Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 35 (1.5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653956--28716-2690210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 35,1. MAI 1934 PAlASTINA-BlATT Die Woche der Unruhe Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. T e I ־ A w i w, 22. April 1936 1 _ .... In Te!־Awiw hat sich im Laufe des gestrigen Tages ■die sehr starke Nervosität vom Sonntag und Montag -merklich gelegt. Die Arbeit innerhalb der Stadt ist wieder ziemlich normal geworden; die freiwilligen Ordner, die den Dienst aut den Straßen übernommen haben, beginnen sich durchzusetzen. Das Straßenbild zeigte nicht mehr die überall sich bildenden wilden Mensch enknäuel. Nach und nach gelingt es auch, unter den Flüchtlingen, die aus Jaffa und seinen Grenzen sich in Tel-Awiw gesammelt haben, etwas Ordnung zu schaffen. Es sind augenblicklich gegen 45(X) Flüchtlinge in der Stadt, die notdürftig in öffentlichen Gebäuden untergeb:.tebt werden und mit Nahrung versorgt werden müssen. Dazu kommen noch gegen 2000, die privat untergekommen sind. Vof den Synagogen, den öffentlichen Gebäuden, auf dem Rothschild-Boulevard sieht man die großen Massen der Geflohenen, meistens Familien mit zahlreichen Kindern, vielfach völlig hilflos, völlig auf die Hilfe der Stadt angewiesen. Eine der Forderungen der jüdischen Ocffcntlichkcit an die Regierung ist, daß sie die Sorge für die Flüchtlinge übernehme. Ein anderes furchtbares Symbol der herrschenden Zustände sind die immer wieder an den Grenzen der Stadt aufsteigenden Rauchwolken. Seit zwei Tagen nehmen die Feuersbrünste, die an den Grenzen von Jaffa und Tel- Awiw aufflammcn, kein Ende. Arabische und jüdische Häuser und Baracken gehen in Flammen auf, die Feuerwehr ist dauernd in Alarm und gestern mußte bis spät in, den Abend hinein an den verschiedenen Brandstellen gearbeitet werden. Noch ist das Ausmaß der Brände nicht klar, aber man sieht bereits, daß ganze Häuserreihen niedcrgclcgt sina und schwerer Schaden angerichtet wurde. Die Unsicherheit Während innerhalb der Stadt Tel-Awiw die Arbeit anfängt, wieder in normale Bahnen zu kommen, ist es bis jetzt unmöglich gewesen, die Juden wieder an den Grenzen nach Jafta und in der Stadt selbst und im Hafen in Arbeit zu bringen. Die Situation ist noch zu unsicher. Damit erhebt sich für die Stadt die Frage der Versorgung mit Lebensm i 11 e 1 n. Bisher funktioniert diese in vollem Maße, denn abgesehen von den vorhandenen Vorräten haben die umliegenden jüdischen Siedlungen die Versorgung der Stadt mit Milch, Eiern, Gemüsen voll aufrechterhaltcn. Dagegen ist die Verbindung mit dem Hafen, die nur durch das arabische Jaffa möglich ist, bisher immer noch unmöglich, und die Handelskammer und die Munizipalität verhandeln mit der Regierung, um diese eminent wichtigen Fragen zu regeln, wenn nötig die Verbindung mit dem Hafen und seinen Aemtern durch Eskorten sicherzustellen. Für die verderblichen Güter, die aus den umliegenden Ländern kommen, ist eine provisorische Zollstation in Tel- Awiw eingerichtet worden, so daß man nicht aut Jalta angewiesen ist. Verbindung mit den Regierungsämtern, die sämtlich in Jaffa liegen, ist für den privaten Verkehr noch unmöglich und damit erfolgt eine starke Inhibierung des Geschäftslchens. Gestern sind die ersten Versuche gemacht worden, tim den Verkehr zwischen Tel-Awiw und Jerusalem wieder aufzunehmen. Es fahren jedesmal etliche Autobusse zusammen, die eine Eskorte mithaben. Die ersten Versuche dieser Art sind geglückt. Die arabische Stadt Ramleh, die auf dem Wege liegt, wird umfahren. Die Verbindung mit den Siedlungen im Süden bis Beer Tinviah funktioniert ebenso wieder wie die Verbindung mit der Eisenbahn über Ras el Ejn. Daß der Verkehr nach allen Richtungen durch das Herrsehende Gefühl der allgemeinen Unsicherheit auf ein Minilimin reduziert ist, braucht nicht erläutert zu werden. Die Tele phonverbindun gen funktionieren im ganzen Lande, jedoch ist die Ucherlastung, sowohl durch zivile wie durch Militärgespräche so stark, daß Verbindungen lange dauern. Die Postämter sind ebenfalls durch die Anträgen aus aller Welt und durch die Antworten aus Palästina in unvorstellbarer Weise überlastet. Die arabische Agitation Die Ausbrüche in Jaffa waren — im Gegensatz zu den Unruhen im Jahre 192*1 — allem Anschein nach eine spont a n e, nicht vorbereitete Explosion. Es fiel in den lang aufgehäuften Zündstoff ein Funke, der zu den grausigen Ereignissen des Sonntag und Montag führte. Was sich jetzt aber an diese Ereignisse a n s c h I i e IS t, ist eine organisierte, zentralisierte und wohlüberlegte Agitation, die aus dem Ausbruch der Masse in Jaffa eine ״politische Bewegung" macht und die Waffe des Generalstreiks dafür benutzt. Wir haben bisher noch keinen echten Generalstreik im Lande. Er wurde noch nicht von einer zentralen Stelle für eine bestimmte Zeit für das ganze Land proklamiert. Aber das hat die einzelnen Städte nicht gehindert, ihn bereits de facto zu beginnen. Es streiken Jaffa und Jerusalem, Haifa folgt heute, kleinere arabische Orte schließen sich an. Daß große Kreise der arabischer: Kaufmannschaft gegen dieses scharfe Mittel sind, unter dem sie am stärksten leiden werden, dürfte kaum genügen, um den Streik zu verhindern. Schon taucht auch an dieser und jener Stelle die gefährliche Losung auf, das syrische Vorbild ,nachziiahmen und den Streik ״bis zum Siege“ durclmiführm Es ist sehr fraglich, ob die arabische Oeffentlichkeit all« Kreise so in der Hand haben wird, daß sie eine:: Generalstreik auf lange Sicht wird durchführen können, insbesondere wenn die Regierung von vornherein eine klare Stellungzum Ausdruck bringt. In jedem Falle muß jedoch die Proklamierung des Streiks zwei schwere Folgen haben: die antijüdische Propaganda wird im Zusammenhang damit weiter verstärkt und zentralisiert, und der Ablauf der normalen Wirtschatts Vorgänge ist gefährdet. Schon jetzt spüren wir in den arabischen Dörfern eine verstärkte Propaganda, die vielfach ganz offen geführt wird und das!eicht entzündliche Element der Fellachen unter einen dauernden Druck setzt. Die arabischen Zeitungen sind auf einen ii heraus scharfen Ton gestimmt. Sie steiler: jedoch unter ziemlich starkem Druck der Regierungsstellen, die sie dauernd vor der Verbreitung falscher Gerüchte und vor Het/propaganda warnen. Die El-lslamiah in Jaffa ist bereits auf zwei Wochen verboten. Die scharfe Warnung des Obcrkomriiissars, die gestern an die arabischen Notabel!: gerichtet, wurde, hätte, früher geäußert, vielleicht noch manches Unheil verhindert. Und das palästinensische Radio, das schließlich weite Kreise der Bevölkerung erfaßt und auch in den umgehenden Ländern, die an den palästinensischen Vorgängen aut das lebhafteste interessiert sind, gehört wird, mußte in ganz a ndtr e m M a ß e als bi s h c r für eine B e - r u h i g u 11 g s - R r o p a g a 11 d a und für die Warnungen der Regierung benutzt werden. Jüdische Forderungen Die Forderungen, die die Juden zur Zeit an die Reg!erung stellen, sind folgende: Sicherung der Wege, um den Verkehr von Waren und Passagieren zu sichern; die Wiedere'nstel'ung und die Sicherung der jüdischen Arbeiter außerhalb von Tel-Awiw; sofortige schärfste Untersuchung der vorgekommenen Uebergriffe; Flüchtlingsfürsorge; Unterdrückurig der Hetzpropaganda. Alle Anstrengungen der jüdischen führenden Instanzen sind darauf gerichtet, die öffentliche Sicherheit zu garantieren und so rasch wie möglich das wirtschaftliche Lehen wieder in normale Bahnen zu bringen. Der jüdische Acrzteknngreß wird am Donnerstag in Tel-Awiw eröffnet. Die Messdcining ist entschlossen, die Eröffnung, wie geplant, am 30. April vorzuiiehmen. Die Jewisi» Agency, die Munizipalität Tel- Awiw, die Handelskammern, die jüdischen Kooperativen sind gleicherweise bemüht, die Laden des Geschäftslchens, besonders in Tel-Awiw dort w ieder aii/ukmipfen, wo sie abgerissen wurden. Dieses wird natürlich nur dann möglich sein, wenn die Regierung imstande ist, die öffentliche Sicherheit im Lande in vollem Maße zu garantieren. Die Fraj?e tfer öffentliehen Sicherheit ist somit auch heute noch, besonders im Zusammenhang mit dem beginnenden Generalstreik, der sich über das ganze Land verbreitet, und neben den Städten auch Aus den Tagen der Zusammenstöße trennende Häuser, die von den Bewohnern verlassen werden r» Hü Vor den Postämtern standen lange Reihen, um beruhigende Telegramme an ihre. Verwandten in Europa abzusenden HO ri! Cif Die Hevölitvrung in den bedrohten Ütadt- Ordner regelten den Verkehr, vierteln birgt ihre llabn *•toi! Uift Dtaaw (Tj, W. 7*&<k (S)