Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 36 (5.5.1936)
- Date
- 1936-05-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653957--28729-2690224- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 36, 5. V. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Der Entdecker des Unbewußten Zn Sigmund Freuds 80. Geburtstag Einer der merkwürdigsten und umstrittensten Männer unseres Zeitalters, Sigmund Freud, begeht am 6. Mai seinen 80. Geburtstag. Dies ist ein Anlaß, einen Blick auf das Werk dieses Suchers nach Wahrheit zu werfen, der seine Epoche auf das nachhaltigste beeinflußt hat. Seitdem Freuds Werk vor der Öffentlichkeit liegt, ist es heiß umkämpft — und heute vielleicht noch mehr als vor 40 Jahren. Dennoch sind manche seiner fundamentalen Entdecktingen aus der psychologischen wie der medizinischen Wissen- Schaft unserer Zeit nicht wegzudenken, mag man zu ihnen positiv oder negativ stehen. Aufgabe dieser Betrachtung kann es nicht sein, in Kürze (unter Ausschaltung der medizinischen Fragen) die geisteswissenschaftliche Stellung und Bedeutung Freuds und seiner Lehre darzustellen. Die Psychoanalyse stammt aus einem medizinischen Sondergebiet: der Psychiatrie. An Neurotikern wurden Beweise für die Wirksamkeit starker unterbewußter Regungen Koto: Associated Press, Berlin sowie für die Existenz jener besonderen seelischen Verhaltungsweise gefunden, die Freud ״Verdrängung“ nannte. Von hier aus entwickelte sich die Theorie über die pansexualistische Auffassung und den Oedipus-Komplex hinweg immer stärker aus dem rein Medizinischen heraus zu einer allgemeine Bedeutung beanspruchenden Lehre, die sich mit der ״Psychopathologie des Alltagslebens“ (1901) wie auch schließlich mit den Fragen der Kultur und Religion befaßte und von völlig neuen Gesichtspunkten aus ihre Entstehung und Bedeutung für die Gegenwart zu erklären versuchte. Besonders in den Büchern ״Totem und Tabu“, ״Die Zukunft einer Illusion“ und ״Das Unbehagen in der Kultur“ hat Freud seine Haltung zu den geistigen Fragen unserer Zeit präzisiert, wobei er viel Anerkennung und nicht geringen Widerspruch fand. Für uns erhebt sich als wichtigste Frage diese: wie kommt es, daß die ursprünglich ganz speziellen Untersuchungen eines Mediziners einen solchen bedeutenden Einfluß auf die Geist es Wissenschaften zu erringen vermochten? Atan versteht es, wenn man Freud geistesgeschichtlieh richtig cinzuordnen vermag. Nachdem die europäische Menschheit seit dem 15. Jahrhundert darum gerungen hatte, die Welt aus dem Geist zu erklären, eine Entwicklung, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt in Hegel gefunden hatte, machte die zweite Hälfte jenes Säkulums eine entschiedene Kehrtschwenkung. Völlig veränderte soziale Bedingungen, ungeheure technische Umwälzungen, die politische Neuaufteilung der Welt: all dies gab dem 19. Jahrhundert in seiner letzten Hälfte das Gepräge einer verwandelten Zeit. Ein neues Lebensgefühl durchströmte die Mensehen, die Kontemplation und der Humanismus wichen dem ungestümen, kämpferischen Vorwärtsdrängen einer neuen Kultursehnsucht und neuer sozialer Vorstellungen. Aus dieser Epoche kam mit innerer Notwendigkeit die Entdeckung des ökonomischen Faktors für das soziale Gefüge durch die neue Nationalökonomie, die Verkündung des vitalen Lebensgefühls durch Friedrich Nietzsche sowie die Erkenntnis Freuds von der Bedeutung des sexuellen Moments für das soziale Leben. In diese gleiche Reihe gehören ebenso die krassen Materialisten wie Darwin und Fläckel wie auch die intuitionsphilosophie Bergsons, Joels, Simmels und Heideggers. In diesen großen Zusammenhang gehört die Psyehoanalyse. Noch lastet die Wucht vier humanistischer Jahrhunderte auf der Welt; aber wir verspüren es fast täglich, wie Stück um Stück davon abbröckelt und sich neue Wertsetzungen ihren Weg bahnen. Was die Psychoanalyse in sogenannter praktischer Anwendung an guten Erfolgen oder auch an grotesken Verzerrungen zur Folge gehabt hat, fällt kaum ins Gewicht gegenüber der Tatsache, daß ihr Grundgedanke eben in der Reihe jener neuen Weltanschauungen steht und daß heute noch niemand zu sagen vermag, welche Bedeutung er für das Leben künftiger Generationen haben wird — genau so wenig, wie man schon jetzt zu sagen vermöchte, welche Stellung Nietzsches Philosophie einmal einnehmen wird. Daß Freuds J(Psychoanalyse“ eine ״analytische“, d. i. auflösende Wirkung im Bereich des Seelischen hatte und hierdurch Ansätze zu ablehnender Kritik bot, gehört gleichfalls zur Charakteristik dieses Zeitalters. ״ Freud ist der En tdecker des U mb ewußte n. Nach aner langen Zeit, in der man nur ״Ich“ zu sagen wußte, m einer Zeit, in der man bereits begann, ״Wir“ sagen zu lernen, verkündete er das ״Es“, jenen Gedanken, daß der Mensch in seinem Denken und Handeln eigentlich nie frei ist, sondern daß unbewußte Bindungen und Zusammenhänge bestehen, die viel stärker sind, als man vor Freud gemeinhin anzunehmen pflegte. Für uns Juden ist diese Erkenntnis des Unbewußten von besonderer Bedeutung. Die Fmanzipationszeit ist dadurch charakterisiert, daß sie auf rationale und dogmatische Weise versuchte, geschichtliche Verkniipfungen einfach zu leugnen, um dadurch unbeschwerter den An- Schluß an eine neue Kultur zu finden. Unsere Zeit beginnt erst wieder allmählich zu begreifen, daß der rationale Weg m eine Kultur ohne Erfolg bleiben muß, wenn nicht auch zugleich die in uns aufgeschichteten seelischen Kräfte zu dem Recht gelangen, das ihnen gebührt. Insbesondere unser zionistisches Bewußtsein, dies Gefühl, einet ununterbrochenen Kette jüdischer Volksexistenz anzugehören, wird viel stärker als von bewußten geschichtlichen Erwägungen von den jüdischen Kräften unseres Unterbewußtseins gespeist, die allein der Urgrund all des Idealismus sind, den die Menschen der zionistischen Bewegung zu aktualisieren vermochten. (Dies ist freilich nicht mehr der Freudsche Begriff des Unbewußten, sondern dessen Fortbildung, die aber ohne die Arbeit Freuds nicht denkbar gewiesen wäre.) Eine in zu engen Denkkategorien befangene Zeit — sie ist noch gar nicht ange her — lehnte die Idee des Unbewußten mit der Ueberlegenheit des Realisten ab, dem nur der Augenschein gilt und der kan Organ für die^ feineren Zusammenhänge dieser Welt hat Die Erkenntnisse Freuds und der arideren schöpferischen Menschen seiner Generation haben das Leben gewiß nicht einfacher, sondern komplizierter gemacht. Aber sie haben mit der Kompliziertheit uns doch zugleich das Bewußtsein einer Verfeinerung gegenüber dem platten Rationalismus einer früheren Epoche gebracht, die ihrer selbst so sicher war, daß sie auf geschichtliche Bindungen verzichten zu können glaubte, wes ist die Lehre, die wir aus Freuds Entdeckung des Unbewußten zu ziehen haben. Dabei ist Freud selber bei den Schlußfolgerungen aus seiner Theorie der Gefahr des Rationalismus, aessen Kind er schließlich ist, nicht entgangen. Be- ״achtet man seine Auffassungen über das Wesen der Reli- Devisensperre in Polen Von unserem Korrespondenten s. Warschau, 2. Mai Die Ereignisse in Palästina haben in Polen einen starken Widerhall gefunden. Der Großteil der polnisehen Judenheit ist mit unzähligen Familienbanden mit Ercz Israel verbunden, daß dies allein schon das Interesse, das die Unruhen hier hervorgerufen haben, erklärt. Die Reaktion war ruhig und besonnen. Man horcht auf, verfolgt die Ereignisse mit großer Spannung, man ist sich aber nicht des Unterschiedes klar zwischen den antijüdischen Ausschreitungen hier und in Palästina. Leider ist infolge der am 27. April plötzlich eingeführten Devisensperre der Zustrom von Kapital nach Palästina aufgehalten worden. Diese Verordnung hat unter der jüdisehen Bevölkerung — wie auch der nichtjüdischen — eine gewisse Unruhe hervorgerufen. Man ist desorientiert und mißtrauisch. Die Regierung hat bis zur Stunde die Frage der Devisenbeschaffung für Kapitalistenauswanderer nach Palästina noch nicht geregelt. Es wird die Hoffnung ausgesprochen, daß der Palästina-Emigration keine Hindernisse bereitet werden. Immerhin bleiben genaue Verordnungen diesbezüglich abzuwarten. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß die letzten Finanzmaßnahmen der Regierung die Juden als die im Wirtschaftsleben stark Beteiligten hart getroffen haben. Die 1.-Mai-Feier ist im ganzen Lande ziemlich ruhig verlaufen. Die Juden befürchteten, daß eventuell Zusammenstoße zwischen Arbeiterparteien und Nationaldemokraten, wie gewöhnlich, jüdische Opfer verursachen werden. Es fehlte nicht an Provokationen seitens der Nationaldemokraten. Aber, abgesehen von kleinen Zwischenfällen in Warschau und Lodz, kam es nirgends zu Ruhestörungen. Die Behörden haben mancherorts, wie in Warschau, gemeinsame Demonstrationen der polnischen und jüdischen Arbeiter verboten. Im ganzen Lande haben Soiidaritätskundgebungen stattgefunden und es wurde überall gegen den Antisemitismus manifestiert. Die Frage der Auswanderung Warschau, 29. April. (JTA.) Der Devisen ausschuß, der die Kontrolle über die neu eingeführte Devisenbcwirtschaftung in Polen ausiibt, hat seine Tätigkeit begönnen. Er verspricht grundsätzlich eine liberale Behandlung des gesamten Zahlungsverkehrs von und nach dem Auslände, der auf Warengeschäften beruht. Er hat aber auch bereits die ersten Erlaubnisse für Auswanderer, die Devisen mitnehmen wollen, erteilt. Dabei handelte es sich um Auswanderer nach Südamcrik a, die ein gewisses Vorzeigcgeld in nichtpolnischer Valuta bei ihrer Landung vorweisen müssen. Auf Veranlassung des staatlichen Auswanderungsamtes hat der Devisenausschuß für diese Auswanderer, die bei Erlaß der Verordnung über die Devisenbewirtschaftung bereits alle Vorbereitungen für ihre Abfahrt getroffen hatten, die Erlaubnis zur Mitnahme von Geldmitteln gegeben. Auf der Sitzung des DevDenatisscliusses wurde auch die Frage der Kapttalistcnaus Wanderung n ach Palästina zur Sprache gebracht. Line Entscheidung des De- Visenausschusses über dieses Problem ist bisher noch nicht bekannt geworden. Wie cs heißt, soll sie aber positiv ausfallcn. In diesem Zusanimcnhangc ist darauf hinzuweisen, daß die Devisenbewirtschaltimg sich vor allem die Unterbindung weiterer Kapitalflucht ins Ausland zum Ziele gesetzt hat. gion, so sieht man, wie eng er Anschauungen verhaftet ist, die vor und in seiner Zeit gültig waren, für deren Ueber- Windung es aber bereits so viele Ansätze gab, daß ein Mann wie Freud ihnen nicht hätte verfallen zu brauchen. Bereits anläßlich des Erscheinens seines Buches ״Die Zukunft einer Illusion“ hat Adolf Böhm in der ״Jüdischen Rundschau“ vom 21. 9. 1928 Freuds Religionsansichten einer eingehenden Kritik unterzogen und gezeigt, daß Freud das Wesen der Religion nicht tiet genug sieht und daß seine Argumente längst veraltet und widerlegt sind, weil sie bis auf die Enzyklopädisten zurückgehen. Zusammenfassend kommt Böhm zu dem Urteil: ״Seine psychoanalytische Methode hat im Bereich des Genetischen und Psychologischen große Resultate gezeitigt. Will er sie nun aber auch auf Wesen und Wert der Religion anwenden, so ist sie ein untaugliches Mittel dazu.“ An sich sind die zum Teil merkwürdigen Schlußfolgerungen Freuds eine in sich logische Angelegenheit. Der primitive Mensch, das Kind und der Neurotiker stehen für ihn auf einer Ebene. Er vergleicht die Denkweise dieser so heterogenen Gruppen — ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt — und zieht dann aus dem Resultat der Ucbereinstimmung vieler Ansichten und Handlungen den Schluß, daß Religion bei allen Menschen eine ״Denkhemmung“ sei. Dieser Schluß vom Kranken auf den Gesunden ist überhaupt typisch für Freud, und hier liegt die eigentliche Schwierigkeit, über die die Geisteswissenschaft nicht hinwegkann. Der Versuch Freuds, die Religion der primitiven Urvölker aus dem Oedipus- Komplex, aus Zwangsvorstellungen und Geistesstörungen zu erklären, ist von der Ethnologie als in seinen Voraussetzungen unhaltbar nachgewiesen worden. Was bedeutet uns Freud als Jude? Es gibt in seinen Schriften nur vereinzelte Hinweise auf seine Stellung zum Judentum, die weniger ablehnend ist, als man vielleicht nach seiner Theorie erwarten könnte. So schrieb er einmal in einer autobiographischen Aufzeichnung: ״Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß der erste Vertreter der Psychoanalyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit, das Schicksal der Vereinsamung in der Opposition auf sich zu nehmen: ein Schicksal, das dem Juden vertrauter ist als einem anderen.“ Jedenfalls ist festzuhalten, daß Freud nicht den sehr häufig begangenen Weg seiner Generation: den Weg der Taufe beschritten hat, sondern daß er Jude geblieben ist. Zwar hat er als ein dem liberalen Zeitalter zugehöriger Mensch keine innere Beziehung zu den jüdischen Bestrebungen eines nationalen Aufbaus, aber er hat Interesse an den Palästinafragen bekundet und ist insbesondere durch die Wahl in das Kuratorium der Hebräischen Universität in Jerusalem zur geistigen Wiedergeburt des jüdischen Volkes in eine gewisse Nähe gerückt. Es sei daran erinnert, daß Baifour bei seiner Rede zur Einweihung der Universitat Jerusalem den Namen Freud als eines der größten Forscher des Jahrhunderts nannte. Wir verbinden mit unseren Geburtstagswünschen für den 80jährigen Freud den Wunsch, daß die jüdischen Forscher der Welt ihre Kräfte auch auf die Sache des Judentums richten mögen, daß sie aus dem Mutterboden ihres Volkstums neu emporwachsen und Leistungen vollbringen, die nicht nur wertvoll für die Welt sind, sondem auch das Zeichen ihrer jüdischen Herkunft tragen. Dr. Gerhardt Neu mann * Zu Freuds 80. Geburtstag gibt das Wilnaer Jüdische Wissenschaftliche Institut die ״Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ in jiddischer Uebersetzung von Dr. Max W e i n r e i c h heraus. Dieses Werk ist ebenso wie ״Totem und Tabu“ bereits in hebräischer Ausgabe vorhanden. Zu den hebräischen Publikationen seiner Arbeiten hat Freud besondere Vorreden geschrieben, in denen er sich auch über sein Verhältnis zum Judentum äußert. Er habe sich zu seiner jüdischen Herkunft stets stolz bekannt, und so völlig er auch der jüdischen wie jeder Religion entfremdet sei, so habe die Tatsache des Erscheinens seiner Arbeiten gerade in hebräischer Sprache, von der er ״zu meinem Bedauern“ so wenig gelernt habe, doch einen eigenen Reiz für ihn, und vielleicht werde ״der Geist des neuen Judentums“ seinen Bemühungen Verständnis entgegenbringen. Wenn man nach alledem frage, was an ihm noch jüdisch sei, so könne Freud darauf schwerlich eine Antwort geben, aber es sei ״wahrscheinlich die Hauptsache“. Der Bericht der Rechtsanwaltskammer Berlin für das Jahr 1935 teilt u. a. mit, daß Ende Dezember 1935 3007 Mitglieder der Anwaltskammer vorhanden waren, darunter 1036 Nichtarier, d. h. 34,4 Prozent; Ende 1933 hatten die Nichtarier, deren Zahl damals 1152 betrug, von der Gesamtzahl der Anwälte (2880; noch 40 Prozent ausgemacht. Das Council for German Jewry gibt bekannt, daß sich das Ergebnis seiner Sammlungen in England nunmehr auf 504 730 Pfund beläuft Die Lage der Juden in Oesterreich Von unserem Berichterstatter J.R., Wien, 29. April Es wurde an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, daß gewisse katholische Kreise hier in letzter Zeit eine besonders rege Tätigkeit in der Aufrollung der österreichisehen Judenfragc entfalten. In den letzten Tagen fand in der Volkshalle des Wiener Rathauses eine Kundgebung der christlichen Volksvereine Wiens statt, in der Bürgermeister Schmitz sowie der ehemalige Unterrichtsminister Dr. C z e r m a k Reden hielten. Dieser beschäftigte sich eingehend mit der Judenfrage. Der Redner wandte sich gegen die Aufregung, die die Behandlung der Judenfrage in christlichen Versammlungen bei den Juden ausgelöst hat. Die Judenfrage solle frei von Haß und Leidenschaft in aller Ruhe diskutiert werden. ״Wir wollen“, sagte Dr. Czermak, ״den Juden in jüdischen Angelegenheiten mehr Rechte und Autonomie einräumer., als sie sie jetzt haben.“ Die offizielle Führung der Judenschaft Oesterreichs hat zunächst den Weg der Apologetik betreten, indem sie eine Denkschrift über die Lage der Juden in Oesterreich zu verfassen beschloß. Diesen Beschluß haben die Delegierten der in der ״Arbeitsgemeinschaft der israelitischen Kultusgerneinden des Bundesstaates Oesterreich“ vereinigten Gemeinden bei ihrer am 26. April unter Vorsitz des Präsidenten der Wiener Kultusgcmeinde, Staatsrat Dr. Friedmann, stattgefundenen Tagung gefaßt. Bei dieser Tagung waren sämtliche angeschlossene Gemeinden vertreten, die nach Erörterung der gemeinsamen Angelegenheiten im Hinblick auf die ernste Lage der österreichisehen Judenschaft und auf die gegen sie von den verschiedensten Seiten unternommenen Angriffe beschlossen, eine Denkschrift über die Lage der Juden in Oesterreich zu verfassen und der österreichischen Bundesregierung zu unterbreiten. Daß nicht alle katholischen Kreise in Oesterreich die erwähnte Stellungnahme zur Judenfragc billigen, vielmehr eine klare und eindeutige Stellungnahme gegen den Antisemitismus einnehmen, zeigt die dieser Tage erschiencne Wiener katholische Zeitschrift ״Der Christ• liehe Ständestaat“, deren Ausgabe vom 26. April sich mit der Judenfrage auscin;indersetzt. Insbesondere beschattigen sich auch einige Artikel wie ־!״' a 1 s c h e Antithese n“ von Univ.-Prof. Dr. Dietrich von H i 1 d e b r a n d sowie ״U n o r d n u n g in der J u d c n t r a g e“ von Dr, Otto Maria Karn f c n mit dem bekannten Vortrage des Jesuitenpaters Biehlmair, dessen Auffassungen hier eine entschiedene Zurückweisung erfahren. In seinem besonders bemerkenswerten Aufsatz ״Falsche Antithesen“ wendet sich der Autor gegen tiie Antithese ״christlich-deutsch und jüdisch“. Es müsse als tief bedauerlich bezeichnet werden, daß ein so verdienter Matin wie Pater Biehlmair den Vortrag ״Der Jude und der Christ“ hielt. Der Autor analysiert die Vorwürfe, die gegen die Juden in Oesterreich erhoben werden, den ״zersetzenden Geist“ und die ״Entwurzelung“ der Juden und stellt, ohne die Berechtigung dieser Vorwürfe untersuchen zu wollen, fest, daß viele der kritisierten jüdischen Erscheinungen nicht nur bei den Juden Vorkommen, daß der Grund dafür, daß sie bei den Juden häufig sind, sicher auch m der Behandlung zu suchen ist, die ihnen jahrhundertelang zuteil wurde, und daß dem Großteil der österreichischen Antisemiten im Grunde weniger an der Bekämpfung dieser wirklichen Fehler als an der Ausschaltung einer Konkurrenz liege. __ Vorbereitung der Auswandererfürsorge * Konferenz Genf, 30. April. (JTA.) Der Völkerbundsoberkommissar für Auswandcrerungsfürsorge, General Sir Neill Malcolm, wird sich demnächst in Begleitung eines Beamten des Völkerbundes in eine Anzahl europäischer Länder begeben, um mit den Regierungen über die Vorbereitungen der für den 2. Juli cm berufenen Regierungskonterenz für Auswandererfürsorge zu verhandeln. Der Oberkommissar wird diese Gelegenheit wahrnchmen, «in auch mit verschiedenen privaten Hilfsorganisationen der betreffenden Länder in Verbindung zu treten. Voraussichtlich wird er Holland, Belgien, Frankreich, die Schweiz, Italien, die Tschechoslowakei und Polen besuchen. Der Vertreter der Jewish Agency beim Völkerbund hat dem ägyptischen Gesandten in der Schweiz anläßlich des Ablebens König F u a d s von Aegypten das Beileid der Jewish Agency zum Ausdruck gebracht 1