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Jüdische Rundschau · 1936-04-24 · Heft 33 (24.4.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 33 (24.4.1936)
Date
1936-04-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33, 24. IV. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Polnische Reisebriefe UNHEIL Unsere Heister lehrten: IV. Wilno (Vgl. Nr. 26, 29, 30/31) Der Name Wilna (polnisch Wilno) hat in der jüdischen Welt einen besonderen Klang als Sitz einer geistig besonders regsamen jüdischen Gemeinde, von der wichtige jüdische Be- Strebungen ihren Ausgangspunkt genommen oder wo sie eine Zeitlang ihr Zentrum gehabt haben. Der Gaon Elia von Wilna, der große Widersacher des Chassidismus, ist den meisten Juden, die sich mit jüdischer Geschichte befaßt haben, wenigstens dem Namen nach, bekannt, obwohl wahrscheinlich nur wenige seine Werke gelesen haben. In der Okkunafionszeit Blick auf Jen jüdischen Friedhof in Wilna, rechts das Grab des Gaon •j >»: * y ■V'׳■ des Krieges haben Juden aus Deutschland gerade in Wilna starke kulturelle Eindrücke gewonnen, und seit fast 20 Jahren ist die ״Wilnaer“ jiddische Theatertruppe berühmt, die auch in Berlin mehrmals gastierte und seinerzeit den Dybuk vorgeführt hat. Wilna hieß in der russischen Zeit unter den hebräisch und jiddisch sprechenden Juden ״Jeruschalajim sehebe-Lita“: das ״litauische Jerusalem“. Viel von dieser Größe ist nun vorbei, aber Spuren sind immer noch vorhanden. Wilna macht äußerlich den Eindruck einer unbedeutenden Provinzstadt, die wohl (abgesehen von den bekannten polnisch-litauischen politischen Kontroversen) in der außerjüdischen Welt kein großes Interesse erweckt. Ganz anders bei Juden. Welches gewaltige moralische Kapital könnten für das neue Polen die an seine einzelnen Landesteile geknüpften jüdischen Zusammenhänge darstellen, wenn der polnische Staat selbst sie positiv bewertete! Schutzmacht über Wilna, das ״litauische Jerusalem“, zu sein, könnte bei den Juden der ganzen Welt Gefühlswerte erzeugen, die sich in eine Welle der Sympathie umsetz.eh und gewiß nicht unfruchtbar sein würden. Aber diese Möglichkeiten sind in das polnische Bewußtsein nicht eingedrungen, und es sind keine Ansätze in dieser Richtung zu erblicken. Das muß 'Jeder■' bedauern, der weiß, daß das Problem des polnisch- Indischen Zusammenlebens durch beiderseitige Einsicht und Vö'Stähdnis gelöst werden muß. Es ist eine Eigentümlichkeit des polnischen Staates, daß seine einzelnen Landesteile ihre separate Geschichte im Rahmen verschiedener Staaten gehabt haben. Dies drückt auch den einzelnen Städten noch heute ihren Charakter auf. Die galizischen Städte können ihre österreichische Vergangenheit kulturell nicht verleugnen. Im nördlichen Randgebiet, in Wilna, ist der Charakter der Landschaft und Bevölkerung anders als in Warschau. Dies darf aber nicht auf die Nationalität selbst bezogen werden. Die Stadt ist überwiegend polnisch und die polnische Sprache durchaus vorherrschend. Das Russische scheint fast völlig verschwunden zu sein, litauisch habe ich nicht gehört. Auch die jüdische Bevölkerung, die anderer Herkunft ist als in Zentralpolen, macht allmählich diese Wendüng zum Kulturell-polnischen durch. Die Kinder des jüdischen Mittelstandes werden großenteils in polnischen Schulen (bzw. jüdischen Schulen mit polnischer Unterrichtssprache) erzogen. Daneben ist aber das Hebräische und Jiddische sehr stark. Die ״Litwaken“ sind daran zu erkennen, daß sie das ״Schin“ wie ״Ssin“ aussprechen. Der Wilnaer Jude unterscheidet sich von dein Warschauer ähnlich wie ein Hatnburger von einem Berliner schon durch die Aussprache des ״st“. $ Wilna hatte einst <15 0׳״ jüdischer Bevölkerung, heute soll dieser Prozentsatz stark gefallen sein. Die Stadt dürfte etwa 180 000 Einwohner, davon zirka 60000 Juden haben. Bei einem Rundgang durch das Judcnviertel empfängt man zunächst de» Eindruck des Verfalls. Die schmalen Gäßeben in dem berühmten Ghetto mit ihren unzähligen kleinen Läden zeigen den Niedergang schon darin, daß eine große Zahl der Läden geschlossen ist, weil infolge des Geschäftsrückganges keine Mieter da sind. Immer noch herrscht aber in einem Teil der Judcnstadt ein reges Treiben. Die jüdische Bevölkerung lebt in größter Armut und ernährt sich dürftig von Gelegenheitsarbeiten und zum Teil auch von einer Kategorie von Handelsgeschäften, die gerade noch am Rande der Wirtschaft übrig geblieben sind. In der Nähe der großen Synagoge ist in einem langgestreckten Hofe zwischen zwei engen Gassen eine besondere Art jüdischen Marktes. (In Warschau gibt es im Norden einen ähnlichen Markt weit größerer Dimension; in Wilna wirkt alles durch die Enge und Kleinheit besonders exemplarisch.) Hier werden alle Arten Abfälle verkauft, oft Gegenstände, von deren Verwendbarkeit sich der Beschauer nicht den geringsten Begriff machen kann. Die Bauern und die Landbevölkerung der Umgegend kommen hierher, um solche Abfälle, wie alte Schuhteile, zahnlose Kämme, Gerätscherben usw. für ein paar Groschen zu verkaufen und die daraus zusammengcflickten Gegenstände zu erstehen. So z. B. werden ״Schuhe“, die nur noch aus einer zerrissenen Sohle und einigen winzigen Lederfetzen bestehen, für zwei Groschen (1 Pfennig) verkauft, aus vielen solchen Stücken wird dann ein vollständiges Paar Schuhe zusammengeflickt und hat schon einen Preis von 1—2 Zloty (5t) Pfennig bis 1 RM.). Auf diese unendlich mühsame und quälende Weise müssen die Juden hier ihr Brot erwerben, und sie leisten noch dadurch der sehr armen Bauernbevölkerung, die sich neue üebrauchsgegcnstände nicht kaufen kann, einen erkennbaren Dienst. Dies scheint auch so empfunden zu werden, denn die Beziehungen zwischen den armen jüdischen Händlern und der nichtjüdischen armen Bevölkerung scheinen im ganzen großen gute zu sein. (Es gibt aber auch hier immer wieder Zwischenfälle und Agitation. Und gerade am Tage meiner Anwesenheit wurden in einer Straße in jüdischen Oeschäften die Scheiben eingeschlagen. Zwei oder drei Tage herrschte aufgeregte Stimmung lind am Abend ziemliches Polizeiaufgebot. Immer ist die Zeit vor Pcßach infolge der antisemitischen Agitation etwas unruhig.) Die Armut ist auf Schritt und Tritt zu merken, aber sie ist nicht abstoßend. Sie bat hier — man verzeihe das Wort — einen eigentümlichen Charme. Man merkt wohl Vergräinthcit und Not, aber keine Verbitterung, lieber allem liegt ein Zug von Frömmigkeit, wie ein Wissen, daß es ja eigentlich auf all diese Dinge, um die man sieh plagt und schindet, gar nicht ankommt. Ein Schimmer von Ewigkeitsbewußtsein ruht über diesem armseligen Getriebe. Und dem entspricht es nur, wenn mitten in diesem Ghetto, neben den Stätten des priinitiven Handels und des Suchens nach einem ungewissen winzigen Erwerb für den Lebensunterhalt, die Orte des Geistes, des Gebets und des Lernens liegen. Da ist neben der alten Synagoge in einem Hofe zwischen der ״Deutschen Gasse“ uiid der ״Judengasse“ (Zydowska) auch die alte ״Klaus“ (Betstube) des Elia Gaon. Die armen und abgerissenen Gestalten der Gasse verwandeln sich in feierliche und ehrwürdige Beter, wenn sie — in ihren Werkiagsgewändern, Das Grab des Gaon macht den Eindruck einer verfallenen Hütte, io 4 i .G ״ * ki; so wie sie sind — diesen Raum betreten. Eine Stelle des Raums wird noch heute als der Platz des Gaon in Ehren gehalten. Und neben der Klaus liegt eines der intcressaiitesten Institute, die alte Straschunsche Bibliothek, entstanden aus der Privatbibliothek des Gelehrten Mathias Straschun, der einer der Vorkämpfer der Haskala in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war. Der Leiter der Bibliothek, Herr L u n s k i, ist einer von den rührenden Gestalten, die mit größter Liebe unter den einfachsten Lebensbedingungen geistigen Dingen dienen. Seine Augen leuchten, wenn er von seinen Büchern spricht, und mit einer geradezu väterlichen Liebe zeigt er die großen Schätze an Handschriften und Erstdrucken, die in dieser Bibliothek vorhanden sind. Aus jedem Wort und jeder Ge- Einst geschah es, daß Hillel der Alte des Weges kam und Geschrei von der Stadt her vernahm. Da sprach er: Ich bin sicher, daß es nicht aus meinem Hause kommt. Ueber Ihn sagt das Schriftwort: ״Vor böser Kunde fürchtet er sich nicht / fest Ist sein Herz f sicher in IHM" (Psalm 112,7). b. Berachot GO a (Ueberscizt v. N. \. Glaizcr) bärde strömt ein tiefer jüdischer Glaube, verwandt dem Glauben der inbrünstigen Beter, in der benachbarten Klaus. Im Lesesaal der Bibliothek fällt der große Anteil der Jugend auf, zum Teil Schüler der jüdischen Schulen, die hier ihr jüdisches Wissen vervollständigen und auch unter Benutzung der Bibliothek ihre Arbeiten über jüdische Gegenstände abfassen. Armut und Verfall kennzeichnen auch die jüdischen Denkmäler. Mit eindringlicher Anschmiliehkeit empfindet man die versinkende Vergangenheit auf dem alten j 1! - d e!1 f r i e d h o f; er ist zum großen Teil mir mehr ein freies Feld, da die Grabsteine nicht mehr existieren. Nur auf einem Teil des Friedhofs sind die Grabsteine erhalten, und iin Mittelpunkt dieses Teils stellt das Grab des Gaon Elia und all der Personen, die mit ihm, sei es verwandtschaftlich, sei es als Lebrer oder Schüler, zusamtnenhängeii. Das Grab des Gaon ist, wie die Gräber aller jüdischen Großen, mit Zetteln übersät, auf denen die frommen Besucher ihre Wünsehe aufschreiben. Aber wer meinen würde, daß diese geheiligte Stätte des orthodoxen Judentums auch äußerlich einen seiner Bedeutung entsprechenden Eindruck macht, würde sich tausehen. Es ist mit seiner abbröckelnden Mauer ein riehtiges Symbol des Verfalls. Abseits in einer Ecke des Friedhofs liegt das Grab des ״Ci er Zeuch:“, des!»olnischcn Grafen Potocki, der wegen seines Uebertritts zum Judentum im Jahre 1716 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Aus dem Grabe des Ger Zedek wuchs ein eigentümlicher, wunderbarer Baum, der die Gestalt eines Menschen hatte. Der Baum ist vor einigen Jahren von polnischen Soldaten, die in der Nähe ihre Kaserne haben, abgesagt worden, und nur noch ein Baumstumpf erinnert an diese moderne Fort- Setzung der alten Legende. Uni das Grab zu schützen, hat man eine viereckige Verschalung darüber errichtet, so daß das Ganze jetzt den Eindruck eines kleinen, einsam stehenden Häuschens macht: Die Ruhestätte eines nicht jüdischen Märtyrers, der für die Wahrheit der jüdischen Lehre gestorben ist... (Fortsetzung folgt) Ucker dem Grab des Ger Zedek wurde, um weitere Bcschüdigungen zu verhüten, eine Hütte errichtet, ln der Mitte des Bildes zwischen den zwei Steinen sicht man den unterhalb der Hütte herverratenden Stumpf des ahgehackten Mensch-Baumes Links: Eine Hintertreppe im Ghetto. Auf den Höfen spielen überall zahlreiche Kinder. — Mitte: Jede Zunft hat in Wilna ihre eigene Schul. Das Fenster der Glaser-Sclutl, vom jüdischen Tandelmarkt aus gesehen. — Rechts: Eine Judengasse im Wilnaer Ghetto Am.-F0101: S, Weiiicb Perlangen Sie beim Einkauf die hierfür besonders geschulten Verkaufskräfte Auskunflbel denEmpfangsherren an denEingangen 1 A usrüstung mr Palästina «. Übersee Bekleidung, Hausrat und Einrichtungsgegenstände Sdiriftlidie Anfragen an die Übersee-Abteilung, Telefonisdte Verabredungen unter E2 00U SPANDAUER STRASSE . KONIGSTRASSE GEGRÜNDET 1815 SII ׳.״.

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