Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 35 (1.5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653956--28711-2690205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 35, 1. V. 1936 Gespriidi über einen Palästina-Roman Margarete Moses, Diesen und auch Jenen hat Ci o 11 g c m a c fi t. Brandus-Verlag, Berlin. Das schlanke, grüne Buch mit den lebendigen Wallenherrschen I'ul.istiiia-Zeichiiungen auf der Umschlagseite wanderte von Hand zu Hand in der kleinen 1־ rcrndciipension im Tale zwischen den Bergen. Juden aus aller Welt hatten sich hier zusamuiengefundcii; Juden auf der Wanderschaft zwischeu der alten Heimat und der neuen Heimat — Menschen, noch mit allen Sorgen des Aufbruchs und schon mit allen Sorgen des Neubegimis beladet, hatten hier für einen kurzen Augenblick Rast gemacht — das uralte ״Fest des Auszugs“' wollten sie miteinander begehen. Da hatte irgendwer dies Buch mitgchraeht; und nun rih es einer dem andern fast aus der Hand. Tagelang bildete es den Inhalt mannigfacher Gespräche; obwohl — oder vielleicht gerade weil — die Urteile darüber weit auseinander gingen. ״Ich muH wirklich sagen“, meinte die berufstätige Frau (sie sagte es Wirklich ungern: denn erstens war sie noch immer keine ZionDtin, und dann hielt sie eigentlich nichts von Romanen — und schon gar nichts von Fraueii-Ronianenl), ״ich muH wirklich sagen: seit langer Zeit habe ich in der täglichen Hatz des Lehens kein Buch mit solcher Spannung in einem Zuge hintereinander au-gelcseu —• in einem Zuge, in des Wortes wörtlichster Bedeutung -- Im Schnellzuge Ber- Iin —München war’s. In Halle begann ich zu lesen — und in München las ich die letzte Seite. Und ich hatte keine Ahnung, ob es (IrauHen regnete, oh die Sonne schien — ich war ganz weit fort, mitten drin in diesen merkwürdigen Kwuzoth, mit allen diesen jungen Menschen .. ״Waren Sie’s wirklich'־“ widersprach die braungebrannte Chain/,111, die uns die schönen I'alastina-Nigunirn gesungen hatte, ״waren Sie wii IJii h dort :' Ich bin nun schon etliche Jahre im umk uml wurde mich nicht getrauen, ein Bild — ein kim-tleri'i lies Bild von dem flutenden, sich von Jahr zu Jahr wandelnden (iebilde einer Kwn/ali zu geben. Ich hab da-י Buch freilich noch nicht!.;clc-on. Aber ich meine, ein <!:!■.! 11:.־ ('im׳ \V1 ilc, wie es die Verfasserin doch sicher nur gewi -., : ist ■!,.um der ein Bild schaffen, das uns wirkhehes 1 ׳■heu zeigt r" 1״ i'M'11 Sit ’s erst, junges Blut'“ rief der Professor, der mit scimr goldenen Brille und seinem langen Barte wie ein l'atiianh unter den ratlosen jungen Mcnschui sali. ״Und d.imi: »ו״mnern Sie •sieh aus Ihrer noch nicht weit zurückliegenden schu'/wt s irlii k ht!10.11 eines gewissen bricdridi Seid Iler? Ih.ilik iii bte ihn so sehr, dal! er seinen Wilhelm Teil ins I lt־hr.־!i<c!1<״ iibrrtni:;,. . | )er Mann hat niemals die Schweiz mit Augen gcwlien; und doch hat er ein Gedicht gmzi hrirbrn, d;m wie!,eins die Luft der Alpen atmet, Und ein Drama, das den Scliw •.;/ein zum N'ationaldrama geworden ist... Ich habe da- Buch von Margarete Moses mit dem schönen Titel -- Worte a-.ls den! Prediger Salomos -- such geh m 11 ׳ heute nacht las iah’s von Anfang Iris zu Ende. Uml ich mul! sagen, wenn i. 11 am 11 von der Liebesgeschichte nicht viel verstehe -■ damr hin ich wohl d׳nh zu ,11־t geworden -- eins steht mir fest: an zwei wichtige Fragen des neuen grollen Aufbauwerkes ist eine mutige Frau liier mit offernen Augen hei;!!׳.getreten und hat uns alle zum Nachdenken und zur II. sjnming gebracht. Du ist die Gestaltung von Liebe und lihe in dieser neuen Lebensform der Kvcuzall, einer Arbeit ■*geno-■>111־ *ch.ift, die auch zugleich eine Kameradschalt von jungen blutvollcn Maischen darstellt. Da ist ferner das Problem der religiösen Sitte unter den jungen Arbeitern im Heiligen Lande, das uns alle beschäftigt, die wir in unseren eigenen Hausern die alten Sitten umpflanzten und pflegten wie einen Baum, dessen Früchte. wir und unsere Kinder in diesem und in jenem Leben genießen werden...“ ״Der Professor hat mir aus der Seele gesprochen!“ warf die blasse [־'rau ein, deren Kinder bereits seit einigen Jahren im I ande Israel arbeiteten. ״Wer da weiß, mit welcher Sorge wir unsere behüteten Töchter in das neue Leben entließe« . . . dem wird diese offene und mutige Stimme wohl tun. Denn sie beschönigt nichts um) verheimlicht nichts von den Wirren, die manchem jungen Pnare dort wie liier aufbewahrt sind; aber sie zeigt im* doch, dal) sich ein neues Ehe-Ideal dort 711 formen beginnt . eine neue Loriti für den alten Inhalt, der unser rerno 1 eben beglückte und das unserer Mütter vor uns — -nid nicht die nein 11 Schläuche mit altem Weine uns schon von unsi'iei! Weisen ans Herz gelegt worden?“ ״Mir kommt 0' In ilich vor״, meinte der Skeptiker, der wie bei je.lern < ״•mn;ich unter Juden auch hier nicht fehlen durfte — ״mir kommt cs freilich vor, als habt» sich Margarete Moses die Knolen, die sie :׳<> geschickt zu knüpfen weiß, doch BRIEFE AN DIE REDAKTION Polnische und litauisdie Jaden Kunst und Photographie Berlin, den 25. April 1036 An die Redaktion! Zu den Reisei!rieten aus Polen in der ־ letzten Nummer der .,], R.“ gestaut׳» Sie folgende Bemerkung: Die Angabe, daü die litauischen Juden Wh von den polnischen Juden durch die Ausspräche des ״schin“ als ״ssin“ unterscheiden, entspricht nicht, den Tatsachen, es ist IcdiglkTi ein kleiner Bezirk, der die Worte in der •Art aussprieht. Ks hesieht ein viel größerer phonetischer und auch ideologischer Unterschied. Phonetisch: der litauisch-russische Jude sagt im Jiddischen wie im itebr.iischen statt ״oi“ ״ej“, *. li. den Nntnen Mosche, den der polnische Jude als Moische uml der deutsche ab Mansche, spricht der ״Litw«k“ M(■jache aus. U wird 81s I vom polnischen Juden gelesen, Ej als Ei und O als U (wie Gailingcn, 23. April Au die Schriitleitung der ״Jüdischen Rundschau“ Der Schabhat ״Bcchukosai“ (dieses Jahr der 10. Mai), das heißt der Schabhai, an dem die letite Sidrn des dritten Bu- < lies Mot.es «tir Vorlesung kommt, fuhrt in süddeutschen Landlicritkeu die Hcacirimunjj ״Kalter tichabhos■"• Namentlich die nichtjüdische Bevölkerung interessiert sich sehr für diesen Termin. Gilt es doch als feststehende Bauernrege!, daü es nicht tunlich ist, "egen der immer noch drohenden 1'htWgtUhr. etwa Bohnen zu stuplen, ehe dieser Tag vorüf»er itt. Und da er in keinem Kalender steht, wird füraorglieh mündlich .sich nach ihm erkundig!. Woher gerade dieser .Schabt >at au seinem Namen kommt, schein kl« zu sein. Einmal fallt er, w ie 1,u, h diesmal wieder, fast immer hinein in die Zeit der drei Eisheiligen (Screas, Pankrai und Ford.«), in deren z. li, statt gut — git,!ejnen — leinen, koscher — kusrher). Die Schriftsprache ist abgesehen von einzelnen Russizismen oder Polonismen dicseU»e. Viel größer ־ kt der ideologisch-religiöse Unterschied: der polnische Jude ist zu 05 <ו,'י ein Chtis-id, die Litwakcn zu 95 n,<0 Misnagdim-OppusitioneUe, d. h. wolil orthodox, aber keine Anbänger eines Rebbc. Mit Ausnähme der Tihawitsvher Chassidim (die ״Chabiid“-Abkürzung von Uhemda, Bi nah. Daat: die chftssidisohe Lehre, deren Begriinder Rabbi Schncur-Salnmn aus Liadi war), gibt es keinen Chassidismus in Litauen und Rußland. Man . ng! im Osien: die polnischen Juden sind Mensehen des Herzens, die L!twaken des Kopfes. Schalomi Dr. Merk!» Gefolge es gewöhnlich noch einin«! recht kalt zu werden pflegt. Und dann korrespondiert der Inhalt gerade dieser Sidra mit den gewaltigen Strafandrohungen reiht gut mit der in diesen Tagen entfesselten Ntaur. lntctessftnt aber wftre es — und das ist der Zweck dieses Schreifrei» — *u erfahren! Wo überall kennt man den kalten Schabims? Auch in Norddculachland ־( Älreh außerhalb der deutschen Grüntt»? Wann tauchte dieser Hegrill zum erstenmal auf und wann ungefähr hat er die Linie der jüdischen Abgeschlossenheit, ulrersrhritten Und wurde Gemeingut der gesamten ländlichen Bevölkenmg? Und schließlich, was allerdings von vornherein nicht wuhrsehcinlieh ist, ob dieser Schal,bat auch für den Bauer in Eret Israel eine landwirt- «-haftliehe Bedeutung hat. Um Mitteilungen wird gebeten. Hochachtungsvoll Dr. S. Hellbronn, Ga Hingen Hohenheim, 25. /April 1936 Sehr geehrte Redaktion! Zu der in dein Bericht über die Ausstellung ״Ein Mensch“ in Nr. 33 zur Diskussion gestellten Troge möchte ich mich wie folgt äußern: Wenn man heule den Fortschritt der Phototcchnik kennt, weiß man auch die Möglichkeiten, die mittele Apparat und Lichtwirkung hervorgebracht werden können. Für mich ist cs etwa» vollkommen Sclbstverstündliches, daß Aufnahmen voti einem Menschen tausendfältig gemacht werden können, denn der seelische Zustand, selbst beim ן;!.Liebsten Menschen, ist st iin• dig in Bewegung, und davon gibt die Filmaufnahme nur einen öckundenausst hnitt. Gerade die Momentaufnahme und noch do*u Kopfau.-sciinille sind!«;sonders geeignet für interessante photographixche iiililwitkuiigen. Der Wert solcher Aufnahmen für die Wissenschaft und Industrie ist utizw eiiellmlt groß, jedoch muß cs zur Verirrung Unserer Zeite poche gerechnet werden, gute Ludwigshafen a. Rh., 39 4. 39 Sehr geehrte Redaktion! Zu den Litwutm angilben (liier den Propheten Aino* in der Nr. 84 möchte ich ergänzend auf eitic der neuesten Hearbeituiigeti hinweisen, auf das Buch von Professor Otto li i ß f e I d s ״Einleitung i n <i a s Alte Aufnahmen als Kunstwerke anzusprechen. Die Photographie, selbst mit den besten I.ichtwirkungen, ist vollkommen von dem Zufall ahhängig, und der Apparat, gibt nur die Sekunde wieder, in der ein geschickter Beobachter rechtzeitig geknipst hat. Es ist daher vcrständlMi, daß die Bild- Wirkung in allen Fällen an der äußeren Form haften bleibt. Wäre es das Ziel der Kunst, die Natur naehahmend ahzrtschreiltcn, dann könnte das Photo der Kunst gleichgestellt werden. Alle diese verblühenden Gesichter, die uns der l'hotograph in 175 verschiedenen Iüldern Vorführern muß, kann der Künstler in eine m Ausdruck ziisaiiintiinfassend gestalten zu einem Kunstwerk von Ewigkeitswert. Für AATssensduiitSer, Amte und Analytiker mögen die Aufnahmen von T.erski sicher besonders wertvoll sein, für den bildenden Künstler kann jegliche Photographie unter Umständen zUm Verderben werden. Hermann Fechenbach Test a m e n t“, Tübingen 1034, Mohr, I’iOt. EißiiId entwirft. hier ein sehr an« hiuiliclies Bild von dem Propheten und seiner Wirk- «amkcil. Audi bei der Lektüre der anderen bibli-i.Ticn Hö> her gibt, das atiisehlußteicht Beeil vor! Prof. Kißlehl viel Anregung. ln Vorzüglicher Hochachtung Rsbb. Dr. Steckelmacher Hotel Paradies, Karlsbad Vornehm bürgerliches Etablissement. Erstklassiges Restaurant und Caf«. Weekend-Arrangementl Leitung: J, Fuchs Telefon 4713 E. Wohlrab, Inh■ Der ״kalte Sdiabboa“ Der Prophet Amos etwas allzu rasch wieder zu lösen unterfang־«. Nicht jede Kiwkah findet nach dar ersten Enttäuschung am untauglichen Objekt so rasch den Dr. Eick, der ihr die ,Hälfte der Seele1 bedeutet. Und vielleicht findet auch nicht jeder junge Rabbi dort in den Siedlungen so rasch williges Gehör und tätige Gefolgschaft bet den jungen Arbeitern... Zumal wenn er wie der Held dieses Buches ,nur‘ predigt und nicht auch ntgleich in Feld und Pardeß mitürbeitet im Schwei He seines Angesichts, wie es ja die strenge Forderung des Kibbuz verlangt... Das würde ich vielleicht der Verfasserin entgegenhalten, wenn sie mir in die Quere käme. Aber besiegen, kampflos besiegen würde sie mich durch einzelne Szenen, die nun wirklich einen Hatich der Luft dieses einzigen Laudes eingefangen haben und Wieder ausströinen wie einen seltenen Wohlgcrttch. Da ist etwa der Traum des jungen Weibes am Chamsin-Tage in der frühen Nachmittagsstunde... wie sich da Landschaft und Musik vermählen — ein kleiner Mozart mit der Hirtenflöte im Lande Israel... das werde ich nicht so bald vergessen.“ ״Unser skeptischer Freund wird poetisch — was soll da» heißen?“ schmunzelte der Professor. ״Es scheint, daß der Hauptzweck des Buches sich auch an ihm verwirklicht hat: uns In die Problemwelt des großen Aufbau» hincitmifültren, dem ja doch unser aller Kraft gehört — Kraft der Fernen wie Kraft der Nahen... Und darum, so scheint es mir, kann man auf dies Buch das Urteil artwenden, das wir auch beute wieder in der Haggadah lesen werden. Hier ward ein Wort zur Tat. Und... je mehr einer davon spricht, um so mehr ist es rühmenswert: מעבה m •כל המרבה לספר. .• מרי ״Ich glaube — mit diesem Danke wäre auch die Verfasserin des Btlches einverstanden!“ meinte einer aus dem Kreise. Und dam! setzten sie Sich nieder, Um den Seiler- Abend zu feiern... Bertha Badt-Strnuß Ans dem Ungarischen übertrugen von Ludwig Bato J » Nachdruck verboten (Schluß) XII. KAPITEL. Auf dem Röcken des geschwollenen unteren Baches schwammen schwere F.isitifc'ln, die, wenn sie an das Ufer kiimen, immer ein ,Stück schwarzer Erde mit sich trugen, worüber das Landvolk mehl wenig erschrak. Das unter« Ufer hat die l’eberseh wcmmutig bis zum Brunnen ausgeh'ilill, auch die Tränke ist schon wegaeschwommen, und die Kühe stillen ihren Durst, aus der Bucht,, die die Wellen gebildet haken. Sie stolpern in einem fort und gleiten beinahe ins Wasser hinein. Den Flieder können wir nur auf Umwegen erreichen, längs des «liieren kleinen Baches, der zur Mühle führt und gleichzeitig die Mikwe mit Wasser versorgt, Dieser Weg war ein wenig umständlich, führte über Morast und Pfützen, und wir kleinen Kinder mußten un» auf dem sclimnlen Pfade bücken, damit die stachligen Zäune uns das Gesicht nicht verwunden. Und doch freuten wir UM dieses Frühlingsrummels, spürten wir doch den Duft der herunntihenden Freiheit. Nach dem langen Winter, durch keinen einzigen Feiertag unterbrochen — selbst am Chanukk:1h bekamen wir nur einen Nachmittag frei —, war endlich der Herold der Sommerforien, Purim, da. Einige Wochen vor Purim konnten wir uns schon mit dem Malen von ״Mische nich nass״, mit diesen wunderbaren Wandtafeln für Purim, befassen, auf denen wir mit kind- [jeher Plumtnsic die Geschichte von Human und Mofdechaj verewigten. ״Mische nichnnAs «dar, marbtn hsMimcha“. Wenn dar Adnr ©intritt, so vermehrt man die Freud®. Und wir begannen mit der Vermehrung. In erster Reihe durch Wand* malereien. Es war fitst ein Wcttlwwerb unter uns, wer auf dem Mische nichnas* da« legendäre Bild basMT fwsthalben könne, wie auf Geheiß das Königs Ahsschwaroseh Human den auf dem Rosse de« Fürstet! reitenden Mordochai durch die Straßen von Schuschsn führt nnd die Tochter Hanums in dem Glauben, daß der Jude das Pferd führe, ihn mit dem Inhalt eines Topfes begießt, wodurch ihr Vater beschmutzt wird. Und die zehn Sühne llamans zu zeichnen, ist auch keine leichte Aufgabe. Dann erzeugten wir die zum Türmen erforderlichen Hälschen. Purim ist das Fest der Unterhaltung. ״Was zu Purim für die Annen gesammelt wurde — lernten wir in der ,Mittleren Pforte‘ —, darl nur zu Purim verbraucht worden.“ Es hat nichts zu sagen, auch wenn es zu viel ist. Man hat Kälber zu kaufen und schlachten und zu verzehren. Nach Rabbi Eliesor darf «ich der Arme aus dem zu Purim erhaltenen Gel de nicht einmal einen Schuhriemen kaufen. Dies wäre eine Beraubung des Purim. Und zu der Unterhaltung hat man auch uns Kinder ebraucht. Waren wir doch die Statisten beim Purimspiel er Großen, dessen Text in fließenden Versen immer mein Vater schrieb, der Poet des Dorfes. Selbst er dacht* nicht mehr ans Lernen, wenn der Bühnenerfolg des Purimspiels zur Entscheidung stand. Und so sehr uns auch die wunderbaren Legenden und Lehren der ״Mittleren Pforte“ gefielen, trugen wir doch lieber die ״Schlachmoncs“ aus, di© in weiße Servietten gehüllten kleinen Purimgeschenke, nach denen uns kleinen Austrägern einige Groschen Sehlachmoncsgeld gebührte. Und wir trugen gerne di« Schlaclunon©» auch zu den Bauern im Dorfe, die, wenn 8k> das Geschenk auch nicht erwidern konnten, mit Freuden di© Nußkindl und Pfoffermünzbackereien annahmen. Da neckten Un# di© Bauernbuben nicht mit dom Lied: ״Jüdlein, Jüdlein ..Auch die dicke Bäuerin machte mir nicht Angst mit der Sein*©, si» wolle mir die Schlfifenlocken abschneiden. Und nach Purim begann man den Cheder auszu!®®*«, da ein Raum für» Mazzotbaekcn notwendig war, woran nicht nur die Erwachsenen, sondern auch Wir beteiligt waren. Wir freuten un» im voraus auf diese Mithilf© beim Maizotbaektn. Wir werden Wasser in den Teig gießen, Reisig dem Heister bringen und die Msmot *um Lochen und zum Ofen trugen. Von Lernen war überhaupt keine Rede mehr, Die Vorbereitung für Peßach befindet sich in Vollem Gange. Der lang* Tisch, auf dem wir Chedoriungen den ganten Winter über den Talmudtraktut Baba Mezia aus* gebreitet hatten, war jetzt von den Erwachsenen umgehen, von den Mitgliedern der Gemeind©, die auf dun frisch ge* hobeltet» Brettern tmaufg*gangen«n Teig kneten und ziehen, wobei sie andächtig Psalmen singen. Stolz liefen wir hin und her und wir hatten da» Gefühl, daß diese viele Großen unsere Gäste und daß wir eigentlich di© Hausherren seien. Benützten •1■ doch unsere Stabet Mit unseren dünnen Stirn« men halfen wir bei den tief« Melodien mit Wir sang«*» wie die Vüfleln, die Im Chederhof« auf den trockenen Aeeten de» Nußbaumes piepsten, dem nah«den Frühling «un Gruß. Mich' erfüllte es mit besonderem Stolze, dsiß vor dem Backofen mein Vater saß. Der Schein der züngelnden Fl ammen verlieh Beinen Augen, der Stirn, dem Bart, seinem ganzen Antlitz einen sonderbaren Glanz. Irgendwie hatte ich das Gefühl, daß er hier auf dem gefahrvollsten Plaize sitze, und wenn er mit ausgestrecktem Arm, einem dünnen llolzsläbehoii in die Tiefe des feurigen Ofen» hiheingriff, die Mazzot. einführte, niederlegte, umdrehte, beklopfte, nufhob und herausnahm, da bewunderte ich jede Geh ii rite wie das biblische Wunder der Flucht Abrahams ans dem Feuerol'on der Chaldficr. Dabei übei-sah mein Vater mit einem Blick alle» und dirigierte mit lauter Stimme auch die Arlxrft; der anderen ״Balbatim“. Er konnte furchtbar zornig werden, wenn er etwa* nicht in Ordnung fand. Nur ab Und zu ruhte ein, zwei Tage das Mnzzotbackcn. Dann pflegte uns der Meister vorzuladen, um den letzten Abschnitt zeitgerecht zu beenden, damit wir die ,,Mittlere Pforte“ noch vor Peßach obaehließen können. Nur noch ein Kapitel blieb Übrig, nicht sonderlich Interessant: ״Haus und Söller“. So laufet die Ueherschrift des zehnten Abschnitte». Und da sagt die Mischna: ״Wenn von einem Hause mit einem Söller der Söller einbricht und der Eigentümer des Hauses ihn ausbessern Will, so kann der Eigentttmer des Söllers hinabsteigen und unten wohnen, bis jener ihm den Söller herstellt.“ Was interessierte uns dios« Frage vom Hausherrn und vom Mieter, wo draußen di© Sonne schien, oben und unten der kleine und der goße Bach plätscherten und wir fürs Leben gerne gebadet hatten, wenn Wasser und Luft noch 80 kalt waren? Denn bis der Sommer herankommt und sieh das Wasser erwärmt, Verebbt der große Bad» so sehr, daß er nur bis zu den Knöcheln reicht und da kann man nur kleine Fische und Krebs© darin fangen, und au» dem kleine» Bach Wird nicht einmal so viel Wasser zu holen sein, Um damit das Bassin der angebauten kleinen Mikwe zu füllen. Nun tlnd «her ,,Hau» und Söller" zum Glück «ehr klein. Kaum fünf Spulten da» Ganze. Kaum fingen wir an, waren wir auch schon am Ende. Rabbi Joehanan sagte: ״An drei Stellen lehrte uns Rabbi Jehuda, daß man vom Gelde seines Nächsten keinen Nutzen haben dürfe.*' Und nachher die letzte Misehna mit Ihrem großartigen Meinung!»- streit: ״Wenn *wischen zwei Gürten, eitler über dem anderen, sich Kraut befindet (auf der senkrechten Seite, zwischen der Höhenlage beider Gärten — erklärt Raschi), so gehört es, wie Rabbi Meier sagt, zun» oberen (weil m auf »einein Boden Wichst — •rklftrt Rasehl) und wi« Rabbi Jehuda sagt, zum unteren (weil e» ln seiner Luft wichst — erklärt Raschi). Rabbi Meir spracht Wenn der Obere •ein# Erde fortnehmen wollte, so glbe es aa kein Kraut, Rabbi Jebuda entgegnete: