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Jüdische Rundschau · 1936-04-17 · Heft 30-31 (17.4.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 30-31 (17.4.1936)
Date
1936-04-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nf. 30KJ1, 17. IV. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Polnischer III. Die Warschauer Judenstadt (Vgl. Nr. 26 und 29) RW, Warschau, im März 1936 Warschau ist innerhalb des polnischen Judenbezirkes ein Phänomen für sich. Zwar ist die Judenheit des flachen Landes, der Dörfer und kleinen Städte, für uns besonders interessant: hier ist der Typ des einfachen, naiven, oft bäurischen und dabei doch frommen, traditionell lebenden und lernenden Juden zu Hause; die jüngere Generation, etwas Das Gebäude des neuen Judaistischen Instituts in Warschau. Rechts im Vordergrund ist ein Teil des Hauptportals der benachbarten Großen Synagoge sichtbar; f.if üiP modernisiert, verläßt häufig das Städtel. In Warschau aber kommen zu der Eigenart des jüdischen Lebens noch die Verhältnisse der Großstadt hinzu. Auch die Judenheit selbst ist hier stark differenziert; wir finden nebeneinander die ״vier Generationen“, mit denen Ruppin in seiner ״Soziologie der Juden“ die verschiedenen Stadien der Assimilation kennzeichnet. Das Ostjudentum steht ja seit 50 oder 60 Jahren in einem ähnlichen Wandlungsprozeß wie das Westjudentum; nur wird die Auflösung der alten Daseinsformen an der Peripherie nicht so merkbar, weil ein festbleibender Kern von erstaunlicher Widerstandskraft da ist. Dieses kulturell und sozial eigenständige Judentum ist vor allem in der eigentlichen Judenstadt zu finden. ״Nalewki und Dzika“ Diese Judenstadt ist freilich riesengroß, sie hat selbst das Ausmaß einer eigenen Stadt. Hinter dem Theaterplatz beginnt es und verzweigt sich dann entlang den beiden Hauptadern, die sprichwörtlich geworden sind: Nalewki und Dzika. Man erinnert sich des später oft zitierten und bekämpften Wortes Weizinanns vom Wiener Kongreß 1925 zur Zeit der ״vierteil Alijah“ aus Polen: ״Wir wollen nicht Reisebrief Dzika und Nalewki nach Palästina verpflanzen“, fn der Tat, das wollen wir nicht, und wer das Treiben dieser Straßen auf sich wirken läßt, wird vielleicht auch manche palästinensische Erscheinung besser verstehen. Dieses ״Dzika und Na- Iewki“ (״Dzika“ heißt jetzt übrigens ״Ludwig-Zatncnhof- Gasse“, nach dem aus Warschau stammenden jüdischen Erfinder des Esperanto) ist nichts, was wir als ein jüdisches Ideal erstreben, es ist sicherlich etwas, was allmählich überwunden werden muß. Aber hat man sich erst einmal befreit von den gefühlsmäßigen Widerständen und idealen Maßstaben, so findet man eine lebendige Wirklichkeit, ein soziologisches Gebilde, das imponieren muß. In diesen Straßen ist eine lebhafte, stürmische Bewegung, ein Gewimmel von hastenden und eilenden Menschen, großenteils mit schweren lasten beladen, mit abgearbeiteten, abgehärmten Gestalten und Gesichtern. Wer diesen Menschenhaufen beobachtet, muß zugestehen: es ist nicht wahr, daß der Jude die physische Arbeit scheut oder daß er nicht schwer arbeitet. Hier sind alte Juden mit Bärten und keiner übermäßigen Körperkraft, die unter der Arbeit keuchen und fast ziisammenbrechcn und immer weiter müssen, dabei keine Reicbtüiuer erwerben, sondern nur den armseligen Lebensunterhalt. Es mag vorkommen, daß sich da und dort einer von ihnen wirtschaftlich hocharbeitet; dafür lebt eine große Menge in einer geradezu unvorstellbaren Armut. Jeder jagt nach dem Stück Brot für sich und seine Familie, dafür schuftet man und schindet sich und härmt sich ab. Das Straßenbild ist beherrscht von dem werktäglichen Juden. Aber der ist nicht schlechter als andere Werktagsmenschen, nur unglücklicher hineingesteilt in das soziale Ganze. In Warschau spielt sich das Geschäft sieben im Judenviertel zum großen Teil in Höfen ab. Die Zugangs- Straßen zum judenviertcl wie Bielanka, Tlomazkie, Scnatorska usw. haben kleine und größere Läden, alle ausschließlieh in jüdischem Besitz, in Nalewki aber spielen neben den Läden noch die Warenständc, Magazine und Verkaufsstätten auf den Höfen der Häuser eine Hauptrolle. Die grauen Mauerwändc umgeben meist einen Hofraum, auf dem sich bazarartiu Gewölbe und Warenstände ausbreiten, hier drängen sich die Menschen, und das Bild des Ganzen erhält einen freundlicheren Charakter durch die unzähligen, in buntesten Farben leuchtenden Schilder und Tafeln, die Warengattung und Geschäftsinhaber ankündigen, oft noch mit Malereien ausgeschmückt. Hinter den grauen Wänden und blinden Eenstern dieser Höfe wohnen die Menschen auf engem Raum zusammengepfercht. Es gibt zwischen Nalewki und Zamenhof-Oassc ein Haus mit mehreren Höfen, in dem allein 15 000 Menschen wohnen sollen. Diese Höfe speien fortwährend Menschenmassen aus. Der Schabbai Am Schabbat ruht auf Nalewki und seinen Höfen und in den Nebenstraßen jegliches Oeschäftslcbcn, im Gegensatz z. B. zur Bielanka, wo die jüdischen Geschäfte auch am Schabbat geöffnet haben; gar nicht zu sprechen von anderen Teilen der Stadt, z. B. der Hauptgeschäftsstraße Marszalkowska, wo ein am Schabbat geschlossenes Geschäft zu den Seltenheiten gehört. Sehr eindrucksvoll ist ein herannahender Freitagabend, wo in Eile die letzten Geschäfte besorgt und bei Eintritt der Dämmerung die Läden nach und nach geschlossen werden, obwohl kein Zwang oder Terror ausgeübt wird. Eine Institution der ״Schomre Schabbos“, wie sie in Palästina tätig sind, habe ich in Warschau nicht gesehen. Es gibt auch in Nalewki vereinzelte Geschäfte, die nach Einbruch der Dunkelheit noch offen haben, und es gibt genug Juden, die rauchend durch den Schabbat gehen, ohne daß die vorbeiströmende Menge Zeichen des Protestes kundgibt. Man hat sich offenbar auch im Zentrum des orthodoxen Judentums an diese Dinge bereits gewöhnt. Die jüngere Generation ist auch in orthodoxen Zentren nicht mehr orthodox, so z. B. sagte man mir in Ger, der Residenzstadt des berühmten Gerer Rebben, daß außer den direkten Angehörigen seines Hofes und seiner Lehrstättc die Bevölkerung des Städtchens selbst den ״fortschrittlichen“ Kreisen angehört; teilweise konnte idi es selbst beobachten. In den großen Städten sind alle Schattierungen aufklärerischer Richtungen (Zionisten, Hebraisten, Jiddischisten, Kundisten usw.) stark. In Warschau im Jiddischen Theater-Studio des auch in Berlin bekannten Dr. Theodor Weicliert gibt inan allabendlich schon mehr als hundertmal ein Stück ״Simche Placht“, eine recht scharte Satire auf den Wunderglauben und das Wunderrabbitum: Ein Idiot wird von zwei geschäftstüchtigen Juden als Rabbi präsentiert und die Gläubigkeit des Volkes entsprechend explodiert — das Stück wird übrigens ausgezeichnet gespielt. Am Schabhat verwandeln sich die Geschüftshöfe in Stätten der Ruhe und des Gottesdienstes. Es gibt in Warschau eigentlich nur einen großen Tempel in Tlomazkie. an der Schwelle des Judenviertels; er ist ganz im europäischen Prunkstil gebaut, etwa wie eine Synagoge in Berlin auch sein könnte, und mit relativ modernem Ritus, wenn auch natürlich ohne Orgel. (Daneben des Judaistische Institut, s. Bild.) Am Scliabbatvormittag war die Synagoge voll bcsetzt, auffallend die große Zahl von Jugendlichen, darunter viele offensichtlich der Arbeiterklasse angchörend. In der ״. . . es ist wie die i'uhrt in eine andere Welt" Auf der Chaluz-Tarm (Jroe/iow bei Warschau TWm -■ Synagoge amtiert als Rabbiner Prof. Scliorr, seinerseits auch Senator im polnischen Sejm; das eigentliche Ereignis ist der Kantor Koslewski, ein begnadeter Tenor, dessenglcichen man in Europa heute schwer finden dürfte. Diese einzigartige Stimme, die sich in Kaiititene und Koloraturen zum Preise Gottes ausleben kann, scheint für viele Anwesenden die Aus der Judenstadt von Warschau SSiili ip? ׳ »4 m te.; _____ Der unmittelbar an die Nalewki-Straße angrenzende Purk des Krasinsky-i’alais hat den Charakter eines ״jüdischen“ Stadtparkes. Am Sehabbat und um Sonntag ist bei scliönew Wetter der I’ark voll von einem fast ausschließlich jüdischen Publikum, größtenteils den kleinbürgerlichen Schichten angchörend, die hier nahe den grauen Straßen der Juden- Stadt etwas frische Luft genießen. Eine besondere Erscheinung in diesem Park ist die fast unübersehbare Zahl von Kinderwagen, die von den Müttern, oft auch von den Vätern geschoben werden. Wird ein photographischer Apparat sichtbar, versammelt sich sofort eine Kindergruppe und bietet sich stürmisch zum Photographieren dar. Unser Bild rechts zeigt eine solche Gruppe. rr 1 »1 . 1 . Links: Straßentyncn 1m;jüdischen Armenviertel. — Mitte: Zwei Kinder vor I ypen aus der Judenstadt• einem Hauseingang auf einem der Hinterhöfe in Nalewki. %tMsß,: Rechts: Der jüdische Luftballon-Verkäufer ki Nalewki . Aa.-F«•«: s. wum - - .

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