Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 34 (28.4.1936)
- Date
- 1936-04-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 34, 28. IV. 1936 Die ersten Sturmwolken verwarnt. Es wurden Ihnen Kollektivstrafen für weitere Brandstiftungen angedroht. Der Generalstreik dauert an, wird jedoch nicht überall vollkommen einheitlich durchgeführt, ln Jaffa sind mehrere einflußreiche arabische Kaufleute beim Distriktskommissar Gros hie vorstellig geworden und haben ihn gebeten, die Initiative für eine Verständigung mit den Juden zu ergreifen, damit der Streik, der sie ruiniere, aufhören kann. Andererseits wird von arabischer Seite mitgeteilt, daß der Streik auch auf die Verkehrsmittel in Haifa ausgedehnt worden ist. Sechs Araber in Jerusalem wurden wegen ungesetzniäßiger Ansammlung und Zwangsanwendung gegen Kauf* leute zu drei Monaten Gefängnis oder 15 bis 30 Pfund Geldstrafe verurteilt. In Tel-Awiw wurden die Maßnahmen, tlie auf Grund des Belagerungszustandes getroffen worden sind, teilweise abgeschwächt. Die Straßen waren abends von Spaziergängern überfüllt. Auch in verschiedenen Teilen der Stadt Jaffa ist der B e 1 a g e r 11 11 g s z 1! s t a 11 d g e m i 1 d c r t worden. Ls sind wiederum verschiedene Verhaftungen vorgekommen. Die Negierung beschloß, in Tel-Awiw ■10 neue Polizisten cinzustelien. Sir Arthur Wauchope übermittelte dem Mufti und den Führern der arabischen Parteien sowie Dr. W e i z in a 11 n den Text der Erklärung, die der Kolonienminister Thomas am Donnerstag im Unterhaus abgegeben hatte, Sonntag: Ruhe Im ganzen Lande Politische Aktivität der Araber Es ereigneten sieh am Sonntag in Palästina keine Zwischcnfäile oder Zusammenstöße von Bedeutung. Die Brand- Stiftungen haben nachgelassen, es werden mir noch einige weitere kleinere Brände gemeldet. Die Araber entfalten große politische Aktivität. Der Generalstreik wird fortgesetzt; man bemüht sich, ihn möglichst einheitlich und lückenlos fortzufiihrcn. Das arabische Streikkomitee hat auch die Arbeiter im H a f e n v o n H a i f a aufgefordert, sich der Streikbewegung anzuschließen. Ls bestehen Anzeichen dafür, daß die Arbeiter dieser Aufforderung nachkommen werden. ln einer Versammlung arabischer Parteiführer wurde der Beschluß zur N'on-Coopcration mit der Regierung gefaßt. Die Araber wollen danach keine Verhandlungen mit der Regierung führen, bevor nicht die jüdische Einwanderung vollständig unterbunden und auch den Landverkäufen an Juden Einhalt geboten wird. Weiterhin beschlossen die arabischen Parteiführer, eine arabische Nationalregierung zu bilden und ein A k t i o 11 s - Komitee zu wählen, dem 15 Mitglieder .׳הו;eViren sollen, u. a. der M 11 f t i und Bürgermeister K h a d i von Jerusalem. Der W a a d l.cumi erließ an den Jischuw eine Pro- .klamation, daß die Unruhen in keiner Weise den entschlossenen Willen des jüdischen Volkes schwächen werden, Ercz Israel in friedlicher Weise aufzubauen. Das Oberrabbinat von Tel-Awiw ordnete einen Trauerm o 11 a t für die Opfer der Unruhen an. In M i g d a 1 wurden zwei jüdische Arbeiter, die aus geschäftlichen Gründen ein arabisches Haus betreten wollten, angegriffen und verwundet. In der Nähe von CHedera, fn Kfar Jabez, wurden fünf Schüsse auf jüdische Häuser abgegeben. Der Distriktskommissar C r 0 s b i e suchte den Bürgermeister von Tel-Awiw, Meir Dizengoff, auf und besprach mit ihm die gegenwärtige Situation und die Maßnahmen, die für _ die Aufrechterhaltung der Sicherheit im Tel-Awiwer Bezirk getroffen werden sollen. Aus Jaffa wird berichtet, daß dort ein arabischer Polizist unter dem Verdacht, c׳ncn Juden erstochen zu haben, verhaftet worden ist. Die Toten und Verwundeten Als jü(liM,ht־ Opfer dir Unruhen konnten bisher folgende Tote und Verwundete namentlich festgestellt werden: Tot: Morileelmi l'riediiann ('20 Jahre alt), David Schamhud all. Chanri Kornfeld i2'> Jahre alt), Ji/chak Fränkcl, Jisrael Pc/e״nda KD Jahre alte!dieser üischitzki (-10 Jahre alt), Sehamhai let Jahre alt), |oscf Lieberinann, Daniel Cohen, Jacob P;a1'1:.״k, Dame! 1‘rumak, Ji/chak Ifabbxnvitsch, Schimkowii z, Jisrael I rii duiaun, Jehtn'a Simontow (60 Jahre alt). Selig l.ewui-ohn, Sehloino Merisand, Schlomo Kramer, Sch!״!:!״ < iarbi, ( dtaim Chat/kiwit/, Nahiim Hadad, Chaim Kischler. V e r w 11 n d e t: Her/I Seheeht!2ח Jahre alt), Schoschanna Mordehowkv (2 i Jalu e alt). Siegimmd!lecker (30 Jahre alt), Id■■,■״er 1 Cm: (2:׳■ Jahre ah), Biachmann (25 Jahre alt), Schalott! Badad, Aije Murowicz,!.dieser Leih, Dr. David Weinberg, Lüh Ruthen!״•;■״, ,Weher Towim, Ruhen Liebermann, Jmrael Sehnif/er, Rechtsanwalt Ji/chak Eisen, Arje Matths, Jakuw Reich, |״Neph Rosenberg, Schlomo Cohn, Minna Wahlihirt, Abraham und Meir Sclikowicz, Mordechai Freimann, Elisabeth Weigel, .Arie Segall und Schlomo Radkober. Erklärung des Kolonienministers Im englischen Unterhaus wurde durch eine Anfrage des Abgeordneten Graham White die gegenwärtige Lage 7n Palästina zur Sprache gebracht. Der Abgeordnete fragte den Kolonienminister, ob er in der Lage sei, Uber die Unruhen in Palästina irgendwelche Erklärungen abzugeben. In seiner Erwiderung verwies Kolonienminister J. H. Thomas darauf, daß dem Hause ein Bericht über die Unruhen, die bisher sechzehn jüdische und fünf andere Tote sowie fünfundsiebzig jüdische und zweitindDcb/ig andere Verletzte gefordert hätten, vorgelegt werden würde. Er wolle diese Gelegenheit benutzen, um zum Ausdruck zu bringen, daß dfe Aufrechtifhaltung von Gesetz und Ordnung ausschließlich eine Angelegenheit Seiner Majestät Regierung sei, und daß alle Machfmitlei gegen denjenigen eingesetzt werden würden, der das Gesetz verletzt. Die Regierung werde sich von dieser Politik nicht durch Aufruhr oder irgendwelche Drohungen abbringen lassen. Auf eine Frage des Abgeordneten Silverman, ob die kürzlichen Ereignisse in Palästina die Verwaitung nicht davon überzeugen würden, daß die Zeit jetzt für einen Gesetzgebenden Rat nicht reif sei, erwiderte Kolonienminister Thomas, er hoffe nicht, daß der Abgeordnete zu sagen beabsichtige, die Entscheidung des Unterhauses oder eine in ihm gefallene Aeußerung sei für die Unruhen verantwortlich. ״Ich bin weit mehr daran interessiert, jedermann In Palästina zu saßen“, so bemerkte er, ״daß S. M. Regierung entschlossen Ist, Gesetz und Ordnung aufrecht zu erhalten and daß sie dies auch tun wird•‘* Die durch Brh’fpost hier eingelangten Berichte unseres palästinensischen Korrespondenten enthalten eine ausführ• liehe Darstellung der Vorgänge vorn Freilag bis zum Sonntag voriger 1 Voche (Iti. bis 20. Aprilf. Die Ereignisse sind unseren Lesern bereits durch die telegraphische Bericht• crstatlung bekannt. Diese erhält jedoch durch die briefliche Darsteilung eine wichtige Ergänzung, schon weil sie die Stimmung und die Art und HTi.se der Reaktion im Larule zeigen. gl. Tel-Awiw, 17. April 1936, morgens Vor einigen Wochen zitterte der Jischuw in Palästina angesichts der Ermordung von Gahitinann, eines Siedlers aus Nahaiai, der in einem arabischen Autobus reisend, erschossen wurde. Der Prozeß der Verdächtigen beginnt jetzt. Und während diese in ihren Umständen besonders grausige Tat noch unaufgeklärt und!!״gesühnt ist, folgte der Mord an einem anderen Juden. Auf der Straße von Tul-Kerem, einem seit Jahren durch seine Unsicherheit berüchtigten Bezirk, hieiteil bewaffnete Straßen räuber Autos an, nahmen den Insassen das Geld weg. Soweit ein ״normaler“ Mordüberfall, wie er überall vorkommt und nur in die Kriminalrubrik gehört. Aber die Räuber sonderten die Insassen der Autos aus, ließen Araber und auch einen Deutschen, der sich als solcher legitimieren konnte, unbehelligt, setzten drei jiidische Passanten in ein Lastauto, um dann auf sie zu schießen. Liner von den dreien war auf der Stelle tot, die anderen zwei liegen schwer verletzt im Krankenhaus. Also nicht einfacher Ueberfall, sondern Ueberfall gemischt mit nationalen Gesichtspunkten. Der Tote wurde in Tel-Awiw begraben. Beim Begräbnis sammelten sich nicht nur seine Angehörigen und Bekannten, sondern auch Massen von anderen Einwohnern der Stadt, vor allem die Mitglieder der Saloniker Gemeinde, zu der der Verstorbene gehörte. Aus der Beerdigung wurde eine Dcntonstrati on, mit wilden Rufen gegen die Unsicherheit im Lande, mit einer Fahne und Geschrei, mit dem Absingen von nationalen Liedern. Bis zum Friedhof ging alles ziemlich glatt ab, auf dem Rückwege bildete sich eine Demonstration, sie stieß mit Polizisten zusammen, die die Menge mit Stöcken auscinandertrieben, dafür mit Steinen, Flaschen, allem mögliehen Hausrat überschüttet wurden. Ein Polizist, der die Nerven verlor, feuerte ein paar Schüsse in die Luft und die Menge gab Fersengeld. Die englische Polizei, die unterdes alarmiert war, hatte nichts mehr zu tun. Resultat des Unternchtnens, das ohne jede Führung sich abgespielt hatte, wenn man nicht die Hetzreden einiger junger, revisionistisch gelaunter Burschen als Führung auseheu will: 15 Verwundete, von denen vier im Krankenhaus bleiben mußten, und etliche Verhaftete. Das war am Freitag gewesen. Am Samstag war die ohnedies iihericbctidigc Stadt Tel-Awiw elektrisch geladen. Die Helden der Demonstration vom Freitag versuchten es mit Vcrsammlungsstörungen, kleinen Straßenaufläufen, gingen gegen den und jenen arabischen Kutscher vor, der wie immer am Samstag seiner Arbeit i!1 Tel-Awiw nacfiging und vertriebei! ein paar arabische Schuhputzer aus der Stadt. Am Tage nach dem Mord bei Tul-Kerem wurden zwei Araber durch Schüsse in der Gegend von Jarkona (nahe bei Kfar Saba) erschossen. Von wein tmd weshalb, konnte bisher nicht festgcstellt werden. Eine Version der Gerüchte soricht von Schmuggel, Angaben bei der Polizei und darauf Mord. Ein anderes,' das sofort von den arairischen Zeitungen mit roßer Verve atifgegriffen und auch von den ägyptischen ald gebracht wurde, spricht von einer Ermordung durch Juden, sozusagen als ״üegenterror". Reaktion der Jaden und Araber Die Demonstration beim Begräbnis am Freitag in Tel- Awiw ist eine verständliche Folge der Erregung aller jüdischen Kreise über den dauernden und sich in letzter Zeit verstärkenden Terror in den verschiedenen Gegenden des Landes. Ist es doch ein unerträgliches Gefühl, daß irgendeiner aus der jüdischen Gemeinschaft, ganz gleich wer cs sei, seines Lehens nicht mehr sicher ist, sobald _ er sich aus jtidischer Umgebung begiht, sobald er nur einen der Hauptwege betritt’ die in arabischen Gegenden liegen. Und es ist ebenso unerträglich, daß die Mörder, auch wenn sie ihre Taten in Anwesenheit von Dutzenden von Zeugen vollbringen, kaum je zu fassen sind, daß kein Zeugnis gegen sie zu erlangen ist, daß sie ganz offensichtlich die Sympathien der arabischen Bevölkerung und vermutlich auch die großer Teile der unteren Chargen der arabischen Polizei genießen. Die Unmöglichkcit, diesen Zustand, der täglich drohender wird, zu ändern, eine entsprechende Sicherheit zu garantieren, läßt schließlich das Blut überkochen und jede Besinnung verlieren. Aber diese Erregung und die Schwere der Situation sind höchstens eine Erklärung, niemals eine Entsehuldigung für die Vorkommnisse der letzten zwei Tage in Tel- Awiw. Hier haben wir ein beängstigend klares Beispiel dafür, daß die iiVdische Pn'itik in Palästina in gefahrdrohenden Stunden allzu leicht den Händen der berufenen Führung entgleitet und auf eine verantwortungslose Masse in den 9tra- Den übergeht oder von kopflosen Elementen, die an Unruhe und Sensationen interessiert sind, ausgenutzt wird. Eine solche Demonstration wie die am Freitag in Tel-Awiw hätte nie vorkommen dürfen oder sie hätte vor! einer berufenen Stelle, der Agencv oder der Stadtverwaltung angeordnet und unter der Aufsicht einer solchen Instanz in voller Ruhe und Würde durchgefiihrt werden müssen. Dann wäre sie von allen Kreisen getragen worden, sie hätte nicht zu den lächerlichen Kämnfcn mit Flaschen und Tischbeinen auf den Straßen von Tel-Awiw geführt, wo jüdische Bürger sich gegen jüdische Polizisten stellten. Die Luft im Lande ist aufs höchste geladen, der kleinste Funken genügt, um einen Brand zu entfesseln und in der unsicheren Situation in Palästina zu den gefährlichsten Folgen zu bringen. In dieser Zeit darf es keine Aktionen auf eigene Faust gehen, und nicht die verwirrte Erregung der Masse bat zu führen, sondern die wohlüberlegte Aktion der berufenen Instanzen. Daß die leitenden und klar denkenden Kreise im Jischuw das völlig begreifen, beweisen die heute erscheinenden Tageszeitungeil, die zu einem großen Teil auf denselben Ton gestimmt sind. Die eigenmächtige Haltung der Demonstranten wird verurteilt, in strengster Weise zur Ruhe gemahnt, auf die Gefährlichkeit der Situation hingewiesen. 1 )aß diese Malinung nach innen mit einer neuen starken Aufforderung an di e Regierung, für Ruhe zu sorgen, gepaart ist, braucht als Selbstverständlichkeit kaum der Erwähnung. Die arabische Presse, die die Ueberfälle von T u 1 - Kerem einfach registriert hatte, zeigt natürlich das größte Interesse für die Ermordung der Araber bei Kfar Saba, solange eine Möglichkeit besteht, daß sie von Juden ausgeführt sein kann, und sie hat sich auch beeilt, diesen Fall mit dem nötigen Nachdruck der großen ägyptischen Presse weiterzugehen. Zugleich zeigte Jaffa ein starkes Echo der Tel- Awiwcr Vorgänge. Fs wurde noch am Samstag eine Versammlung dort abgehalten, in der die Demonstrationen und Zusammenstöße in Tel-Awiw und insbesondere die Belästigung ein• /einer Araber lebhaft ausgemalt wurden. Auch zu Demonst rationsversuchen kam es, die jedoch nicht glückten. Die ohnehin in den letzten Monaten sehr verschärfte antijüdische Propaganda der Araber saugt aus den letzten Geschehnissen neue Nahrung. Es ist interessant, daß während die jüdische Presse zur Ruhe mahnt und vor allem unbesonnene Elemente von jeder Art von Racheakten zurückzuhalten sucht, in der arabischen Presse auch nicht das kleinste Wort des Bedauerns über die Morde an Juden geäußert wird. So wie die Taten von El Kassam nicht als Morde und Ueberfälle, sondern als nationale Taten gebucht und gefeiert wurden, so billigen die arabische Öffentlichkeit und ihre politische Führung auch weiter den Terror. Er scheint ihr ein gutes Mittel im polittschon Kampfe. 19. April, 10 Uhr abends Die Dinge haben sich im Laufe des Tages mit einer rasenden Schnelligkeit entwickelt. Jetzt, um zehn Uhr abends, liegen Jaffa und Tel-Awiw totenstill. Nach sieben Uhr abends darf niemand auf die Straße, außer denen, die einen besonderen Passierschein von der Behörde erhalten haben, und diese Passierscheine werden sehr spärlich ausgegeben. Nur Patrouillen sind hier und da zu sehen. Vor der Küste von Tel-Awiw׳ stellt man die drei Kriegsschiffe, die seit drei Tagen im Hafen liegen. Nach neun Uhr hat das palästinensische Radio ein offizielles Cominunique des High Coinmissioners durchgcgeben, das das Programm, das bis zu dieser Zeit eingehalten wurde, als ob im Lande nichts geschehen wäre, unterbrach. Der High Commissioncr teilt mit, daß in Jaffa, auf falsche Gerüchte von der Ermordung von Arabern in Tei-Awiw׳, die sofort von der Behörde dementiert wurden, Unruhen in Jaffa ausgebrochen seien und Ueberfälle auf Juden gemacht w׳urden. Die Polizei bat cingegriffen, gegen Nachmittag die Ruhe wiederhergcstellt und beherrscht die Situation. Das offizielle Comnuiniquü (dessen Wortlaut wir schon gebracht haben — A. d. R.) muß in verschiedener Hinsicht e r g ä n z t werden. Es wurde schon in den frühen Morgenstunden klar, daß in Jaffa die Geister sehr erregt waren, insbesondere entfalteten die Scouts eine lebhafte anfijüdische Propaganda. Als dann das falsche Gerücht über die Ermordung von Arabern in Tel-Awiw׳ auftauchte, von dem kein Mensch wußte, woher es stammte, war die Menge nicht mehr zu halten und stürzte sich auf die vielen jü- (fischen Passanten, die in Jaffa in Geschäften zu tun hatten. Da sich zu diesen Ausbrüchen ein Ueberfall auf einen der jüdischen Autobusse gesellte, die den Verkehr zwischen Tel- Awiw nach Jerusalem besorgten, so daß es viele Verwundete den beiden Städten von der Regierung eingestellt. Auch die Autobusverbiiidungen verschiedener anderer Linien wurden eingestellt, und praktisch ist Tel-Awiw nicht nur von Jaffa, sondern auch von der übrigen Umgebung fast völlig abgetrennt. Das Telephon funktioniert nach wie vor, cs sind bisher auch keinerlei Zwischenfälle von anderen Stellen im Lande gemeldet worden. Die Stimmung in Tel-Awiw war in den Nachmittagsstunden überaus erregt. Die Straßen waren voll, der Verkehr von Kleinautos auffallend stark. Die Extrablätter, die von den Tageszeitungen herausgegeben wurden, riß man den Verkäufern aus den Händen. Auf der Stadtverwaltung in Tel-Awiw, die sofort eine Aufforderung, unbedingte Ruhe zu halten, an die Einwohner ergehen ließ — eine ebensolche Aufforderung erschien von der Arbeiterorganisation ---, stand die normale Arbeit still, man organisierte einen freiwilligen Ordnerdienst, um die Straßen ruhig zu halten. Vor dem Krankenhaus der ״Hadassah“, wo die Verwundeten und Toten hintransportiert wurden, sammelte sich eine furchtbar erregte Menge, die es nur mit Mühe zu zerstreuet^ gelang. Eine besondere Wache sorgte später dafür, daß keine Zusammenrottungen vor dem Krankenhaus mehr stattfanden. Von Zeit zu Zeit publizierte die Stadtverwaltung kurze hektographierte Nachrichten, mit einer Liste der Toten und Verwundeten. Vor ihnen stauten sich überall auf den Straßen Gruppen von Menschen, die ängstlich die Namen lasen. Die volle Zahl der Toten war am Nachmittag noch nicht bekannt. In der Stadt sind Patrouillen jüdischer und englischer Polizei, die jedoch keine Gelegenheit zum Eingreifen hatten und auch nicht in großen Zahlen auftreten. Die Hauptkräfte sind an den Stadt grenzen konzentriert, um jeden Zuzug von Arabern zu verhindern. Innerhalb der Stadt Tel-Awiw ist bisher auch noch kein Zusammenstoß irgendwelcher Art erfolgt. Die arabischen Gemüseverkäufer, die, wie täglich, ihre Waren nach Tel-Awiw zu Markte gebracht hatten, verließen nach den ersten Nachrichten der Jaffaer Vorfälle schleunigst die Stadt. Ueberhaupt ist in Tel-Awiw nachmittags kein Araber mehr zu sehen gewesen. Die große Frage, die jetzt alle bewegt, ist, ob mit den unglücklichen Ereignissen in Jaffa dieses grausige Kapitel abgeschlossen ist oder ob wir noch weitere Unruhen zu befürchten haben. Es ist zu hoffen, daß die Regierung die Schwere der Situation voll erfaßt hat und alles tun wird, um weitere Ausschreitungen nicht nur wie in Jaffa mit starker Hand zu unterdrücken, sondern erst gar nicht aufkommen zu lassen. Es ist Militär im Lande, es sind genügend Kräfte zur Verfügung, um die Ordnung mit allen Kräften aufrecht zu erhalten. Zudem wird es dringend notwendig sein, daß die Regierung der ungezügelten antijüdischcn Propaganda in Wort und Schrift einen Riegel vorschiebt. Die heutigen Unruhen in Jaffa sind als solche die Folge eines falschen Gerüchtes, das die Regierung sofort demontierte. Aber dieses Gerücht allein hätte nicht eine so katastrophale Wirkung gehabt, wenn nicht die Gemüter bereits durch die Propaganda der letzten Wochen in Siedehitze versetzt worden wären. Ruhe in Ben Schemen. Das Kinderdorf Ben Schemen bittet uns telegraphisch, mitzuteilen, daß in Ben Schemen vollständige Rune herrscht und alles in völliger Ordnung ist. Zur Beunruhigung besteht keinerlei Anlaß. Aus Nathania. Einem Berichte aus N a 111 a 11 i a entnehmen wir: Während des aufgeregten Sonntag am 19. April herrschte in der Stadt Nathania vollständige Ruhe. Daraus ergab sich die Möglichkeit, daß die von Haifa nach Tel-Awiw fahrenden Autos in Nathania Zuflucht nahmen. Ucber hundert Autos waren dort eiugetroffen, die die Reise nach Tel-Awiw nicht fortset/.en konnten. Diese Tatsache wird in den Zeitungsberichten besonders hervorgehoben. (Weitere Berichte Seite 9) Hauptsehriftleiter: Dr. Robert Welt sch, Berlin Charlottenbarg S (auch verantwortlich für die Aufnahme von Iiilclern). Stellvertreter: Kurt L o (.׳ w e n s t e i n. Berlin W 15 Anzeigenlcitcr Und veiantwortlieh liir den Inhalt der Anzeigen: Hermann Finn, Berlin W 15. Bullig Anzeigen -!,midiste 5 vom 1. April 1036. Verlag und Anzeigen Verwaltung: füdi*che Rundschau. Berlin VV 15 M im Uestr 10. D.-A. Mar* 37 811. —- Druck: Siegfried Schalem, Bln.-Schönebenz.