Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 30-31 (17.4.1936)
- Date
- 1936-04-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit•« J001SCHF P’INHSCHAO Nr. 30/31, 17. I* 1936 Der ״Phönix^-Zusammenbruch Von unserem Wiener Berichterstatter eigentliche Anziehungskraft des Gottesdienstes zu sein, was seine guten, aber gewiß auch seine bedenklichen Seiten hat, da ein Gottesdienst schließlich kein Konzert ist. Dieser Sänger wurde auf jeder europäischen Opernbühne eine Sen* sation sein. Die große Synagoge mag 2000 Menschen fassen, ein Winziger Bruchteil der Warschauer Judenschaft. Die überwältigende Mehrheit, soweit sic den Schabbat begeht, ver* richtet ihre Gottesdienste in privaten Betstuben, ln fast jedem Hof in Nalewki oder den angrenzenden Straßen gibt «s solche Befstubcn, und durch die Fenster dringt das Oerausch des (iottesdienstes. Viele Kinder bewegen sich zwisehen Retstube und Hof, spielen auf dem Hof. Die verschie* denen Arten Chassiditn haben ihre ״Stühel“. Ueberall mehrere Generationen nebeneinander; da sind auch die kleinen jungen von 6 oder 8 Jahren, die unausgesetzt mit wackelndem Oberkörper über die Bücher gelehnt rezitieren und kaum den Blick vom Buch ahwenden, gewiß nicht zum Fenster, wo freilich in dem grauen Hof auch nichts Verlockendes zu sehen ist. In einer dieser Stuben geschah es auch, daß ein ehrwürdiger alter Mann mit weißem Bart und schwarzem Kaftan, offensichtlich sehr arm, mich freundlich fragte, ob ich jemanden suche. Ich sagte, ich wolle nur sehen, und auf seine weitere Frage, daß ich ans Deutschland komme. Darauf fragte der Mann, und seine Stimme schien wie aus der Tiefe der Jahrhunderte zu kommen: Sieht man das denn nicht in Deutschland? Man lernt nicht in Deutschland? Im Elendsviertel Je weiter nach Norden der Stadt, um so größer das Flend. In Mila und Mtiranowska ist alies verfallen und düster. Gft merkt man mit Rührung den Wunsch, auch in diesem Milieu etwas Sauberkeit zu halten. Fs ist fast übermenschlich schwer. Hier hausen I uftmrnschen, sie sind auf geringen 7.11fallserwerh angewiesen. Aber eine unbegrenzte Zahl von Kindern tummelt sieh auf der Straße. Diese Kinder sind unsagbar zerlumpt, oft ganz malerisch an gezogen in Gewandern, die aus hundert alten 1 ef/en zusammengestoppelt zu sein si heilten, aber sie zeigen wenig oder keine Zeichen der Verbitterung, sondern lustige blitzende Augen, wie alle Straflerikinder der Welt. Das Erscheinen von Fremden scheint in diesen (legenden der Stadt ein Frlebtiis für die Kinder (übrigens auch viele! rwaehsenc) zu sein, mul cs ist schwer, sich ihrer zu erwehren, zumal wenn man einen photographtsehen Apparat blicken!;ißt. Jedes Kind will photographiert sein. Dieser Wtinsch ist stdir verbreitet und die Verlockung, ein trotz großem Ulend schönes Mädchen im Gebiet der I'vakuiertenharackcn zu photographieren, führte zur Beschlagnähme eines ganzen Films, da dort, was wir nicht wissen konnten, photographieren verboten ist (wahrscheinlich um Wiedergabe dieser FcncnsverhfdtnFse zu verhindern, was aber auch nicht die Absicht war). Schließlich ziehen wir mit einem Gefolge von hunderten Kindern durch die Straße. Oft ist man erinnert an die Araberkinder in Palästina. Cs verdient erwähnt zu werden, daß die jüdischen Kinder nicht betteln, obwohl ihnen Hunger und Flend oft unschwer vom Gesicht ahzulcsen ist.! ine Million Kinder sollen in (Gien ohne Schule sein, darunter natürlich auch eine große Zahl jüdischer Kinder in diesen Anmnvierteln, F.in Teil von ihnen geht in den Glieder. Aber wie sieht so ein Glieder in einer der kleinen 1 lendsgassen Warschaus aus? Geber eine schmale dunkle Treppe kommt man in einen engen Raum, wo etwas herumliegt, das man wohlwollend als Banke bezeichnen kann, in Wahrheit ein unvorstellbares Gerümpel zerbrochener Sitzgelegenheiten. In so einem Zimmer hat der arme Mclamcd mit etwa 50 wilden Kindern zu tun, die außer jüdischen Stoffen auch ein gewisses Maß elementarer Allgemeinkenntnissc erhalten. Der Melamed verdient 25 Zloty in der Woche (12 KM.), die Miete iiir die Wohnung wird von einem Stifter bezahlt. Die Schiller bestehen nur aus Kindern der allerärmsten Schic!)len, und wie immer der t!nf erricht sein mag, man muß sagen: es ist eine Wohltat, daß die Kinder nicht vollständig auf der Straße untergeben. Freilich, stehenbleiben darf inan hei dieser ״Beruhigung‘‘ nicht. Diese verwahrlosten, alu-r lebhaften, gutartigen, geistig regsamen Kinder sind ein großes Volks-Kapital, Soziale Gliederung Von 22000 Steuerzahlern, die die jüdische Gemeinde in Warschau besitzt, zahlten 11 01K) eine Steuer von 10—50 Zloty, mir 8000 über 50 Zloty. Die Zahl der ganz reichen ist relativ gering in dieser Millionenstadt mit ihren 320 000 Juden. Nur etwa 25 Personen zahlen mehr als 2000 Zloty Kultussteuern. Die sozial und wirtschaftlich anfgestiegenen Schichten, die bereits durch die Schule der Aufklärung und einer partiellen Assimilation gegangen sind, wohnen nicht mehr in der Judenstadt. Viele von ihnen hallen ihre eleganten Wohnungen siicilull der ,,Jerusalem-Allee■׳, die vom Bahnhof zur Weichsel fuhrt, die Mars/alkowska und die ״Neue Welt“ überquerend. Dieser Boulevard, eine der schönsten neuen Straßen WarsJuius, heißt nach einem ehemals an der Peripherie Warschaus gelegenen Dorf, das den Namen ״Neu-Jerusalem“ erhielt, weil dort die Juden wohnen durften zu einer Zeit, als ihnen das Wohnen in Warschau verboten war. Damals u ar dort der Rand der Stadt, die sich in zwischen weit darüber lunausgedehnt hat. Die eigentliche polnische Handels- und \X ohn-t.nif nebst vielen repräsentativen Gebäuden (Sejm, 1!.elvcdrre-sehloi)) befinden sieh im Sudteil, Zwischen der < )berschicht und dem Ghetto-Volk ist jene Zwischenschicht des I Vbergang-־, die uns am wenigsten sympathiseti a!1 mul et. I läufig findet man hier (Verallgemcinerungeii sind alnr ah/iihdineii) einen Typ des äußerlich modernisierten, halb;;!, bildeten, leicht posierenden ״Kommis'‘, und die Vertreter dieses Typs, männlich und weiblich, frequentierer! die jüdischen Fokale an der Grenze der Judenstadt. Aber ideallos sind auch diese ästhetisch häufig unbefriedigcndcii Typen nicht. Sie suchen vielfach Ersatzideale, nachdem ihnen die alte selbstverständliche Glauhcnsbindung zer* stört wurde. Die nationale Bewegung hat hier die gleichen 1 r/ieinmgsaufgaben wie bei vielen anderen aus der religiösen Erstarrung gelbsten Völkern, z. B. des Orients. Fis gibt Kreise, die sieh dieser Notwendigkeit wohl bewußt sind, obwohl bei den jüdischen Parteien das politische Interesse alles andere überschattet. Große Möglichkeiten hat noch die jüdische Turn- und Sportbewegung und vor allem die Jugciidbewegungen (derer! es alle Schattierungen gibt) und der 11־ f c 11 a I u 1, In diesen Verbänden strafft sich Körper und Seele, findet das neue Geschlecht seine neue Torrn. Etwa 20 Minuten Straßenbahnfahrt vorn Zentrum des J udenvierteis liegt die landwirtschaftliche 1 lachscharah-Farm des Herlialuz in Groehow, an der östlichen Peripherie der Stadt. Dort arbeiten etwa 75 Chaluzim auf Hachscharah, während andere durch Außenarbeit den Lebensunterhalt erwerben. Die Einrichtung ist bescheiden und ärmlich wie alles in Polen, gemessen an westlichen Begriffen. Aber es ist die Atmosphäre der Arbeit und des Volksgedankens, die alle Einrichtungen dieser Art in der ganzeq Welt zu einer Einheit macht. Hicrlicr/ukommcn ist wie die Fahrt in eine andere Welt. Die Produkte der Wirtschaft werdet! in Warschau verkauft, am cinträg!L'.1:-len ist die Blumenzucht. Die Farm in JR. Wien, 15. April Da* eben m Ende gegangene Peßachfest wurde von zahlreichen jüdischen Familien dieser Stadt in ernster Sorge begangen. Kurz vor den Osterfeiertagen hat die gesamte Angestelifenschaft der Lebensversicherungsgesellschaft ״Phönix“ erfahren müssen, daß ihre Tätigkeit bei dieser Gesellschaft mit dem 1. Juni aufhört. Es stand außer Zweifel: der ״Phönix“ war aas einzige große Finanzinstitut in Wien, in dem noch eine beträ entliehe Anzahl Juden nicht mir als leitende Direktoren, sondern als Angestellte aller Kategorien beschäftigt waren, wenn sic auch längst nicht, wie es vielen schien, die überwältigende Majorität des Beamtenkörpers bildeten. Schon in den letzten Jahren hatte sich auch hier eine wesentliche Verschiebung in der Zusammen- Setzung der Beamtenschaft zuungunsten der Juden vollzogen. Aber immerhin spricht man von 37 0׳,״ jüdischer Angestellter — genaue Ziffern sind nicht fcstzustellen —, und das stellt bei dem Umfang des Phönix-Beamtenkörpers (etwa 1400 Angestellte) eine erhebliche Zahl dar. Deutlicher kommt diese vielleicht in einer von dem Steueramt der Kultusgemeinde gemachten Aufstellung zum Ausdruck, nach welcher durch den Zusammenbruch des ״Phönix“ nicht weniger als 800 Steuerzahler der Kultusgemcinde entzogen werden. Man sieht also schon auf den ersten Blick, daß durch den Zusammenbruch gerade dieser Gesellschaft die soziale Situation weiter Kreise der Wiener Judenschaft eine empfindliche Verschlechterung erfährt. Wie so oft bei Zusammenbrüchen hat auch die ״Phönix״- Affäre ihre, wenn man so sagen darf, politische Seite. Der Zusammenbruch einer Gesellschaft, deren Leitung nur zum Teil in Händen von Juden lag — denn an der Spitze des Verwaltungsrates standen auch prominente nichtjüdischc Per■• sönlichkciten, die Einfluß auf die Leitung des zusammengebrochenen Versicherungskonzerns hatten — steigerte in den Kreisen, die in der letzten Zeit sich besonders aktiv in der Aufrolltmg der Judcnfragc in Oesterreich zeigten, das Bcstreben, sich der Affäre zu bemächtigen. Alle Acußerungen und Reden zeigten in mehr oder minder offener Form die Tendenz, einen möglichst starken Zusammenhang zwischen ״Phönix“ und Judenschaft, resp. jüdischer Wirtschaftsfüh- Groehow hat unter antisemitischen Attacken der nächsten Umgebung sehr zu leiden. Voriges Jahr ist (worüber wir seinerzeit berichtet haben) eine Chaluzah den Schüssen zum Opfer gefallen, die rohe Menschen in sinnloser Weise durch das Fenster des Speisesaals gefeuert haben. Ihr Bild hängt, neben den Bildern bekannter zionistischer Führer, im Speisesaal, Der Menschheit ganzer Jammer packt einen an. Palästina •Arbeit Alle warten sehnlich auf Zertifikate. Ihre Augen sind gerichtet auf das Palästina-Amt, das in der Krolewska, am Sächsischen Garten, amtiert. Dort ist reger Betrieb. In zwei Etagen, die miteinander durch eine interne Wendeltreppe verbunden sind, in großen hellen Sälen an vielen Tischen und vielen Schaltern arbeiten hingebungsvoll etwa 70 Beamte. Das zu ,bewältigende Material ist überaus groß. Im Jahre 1935 sind 250(X) Personen nach Palästina abgefertigt worden, in den ersten drei Monaten des Jahres 1936 etwa 4000. 50—55 ";0 sind Empfänger von Chaluz- Zertifikaten, eine große Rolle spielen die Anforderungen von Verwandten. In dem palaisartigen Gebäude nebenan ist die polnische Zentrale des Keren Hajessod untergebracht, letzt unter der Leitung von Dr. Schipper stehend. Sie haben eine angestrengte Arbeitssaison hinter sich, unter Mit- Wirkung von Leib Jaffe und Dr. Gelber. Ls gelingt in steigendem Maße, die wohlhabenden Schichten der polnischen Juden zu erfassen. In Warschau allein gibt es 2700 Keren ffajessod-Zeichner. Im inneren Betrieb herrscht das System der ״Wechsel“, die von den Zeichnern gegeben und dann in normaler bankmäßiger Weise eingezogen werden. Auch hier hat man den Eindruck einer großen systematischen Arbeitsleistung. Das jüdische Volk baut sich auf der Grundlage der Freiwilligkeit seine Organe und Verwaltungsapparate auf. Die Besserung der Lage wenigstens für einen Teil der polnischen Juden durch Ucberführung in neue Lebensverhältnisse in Palästina kann nur gelingen, wenn die freiwillige Selbstbesteuerung der Juden für diese Zwecke ein entsprechendes Ausmaß hat. Das verstehen auch die polnischen Juden, und der Gemeinschaftsgeist, der sich zuweilen erst gegen individualistische Auffassungen durchsetzen muß, trägt Früchte für das Ganze und damit für den einzelnen. Zu Pefiach Ein Situationsbericht Von unserem Korrespondenten s. Warschau, 12. April In der Situation der Juden in Polen ist in den letzten Tagen eine leichte Entspannung eingetreten, aber Ur- Sachen und Wirkungen des verschärften Antisemitismus wirken unvermindert fort. Die Boykottbewegung dauert an und hat vor den Feiertagen dem jüdischen Handel und Gewerbe großen materiehen Schaden zugefügt, ln manchen Städten, z. B. in Crenstochau, wurde die Boykottpropaganda nach einem großangclcgten Plane, mit Straßeiiumzügen, Werbepiakaten u. dgi. modernen Mitteln mit Erfolg durchgeführt. Der nichtjüdische Konsument, insbesondere aus den Bauernkreisen, der doch jüdische Geschäfte betrat, wurde mit Terror gezwun• gen, den Laden zu verlassen oder sogar die Ware zu retournieren. Die polnischen Rechtsanwälte Warschaus haben vor einigen tagen bei ihrer Jahresversammlung wieder die Forderung erhoben, keine Juden zur Ausübung der Advokatenpraxis zuzuiassen. Nicht nur der jüdische Kaufmann und Handwerker, auch die Juden in freien Berufen sind in ihrer Existenz bedroht. Die Bovkottkampagne erhält sogar Unter- Stützung von religiösen Würdenträgern. Der Hirtenbrief des Kardinals Hland wurde hier bereits erwähnt. Nun hat der Krakauer Kirchenfürst Sapieha in zwei kurz aufeinanderfolgenden Enunziationen anläßlich der blutigen Arbciterunruhcn in Krakau (die mit jüdischen Dingen gar nichts zu tun hatten) und im Zusammenhang mit dem Osterfest gegen manche Juden Beschuldigungen ausgesprochen und die Katholiken aufgefordert, bei Einkäufen u. dgl. in erster Reihe ihrer Religionsgenossen zu gedenken. Wenn auch gleichzeitig physische ewaltanwendung im Namen der christlichen Ethik verurteilt wird, kann doch die Volksmasse kaum diese Unterscheidung begreifen und meint, ihre antisemitische Kampfhaltung von der Kirche gebilligt zu sehen. rung, zu konstruieren. In einer Rede im Rathaus erklärte Bürgermeister Schmitz im Zusammenhang mit der ״Phönix“'-Angc!egenhcit u. a., man habe in Oesterreich noch immer nicht erkannt, was christliche Wirtschaftspolitik heißt. Bundeskanzler Dr. Schuschnigg hat sich im Rahmen der Regierungserklärungen vor dem österreichischen Bundestag bei Besprechung der Phönix-Angelegenheit gegen die Ten* denzen gewandt, die Affäre in dieser Art auszuwerten. Die tragische Seite der Sache beginnt erst bei den jüdischen Angestellten des Phönix, die vielleicht die einzige Kategorie jüdischer Angestellten in Wien waren, die sich sicher vor Abbau fühlten, wie sie die verschiedenen Banken- Zusammenbrüche der letzten Jahre mit sich brachten. Heute ist die Lage sämtlicher jüdischer Phönix-Angestellter als hoffnungslos zu bezeichnen. Nicht nur, daß sie ihre mehr oder weniger gut dotierten Posten verlieren und von der Arbeitslosigkeit bedroht sind, sind sie gegenüber anderen Abgebauten dadurch schlechter daran, daß sie ohne Ab* fitidung aufs Pflaster gesetzt werden können. Ihre Wirtschaftliehe Situation erfährt noch dadurch eine wesentliche Verschlcchterung, als es sich um Angestellte handelt, die «ich so sicher in ihren oft durch Verträge festgclegten unkündbaren Lebensstellungen fühlten, daß sie nicht die geringsten Erspar* nisse machten; war es doch die einzige Beamtenschicht, die in ihrem Lebensstandard ein gewisses Niveau hielt und in ihrem Konsum einen nicht zu unterschätzenden Faktor in der Volkswirtschaft bildete. Ihre einzigen Ersparnisse bilden die eingezahlten Prämien eigener Versicherungen. Und je höher das Gehalt eines Phönix-Beamten war, um so höher hatte er sich oder seine Familienmitglieder versichert, um so höhere Prämien mußte er zahlen. Diese Beamten stehen heute nicht nur vor dem Verlust ihrer Lebensstellung, sondern auch vor der Gefahr, ihre in Form von eingezahlten Prämien angelegten Ersparnisse zu verlieren, da sie ja als Arbeitslose nicht mehr in der Lage sind, die hohen Prämien weiter zu bezahlen, zumal das neue Gesetz, das Rückkaufsrecht sistiert und auch die Bedingungen für die Umwandlung einer Versicherung in eine prämienfreie Versicherung mit verminderter Versicherungssumme durch das Gesetz eine Neuregelung erfahren. Zugleich muß jedoch das Bestreben der Behörden verzeichnet werden, Gewalttaten nicht ungesühnt zu lassen, fn Lodz wurde heute gegen 27 der Teilnahme an einer konspirativen Dynamitverschwörung gegen Juden Beschuldigten ein gründliches Prozeßverfahren beendet und 22 von ihnen wurden zu strengem Kerker von 1—1 Jahren verurteilt. Es sind meistens junge Polen im Alter von 20—30 Jahren, manche mit akademischer Bildung, Mitglieder oder Anhänger der nationaldemokratischcn Partei, aus der sie aber offiziell ausgetreten sind, um mit ihren Terrorakten die Partei ni<mt zu helasten. Vor Gericht wurden alle Einzelheiten eines wohlorganisierten, gegen jüdische Geschälte und Institutionen gerichteten Attentatsplanes zutage gebracht. Vier Ftynarmtüberfälle auf Juden wurden in Lodz am 18. Januar d, J.von dieser Bande durchgeführt, zwei mit ״Erfolg“. Bei einem wurde ein christlicher 13jähriger Junge hart mitgenommen; es mußte ihm ein Bein amputiert werden- Sämtliche Beschuldigten haben sich offen als Anhänger emes aggressiven Antijudenprogramms bekannt und ihre Verteidiger, bekannte nationaldemokratisdie Führer aus Warschau und Lodz, hielten heftige antisemitische Reden. Der Staatsanwalt brandmarkte in starken Worten die unni/licchlichc und staatsgefährliche Handlung der Angeklagten und das Gericht hat in den Urteilsmotiven u. a. betont, die Angeklagten haben eine der fundamentalsten Prinzipien der polnischen Verfassung, die Schutz und Sicherheit aller Staats* bürger ohne Ausnahme gewährleistet, ignoriert. Pas strenge Urteil hat großen Eindruck im Lande hervorgerufen. Ucberfälle auf Juden wiederholen sich aber täglich, auch in Lodz, dann in ׳Wilna, sogar in Kurorten, die stets von Juden stark besucht werden, z. B. in Otwock und in Krynica. Das diesjährige Peßachfest begeht also die polnische Judenheit in einer sehr gedrückten Stimmung. Elend und Armut hausen bei tausenden jüdischen Familien. In Lodz haben z. B. 15 000 Juden für sich und ihre Familien um Peßachunterstützung angesucht, d. h. also, daß gegen 70 000 Juden in Lodz (ein Drittel der jüdischen Bevölkerung in Lodz) auf Philanthropie angewiesen sind. In Lemberg ist das Verhältnis noch schlimmer, da dort 50 000 Juden (mit Familienangehörigen) sich registriert haben. Aus Amerika und Palästina sind, wie alljährlich, vor den Feiertagen Geldüberweisungen an Verwandte nach Polen geschickt worden, im Einzelnen kleine Summen, aber für die Betreffenden oftmals die einzige Hilfe. Vor dem Prozeß um die Vorfälle in Przytik Warschau, 14. April. (JTA.) In Przytik fand zum ersten Male nach den bekannten Vorfällen ein Markt statt. Er wurde aber nicht auf dem fAarktplatz, sondern außerhalb der Stadt abgehalfen. Juden nahmen nicht daran teil. Entsprechend einer Verordnung der Behörden, werden in Zukunft Märkte in Przytik nicht mehr erlaubt werden. Der Führer der Exzedenten von Przytik, Stanislaw Kore za k, wurde aus dem Gefängnis entlassen. Sechs Juden, die wegen der Vorfälle angcklagt sind, aber sich bisher in Freiheit befanden, wurden verhaftet. Von den 14 angeklagten Juden sind i!) wegen Teilnahme an Straßenschlägereien, 2 wegen Abfeuern von Revolverschüssen, die keinen Schaden verursacht haben, und einer wegen Erschießung eines Bauern angeklagt. Von den 42 nichtjüdischen Angeklagten sind 35 verhaftet. Unter den 120 Zeugen befinden sich 65 Juden. __ Wanderungszahlen aus Polen. Der ״Haarez“ teilt einige interessante Zahlen mit, die die Wanderbewegungen der polnischen Judenheit charakterisieren. Die Auswanderung betrug im Jahre 1934: 42 563, im Jahre 1935: 53 812. Davon gingen nach Palästina: 1934: 12 685, 1935: 24 785. Demgegenüber war die Auswanderung nach den überseeisehen Landern im Jahre 1935 verhältnismäßig gering. Nach Argentinien gingen 3619, nach Kanada 1408, nach den Vereinigten Staaten 1210 Personen. Auf der anderen Seife gab es eine nicht unbeträchtliche Rückwanderung im Jahre 1935, die insbesondere durch den Rückstrom polnischer Juden aus Frankreich ihren Umfang erhalten hat: 35451 Menschert mußten diesen Rückweg antreten. Aus Palästina kamen 298 Personen zurück, aus Argentinien 429, aus Kanada 521 und aus den Vereinigten Staaten 229 Personen. Die gesamte Rückwanderung betrug im Jahre 1935 53 435 Menschen. KLEINE UND GROSSE UMZÖGE Lift«, Lagerung, Übersee- und Aualandaverkehre GiPÄCKFAHRT Berlin W 15, Kurfarstendamm 211 BAVARIA BARBAROSSA STEIN PLATZ OBERBAUM 8888