Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 30-31 (17.4.1936)
- Date
- 1936-04-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653952--28632-2690122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MODISCHE RUNDSCHAU NR. 30/31, 17. APRIU 936 PAlÄSTlNA-BlATT Politische Tagesfragen Vor der Fahrt der palästinensischen Delegation nach London / Die Diskussion unter den arabischen Parteien / ״Palästina, Erez Israel, Ai“ Von unserem pa I i s t i nensischen Korrespondenten gl. Tel-Awiw, 9. April 1036 In der Auseinandersetzung um den Gesetzgebenden Rat, die sich jetzt seit Monaten in Palästina abspielt, ist mit der Einladung des lligh Commissioner an die Führer der Araber, zur Diskussion der Frage nach London zu kommen, eine Wendung eingetreten. Den ganzen Winter hindurch hat die arabische Presse die Vorschläge der Palästinaregierung für den Legislative Council diskutiert, einzelne Parteien hatten offen ihre Z u s t i m m 11 n g erteilt, andere hatten implizite z.u verstehen gegeben, dal! sie bei einer Verwirklichung des Projektes keinen W i d e r s t a n d leisten würden. Die große Debatte im englischen Parlament, die teils vom Standpunkt der Juden, teils von dem des britischen Imperiums die Gefahren eines Gesetzgebenden Rates aufzeigfe, hat in Palästina größtes Interesse erregt. Die Einladung des High Commissioner jedoch, eine arabische Delegation nach London zu schicken, um den ganzen Fragenkomplex noch einmal direkt mit dem Colonial Office zu verhandeln, hat den Widerhall der Unterhausdebatte rasch erstickt. Die Delegation allein beschäftigt heute alle politisch interessierten Geister. Durchweg, sowohl von jüdischer wie von arabischer Seite ist die Proposition der Engländer günstig aufgenommen worden. Die Araber haben, ohne sich zu besinnen, zugesagt. ln der Tat, so schnell ging diese Zustimmung, daß gleich nach der positiven Antwort w a r 11 c 1111 e S t i m m e n in der arabischen Presse laut wurden, man solle sich nicht so einfach dem Wunsche der Regierung fügen, sondern ehe man noch die Londoner Reise antrete, bestimmte allgemeine Zusagen verlangen, die als Vorbedingungen für Verbandhingen zu betrachten seien. Man wies auf die ägyptische Politik hin, wo die englische Regierung vor Beginn der Verhandlungen zwischen Sir Miles Lampson und Nahas Pascha die Versicherung abgegeben habe, daß sie dem konstitutionellen Regime in Aegypten keine Schwierigkeiten machen werde, ganz gleich welche Resultate die Verbandhingen ergeben würden. Bei all diesen Forderungen und Vergleichen mit den Nachbarländern war es von Anbeginn klar, daß sie eben Wünsche und nicht ernsthafte Forderungen waren. Weder Jerusalem noch London wird sich bei Verhandlungen mit einer arabischen Delegation darauf einlassen, von vornherein bestimmte Versprechungen zu geben, sondern der Sinn der Besprechungen mit dem Colonial Office ist ja eben, in unmittelbarer Fühlungnahme mit den Sprechern der arabischen Oeffentlichkeit zu einem neuen Resümee über die Frage des Gesetzgebenden Rates zu gelangen. Dabei scheint es wahrscheinlich, daß die Londoner Konferenzen sich nicht eng an die Grenzen des Legislative Council halten, sondern von neuem die ״Palästinensische Frage“ in ihrem größeren Umfang zur Diskussion stellen werden, sind ja mit dem Komplex des Legislative Council so wichtige Gebiete wie Einwanderung und Boden• kaufe verbunden. Es liegt daher nahe — und von jüdischer Seite ist in der Tat auch der Vorschlag gemacht worden — die arabische Delegation nach London zu benutzen, um das palästinens i s c 11 e Problem als solches a 11 z 11 s e 11 n e i d e n lind zu diesem Zwecke eine Round-Table-Confcrcnce zwischen Juden und Arabern z.u arrangieren. Die jüdische Presse, die die Einladung der arabischen Delegation nach London positiv atifiiahm, verlangte, daß zugleich eine jüdische Delegation ihren Standpunkt gegenüber dem Kolonialamt vertreten könne. Gegenüber der Argumentation, das Kolonialamt hätte bereits eine jüdische Delegation in dieser Frage empfangen, wurde darauf liingewiesen, daß es sich hierbei um Vertreter des englischen Judentums gehandelt habe, daß bei den jetzt erwarteten Besprechungen jedoch eine palästinensische Delegation unumgänglich sei. Gerade unter dem Gesichtspunkt der Berufung einer Round- Tablc-Conference, bei der man Araber und Juden unter englischer Beteiligung an einen Tisch bringt, um die strittigen Fragen zu behandeln, sei eine palästinensischjüdische Delegation unerläßlich. Auf den ersten Blick könnte es also scheinen, als ob mit der Einladung der arabischen Delegation nach London die Regierung nicht nur eine Neubesprechung des Gesetzgebenden Rates in Aussicht gestellt hätte, sondern sich zugleich eine Möglichkeit biete, Juden und Araber an einen Tisch zu bringen, eine Idee, von der man seit über einem Jahrzehnt spricht, ohne daß bisher auch nur der geringste Fortschritt in dieser Beziehung zu verzeichnen wäre. Im Gegenteil, die Beziehungen haben sich noch verschärft, die strenge Trennung zwischen den beiden Völkern ist noch schlimmer geworden und auch die, ehe eine Round-Table- Conference wünschen, sehen heute weniger denn je Ansatzpunkte zu einem Ausgleich. Jede Begegnung scheint mit schwersten Reibungen verbunden zu sein. (Um Mißverstandnisse auszusehlicllen: die Erkenntnis all dieser Komplikationen läßt die Notwendigkeit, eine Fühlungnahme wenigstens zu versuchen, nicht weniger dringend erscheinen.) Wer über den Geist des Kampfes, des Hasses und der Erbitterung von neuem aufgeklärt sein wollte, erhielt in den letzten Tagen in Palästina eine interessante neue Lektion. Bei der Eröffnung des palästinensischen Radios, die, wie sich nach der Verfassung gehört, in den drei offiziellen Sprachen, englisch, arabisch, hebräisch, stattfand, wurde im englischen Text ״Palestine“, im arabischen ״Falcstin“, im hebräischen ״Palästina — Erez Jisrael“ gesagt. Diese Be- Zeichnung ״Palästina — Erez Jisrael“ ist bei allen offiziellen Comimmiqucs der Regierung seif dem Beginn der Zivil- Verwaltung üblich gewesen. ■ Mündlich wird sie ausführlich ausgesprochen, schriftlich kürzt man sie mit den Anfangsbuchstaben E. I. (Aleph, Jud) ab. Diese Abkürzung erscheint sowohl in den gedruckten Veröffentlichungen des Ober- Kommissariats als auch auf den palästinensischen Briefmarken. Daß man heim Sprechen mir die Anfangsbuchstaben nennt, kommt nie vor. Am Eröffnungstage des palästinensischen Radio sagte die hebräische Ansagerin auch ordnungsgemäß Palästina — Erez Jisrael. Das hatte jedoch eine Intervention arabischer Kreise zur Folge, deren Nationalismus sich durch dieses Wort beleidigt fühlte, und die Regierung, die jetzt ohnedies durch die Vorgänge in den umliegenden Ländern nervös ist, gab diesen Vorstellungen nach, und so hieß es plötzlich im hebräischen Radio ״P a I ä s t i n a - A i“. Es war kein Wunder, daß bei diesem präzedenzloscn Vorgehen, das sozusagen verbriefte Rechte verletzte und dazu noch an eine psychologisch sehr empfindliche Stelle rührte (schließlich ist ja für den Juden der Ausdruck Erez Jisrael keine einfache Landesbczcichming) eine spontane Reaktion der Juden einsetzte. Die Redaktionen der hebräischen Blätter wurden mit Briefen überschwemmt. Proteste allgemeiner Art mischten sich mit Aufforderungen, der Regierung die Lizenzen für die Radioapparate zuriiekzugeben, die jüdischen Beamten beim Radio zum Niedcrlegen des Amtes zu veranlassen usw. Dieser Kampf zwischen Arabern und Juden und der Regierung über das Aussprechen oder nur das Andeuten eines Wortes ist typisch für die gegenwärtige Situation, die immer neue Streit möglichkeiten herausfindet und eine geistige Einstellung zeigt, die auf alles andere eher schließen läßt als auf Versuche zu einer Verständigung. Um das Bild abzurunden, muß man noch darauf hinweisen, dal! auch innerhalb des arabischen Lagers die Geister keineswegs geeint sind. Zwar ist man in allen Kreisen mit der Delegation nach London einverstanden. Aber nicht gleicher Ansicht ist man über den Punkt, w e r fahren soll. Von einer Seite hat man angeregt, daß dieselbe Delegation nach London gehen soll, die im Jahre 1930 dort die Verhandlungen führte. Denn wäre cs nur nötig, einen Stell- Vertreter für den damaligen Führer der Delegation Musa Kasim Pascha zu finden, der unterdes gestorben ist. Aber gegen diesen und noch gegen manche anderen Präpositionen regt sich vielfacher Widerspruch. Es melden sich die verschicdensten persönlichen und Gruppeninteressen und es fehlt; auch nicht an Stimmen, die überhaupt bezweifeln, ob die gegenwärtigen Parteiführer die legitimen Sprecher des arabischen palästinensischen Volkes seien und allgemeine Wahlen fordern. Verschiedene Verhandlungen zwischen den Parteien finden bereits statt und sie werden in Kürze abgeschlossen werden, denn es besieht die Absicht, die Delegation noch A n f a!1 g M a i nach London zu senden. Die Auspizien, unter denen die Delegation sich nach London begibt, sind nicht sehr glücklich: heftige Gegnerschaft zwischen Juden und Arabern, die siel! bei allen Gclegenheiten von neuem zeigt; Meinungsverschiedenheiten zwischen der jüdischen Führung und den englischen Regierungsstellen; Uneinigkeit und Reibungen auch innerhalb des arabischen Lagers, Und doch ist trotz allen diesen Erschwerungen die arabische Delegation nach London eine Möglichkeit, die palästinensische Frage (und zwar abseits des täglichen Kleinkriegs, in einer freieren Luft, in der man die Dinge objektiver sehen kann) von Grund auf durch/usprechen. Vielleicht wird auch aus dieser Chance sieh nichts ergeben als weitere politische Reibungen und größere F.ntfremdimg. Die palästinensische Geschichte der letzten fünfzehn Jahre läßt keinen übermäßigen Optimismus in dieser Beziehung zu. Aber vielleicht läßt sieh doch dieses oder jenes bessern, diese oder jene Interessen miteinander ausglcichcn, wenn alle beteiligten Faktoren, Engländer, Araber und Juden, in dieser Hinsicht Zusammenwirken wollen. Die Einladung der Araber nach London Als dieser Tage im englischen Unterhaus wiederum die Frage der Einsetzung eines Legislative Gönneil in Palästina zur Sprache kam, legte Kolonienminister J. H. Thomas die Beweggründe der Regierung für die Einladung einer arabischen Delegation nach London dar. Veranlassung für die Debatte war eine Anfrage der Abgeordneten Colonel W e d g w o o d und Vivian Adams, die Auskunft darüber haben wollten, ob die Regierung im Hinblick auf die gegenwärtige Situation sich jetzt dahin entschieden habe, ihre Pläne für die Einsetzung des Legislative Council nicht weiter zu verfolgen. Kolonienminister J. H. Thomas erwiderte, er habe seit der letzthin stattgefundenen Aussprache über die Einsetzung eines Legislative Council im Unterhaus Grund dafür anzunehmen, daß die Vertreter der Araber in Palästina die Gelegenheit wahrnehmen würden, der englischen Regierung ihre Ansichten vorzutragen. Im Hinblick darauf, daß er zwei Wochen vorher eine Abordnung, die die jüdischen Interessen vertrat, empfangen habe, sei cs natürlich gewesen, daß die Araber gleichfalls Gelegenheit haben sollten, ihre Ansichten vorzutragen. Er habe dementsprechend den High Commissioner instruiert, offiziell die arabischen Führer ein zu laden, eine Abordnung nach London zu entsenden. Das habe er nun getan und die Einladung sei angenommen worden. In der Zwischenzeit seien keine weiteren Schritte in der Frage der Einsetzung eines Legislative Council in Palästina unternommen worden. Der Abgeordnete Morgan fragte den Kolonicnminister weiterhin, ob er die Möglichkeit einer Erweiterung der V e r a n t w o r 1 1 i c b k e i t der S 1 a d 1 v e r w :1 I t u 11״ in den vier Städten Jerusalem, Td-Awiw, 1 laifa und Jaffa bei einer nicht zu verwirklichenden Einsetzung eines Legislative Council erwägen wolle. Kolonicnminister Thomas erwiderte, daß eine Erweiterung der gegenu artigen Befugnisse der Stadt- Verwaltungen in Palästina von verschiedenen örtlichen Voraussetzinigen abhängen mußte und insbesondere von der finanziellen L age jeder Stadt gemeinde. Weitere Unterhaus-Anfragen Im Unterhaus fragte der Abgeordnete David Adams den Kolonienminister, ob angesichts der Rückständigkeit der Lokalverwaltung in Palästina es dort irgendeine Behörde gibt, die für die Kontrolle d e r V e r w a 1 t 11 n g bestehender lokaler Körperschaften einschließlich der Stadtverwaltungen veiantwortlich ist, und der speziell die!,flieht obliegt, Plane Nebi Musa-Fest in Jerusalem Araber aus Nablus mit gezogenen Säbeln, hinter ihnen eine Postenkette der Polizei Eine Tanzgruppe auf der Straße Foton 01d>1