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Jüdische Rundschau · 1936-04-21 · Heft 32 (21.4.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 32 (21.4.1936)
Date
1936-04-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32, 2t. IV. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seit« 5 Modernisierung und Lebensstandard Eindrücke von der landwirtschaftlichen Ausstellung in Kairo III.*} Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Ende März 1936 Neben den Ständen, die neue Gemüse und Früchte auf der Kairoer Ausstellung präsentieren, sind für den palästincncischcn Besucher insbesondere drei Stellen auf der Ausstellung interessant: die eine zeigt neue Methoden der Frucht ver- Packung, die zweite gibt einen Ueberblick über die kooperativeEntwicklung, die dritte zeigt Konserven aus Inländischen Gemüsen und Früchten. Alle drei sind für Aegypten eine Neuerung, ein Ausdruck nach dem Streben zur Modernisierung. Neue Mathoden ln einer Ecke der großen Landwirtschaftshalle sieht man eine Reihe von Burschen hinter langen, sauber überdeckten Tischen sitzen. Sie haben große Haufen von unsortierten Datteln vor sich, die aus den nahen Wäldern von Memphis und der Oase von Fajuin kommen. Sie sind in weiße Mäntel wie Aerztc gekleidet und sortieren und verpacken die einzelnen Datteln mit Gummihandschuhen i!1 ovale Pappkästchen. Daß die Arbeit glatt und sauber aussieht, braucht nicht wunderzunehmen; jeder, der einmal durch einen der ägyptischen oder palästinensischen oder syrischen Gemüsebasars gegangen ist, weiß, wie sauber und mit welchem Sinn für Farbenkontraste die Waren nebeneinander gestapelt werden. Aber in diesen Basaren wird man überall oline Ausnahme als einziges Werkzeug des Verkäufers seine zehn Finger finden, und die weißen Mäntel der Verpacker, die mit sauberem Papier bedeckten Tische und die Handschuhe sind eine geradezu revolutionäre Neuerung, die den Einfluß europäischer hygienischer Forderungen zeigt. Die Sektion für Kooperativen ist ebenfalls für Aegypten ein wichtiges Novum. Der Zusammenschluß von klcineu Landbearheitern und Pächtern zu Genossenschaften, die sowohl dem Einkauf wie dem Verkauf als auch der besseren Instruktion dienen können, kann für die Erziehung der Landbevölkerung und in einem gewissen Maße auch bei der Hebung Ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse von Bedeutung sein. Die mit elektrischen Birnen illustrierten Karten über die Verbreitung der Kooperativen in Aegypten zeigen, daß sie sieh bereits über das ■fielta wie auch über den engen Nilschlauch hin bis nach Oberägypten verbreitet haben und daß ihr Einfluß wächst. (Es ist interessant, daß sich unter den palästinensischen Fellachen erst jetzt unter dem Einfluß der Regierung die Anfänge des Kooperatlvwesens zu bilden beginnen.) Schließlich sind die mannigfachen Produkte Interessant, die heute bereits aus ägyptischen Früchten und Gemüsen hergestellt werden. Die Konserven tragen in ihrer äußeren Aufmachung durchaus europäischen Charakter, der Honig aus der Wüste präsentiert sich In europäischen Schachteln, die verschiedensten Marmeladen stehen zum Verkauf. Diese Abteilung leitet bereits in das Gebiet der Industrie über. Industrie Der äußeren Aufmachung nach erinnern die vielen kielnen Industriestände auf der Ausstellung vielfach an die oft reichlich geschmacklosen Buden der Tel-Awiwer Messen noch vor wenigen Jahren. Die Hebung des Geschmacks und der Oualität, die in Palästina durch die starke europäische Eite■ Wanderung erreicht worden ist, geht in Aegypten anscheinend langsamer vor sich, weil eben diese Industrialisierung vom nationalcn Interesse der Aegypter allein getragen wird und sich nicht nur ohne Hilfe Europas, sondern vielfach gegen seine Interessen durchsetzen muß. Die Vielfalt der Produkte jedoch, ihre niedrigen Preise und vielfach auch die merkbare Entwicklung einzelner Zweige, der große Einfluß schließlich der nationalen Bank, der Bank M i s r auf die gesamte Entfaltung, zeigt, daß die Industrialisierung Aegyptens, heute noch gering, rasche Fortschritte machen muß. Die vor einigen Jahren von England errungene Zollhoheit Aegyptens erleich■• tert den Schutz der einheimischen Waren. Was jedoch sowohl der modernisierten Landwirtschaft als auch dem Beginn der Industrie das größte Interesse verleiht und gerade für das jüdische Palästina von größter Bedeutung ist, ist der *) Vgl. die Berichte in Nr. 25 und 30/31. überaus niedrige S t a n d a ed, auf dem alle diese Arbeiten autgebaut sind. Löhne und Produktionskosten Aegypten hat seit Mensclicngcdenken als eines der reichsten Länder der Welt gegolten. Und wer durch die üppigen Felder fährt, die das ganze Land bedecken und die nur durch schmälste Fußsteige getrennt sind, wer sieht, wie sich auf der fetten Nilschlanunerde unter der dauernden Bewässerung Ernte an Ernte schließt, der bekommt einen unvergeßlichen Eindruck dieses gewaltigen, von einer riesigen Menschenmasse ausgenutzten Wachstums. Aber dieses so fruchtbare Aegypten, mit seiner wertvollen Baumwollernte, seinen Reisfcluern und Gemüsebeeten hält heute seine Bevölkerung auf einem nicht nur für europäische, sondern auch für palästinensischen Begriffe überaus niedrigen Lebensstandard. Auf die Gründe dafür soll hier nicht eingegangen werden. Sie sind sozialer Art (Fehlen einer Agrarreform, Kreditfragen usw.) und wirtschaftlicher Natur (Landhunger, nbcrdichte Bevölkerung). Was wichtig Ist, ist die Tatsache selbst, die sieh am besten an den Löhnen des Land- Arbeiters darsteüen läßt. Männer erhalten in der Regel 3 Piaster täglich, Frauen und Kinder noch weniger. (Es Ist interessant, daß in einer Statistik der ägyptischen Regierung die Kinder unter fünf Jahren in einer Rubrik zusammengefaßt sind; was größer Ist, tritt häufig genug bereits in den Arbeitsprozeß ein.) in der Stadt sind die Löhne etwas besser, aber auch noch niedrig genug. Konnten doch neulich Fabrikarbeiter nach langen Streiks mit Mühe und Not zu einem Tageslohn von 18 Piaster gelangen! Nimmt man dagegen palästinensisehe Verhältnisse, so findet man beim arabischen Arbeiter In der jüdischen Plantage als Durchschnitt 10—12 Piaster pro Tag, und auch in der arabischen Wirtschaft sind die Löhne beträchtlich höher als in Aegypten. Der jüdische Sektor der Wirtschaft zeigt gegenüber Aegypten geradezu phantastisch hohe Löhne, besonders in der Stadt, wo auf einen ungelernten Arbeiter gegen 40 Piaster pro Tag zu rechnen ist. Aus dieser Tatsache des gedrückten Lebensstandards ergibt sich die durchgehende Verwendung von Handarbelt, während man in Palästina im jüdischen Sektor durchgehend Maschinenarbeit findet und gelegentlich auch die arabische Wirtschaft sich der Mechanisierung zuwendcn siebt. Bewässert wird überall mit der Hand. Aus den Kanälen wird einfach mit Eimern oder primitiven Schöpfrädern Wasser gehoben, in den Parks sieht man mit der Hand bewässern, während sich in Palästina bei den Juden überall die mcchanischen Beregner durchsetzen. Ein Besuch in einem Dorf gibt ein ähnliches Bild wie in einem paläslinensischen Fel- Iachend«rf in einer Gegend, die von der jüdischen KolonIsation nicht berührt ist. Aermlichste verfallene Lehmhäuser, Haufen verwahrloster Kinder, das üppige Wachstum der Felder ringsum steht in einem krassen Gegensatz zu der primitivsten Lebensweise. Die Produkte sind entsprechend billig. Man ist gelegentlich überrascht, wie diese intensiv entwickelte Landwirtschaft, die auf eine Tradition von Jahrtausenden zurücksieht, Erfindungen unserer Zeit vorweggenommen hat, ohne sich in die großen Kosten der Mechani- »ierting zu verwickeln. Ein schlagendes Beispiel sind die Inkubatoren, die man in vielen ägyptischen Dörfern sieht, die seit langen Zeiten ln Gebrauch sind. Es sind Lehmbauten mit engen Kammern, in denen die Eier zu je 6000 Stück mit Hilfe eine«; Feuers von Mist und Stroh Crwärmt werden, wobei die Erhaltung der Wärme und die Behütung der Eier in den Händen von besonderen ״Fachleuten“ liegt, bei denen die Kunst vom Vater auf den Sohn vererbt wird. Ein solcher Inkubator kostet Im Bau gegen 40 Pfund, er wird einfach mit an der Luft getrockneten Nilsclilainmzlegcln gebaut und repariert, die Hühner, die auf diese Weise produziert werden, sind für palästinensische Verhältnisse lächerlich billig, die Eier zwar klein, aber ungefähr zehnmal so billig wie in Palästina. Daß die Arbeit unerträglieh schwer ist, scheint wenig auszumachen. Da man bei einem Lohn von drei Pfund im Monat als ein solcher ״Brutexpert“ sich während dreier Wintermonate das Geld fürs ganze Jahr verdienen kann, nimmt man Hitze und Tag- und Nachtarbeit willig in Kauf und ist gegenüber dem Tagelöhner ein wahrer König. Und so findet man die billige Arbeit und damit den Menschcniihcrfluß überall; die Landwirtschaft hei eitet sich vor, mit dieser gewaltigen Waffe die Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen, die Industrie kalkuliert mit diesen geradezu lächerlichen Löhnen ihre Produkte. Das Land quillt von Menschen über, der befruchtende Nil kann trotz aller Ueppigkcit des Landes und bei der bestehenden sozialen Ordnung, die die Taschen der Latif11ndienhesit/er füllt, auch aus den strotzendsten Feldern nicht mehr als einen jämmerliehen Standard herausschlagen. Wohnverhältnisse, Gesundheitszustände spiegeln den Standard wider. Auf der Aus- Stellung ist ein Modellbaus für eine Fcllachenfamilie erbaut worden, das bestimmten Modellliiiiisern auf Versuchsfarmen entspricht. Benutzt ist das allgemeine Baumaterial des Landes, nämlich an der Luft getrocknete rechteckige Ziegel aus Nilschlamm, die ohne Verputz vermauert werden. (In Palästina wird meist Lehmverputz benutzt.) Der Fußboden ist Sand, die einzige Neuerung sind eine Decke und Fenster- und Türrahmen aus Holz, ein Material, das in dem bäumlosen Aegypten dem Bauern fehlt. Aber dieses Modellhaus ist weiträumig, es trennt bereits Tiere und Menschen, es hat eine Heizung vom Hot aus, so daß der Rauch nicht im Raume stehen bleibt, es sieht ein paar Matten, eine l ampe und einen Kleiderkasten außer den üblichen großen Tonkrügen für Wein und Oci vor. Zum Schlafen ist der aus Schlnmmzlcgeln gebaute große Ofen bestimmt. Und dieses Schlammhaus, für den Europäer von schreiender Primitivifät, ist für den Durchsehnittsfcllachen ein völlig tmerrciehbares Ideal. Es soll, von der Gesellschaft, die es proagiert, erbaut, gegen 35 Pfund kosten, für einen armen auern ein unerschwinglicher Betrag, und die Hütten in den Dörfern, selbst in Gegenden, wo von den Touristen immer wieder ein Baksehisch erbettelt wird, lassen dieses Schlamm- Viereck auf der Ausstellung geradezu als einen Palast erscheinen. Interessant ist andererseits, daß die lamlwirtschnftliehe Gesellschaft und die Ministerien sich überhaupt mit diesen Fragen befassen, sich bemühen, den Fellachen zu zeigen, daß sie anders wohnen können als jetzt. laue Betrachtung der Wohnverhältnisse des ägyptischen Fellachen, die noch schlechter sind als die des palästinensischen, geben viel zu denken über die jüdischen Kolonisatiousformen, ihren Standard und ihre Kosten. Im Laufe der palästinensischen Kolonisation ist die Frage des Standards immer wieder gestellt worden; Sie tauchte auf im Zusammenhang mit der Equipierung der Wirtschaften und der Siedhingskosteii; im Zusammenhang mit städtischen Wirtschaftszweigen, ihren Gestehungskosten; im Zusammenhang mit der Konkurrenz der billigen arabischen Arbeit; mit der Zuwanderung noch billigerer Arbeitskräfte aus den Nachbarländern. Sie wird, je weiter sich die Wirt- Schaft entwickelt, immer mehr i!1 den Mittelpunkt der wirtschaftlichen Diskussionen treten müssen. Heute produziert das jüdische Palästina (abgesehen von dem Orangen- Sektor, der etwas anders gelagert ist, da seine Produkte in Europa, und zwar besonders in England mit seinem hohen Lebensstandard abgeset/t werden) hauptsächlich für den inneren, eigentlich zu einem guten Teil für den innerjüdischen Markt. Sobald man an eine durchgehende Eroberung des gesamten Innenmarktes und darüber hinaus auT eine Belieferung der Nachbarländer wird gehen müssen (ein Fall, der mit der wachsenden Industrialisierung näher rückt) wird die Frage der Löhne und damit des Standards immer fühlbarer werden. Und da wir in den Nachbarländern ebenfalls eine Modernisierung und Industrialisierung haben, die zu einem Teil auch nach Palästina als Markt blickt, so wird das Konkurrenzproblem immer schärfer werden. Heute wird die Paläsfinacntwickhmg durch den großen Kapitaleinstrom getragen, der den höheren Standard ermöglicht. In Aegypten wird die Industrialisierung und .Modernisierung ohne 'diese Faktoren von ״außen1‘ durch Anstrengun* gen der eigenen Wirtschaftskräfte, die vom Nationalismus etragen werden, vorwärts getrieben. Der Kapitalstrom nach alästina wird vermutlich noch lauge anhaltcn, und damit wird sich auch das Problem der hohen I.chenskostcn nicht kraß zeigen. Sobald aber die palästinensischen Produkte um Rentabilität durch Absatz kämpfen müssen, wird die Frage allen offenbar. Heute lösen die großen Staaten diese Frage durch Protcktionis m 11 s, F x p o r 1 p r ä m i e n usw. Auch in Palästina wird .- hei Adaptierung dieser Maßnahmen an die sehr elastische Entwicklung vermutlich nur dieser Weg übrigbleiben. Es fragt sich jedoch, oh der Wirfschaftsumlang Palästinas groß genug ist, um diese allgemein heute akzeptierte Politik mit Erfolg anzuwciulen. Aus dem Ungarischen übertragen von Ludwig Dato « נו;׳!&!«* I» ForUettotig Pfsriidruek verbot•* Einem anderen Meister erscheint Elijahu, hebt den Vorhang des Firmamentes und zeigt ihm die himmlischen Lehr- Stühle der großen Geister. Der Platz dos Rabbi Chija leuchtet so blendend, daß der Zuschauer darüber das Augenlicht verlor. Da pilgerte er zur Gruft des Rabbi Chija, warf sich nieder und sprach: ״Ich studiere die Lehre des Meisters!“ Darauf genas er plötzlich. ״Und worin bestand das große Verdienst des Rabbi Chi,ja?“, fragt der Talmud. ״Ich sorge dafür“, sprach er, ״daß die Thora in Israel nicht in Vergessenheit, gerate. Ich tue folgendes: Ich baue Flachs und riechte Netze, darin fange ich Hirsche und gebe das Fleisch den Weisen zu essen und fertige aus den Häuten Pergamentrollen, auf die ich die fünf Bücher der Thora schreibe. Sodann gehe ich zur Stadt, lese mit fünf Kindern die fünf Bücher der Thora, lehre sechs Kinder die sechs Ordnungen der Mischnah und sage dann zu ihnen: Bis ich zurückkommc, leset miteinander die Schrift und lehret einander die Mischaah. So wirke ich, daß die Thora nicht in Vergessenheit?erste. Das ist es, was Rabba sagte: wie bedeutend sind loch die Werke Chijas!“ Elijahu pflegte selbst die Vertrüge großer Meister zu »esuchen, um zu lehren und zu lernen. Elijahu — lasen wir an siebenten Abschnitt der ״Mittleren Pforte“ — pflegte im Lehrhause Rabbas zu verkehren. Einst verspßtete er sich tn einem Neumondtage . ״Weshalb hat der Meister sieh verspätet?“ fragte Rabbi *08ua, warauf Elijnhu erwiderte: ״In der_ Ilöhle Machpela... bis ich Abraham aufstehen üeß, ihm die Hände wusch und ihn, nachdem er gebetet, Meder niederlegte und ebenso Isak und ebenso Jaacob“ ... Hätte er sie doch gleichzeitig nufstehen lassen! Sie könnten zu inbrünstig um Erbarmen flehen und den tMMia• vor der Zeit eintreffen lassen, erwiderte Elijahu. Gibt es nicht ihresgleichen in dieser Welt? _ Jawohl, Rabbi Chija und seine Söhne. Wenn sie gleicheeitig beteten, wäre dasselbe der Fall. Hierauf ordnete Rabba einen Fasttag an und ließ Rabbi Chija und seine Söhne vor das Vorbeterpult treten, damit sie zusammen beten. Als sie dann im Gebet zu der Stelle kamen: ״F.r laßt den Wind wehen“, begann ein Wind zu welien. Als sie sprachen: ״Er läßt den Regen herniederfallen“, kam Regen, und als sie darauf begannen: ״Der die Toten belebt“, erbebte das Weltall. Da sprachen sie im Himmel: ״Wer hat das Geheimnis in der Welt offenbart?“ ״Elijahu“, lautete die Antwort. Hierauf holte man Elijahu und versetzte ihm sechzig Feuersehliige. Da nahm er die Gestalt eines feurigen Baren an und lief zwischen Rabbi Chija und seine Söhne und verwirrte sie. Als wir die#« wunderbare Geschichte im Abschnitte ״Die Lohnarbeiter“ lasen, wunderten wir uns nicht im geringsten darüber. Der Gedanke, dnß dies unmöglich »ein könnte, kam uns gar nicht in den Sinn. Warum wäre es auch unmöglich? Haben ja die Wunder auch seither nicht auf gehört. Erst vor kurzem erzählte mir meine Mutter, daß Baal Sehern seihst gesagt habe, wenn er das Achtzehngelzot anhebt, so höre er stets den Flügelschlng nahender Geister, und wenn er zur Stelle kommt: ״Er wecket die Toten mit großem Erbarmen“, da hasten die irrendon Seeion in summenden Schwärmen heran, wie die zur Quelle gehenden Schafherden und bleiben ringsumher stehen, indem sie der Erlösung der Seligkeit harren. Und seit Ahraham oder Rabbi Chija sind viele, viele tausend Jahre bis Baal Schein vergangen! Wir fühlten fast, daß eine funkelnde goldene Kette der Wunder all das umschlinge, was wir jüdischen Kinder von den Ahnen, Hel* den, Festtagen, Gebeten Wissen... IX. KAPITEL Am besten gefiel uns Kindern der Abschnitt über die ״Arbeiter“. Der vorherige Abschnitt, der sieh mit Gewerbetreibenden und Handwerkern befaßte, endete damit, daß der 1 rfiger, der das ihm anvertraute Gut zerbrochen hat, die Hälfte des Schadens bezahlen muß. So lautete die These in der Theorie. In der Praxis hingegen: Lastträger zerbrachen dem Rabba bar-bar Ghana ein Faß Wein. Da nahm er ihnen djo Gewänder weg, worauf Rav zu ihm sprach: ״Gib ihnen di« Gewänder aurflek.“ Jener entgegnet«: ״let dies dag G«se4z?“ Dieser erwiderte: ״Jawohl, es heißt: damit du auf dem Wege der Guten wandelst.“ Da gab er ihnen die Gowändor zurück. Hierauf sprachen die Arbeiter zu ihm: ״Wir sind arm und haben uns den ganzen Tag aluiemüht, jetzt sind wir hungrig und haben nichts,“ Da sprach Rav zu ihm: ״Geh, bezahle ihnen ihren Lohn,“ .!euer entgegnete: ״ist dies das Gesetz?“ Dieser antwortete: ״.Inwolil, es heißt: und die Pfade der Gerechten sollst du beobachten.“ Den Schutz der Schwächeren!iahen uns Bibel und Tuiuwd in die zarte Kinderscele eärigel'lüßi, wir maßen dem aber keine größere Bedeutung hei als anderen schämen Lehrgleichnissen der ״Mittleren Pforte‘'. Darüber, daß hier nur von jüdischen Arbeitern, den Kindern von Abraham, Isak und Jakob die Rede ist, haben wir uns gar nicht aulgeholten. Auch in unserem Dorfe gab es jüdische Arbeiter, es kamen aber auch fremde Arbeiter, namentlich zur Zeit der Weinlese aus Bereg, Ugocsa, Maramaros1), Imchgewaehsene Juden mit, langen Bärten und langen Röcken, die keinen Wein kauften, sondern Wein erzeugten mit ihrer Hände und Fttßo Arbeit — den koschern Wein. Wir stellten sie uns bereits im voraus in dem am Hofe stehenden Riesenfaß vor, wo wir sie schon im Vorjahre bewunderten, wie sie drei, vier auf einmal im Kreise umhergehen und die reifen Trauben treten, bald gehen sie unter, bald tauchen ihre mächtigen Gestalten wiodor aus der ,Liefe des Fasses auf, wobei der schneidende Herbstwind ihre schwarzen Bärte und graumelierten Schläfenlocken hin- und herschwingt. Manchmal sah man nur die Köpfe mit den Snmtk&npchen und die mit rotem Trnubensaft vollgespritzten Gesichter über dem Faßrand. Daß sie Kinder von Ahraham, Isak und Jakob sind, sah man ihnen nm ganzen Wesen an. Nicht im Wirtshaus kamen sie zusatnmen, sondern in Schul, im Bethamidrasch. Bereits vor dem Laubhüttenfeste kamen sie im Dorfe an. Die Gemeindemitgliedor empfingen sie wie vornehme Gäste. Sie schliefen bei uns Im Gastzimmer, aßen an unserem Tische und erklärten die Thora nach dem Festmahl, ja noch mehr, sie ließen sich mit meinem Vater, dem Meister des Lernens, in einen Meinnngstrcit ein. Da gab es keinen Arbeitgeber und Arbeiter, nur Menschen und Menschen, Juden und Juden, Kinder von Abraham, Isak und Jakob, die gleichmäßig Erben der Lehre Moses und der Lehren der großen Weisen und Meister sind. Wir sahen, wie der Arbeiter, der den ganzen Lag verschmiert im Garten und Scheune umhersteigt, Trauben keltert, Wein seiht, die Presse dreht oder die schwere Ilumpe hebt, morgens mit der Gemeinde in Schul steht und auch er sich um den von Trauben lilagefärbten Arm den Gebelriemen wickelt, di« Tefilin um den Kopf legt, um י) Karpntii araSl and.

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