ״Jüdisehen, Lexikon“, sowie auf das bereits empfohlene Buch von Zobel ״Das Jahr der Juden'‘ S. 1$6 ff. J. M. BRIEFE AN DIE REDAKTION Das Haifaer Technikum Haifa, den 29. April 1936 An die Redaktion der ״Jüdisehen Rundschau“ ln dem Aufsatz von Dr. AIhrrt Baer: ,,Haifas Technische Hochschule*‘ (Nr. 32 vom 21.4. 1936) vermisse ich schmerzlich einen Namen, der in keinem geschichtlichen Rückblick fehlen sollte: den Namen des Erbntiers Alex B a e r w u 1 d, der auch der erste Kehrer fiir Architcktur am Technikum war. Diese Bauten (Technikum, Realschule, Werkstätten und das entzückende. leider jetzt einer Straßencrweitcrung zum Opfer gefallene Pfortnerhauschen), gerade heilte ein dem Auge wohl- Choclc Choel V CS. Rio Ncrto, 4. April 1936 An die Redaktion der ,Jüdischen Rundschau‘־ Berlin W15 ln der ,,Jüdischen Rundschau“ vom 14. Februar fand ich einen Artikel von Dr. Ruppin: ,Jüdi•* sehe Landwirtschaft in Südanncrika“ mit folgender Fußnote: ..Der Vorsitzende des Ililfsvereins deutscfisprechender Juden, Herr Aclolfo Hirsch, hat. kürzlieh mit dom Versuch begonnen, etwa zehn jüdische Einwanderer aus Deutschland auf seiner Farm in Choole Choel in Landwirtschaft auszubilden.“ Als Lehrling der erwähnten Farm möchte ich mir gestatten, etwas genauer auf diese Frage cinzugehen. Die Lchrfarrn winde von Herrn Adolfo Hirsch gegründet, um jüdischen Einwanderern aus Deutschland Gelegenheit zu gehen, sich in der Landwirtschaft aiiszuhilden, damit sie sich entweder später als Beamte!>€־ tätigen. oder als Kleindedler niedcrla.ssx-n können. E« wurden zu diesem Zwecke 40 ha Land im fnirhthnren Rio-Negro-Tal gekauft. Das Klima ist hier sehr gut und im großen und ganzen dem Mitteleuropas gleich. Ks handelt sich um Bewässerung«•• land, das in erster Linie für Obst- und Weinbau in Frage kommt. Das Land befindet sich noch irn Urzustand, d. hes muß zunächst eingeebnet und mit Kaniilen versehen werden, damit angepflanzt und gesät und hewässert werden kann. Die Bc- Wässerung ist notwendig, weil wir hier ziemlich wenig Regen haben. Die Durchschnittszahl der Lehr* linge hetnigt sechs bis sieben, und in dem einen Jahre des Hierseins haben wir /u>ammen tuendes Wahrzeichen des jüdisehen Haifa, s ind ganz sein Werk, das We rk eines edlen Sfilv.iücns, der inmitten wechsclndcr Bauniod( ■n cinen 1 hmcli von E!wigkeit in sich trägt. Auch der kra ft volle M ensrh liacrwald, 11er als einer der ersten Zionisten aus De UtM-hland d en Weg nach Pal;1 stina. fand, verdient unvergesso n zu bleiben. Er ist unvergesst >n in der S< har der jungen; \rehitekten, die er in wenigen Jabren erzogen hat , und die noch heute schwärmerisch an ihm hänge׳». Hoc־haebtungsvol! Dr. Elias Auerbach mit. nur einem Arbeiter ungefähr 8 ha eingeebnet und mit Kanälen versehen. 13/4 ha wurden mit Obstbäumen und Beerens'rüuehern angepflanzt. 5 ha wurden mit Mais und J/t ha mit Karte{- fein einge.-iit. Die Ernte ver- .spricht eine sehr gute zu werden. Unsere Küche verfügt über Gemüse, Salat usw., alles Eigen- Produktion. Die ganze Sache geht tadcllos vorwärts, denn jeder von uns ist mit Leib und Seele hei der Sache. Wir freuen uns. wenn wir die jungen Obsthäumchen so gesund dastehen sehen und betrachten mit Stolz die Wege, Kanäle und alles, was von uns geschaffen wurde. Anhangs ist cs uns zwar manchmal schwer gefallen, den ganzen Tag arheiten zu müssen, denn nur die wenigsten waren körperliche Arheit gewohnt, heute aber scheuen wir nicht davor zurück, 70 bis 80 Kilo auf dem Rücken zu tragen. Wir sind alle so eingearl>eitei, daß wir nicht mehr in die Stadt zurück wollen, die ohnedies ülwriaufen ist. Daß cs trotzdem nicht an guter Laune und gesundem Humor fehlt, will ich besonders betonen. Nach der schweren Wochenarl>cit vergnügen wir uns am Sonntage mit Keilen, Schwimmen. Fußbnlispiclen. Audi sollen wir nächstens einen Radioapparat bekommen. Ueher eins Din 1V11 mir jedoch im unklaren: Wie kommt es, daß nicht mehr Leute von unserer Einrichtung Gebrauch machen:׳׳ Warum besuchen sie in Europa Fachschulen, wo sie zwar die Landwirtschaft kennenlernen, aber nur die Landwirtschaft des betreffenden Landes, und wo es ihnen nicht, erspart bleibt, später umlernen zu miissen? Da es sieh in der!.and- Wirtschaft um etwas Lebendiges handelt, muß man sich klar darüIkt sein, daß Unter den verschiedenen klimatischen Verlädtnissen auch eine verschiedene Landwirtschaft betrielxm wird. Das ist eine Tatsache, die durchaus nicht zu unterschätzen ist. Wer also später von Europa in ein anderes Land auswandert, in dem Ghmlnn. er könne dort seinen Bend ohne weiteres fortsetzen, der ist im Irrtum. Fr muß dann, abgesehen von einigern wenigen, völlig umlernen. Neu hinzu kommt noch außerdem das Friemen der Sprache, sowie die Kenntnis der fremden Sitten und Gcbtätirhe, und das bedeutet Zeitverlust. Warum also kommt man nicht gleich? Je jünger, desto leichter lebt man sich ein, 15 oder 16 Jahre ist das beste Alter. Eins möchte ich jedoch Ixo tonen: Wir haben hier weder ein Erholung^־ noch Altersheim, wir haben hier eine Stätte ernster Arbeit, Hat man sich jedoch geprüft und man glaubt, fähig zu sein, hier arbeiten zu können, so kann man herkorn- Berlin, 27. April Sehr geehrte Redaktion! Pis ist sehr dankenswert, daß dieses so brennende Problem wieder einmal besprochen wird. Doch scheinen mir die Vorschlüge des Herrn I)r. Gerhardt Neumann recht wenig durchgrcifend zu sein. Abgesehen davon, daß fiir die Tätigkeit eines Propagandisten fiir die ״innere Mission“ dorn nur ganz wenige Leute aus der Gruppe der älteren Akademiker in P räge kommen, .so!)leibt noch immer die Hauptfrage cffen, was mit dem wesentlich größeren Teil der alte• r c n J a h r g ä ת g e, nämlich, der kaufmännischen Angestellten, der Agenten usw. geschehen soll. Die ״jüdische Rundschau“ beschäftigte sich am 26. November 1935 in dem Leitartikel .,Oeffnet die Tore“, sehr eingehend mit dem Schicksal dieser Gruppen und schloß den Aufsatz mit den Worten: ״Oeffnet die Tore, wir wollen arbeiten und werden es euch danken!“ und der Frage: ״Ist eine Hoffnung, daß dieser Stimmen Thor gehört wird?“ Heute, nach fast einem halben Jahr kann man wohl feststeilen: Nein, dieser Stimmen Chor ist nicht gehört worden. Die Auswandemngsländer dei Erde spermen. Daß man hier tatsächlich eine Zukunft hat, beweist, daß vor einigen Tagen einer unserer Compaficros, der seine Kltem und seine Schwester zu versorgen hat, als selbständiger Siedler auf ein schon in voller Produktion stellendes Landlos gesetzt worden ist. Dieses Landlos wurde vor kurzer Zeit gestiftet, und wenn er es auch zurückbezahlen muß, so doch unter sehr kuhinten Bedingungen. Natürlich muß er viel arbeiten, aber er weiß wofür. Etwas fehlt uns sehr. Man wird älter, Und man fragt sich: Wen heiraten? Wer wird uns helfen, ein Heim zu gTiinden, wer wird uns bei der Arbeit unterstützen? Der Gedanke, junge Mädchen herzubringen und im Haushalt auszubildcn» ist, so vermute ich, schon in Frwägung gezogen worden. Hochachtungsvoll Erns t W o 1 f f, Fomcnto Agricla ״Adolfo Hirsch“, Chocle Choel FCS., Argentina. ren sich weiter gegen jede größerc geschlossene Einwanderung. Immer wieder richteten sich die Augen der älteren Generation auf Palästina. Man hoffte, die Mandatsregierung werde die Altersgrenze heraufsetzen. Dieses ist zwar nicht ge- .sehehen, dafür durfte aber die Kltcrncinwandorung ungehindert weitergehen. Kopfschüttelnd müssen die sogenannten Ackeren zwischen 35 und 45 Jahren im־ mer wieder zuschcn, wie viele tausende Männer und Frauen, meistens w׳cit über 50 Jahre alt. ungehindert nach Palästina gehen durften, um sich dort entweder auf ihre Kinder zu stützen oder ihre alten Berufe, die dem Aufbau wenig nützen, weiter auszuüben. Dagegen müssen 35- bis 45jährige. kräftige und gesunde Menschen, die teilweise schon hier, wie der Einsender dieser /eilen, zu handarbeitenden Bcrufen übergegangen sind, und die drüben ihren Mann stehen würden, zurückgewiesen werdet}, weil sie zu alt sind. Lange können sie nicht mehr warten. Nur noch kurze Zeit, und .sie sind körperlich und seelisch zermürbt und zugrunde gerichtet. ״Ist eine Hoffnung, daß ihrer Stimmen Chor gehört wird? Hochachtungsvoll Arthur Schlochauer HäcUden Twutaty: iühde^-lluHd^cUau Siedlung in Argentinien Die Zwischengeneration ( Teppiche / Möbelstoffe / Gardinen BLUMEN FELD, Nürnberg, AdlerstraBe 36 Ja, es laß! sich nicht abstreiten, es wurden im Lager Unterschiede gemacht zwischen einem Arbeiter und dem andern, nur muß man hinzufügen, daß die Unterscheidung nicht nach der F.iniriiglichkeit der Arbeit gemacht wurde — denn die Erdarbeitern waren einträglicher als die Arbeit im vSteinbruch, und noch besser!muhte sich die Chausseearbeit bezahlt , und auch nicht mich der Schwere der Arbeit, sondern nach geheimen Grundsätzen, die nur in den Lagern der Ghausseearbeiter in jenen Tagen bekannt waren. Diese Unterscheidungen führten oft zu Scherz und Spott, der natürlich nicht böse gemeint war. ״Seht nur die Erdarbeiter, die ilire Hemden uusziehen und so tun, als ob ihre Arbeit schwer \\Öre“, spotteten die Steinhauer, wenn sie morgens an den Gräben der Erdarbeitet• \ orbeigingen. ״Kommt mal in den Steinhruch und ihr werdet sehen, was wirkliche Arbeit ist! Die Hacke ist kein Hammer, und der Spaten ist kein Meißel, mein Freund!.. ״Was macht ihr dort?“ fragten die Erdarbeiter spöttisch die Chausseearbeiler. ״Spielt ihr Schach? Seht nur, wie lange sie nachdcnkcn, bis sie einen Stein neben den anderen legen, als ob tlas wirklich eine besondere Kunst wäre! Vorwärts, schnell! Zum Teufel, ihr haltet die Erdarbeiter auf!“ ״He, junger Mann“ sagten die Chausseearbeiter zu dem, der die Steint heranführte, ״wie viele Male am Tage schlägt Jossel Golem mit dem Schwänze? Du tätest besser, das zu zählen, und wir könnten alle diese Bewegungen irgendwie nutzbar machen . . . Eine solche Kraftanstrengung darf nicht verloren gehen. Zähle die Bewegungen nach, junger Mann, damit du nicht vor I.angcrwcile stirbst. Du hast ja dach den ganzen Tag nichts zu tun!“ ״Kies!" spotteten alle zusammen über die Arbeiter, die den Kies schlugen, ״ja, so etwas heißt auch Aroeit! Den ganzen Tag sitzt ihr rittlings auf einem Steinhaufen wie Rinder auf der Schaukel . . . Kein Wunder, daß sich Jescha ja jeden Tag ein Buch zur Arbeit mitnimmt.. . Bald wird er sieh mich ein Kissen und eine Decke mitbringen. Bei solch einer Arbeit läßt sich sogar schlafen... Kies!" und sie spuckten in spöttischer Verachtung aus. Es gab noch Arbeiten wie das Verteilen des Sandes und Kieses auf der Chaussee oder das Au fiesen von Steinen, für die man nicht einmal Worte des Spottes übrig hatte, obwohl man nicht übersehen konnte, daß man mit dem Aufklnubcn der Steine mehr verdiente als im Steinhruch, denn die Regierung zahlte für den Kubikmeter au!gelesener Steine nicht weniger als für die gebrochenen Steine, und man konnte an einem Tage mehr Steine sammeln als brechen; aber es ist ja schon gesagt worden, daß der Unterschied nicht nach dem Gewinn gemacht wurde. Wenn es eine Arbeit gab, die alle ehrten und die alle begeisterte, so war es die Arbeit am Steinbruch. Weshalb;׳ Auch dies ist ein Geheimnis, das nur den Chausseearbeitern offenbar ist. Von dem Kiesarbeiter, ,,der auf dem Steinhaufen reitet“ bis zum Wegarbeiter, ״der Schach spielt“, erwiesen alle den Steinhauern Ehre. Sie waren die Löwen in der Gesellschaft der Arbeiter und sie wußten das selbst sehr gut. Sie zeigten keine l>esondere Bescheidenheit in ihrem Auftreten und ihrem ganzen Benehmen im Lager. Im Eßraum besetzten sie stets den Mitteltisch, der nahe bei der Durchreiche zur Küche war, und die F.ssenverteiler ließen die doppelten Portionen nur so auf sie herabprasseln. Beim Tanzen bildeten sie einen besonderen Kreis innerhalb des großen Kreises und brachten alsbald die übrigen Tanzenden zur Erschöpfung, denn sie tanzten kraftvoll und schnell. Beim Singen brachten ihre dröhnenden Stimmen alle anderen zum Schweigen. Die Mädchen im Kleidermagazin gaben ihnen an jedem Freitag die schönsten Blusen, und wenn sie morgens zum Steinhruch auszogen, beladen mit Hämmem und scharfen Meißeln, so geschah das unter hellem Sang aus voller Kehle, als wenn das ganze Werk nur durch ihre Arbeit vollbracht würde. Die Arbeit im Steinhruch war das Ideal jedes Jungen im Lager. Jeder verlangte danach, dort zu arbeiten, wenn nicht für ständig, so doch wenigstens einen Tag, um zu sehen, wie es da ztiging, um mit eigenen Augen in das Geheimnis einzudringen, das dem Steinhruch so viel Ruhm und Ehre einbrachte. .Aber für den, der nicht von Anfang an im Steinhruch gearbeitet hatte, war es nicht leicht, in diese ,Arbeit hineinzukommen. Hätten sie nicht gefürchtet, daß es mit ihnen ein Ende nehmen könne wie mit Abraham, dem ״Chaluz“, so hätten sie vielleicht alle vom Arbeits- Verteiler verlangt, daß er sie in den Steinbruch schicken sollte. Dies aber geschah Abraham, dem ״Chaluz“, der einmal kosten wollte, wie es im Steinbruch sei und in der Versammlung aufstand und verlangte, daß man ihn in die Arbeit dort einstelle. Mit den Arbeitern im Steinbruch hatte er nicht vorher gesprochen. Ein grüner Chaluz! Im Steinhruch will er arbeiten und spricht nicht vor allem erst einmal mit den Steinhauern! Was aber taten die? Als Abraham am Morgen trunken vor Begeisterung in den Steinhruch kam, setzten sie ihn neben ein Loch, das sie mit Steinstaub und Wasser gefüllt hatten, steckten einen schadhaften Meißel hinein und befahlen ihm, den Meißel lestzuhalten. Einer vom Steinhruch stand da und schlug mit dem großen Hammer darauf, bis das Kalkwasser im Loch in Abrahams Gesicht und in seine Augen spritzte und Kleider und Gesicht beschmutzte, so daß er wie ein tönernes Standbild aussah. Dann schickten sie ihn ins Lager um ein Gefäß mit Wasser. Er ging. Nach einer Stunde kehrte er mit dem Wasserkrug aut dem Kopfe zurück. ״Hier ist das Wasser, wer möchte trinken“, rief er in seiner Einfalt. ״Niemand will trinken! Wasch dir dein Gesicht, damit die Menschen nicht vor dir erschrecken und geh wieder zurück zur Kiesarbeit, Dummkopf, der du bist...“ Im Lager waren alle Steinhauer gleich. Jeder, der im Steinhruch arbeitete, welcher Art seine Arbeit auch sein mochte, galt für einen Steinhauer. Nicht so im Steinbruch selbst. Im Steinbruch gab es wieder Abstufungen» Die Arbeiter, welche die leichte Erde des Berges abschaufelten, um den Felsen bloßzulegen, die ״Schürfer“ in der Sprache des Sleinbruchs, galten überhaupt nichts. Selbst Mädchen taten diese Arbeit. ״Was, das sollen Steinhauer sein? Wenn d i e Steine brechen, so pflügt auch die Fliege, die beim Pflügen auf der Nase des Ochsen sitzt..Note, ״der Starke“, der die großen Steine zu Chausseesteinen zerschlug, wurde nicht als ein wirklicher Steinhauer angesehen, obgleich seine Arbeit die schwerste von allen Arbeiten beim Chausseebau war, denn er arbeitete mit der ״dicken Berta“, dem schweren Hammer, den kein anderer öfter als einige Male am Tage heben konnte, ohne Herzstiche zu bekommen. ״Das soll Sleinbrechen sein? Auch ein kräftiges Maultier könnte so etwas tun. Nur Kraft braucht man für so eine Arbeit, nichts mehr.“ Note aber wandte ein, daß auch seine Arbeit Geschick und Verständnis verlange und nicht nur Kraft, denn man müsse bei jedem Stein ״den Punkt“ herausfinden, bevor man ihn zerschlüge, und den Hammer gerade auf diesen Punkt richten. ״Wenn du nicht den ,Punkt‘ des Steins findest, wird es dir nicht gelingen, ihn zu zer• schlagen, selbst wenn du die Kraft von Jossel Golem hättest. Die Hauptsache ist der ,Punkt‘, mein Freund!“ —־ Aber dieser Einwand bewirkte nur, daß man ihn im Steinbruch ״Note mit dem Punkt“ statt ״Note, den Starken“ nannte, aber zur Stufe eines wirklichen Steinhauers drang er nicht vor. Die wahren Steinhauer waren die Lochbohrer, jene, die den Rhythmus im Steinhruch schufen, der sich verbreitete und das ganze Tal und die Höhen des Karmelgebirges als wunderbares Lied durchzog, sie waren die echten Steinhauer, sie, die Lochbohrer, machten den Sleinbruch zu einer Stätte der Ehre und des Ruhms. (Fortsetzung folgt.)