Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 35 (1.5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU ־ Nr. 35, 1. V. 1936 die Dörfer zu erfassen droht, die zentrale Frage des Moments. Vergleich mit 1929 In dem an Unruhe gewöhnten Palästina liegen die Vergleiche mit früheren Ausbrüchen dieser Art insbesondere mit dem von 1929 nahe, und sie werden auch bereits gezogen. Jedoch liegt die Situation heute in vieler Beziehung־ anders ais vor sieben Jahren. Zuerst und vor allem; der Jischuw ist in dieser Zeit an Zahl, Gewicht und Kraft ganz gewaltig gewachsen. Dieses Wachstum hat sich in der Selbstsicher 11 eit der Juden während der Jaffa-Ausbrüche geradezu auffallend dokumentiert. Fs gab wohl eine schwere Nervosität, es gab Aufregung, Verzweifhing, aber es gab keine Panik. Man war seiner Sache absolut sicher. Dieses Wachstum des Jischuw hat andererseits dazu geführt, daß die jüdische Leitung es mit zum Teil bunt zusammengewürfelten Massen zu tun hat, die sehr viel schwerer zu kontrollieren sind als die kleinere ludcnsctiaft des Jahres 1929. Auch die arabische!Masse hat sich seit jener Zeit geändert. Die unablässige antijüdische nationalistische Propaganda hat heute alle, aber auch alle Kreise der Araber erfaßt, insbesondere die J u - gen d vollkommen durchtränkt, und es ist charakteristisch, daß der sporadische Ausbruch in Jaffa von dem Mob der Straße, zugleich aber auch von den Scouts und Jugcndverbänden getragen wurde. Fs ist sehr fraglich, ob die arabischen Parteiführer und Nofabeln, selbst wenn sie cs dringend gewollt hätten, imstande gewesen wären, diesen piötzfichen Ausbruch nationalen Hasses, der eine Folge der Er- Ziehung von Jahren ist, erfolgreich aufzuhalten. Der dritte bestimmende Faktor in der Entwicklung der Ereignisse, die englische Regierung, ist ebenfalls heute in einer anderen und sehr viel besseren Situation als im Jahre 1029. Der High (.'ommissioner ist im Lande und nicht aut Urlaub, im Lande ist genügend Militär, alle hohen Beamten der Polizei und des Zivihlienstes sind auf ihrem Posten, die Regierung hat gelingend Hilfsmittel in der Hand, um jede I hiliotmaliigkcit zu unterdrücken und sie fiat für die Aufklärung der Massen und fnr die Warnung der Bevülkerung das Radio zur Verfügung. In dieser Situation und mit diesen Hilfsmitteln muß eine baldige Liquidierung der Unruhen möglich sein. Arbeitsaufnahme In Tel-Awlw npm Heute ist der erste Tag in dieser Woehe, der für die Einwohner der Mailt nicht mit einem Begräbnis der Opfer des Vortages begann. Tage hintereinander war die traurige Prozession vom städtischen Krankenhaus zum alten Fried־ hot und die Be.-tattung der Leichen in gemeinsamen Gräbern das erste Werk der erregten und trauernden Stadt gewesen. Gestern waren keine neuen Opfer gefallen, auch niemand seinen Verwundungen erlegen. Der heutige Morgen brachte damit die erste wirkliche R u h e p a u s e. In Tel-Awiw fiingt die Arbeit an, wieder in normalen Bahnen zu laufen. Auf den Kauten, in den Werkstätten, in den Fabriken nimmt die Tätigkeit wieder ihren vollen Umfang an. Eine Ausnahme machen verschiedene Unternehmungen, die an der Jaffaer Grenze liegen und noch nicht belegt werden können. Aller es werden alle Anstrengungen gemacht, um auch liier bald wieder zu beginnen. An allen Stellen übt die Polizei und das Militär eine genaue Kontrolle aus, und alle Kräfte sind für diese Zwecke und für die Eskorten so in Anspruch genommen, daß immer noch der normale Ordnungsdienst, die Verkehrsregelung usw. von freiwilligen Ordnern besorgt wird, die an einer weißen Armbinde kenntlich sind und sich gegenüber dem Publikum gut durchsetzen. Abgesehen von dieser Aenderung ist das Straßenbild immer von den außenlicgcndcn Grenzvierteln im Süden abgesehen — bereits vollkommen normal. Auffällig sind nur die Straßen und Gebäude, in denen sich die Flüchtlinge gesammelt haben, die eher mehr als weniger werden, da sieh die Leute in die gefährdeten Zonen noch nicht zurückgetrauen. Die Versorgung dieser Tausende, ihre Verpflegung, ihre Versorgung mit Decken und den notwendigsten Kleidern -- denn viele sind davongelaufen, ohne etwas mitnehmen zu können - , die sanitäre Üeberwachung, die Isolierung Kranker aus den dichtgedrängten Massenquartieren — ali das stellt umfangreiche Aufgaben an die Munizipalität und die Sozialfürsorge. Es ist eine Aktion für die Aufbringung der notigen Mittel von der Munizipalität beschlossen worden. Das Verkehrtproblem Die Isolierung Tcl-Awiws, die in den ersten Tagen der Woche fast nach allen Seifen außer nach dem Scharon bestand, weicht langsam, und der Verkehr nach den verschiedenen Richtungen wird wieder aufgenommen. Die Verbindung nach Jerusalem in Kleinautos ist noch verschwindend gering, dagegen läuft pro Tag eine beschränkte Zahl von Autobussen, die zu je drei zusammen fahren und gelegentlich auch Polizeieskorten umfuhren. Man fährt bereits wieder durch die arabische Stadt Ramleh. Nach den südlichen Siedlungen, also bis Beer Tuwiah, wird <kr Verkehr ebenfalls aufreehterhalten. Schwieriger liegen die Verbindungen mit Haifa, die zu einem Teil durch arabisches und sehr turbulentes Gebiet fuhren. Ls sind wohl auch in dieser Riehtung Versuche gemacht worden, aber sie sind mit großen Schwierigkeiten und Gefahren verbunden, und wer dringend fahren muß, benutzt die Eisenbahn, die mit Militareskorten gesichert ist. Die Frage der Wicdereinrctikurtg des Verkehrs ist nicht nur eine der Passagiere, sondern des Ware 1t fransports, Tcl-Awiw muß dafür sorgen, daß es genügend mit Lebensmitteln versorgt wird. Eine besondere Kornmission der Munizipalität beschäftigt sich mit dieser Frage. Es handelt sich bei der Versorgung der Stadt hauptsächlich um drei Probleme: Tel-Awiw ist durch die letzten Ereignisse von seinem Hafen abgeschnitten, und damit ist die normale Abwicklung des Imports unterbrochen. Die Behörden haben aut Ersuchen der Handelskammer dafür gesorgt, daß leicht verderbliche Waren in Tel-Awiw verzollt werden können, aber damit ist nur eine Teilfrage gelöst. Weiterhin bestellt durch den Ausfall der in Tel-Awiw sonst konsumierten Lebensmittel vom arabischen Markte eine gewisse Knappheit. Diese könnte jedoch durch stärkere Belieferung von den jüdischen Siedlungen ־zu einem gewissen Grade ausgeglichen werden, wenn die vollen Transportmöglichkeiten beständen. Es ist jedoch vielfach für die Lastautobusse, die diese Transporte vermitteln, militärische Eskorte notwendig, und in bestimmten Fällen sind überhaupt die Wege nicht sicher. Nimmt man noch dazu, daß ein Teil der für Tel-Awiw bestimmten Waren in den Magazinen von Jaffa lagert und es besonderer Anstrengungen bedarf, um sie von dort heranzuschaffen, so sieht man die im Zusammenhang mit der Versorgung der Stadt verbundenen Aufgaben. Es hat sich jedoch nach Untersuchung der Verhältnisse herausgestellt, daß die Vorräte in der Stadt selbst groß genug sind, und der Verkehr hat sich in den letzten zwei Tagen auch gehoben. Es besteht also bisher keine Furcht vor irgendeiner Knappheit. Peinlich ist jedoch, daß verschiedentlich die Händler die Situation benutzen, um die Preise heraufzutreiben, auch wo gar keine objektiven Gründe dafür bestehen. Die Der Mittelstandssiedler auf dem Lande Die Aufmerksamkeit, die dem sich meist in den Städten abspielenden Leben und dem Schicksal der Einwanderer in den Städten :!!gewandt wird, verhindert häufig eine entsprechende Beachtung der überaus wichtigen Einwanderergruppen, die sich auf dein Land e niedergelassen haben. Das kommt daher, weil in der Stadl mehr ״Ereignisse" za melden sind, während, das Leben auf dem Lande in gleichförmiger Entwicklung verläuft. Wir sind uns aber bewußt, daß gerade die Siedler auf dem Lande für das Jüdische Nationalheim den größten Wert darstellen, ln der ״Jüdischen Rundschau“ wurde bereits mehrmals geschildert, wie sich die aus dem Milteistand kommenden Einwanderer in das Landleben ein fügen und welche Sorgen sie zu tragen haben. Neben die Fragen der persönlichen und beruflichen Um- Stellung treten noch die Schwierigkeiten der Wirtschaft, die erst erprobt werden muß. Wir geben nachstehend aus zwei uns zur Verfügung gestellten Privalbriefen eines aus Deutschland stammenden Zionisten, der jetzt in Pardess Charta bei Chvdera angesiedvll ist, einige besonders interessante Teile wieder, die zeigen, welche Erfahrungen ein Mittelstandssiedler im Verlaufe der letzten drei Jahre gemacht hat. Wir haben absichtlich den Charakter der (ur• sprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmten) Privatbriefe unverändert gelassen, aber wir glauben, daß diese persönlich gehaltene Schilderung gerade der Allgemeinheit viel sagen wird. (Red.) ... Wenn man früh um 4 Uhr aufstehen muß, um bis 711m Abend durchzuarbeiten und möglicherweise abends dann Sitzungen unserer kooperativen Organisationen hat, so bleibt zum Schreiben von Briefen kaum Zeit, wenn nicht einmal ein Regentag dazu Gelegenheit gibt. ... Ich will mir stichwortartig andeuten, welche Probleme sicli für den ״umgeschiclitetc-fi“ Landwirt ergeben, der an dem Aufbau seiner Siedlung arbeitete. Wenn ich die Verhältnisse in Pardeß-Chanah zugrunde lege, so sei man eingedenk, daß hier mehr als 50 Familien aus Deutschland neu siedeln. Zu bedenken ist allerdings auch, daß es sieh um keine Sondersiedlting handelt, sondern daß wir i!n Anschluß an eine bestehende nach bestimmten Gesichtspunkten organisierte Moschawah siedelten. I. Das einfachste Problem, über das eigentlich immer am meisten gesprochen wird, ist das der Gewöhnung an die körperliche Arbeit. Fs ist zu konstatieren, daß in dieser Beziehung kaum einer der neuen Siedler versagt hat, die zum großen Teil erheblich älter sind als ich mit meinen 40 Jahren. Der Wille zur Arbeit ist entscheidend und das ist allen denen zu sagen, die in der Stadt sitzen, weil sie ״für körperliche Arbeit nicht geeignet sind“ oder weif ״ihre Frau zu schwach ist׳‘. Fs gibt nämlich für die empfundene Verpflichtung zur Umschichtung genau so gut Ausreden wie es sie gegenüber der Maasserpf'licht gibt (sogar genau so typische). II. Das wesentlichere Problem ist das der Wirtschaftsform. Die Gefahren der Monokultur sind naheliegend. Pardeß-Chanafi ist z. B. bei seiner Begründung auf der Pardcß- Wirtschaft (()rangen) aufgebaut worden. Obwohl sie in. E. auch heute noch der rentabelste Teil der Landwirtschaft ist, kann ein derartig einseitiger Aufbau wegen der Gefahren der Konjunktur nicht ertragen werden. Wir gehen also den Weg zur gern iscliten Wirtschaft durch Anschaffung von Vieh, Geflügel, I lin/unahme von Falchaboden. Das führt gleichzeitig zur Rationalisierung der Pardeß-Wirtschaft, z. B. durch Abfall des sonst teuer zu kaufenden Mists für die Düngung des Pardeß. Grundsatz, für den Bauern: alle Risiken der Land- Wirtschaft auf sich zu nehmen, um nicht an ei 11cm Risiko hängen zu Weihen. Hl. Hat man sich aber für die gemischte Wirtschaft entschieden, so wird die Frage der Arbeitskraft akut, zumal da, wo schon die ursprüngliche Monokultur eine volle Arbeitskraft in Anspruch nahm. Die Frage der Fremdarbeit, die nur in den seltensten Fällen rentabel ist, taucht auf. Die F.inrichfimg einer Wirtschaft, in der Rentabilität und Arbcitskraft im richtigen Verhältnis stehen, wird trotz aller Frfahrungen erst nach jahrelangen Versuchen gelingen; jeder Zweig muß immer wieder iiherprüft werden. IV. Sehr schnell wird sich ergeben, daß der mittelständkriselte Kleinsiedler trotz aller individuellen Neigungen in wesentlichen (iebie'eii zur kooperativen Arbeit übergehen muß. Das löst z. T. die Frage der Arbeitskraft (z. B. emeinsame Bearbeitung von Falcha und teilweise auch des ardeß durch Maschinen). Ganz, klar ist, daß Einkauf und Absatz kooperativ geregelt werden müssen. Auch die Er- Ziehung in der Landwirtschaft selbst und die Beschäftigung mit den akuten Problemen spielt hier eine Rolle. ... Wir sind brennend daran interessiert, auch andere Leute unserer Art zur Ansiedlung zu veranlassen. Wir sehen mit steter Sorge auf das Anwachsen von Tel-Awiw und das A b g e h e n von einer vernünftigen Proportion zwischen Stadt und Land. Dabei ist zu konstatieren, daß man auch persönlich auf dem Lande schneller in der Umgebung aufgeht als in der Stadt, in der man bei individueller Tätigkeit länger eine Sonderstellung behalten kann. Aber hier sind unsere täglichen Sorgen mit denen des Nachbarn identisch: heute die Wasservorsorgurig, morgen der Milchabsatz usw. — die Gegensätze gleichen sich schneller aus. ... Wir waren die ersten Siedler unserer Art und haben daher auch die meisten U e b e r g a n g s d u m m h e i t e n gemacht: zu großer Verbrauch in der Uebergangszeit, zu kostspieliger Hausbau. Heute wissen wir, daß man nicht zuerst das Haus, sondern den Kuh stall baut und in ihm wohnt, bis das Haus fertig ist, dadurch Miete spart und vor allem vorf Anfang an an Ort und Stelle ist; denn ein Stall kann in wenigen Wochen fertig sein. Jede Entfernung aber vom Ort der Siedlung muß schwer bezahlt werden, In einem anderen Brief wird der oben bereits angegebene U eher gang zur gemischten Wirtschaft Wie folgt dargestellt: Pardeß-Chanah war auf der Pardcss-Wirtschaft attfgebaut, und zwar auf Grand von Vorstellungen, die aus der Zeit des großen Verdienstes dieses Zweiges stammen. Bald sahen wir jedoch folgendes: Unser Sicdlungsnlan, der eine bestimmte Stimme bis zur Fruchtreife des Pardeß vorsah, von der man leben und den Pardeß unterhalten sollte, war falsch, weil a) die Summe, nur für den Pardeß, nicht aber für den Lebensunterhalt ansreicht, b) der Pardeß auch in den ersten Jahren nach der Frachtrate unter normalen Verhältnissen keinen Ueberschuß bringt. Dazu kamen die Erfahrungen der älteren Siedler, wonach im Pardeß mit Jahren der Konjunktur ebenso wie mit Jahren des Mißerfolges zu rechnen ist ■— wie Ln allen Zweigen der Landwirtschaft. Die Ergebnisse waren demgemäß: 1. unsere Reserven reichen nicht; 2. man muß eine frühere Verdienstmöglichkeit haben; 3. die Wirtschaft muß möglichst organisch aufgebaut sein. Beispiel: eine der Hauptausgaben im Pardeß ist der Mist; um hier zu sparen, muß man Vieh haben. Soll aber das Vieh rentabel sein, muß man einen erheblichen Teil des Futters selbst erzeugen, d. h. Falchaboden hinzunehmen. So kamen wir auf indirektem Wege zum Begriff, der gemischten Wirtschaft, der eigentlich von Anfang an fcststehen sollte. Bei mir sieht es zur Zeit folgendermaßen aus: Ich habe 1. '20 Dun am Pardeß, selbst gepflanzt, also jetzt im dritten Jahre, 2. 5 Dunani am Hause, davon 2 Dun am Obstbau me, im übrigen Gemüse und Orünfutter, wobei der Gemüsebau zugunsten des Futterbaus eingeschränkt wird, solange die Transportverhältnisse (Kwiscli Haifa-.Tel-Awiw!) die Rentabilität des Gemüsebaus in Frage stellen und wir nicht noch von der Pica anderen bewässerbareti Futterboden 'lE>ckommen. Das wird aber erst eintreten, wenn neues Wasser gefunden wird, zur Zeit haben wir erhebliche Wassersorgen. 3. Zusammen mit elf anderen Siedlern 400 Dunam Falchaboden zu kooperativer Bearbeitung, ־zunächst pachtweise, zu Chazir-Erzeugung. 4. 2 Kühe, die in der besten Zeit 50 Liter Milch täglich gaben, und ein Kalb. Der systematische Ausbau des Kuhstalls wird weiter betrieben, aber mit Vorsicht, da die Transportverhältnisse ebenfalls nur einen minimalen Nutzen gewährleisten. Wir bauen jetzt eine moderne Molkerei mit Kühlanlage, die uns über die Schwierigkeiten etwas hinweghelfen soll. Von der besten Kuh, einer Holländerin, die bei mir zum ersten Male geworfen hat und die nach dem zweiten oder dritten Kalb wohl auf 30—50 Liter täglich kommen wird, ziehe ich ein Kuhkalb auf, das jetzt acht Monate alt ist und ein Erfolg zu werden verspricht. 5. 80 Hühner und 400 Küken, sodaß ich am Ende des Jahres etwa 250 Hühner haben werden Da 20 Dunam Pardeß allein eine Arbeitskraft erfordern, mußte ich eine Bachurah ins Haus zur Hilfe nehmen; Frau und Kinder müssen tüchtig mithelfen. Ich muß jetzt vorsichtig die Wirtschaft so ausbauen, daß die Arbeitskraft der Bachurah sich rentiert, d.!1. noch eine oder zwei Kühe anschaffen. Glücklich, wer — wie mein Nachbar — bereits Munizipalität und die große Verkaufskooperative ״Tnuvah“ suchen dieser Tendenz durch Kontrolle und Publikationen entgegenzuwirken, aber nicht immer mit Erfolg. Ein besonderes, durch die Unruhen der Woche entständenes Problem, ist die faktische Sperrung aller Regiernngsämter fur Tel-Awiw. Alle Regierungsbehörden, das Bczirkskommissariat, Bezirksgericht, Zoll, Lizenzen, Bodeneintragung, sogar die große Post, die auch am Abend für Telegramme benutzbar ist, usw. usw, liegen in Jaffa. Schon immer haben die Tel-Awiwer, deren Stadt unterdessen die benachbarte Sciiwestcrstadt an Einwohnerzahl und Bedcutung weit überflügelt hat, gegen diese Anordnung protestiert und die Einrichtung von Regierungsämtern in Tel-Awiw verlangt, um viel Zeit, Fahrerei und Mühe zu . sparen. Bisher’ blieben alle diese Forderungen unberücksichtigt, und man fand sich wohl oder übel mit den Unbequemlichkeiten ab. Im!Moment, wo die Verbindungen mit Jaffa abbrachen und die Wege gesperrt sind, handelte es sich jedoch nicht mehr um Unbequemlichkeiten, sondern um Stockung wichtiger geschäftlicher Transaktionen. Von den verschiedensten Seiten, von der Handelskammer, dem Anwälteverband und verschiedenen anderen Institutionen werden dringende Memoranden an die Regierung gerichtet, sofort die nötigen Zweigs teilen in Tei-Awiw einzurichten lind damit die Stadt von Jaffa unabhängig zu machen. Die Presse und die nationalen Institutionen unterstützen diese Kampagne mit allen Kräften. Ein besonderes Problem, das ebenso dringend ist, wie die Verbindung mit den Regierungsstellen, ist die mit dem Jaffaer Hafen. Ein Schiff mit Einwanderern, das in diesen Tagen dort landen sollte, mußte nach Haifa weitergeführt werden. Für den Import ist die Freilegung der normalen Arbeiismöglichkcifcn im Hafen von entscheidender Wichtigkeit. Für den Fall, daß der arabische Streik andauert, werden besondere Maßnahmen getroffen werden müssen, um die Verbindung mit Tei-Awiw aufrecht zu erhalten. Es sind der Regierung verschiedene Vorschläge in dieser Be- Ziehung gemacht worden. Und über die momentane Regelung hinaus erhebt sich unter den Juden die Forderung, Tcl-Awiw einen eigenen Hafen zu geben. Uebcrhaupt taucht Im Zusammenhang mit der Sicherung der Verkehrswege mit aller Macht von neuem die Forderung auf, den jüdischen Jischuw so weit wie möglich selbsterhaltend zu gestalten und die wichtigsten Verbindungswege so durch jüdisches Gebiet zu legen, daß sie nicht streckenweise durch arabische und damit gefährdete Gegenden führen. So wird die direkte Verbindung zwischen Tel-Awiw und Haifa durch das jüdische Scharon gefordert, die Fertigstellung einer Zufahrtstraße, die Tel-Awiw, unter Umgehung von Jaffa, direkt von der großen Zufahrt- Chaussee zugänglich macht, verlangt usw. Diese Abschließungsversuche der jüdischen Siedlung, das Streben, sich immer mehr in geschlossenen, miteinander verbundenen Blocks zu konzentrieren, zeigt die Gespanntheit und Anormalität der gesamten Lage. Der arabische Streik Während die Situation in Tel-Awiw langsam wieder normal wird, nur hier und da immer wieder kleine Brände aufflammen, die in den sengenden Chamsintagen besonders quälend sind, hat sich die Atmosphäre in den übrigen Teilen des Landes gespannter gestaltet. Der Streik ist in fast allen Städten — mit Ausnahme von Tiberias und einigen kleineren Orten — im Gange, wenn auch nicht überall vollkommen, ln Jerusalem führen die arabischen Propagandisten, in der Hauptsache Jugendliche, jeden Morgen von neuem einen Kampf um die Schließung der Läden, und der von ihnen ausgeübte Druck hat in vielen Fällen Erfolg. In den Zentren der arabischen Propaganda, in den Städten mit rein arabischer Bevölkerung, wie Tul-Kerem, Nablus usw. wird die Streikparole willig befolgt, und hier müssen die Behörden besonders auf der Hut sein, um dauernd sich bildende Aufläufe und Demonstrationen zu verhindern. Bisher ist dies ohne ernsthafte Zwischenfälle gelungen. Zweimal täglich gibt das Radio offizielle Bekanntmachungen heraus, die die Ereignisse des Tages zusammenfassen. Außerdem werden auf diese Weise die Erklärungen des High Commissioners bekanntgegeben, der vor der Verbreitung von falschen Gerüchten warnen läßt und nachdrücklich darauf hinweist, «faß die Polizei den Befehl und die Befugnis hat, gegen jeden ungesetzlichen Akt strikt vorzugehen.