Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 30-31 (17.4.1936)
- Date
- 1936-04-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30/31 17. IV. 19315 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 9 Bilderbogen Transsylvanien Von Otto Abele>*) Der alte Scherenschleifer Am Marktplatz von Satu-Mare hat ein jüdischer Scheren• Schleifer seinen Stand. Ein alter Mann. Der lange Kaftan ist zurückgeschlagen, damit der Fuß, der das Rad dreht, Bewegurigsfreiheit hat. Der Plüschhut ist in den Nacken gerückt, auf der gefurchten Stirn perlt der Schweiß, der Kopf ist tief geneigt, die dicke Brille berührt beinahe den Schleifstein, ich komme ins Gespräch. ״Wje geht es Euch?“ — ״Nicht gut.“ — ״Schlechte Zeiten, wenig Arbeit?“ — ״Nein, ich verdiene, was ich brauche. Aber die Augen sind schon sehr schwach.“ — Ich verstehe. ״Ihr könnt Euer Handwerk nicht mehr meistern. Ihr seht nicht gut genug, um das Messer richtig an den Stein zu legen und zu schärfen?“ — ״Nein. Ich hab cs im Gefühl, in den Fingern. Die Hände arbeiten von selbst und genau. Mull beim Schleifen die Augen nicht anstrengen. Aber ich kann am Abend bei der Lampe nicht mehr in der Heiligen Schrift lesen.“ — Man sagt es besser mit seinen Worten: ״Ich kenn kein Seifer leinen ...“ Nicht jedes Volk hat Scheren- Schleifer, die unglücklich sind, weil sie sich des Nachts nicht der Lehre hingeben können. Aber hier in diesem schönen und gesegneten Lande hat die Erscheinung des Scherenschleifers ihre besondere Bedeutung. Hier stoßen sich die Gegensätze hart im Raume, Jüdischkeit und Entjudung sind eng benachbart. Transsylvanien mit dem Banat ist geradezu eine Vereänigung aller Spielarten, aller Farben, die das Judentum des Kontinents bis tief in den Osten aufweist und gelegentlich mengt sich noch das Temperament, der Lebensstil des orientalischen Juden in diese Buntheit. Alle Schlitzfärben präsentieren sich, welche die Juden der Verstreuung im Kampf ums Dasein angenommen haben, annehmen mußten. Meist ist die Deckfarbe dünn aufgetragen, das jüdische Herz pocht durch die Kruste, Manchmal freilich ist er hart und starr, der Ucberzug, welcher den Feind täuschen, ablenken soll; nach außen erfüllt er den Zweck des Panzers nicht, nach innen übte er die dumpfe Wirkung von Kerkermauern, das arme Herz ist abgestumpft. Volljudcn, Halbjtiden, Viertelnden und Israeliten, grobschlächtigc Bauern und fromme Waldjuden, weniger starke, ar nicht gläubige, schmächtige, aber in beste englische toffe gekleidete Stadtherren; Jeschiwah-Jünger, über dem Talmud gebeugt, Burschen mit Schläfen locken und Kaftan auf ungesattelteu Pferden; allereiniachste Kleinbürger, allernobelste Klubmenschen, gesetzestreue Juden jeglicher Sonderart, Ungläubige jeglicher Fasson, Mystiker und Abenteurer, Fanatiker der Lehre und Fanatiker der Kartentische, wunderbar regsame, sonderbar matte Söhne des alten Volkes — alle sind sie in den Gauen Neurumäniens diesseits von Brassow anzutreffen, als hätte sie hier eine sorgliche Hand zusammenetrageti, gleichsam in einem Naturpark vereinigt. In den tädten, Städtchen, Marktflecken und Dörfern von Siebenbürgen des Banates, der Marinarosch und der Zlps kann man im Mikrokosmos den Makrokosmos sehen. Das Judentum, durch eine grausame Entwicklung niedergehalten, zerschlagen, zersprengt und in unfaßlicher Vielfalt. Der alte Mann von Satu-Mare, begreift ihr, steht auf verlorenem Posten. Denn stärker ist die Macht der Entfrerndung, die Mühle der Zeit mahlt prompt und rasch, in zwanzig, dreißig Jahren wird in Transsylvanien kein jüdischer Scherenschleifer seufzen, daß er des Nachts mit seinen schwachen Augen nicht mehr einen Seifer leinen kann. ßauenifragödie Ein merkwürdiger Reiter Im Stadtbild von Marmaros- Szlgeth. Die Schöße des Kaftans blähen sieh, die Schläfenlocken fliegen, unter dem speckigen Filz lugt ein Samtkäppchen hervor, aber die groben Beinkleider stecken in richtigen Bauernstiefeln und tüchtig ist die Faust, welche die Zügel hält. Der junge Jude galoppiert in sein Dorf zurück. Vorüber an den Jammergestalten der jüdischen Bettler und kleinen Wechsler, der zerbrochenen wachsgelben Krämer, die mit nichts zu handeln haben, der hungriger! Müßiggänger, der verwahrlosten, entsetzlich zerlumpten Kinder, die sich dem Passanten an die Sohlen heften, am Pflaster nächtigen, im Schmutz verkommen, niemals arbeitstauglich sein werden. Ma r m a r o s-S z i g et ii ist die Musterkarte jüdischen Elends. Unvergeßlich das Schauspiel, das sich am ersten Blick aus dein Hotelfenster bot: Dreißig, vierzig jüdische Kutscher, auf dem Bock stehend, die Peitsche gezückt, spähten auf das Hoteltor, ob die beiden Geschäftsreisenden, deren Bahnfahrt fällig ist, weil ihre Musterkoffer bereit stehen, schon sichtbar werden. Im nächsten Augenblick ein Wettrennen, daß die morschen, dreckigen Kasten in allen Fugen krachen und die mageren hinkenden Gäule aufstölmm. Wer wird siegreich aus der Konkurrenz hervorgehen? Die Herren Reisenden haben an diesem nassen, unwirschen Herbsttag in dem gottsverlassenen Nest endlich ihr Amüsement, das sie absichtlich verlängern. Sie goutieren angeregt, weisen auf dieses und lenes Vehikel, das ihnen Zusagen würde, verschärfen den Kampf. Nachher sah ich die Schar der Unterlegenen auf ihren Standplatz zurückkehren. Heute gibt’s kein Brot für die Familie. Das sind die Bessersituierten, die ״WagenBesitzer“. Aber wenn man dein galoppierenden Judenjungen bis zu seinem Hofe folgt, entrollen sich, knapp an den Grenzen der Stadt, andere Bilder. Dort breiten sich die jüdischen Bauerndörfer der Marmaros, dort schaffen luftgegerbte, frobscliläcbtige Männer auf der Erde, in der Dorf schmiede, erbe, gesunde Weiber in der Wirtschaft, dort sieht man das Glück des Menschen, der mit der Scholle verbunden ist. Auch hier größte Armut, niedrigste Lebenshaltung, kein Bissen Fleisch, bloß Maisbrot und Grütze, denn winzig ist der Einzelbesitz an Grund und Boden. Aber sie haben doch ihr Stückchen Erde unter den Füßen, ihr eigen Dach über der Familie, die Burschen und Mädchen versorgen den Stall, bestellen den Acker, treiben die Ziegen und die einzige Kuh auf die Weide. Eine Anzahl Leiterwagen, von jüdischen Fuhrleuten gelenkt, dicht besetzt mit Männern, welche ihre Werkzeuge geschultert haben und im rauhen Chor ostjüdische Volkslieder singen, poltern über die Landstraße. Das sind die rühmlichen jüdischen Holzfäller und Waldarbeiter, die kräftigsten, verläßlichsten, gewandtesten dieses Gebirgslandes. Und oben, auf den Karpnthenhöhen, gibt es Almbuben. Keine israelitischen ״Salontiroler“, sondern richtige jüdische Senner. Sie treiben das Vieh im Frühjahr hinauf und kommen erst im Herbst. Sie beliefern den städtischen Markt mit Käse für den koscheren Haushalt. Niemals, nirgends trifft man wohl derart überquellenden Kinderreichtum, wie in den Judendörfern der Marmaros. Die Dorfstraßen bespickt, die Höfe überfüllt, halbnackt die Kinder, aber frisch, stämmig, keines hinfällig, durchsichtig, krüppelhaft, wie die traurigen Kinder von Marmaros-Szigeth. *) Aus dem Buche des Autors ״Begegnung mit Juden“, welches demnächst im Verlag R.' Löwit, Wien und Jerusalem, erscheint (etwas gekürzt). Jüdische Ignaz Bernstein und seine Sprichwörter-Sammlung Von Dr. Jakob M e i 11 i s Das große Werk Ignaz Bernsteins, des bedeutenden Folkloristen, Bibliophilen und des eigentlichen Begründers der jüdischen P a r ä 111 i o g r a p 11 i e, verdient besondere Erwähnung und Würdigung, da sich die jiidische wissenschaftliche Welt anschickt, in diesem Jahre die Wiederkehr seines 100. Geburtstages zu feiern. Geboren im Jahre 1836 in der podolisclien Stadt Winnitza, hat er seine Lebensarbeit der Erforschung der jüdischen Volkskunde und der Ethnographie gewidmet, ein Forschungsgebiet, das es bis Bernstein im jüdischen Bezirk kaum gegeben hat. Da er von Hause aus recht begütert war, konnte er die ihm zur Verfügung stellenden Mittel ausnahmslos für seine ausgedehnten Studien verwenden. Im Laufe seiner langen Forschertiitigkeit sammelte er unermüdlieh volkskundliches Material, so daß er mit der Zeit im Besitz einer der reichsten und wertvollsten Bibliotheken auf diesem Gebiet war, die neben seltenen Büchern in allen Kultursprachen auch verschiedene Handschriften aufzmvciscn hatte. Es war eine lohnende bibliographische Arbeit, einen Katalog dieser einzigartigen Sammlung nnzufertigen, den Bernstein im Jahre 1000 in zwei Bänden unter dem Titel ״Katalog dziel tresci przyslowiowcj“ (Catalogue des livres parbmioTogiques composant la hibliotheqtic de Ignace Bernstein) herausgebracht hat. Diese Bibliothek hat Bernstein später der Akademie der Wissenschaften in Krakau vermacht. Allein das Hauptwerk seines Lebens blieb die grandiose, fiir die jüdische Volkskunde epochemachende Arbeit ״J ü - dische Sprichwörter und Redensarte n“, die neben einem außerordentlichen Sammicrfieiß auch ein hervorragendes Wissen um die Dinge verrät. In Westeuropa hatte man sich im Laufe des 19. Jahrhunderts mit gestrigertem Interesse dem sogenannten ״primitiven“ Gemeinschaftsgut zugewandt und das Wissen um das Volk, um seine Lebens- und Anschauungsweise, wie sie im alten Erzählungsgut, im Volkslied, im Sprichwort, in den täglichen Lebensformen usw. zum Ausdruck kommt, auf eine beträchtliche Höbe gebracht. Auch Bernstein lernte jene Werte kennen, die in den Tiefen der Volksseele schlummerten, und schlug den Weg zu seinem Volke, zu den zum Teil noch verschütteten Urquellen echten Volkslebens ein. Der Weg dieses großen Arbeiters war nicht leicht. Nur ein Mensch von so viel Verständnis und Liebe für sein Volk wie Bernsfein konnte die einmalige und wertvolle Arbeit leisten und im Laufe eines langen arbeitsreichen Lebens das Fundament zu einer methodisch geordneten und wissenschaftlich bearbeiteten Sammlung des jüdischen Sprichwörterschatzes legen. Das soll aber nicht etwa heißen, däß vor ihm niemand die Notwendigkeit einer derartigen Arbeit eingesehen hatte. Es fehlte nicht an einzelnen Versuchen; wir brauchen nur an die im Jahre 1860 erschienene Arbeit von Abraham T e n d I a u ״Sprichwörter und Redensarten deutsch-jüdischer Vorzeit“ zu erinnern, um das bestätigt zu finden. Eine systematische und nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten geordnete Bearbeitung deh jüdischen Sprichworts blieb jedoch Ignaz Bernstein Vorbehalten. Nur so kann man die Bedeutung seiner Sammlung ermessen. Bernstein, als ein echtes Kind seines Volkes, hat sein reichhaltiges Material in erster Linie aus dem Volksmund geschöpft, indem er unter die *Juden Rußlands, Polens und Galiziens ging und dort gesammelt hat. Seine Sammlung, die etwa 4000 Sprichwörter und Redensarten aufzuweisen haf und 1908 erschienen ist, enthält die Erotica et Rustica nicht, die aber als Nachtrag im selben Jahre als Manuskript gedruckt wurden. Die Ausgabe Bernsteins weist neben dem jiddischen Text des Sprichwortes dessen lateinische Transkription auf, was nicht nur dem des Jiddisch Unkundigen beim Lesen wertvolle Dienste leistet, sondern ihm auch eine Vorstellung von der Sprache und der lebendigen Eigenart der volkstüm- Folklore liehen Redensart unmittelbar vermittelt. Die Sprichwörter sind gemäß den europäischen Vorbildern alphabetisch nach Schlagwörtern geordnet, die an der Spitze der einzelnen Sprichwörter oder der Gruppen gedruckt sind. Bet sinnverwandten Sprichwörtern'finden sich Verweise aufeinander. Das Material bezieht sich vorwiegend auf rituelle und liturgische Vorgänge im jüdischen Leben, auf bestimmte nationale Formen, auf Gebräuche und Sitten des Alltags und der Festtage oder auf Wortspiele und bekannte Anekdoten. Die Sprichwörter bilden eine Fundgrube für den Folkloristen. In ihnen sind viele fremde und eigene "Eiem e n t e enthalten und überliefert. Vor allem wollen wir unsere Aufmerksamkeit kurz, den sogenannten ,.Lehns p r i c11 w ö r t e r n“, die auch liier eine große Rolle. spielen, zuwenden, linier diesen nehmen in erster Linie die eigentlieh jüdischen L. e 1! n s p r i c 11 w ö r t e r den Hauptraum ein, die aus der Bibel, Talmud, Midrasch, Mystik usw. stammen. Das Medium waren in alter und in neuerer Zeit die Volkserzähler, die Prediger, die späteren Maggidiin, die Gelehrten u. a. m. Durch derartig viele und mannigfache Kanäie sind sie ins Volk gedrungen und dann weiter als Volks- und Gemcinsc haftsgut gewandert. Daneben treten noch jene Lchnsprichwürter auf, die der nichtjüdischen Umgebung entlehnt sind. Sie stammen meistens aus dein den Juden umgebenden Kulturkreis und haben im Laufe der Zeit eine spezifisch jüdische Färbung bekommen, sie wurden sozusagen ״verjüdiseht“. Dabei bcgegnen wir einer ganzen Reihe von Sprichwörter», deren eine Hälfte in einer fremden Sprache verfaßt ist, während die andere Hälfte etwa als Anhang in Jiddisch zum Ausdruck kommt. Groß! ist aber auch noch die Zahl derjenigen Sprichwörter und Redensarten, die die Juden seihst in den Galuth-I..ändern, dank den eigenartigen Umstanden, unter denen sie gelebt Italien, schufen und in denen zuweilen eine bunte Mannigfaltigkeit des täglichen Lebens, verbunden mit einer scharfen Beo b a c 111 u n g d e r W i r klichkeit zum Ausdruck kommt. Allein das Gesetz der gegenseitigen Wechselwirkung hat auch liier seine volle Anwendung und wir wissen von vielen Sprichwörtern, die von den Juden in die nichtjiidisclie Umwelt gewandert sind und dort außerordentliche Verbreitung gefunden haben. Wie beim Volkslied gibt es auch beim Sprich wort Varianten, die gewöhnlich dadurch entstehen, daß ein gcwisser Teil des ursprünglichen Sprichworts aus dem Zusatnmenhange gelöst, abgeändert oder ganz fortgekissen wird. Auch das Sprichwort wandert und wandelt sich im l aufe der Zeit und wir sprechen dann von dessen a b g e s c h 1 i f f e ־ ner Form. Sprichwörter sind uns auch in Form von Reimen überliefert (wie z. B. in ״Gelebt ui a har1), gestorben wie a nar“. ״Kaass w’diejmo"), machen den menschen far a h’hejmo“*! ti. a.!11.), wobei, wie eine moderne Theorie nachwcisen ‘ will, Bildlichkeit und Reim im Sprichwort erst beim ״Z e r s p r e c h e n" hincingekommei! sein so!- len. Manche Sprichwörter nehmen nicht nur Bezug auf bekannte Anekdoten, sondern sind oft gedrängte Reste von Volksliedern und Voikserzähhmgen. So z. B. finden _ wir eine Reminiszenz an eine bekannte talmudische Geschichte in der Redensart: ״Er seht aus, wi a grojgcress«) drabi Zodek“. Hier wird an die Erzählung in Gittin 56 a angeknüpft, wo es heißt, daß der fromme R. Zadok vierzig Jahre getastet hat, um das Verhängnis der Zerstörung Jerusalems abzuwenden. Um sein Leben erhalten zu können, saugte der Fromme nur an einer Feige, von der am Ende nur noch die Haut zurückbücb. — Die Redensart des Volkes bezieht sich also auf magere, ausgemergelte Menschen. Bernsteins systematische Sammlung und Bearbeitung des jüdischen Sprichworts war vielen Parämiographen Vorbild und Wegweiser. Er hat den Grundstein zu einem großen Werk gelegt, an dem viele Generationen von _ jüdischen .Wissenschaftlern und Folkloristen weiter zu arbeiten haben werden. ln dem Dörfchen Sarasau überraschte mich in einer lachhaft engen, nackten Bauernhütte ein Bild doppelten Mutterfliieks, wie es so hell nur in der Arineleutcstube leuchten kann. vvei plumpe Holzwiegen nebeneinander, Mutter und Tochter kamen gleichzeitig ins Wochenbett — vier Paare glänzender Braunaugen. Gläubiges Volk. Aber sie lassen sicii nicht von den fanatischen oder bloß geschäftstüchtigen Wunderrabbis gängeln, die in den Marktflecken und Städten der näheren und weiteren Umgebung regieren. Fs ist die Frommheit des erdverbundenen Menschen, der seinen Knaben in der heiligen Lehre unterweisen läßt, aber nur so lange, bis er ihn auf der Weide, irn Stall, am Felde verwenden kann; der zuverlässig in die primitive Dorfsynagoge zur Abendandacht geht, auch wenn er nach des Tages schwerer Arbeit müde torkelt oder singend einnickt. Assimilation im Opereffenstil ״Mein Zion ist Budapest!“ erklärt der eine. ״Wenn ich glattrasiert und nach rumänischer Mode stark gepudert bin, kann man mich von keinem hundertprozentigen Rumänen unterscheiden“, argumentiert der andere. — Beide sind übel dran. Der magyarisch-nationalistische Jude von Großwardein, Teinesvar, Arad und Klausenbnrg war bei solcher Gesinnung ein ausgezeichneter Patriot, solange diese Gebiete nun Ungarlande gehörten — und wird als ״Staatsfeiiul“, als Irredentist gewertet, seitdem Siebenbürgen dem Königreich Rumänien angegliedert ist. Sein Nachbar hinwiederum, der mit bestem Willen und schleunigst die Metamorphose zum Vollmagvaren bewirken möchte, wird behandelt wie ein verdächtiger Kumpan, vor dem man sich doppelt in acht nehmen muß. — Es ist eine Tragikomödie. Liebenswerte, gastfrohe, schöne Menschen, aber ausgehöhlt von der Oberflächenkultur, der sie sich ohne Not in der ungarländischen Vergangenheit hingegeben haben. Hier ist bei vielen, bei den meisten, alles, alles Hülse geworden, ohne Inhalt. Sogar die Strenggläubigkeit. Der ungarische Orthodoxe, wie er jetzt vor allem in Ncu-Rumänien zu treffen ist, präsentiert sich sozusagen als ״Orthodoxie mit der Bügelfalte“, häufig auch mit Monokel. Den intimen Verkehr mit der Lehre — den Orthodoxen aller anderen Zonen deutlich ins Antlitz geschrieben — sieht man dem feschen, salon- und klubfähigen ״bibelfesten“ Manne nicht an. Es ist auch sehr häufig mehr ein politisches als ein religiöses Bekenntnis plus Beobachtung der rituellen Gesetze. Ansonsten haben sie alle und natürlich besondere ihre Frauen mit wunderbarer Einfühlung Schritt gehalten. Der letzte Schrei der Saison wirkt sich mit einer Promptheit aus, als hatten ihn Radiowellen den empfänglichen Herzen in dem 1J Herr. *) Zorn und Grimm. 3) Tier, Vieh. *) Feige. —MAGISTER KIRSCH- Der gute L i fc ü 1r Magister-Likörfabrik, München VII Augenblick übermittelt, da er in Wien, London, Paris und, selbstverständlich, in Budapest ausgestoßen wurde. Die jüdisehe Gesellschaft dieser großstädtischen Provinzorte ist mit Klubs und Psvchoaualvse, Bridgestuben und Kurhythmik erstklassig ciiigedeckt. Nur, was Erkenntnis und Bewertung der Juden frage anbeiangt, sind sie um rund vierzig Jahre zurückgeblieben. Die Herren müßten noch Bratenrock und Röllchen, ihre Damai Wespentaille und Sdtiiikenärmel tragen, damit die äußere Erscheinung ihrer geistigen Verfassung entspricht. Ein anderer Blickpunkt Es fügte sich, daß ein peinliches Ereignis den krassen Unterschied zwischen den beiden Welten ,,ungarisches Judentum in Oroliwardein“ und ״östliches Judentum in den Karpathen der Mamaros“ von einem anderen Blickpunkt erwies. Zu den ungarischen Stadljudei! mit ihrem hohen Grad der Zivilisation, ihrer Geselligkeit, Freude am Klubleben, ihrem verhältnismäßigen Wohlstand, ihren gepflegten, behaglichen Wohnungen (und ihrer Pseudo-Orthodoxie), zu den Kaufherren, Advokaten, Aerzten, Apothekern, Fabrikanten, Liferaten, Journalisten der Judenstadt Oroßwardvin kamen aus Bukarest und Jassy die antisemitischen Studenten, hausten fürchterlich und fanden kaum Widerstand, üroilwardeiu bot ein trauriges Bild der Ohnmacht. Angeregt durch die schönen Erfolge begaben sich die akademischen Bürger nach Marmaros-Szigeth, zu den bcttclarmen, bärtigen, ungepflegten, Kaftan und Schiäfenrock tragenden, in quälender, aber noch seelenvoller Enge vegetierenden Massen. Dort hatte die Nachricht vom Nahen der riesigen Sonderziige unerwartete Wirkung geübt. Die jüdischen Bauernjungen aus den Dörfern, die Tischler, Fleischer, Schlosser, Fuhrknechte, Waldarbeiter kamen mit tüchtigen Prügeln in den Fäusten zum Bahnhof, tanzten und sangen in ungestümer Erwartung der lieben Gäste — und die Herren Studenten entschlossen sich, den gesicherten, bewachten Eisenhahnzug überhaupt nicht zu verlassen. In einer Elfem Versammlung der Warschauer Tarbutschulen Ist beschlossen worden, ein hebräisches Gymnasium i n W a r s c h a u zu gründen. Spezialhaus für moderne Damen- und Herren •Strümpfe, Handschuhe, Trikotagen, Wäsche und Strickwaren Strumpf haus Metzger Nachf. Benno strupp Berlin NW 7, Friedrkhstr. 91/92