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Jüdische Rundschau · 1936-04-10 · Heft 29 (10.4.1936) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 29 (10.4.1936)
Date
1936-04-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 29, 10.!V. 1936 Die Synagoge von El-Hammeh Eine neue Publikation von Sukenik bedeutet stets einen Gewinn für die Palasfinaforschung, denn dieser tiefgrundige (ielehrte versteht seine sachlichen Berichte so interessant /u gestalten, daß man sie mit gespannter Aufmerksamkeit liest und durch sie einen lebendigen Gesamteindruck von den aus vielen mühevollen Kleinarbeiten /usainmengetragenen Resultaten erhält. Auf dem Gebiete der antiken Synagogen gibt es keinen besseren Kenner als Sukenik. Das vor Jahresfrist erschienene Buch ״Ancient Synagogues in Palestine and Grecce“, das aus den 1930 in der British Academy gehaltenen Vorlesungen hervorgegangen ist, wird jetzt durch eitle Publikation ״The a n c 1 e n t Synagogueot E I - H a m m e h“ (Verlag Rubin Maß, Jerusalem 1935) ergi.n/t und fortgeführt. Bereits in dem ersten Buch berichtete Sukenik aut Seite 81 von der von ihm 1932 entdeckten und ausgegrabenen Synagoge. Jetzt folgt die eingehende wissenschaftliche Auswertung dieser interessanten Grabung. Am Ufer des Jarmuk, südöstlich vom Tiheriassee, befanden sich die bereits in talmudischer Zeit berühmten Thermalquellen. Die Römer hatten hier ein Badehaus und ein Amphitheater mit ca. 2000 Plätzen errichtet, und es muß sich Ende des 2. Jahrhunderts auch ein reges jüdisches Leben entwickelt haben, da wir dort den Patriarchen K. Judah finden. Das in nächster Nähe gelegene Gadara wird bereits von Strabo (63—19 v. Chr.) erwähnt, auch josephtts berichtet darüber und Antonius Marfyr schreibt im 6. Jahrhundert, als der Ort bereits Bischofssitz geworden war, daß die Quellen besonders heilkräftig gegen Aussatz seien. Der Name I I II a m m e 11, seit der arabischen Eroberung gebräuchlich, stammt von dem Worte חמי heiße Quellen, deren fünf auf dem rechten und eine auf dem linken Ufer des Jarmuk hegen. Aut eitlem Hügel westlich von den Römerbauten befand sich die S v n a g o g e, die, wie alle palästinensischen Synagogenb.uiten, eine Basilika in quadratischer Form war. Ihre Orientierung ging nach Süden, auf Jerusalem zu; an der Südwand betaud sich auch die um drei Stufen erhöhte Apsis für den Aron. Da nur die Fundamente der Synagoge gefunden wurden, so ergaben sich keine weiteren Anhaltspunkte für die Emporen, doch ist mit ziemlicher Sicherheit an/unehinen, daß diese in der gleichen Weise wie bei den übrigen paia.dinensischen Synagogenbauten in dreiseitigem Umlatn!;!■standen haben. Die Synagoge war mit einem Mosaikfußboden belegt, der hesoriders durch seine verschiedenen Inschriften interessant ist. Merkwürdigerweise fehlen liier irgendwelche biblischen 1 )arsteliungen, wie z. B. in Jerash, Naaran und Befli Alpha, oder der Sternkreis, wie in Naaran, Betli Alpha und F'tuj. und Riuialueränlarstelluiigen, wie in Jerash, Naaran, Betli Alpha und Es!via. Der Boden besteht nur aus ornamentalen, zum Teil sogar sehr einfachen Mustern und weist nur au dem Mittelsttick vor der Apsis ein Feld mit zwei I!!wen auf, die eine in einer lorbcerkrarizartigen Umrahnuuig l'eimdliche hebräische Inschrift flankieren. Aber diese i.owendarstclltmgcn sind erstaunlich realistisch. Die verschiedenen Inschriften -- es sind deren vier erhalten — sind umfangreicher als in anderen Synagogen und nennen die Stifter, Auffallend ist, daß in einer dieser Inschriften zum ersten Male der Name Gottes in der Form מלך עלמד in einer Synagogeninschrift vorkommt. Die Eigenart der Synagoge von El-Hammeh besteht ln der Form des Einganges und in den Nebenräumen. Der Eingang befindet sich an der Ostseite an einem schmalen, sich etwas erweiternden Gang, von dem aus drei Stufen in die Basilika führen. Bei dem älteren Synagogentyp war der Eingang auf der Orientierungsseite, bei den späteren aut der gegenüberliegenden Seite, da die Orietrtiertmgswand die Apsis trug. Hier mußte aus Raumgründen der Eingang an die Ostwand verlegt werden, da der Hügel, aut dem die Synagoge stand, bis dicht an die Nord- und Südwand heran reichte. So gelangte man zu dieser neuen recht interessanten Lösung, die wir liier zum ersten Male antreffen. Art den Gang schlossen sich nördlich vier Räume an, von denen je zwei an einem Mittclgang lagen. Der kleinste diente wohl als Eingatig zur Empore, wahrend die Bestimmung der anderen unbestimmt ist. E's waren vielleicht Schul/itruner oder Gästeräume zur l'n erbringung von Fremden. Die Anläge solcher Gastzimmer Hinnen wir durch die Inschrift des Theodotos auf dem ()phel in Jerusalem. Diese Vcr- Wendung erscheint gerade hier sehr glaubwürdig, denn es ist wob1 nicht anzunehmen, daß man drei Klassenzimmer anbrachte, wohl aber, daß man für die Besucher der berühmten Heilquellen Unterkunftsplätze schuf. Die Entstehung der Synagoge ist wohl in ■der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts anzusetzen. Denn gegen eine trübere Datierung spricht die eingebaute Apsis, eine spätere kann deswegen nicht in Frage kommen, da das Edikt des Theodosius von 433 den Juden im Byzantinischen Reiche alle öffentlichen Bauten untersagte. Der Mosaikboden und die aufgefundenen Steine zeigen deutliche Brandspuren, so daß wohl feststeht, dal! die Synagoge durch einen Brand vernichtet wurde. — In einem Anhang berichtet Sukenik noch über einige andere Synagogenfunde in der Nähe von El- Hammeh. Nördlich gelegen ist Uinm el-Qantir. Der alte Name des Ortes ist unbekannt. Auf einem Hügel, von dem aus man einen herrlichen Blick aut den Tiheriassee und das Galiläische Gebirge hat, befindet sich die Ruine einer Synagoge, von der noch ein Teil der Ostwand mit dem Hauptportal steht. Nordwestlich hiervon entdeckte Oliphant bereits 1885 die Reste einer Synagoge in der Beduinensiedlung Khirbet Kanef. Die Nordostecke des Baues ist in ein Steinhaus eingebaut; es sind dies fünf Reihen Basaitblöcke, die ohne Zementbindimg zusammengefaßt sind. Scheinbar gehörte auch der heutige Eingang des Hauses zu der Synagoge und bildete das Portal. Sukenik fand hier im Jahre 1932 unter umherliegenden Steinen verschiedene Säulenfragmcnte und Tiirptostensteine, die darauf schließen lassen, daß die Synagoge durch ein Erdbeben zerstört worden ist. Ein schön dekorierter Pfostenstein trägt eine hebräische Inschrift. Schließlich beschreibt Sukenik noch einige Steinfragmente einer bisher noch nicht ausgegrabenen Synagoge in Er-Rafid, nördlich vom Tiheriassee, wo jetzt nur eine Beduinenfamilie in einer Hütte haust. Bereits 1890 veröffentlichte Schumacher einige dieser Steinfragmente, doch gelang es Sukenik trotz seinem nur kurzen Aufenthalte an dem Qrt, weitere interessante Säulenreste und drei Steine mit Relieftragmenten zu finden, die darauf schließen lassen, daß diese ehemalige Synagoge, die noch der definitiven Erforschung harrt, ein beachtlicher Bau gewesen* ist. Das Buch, das sich durch vorzügliche Ausstattung und eine Reihe ausgezeichneter Aufnahmen würdig neben die früheren Publikationen Sukeniks stellt, bietet über das hier Berichtete hinaus viel Interessantes zur Epigraphik der alten Inschriften. Dr. Karl Schwarz, Tel-Awiw Zwei neue Kästner-Bände Von Erich Kästner sind zwei neue Bände, Erzählungen für die Jugend, erschienen, die sich seinem berühmten ״Emil und die Detektive“ würdig anschiießen. Direkt in das Milieu des Emil führt das Buch ״Emil und die drei Zwillinge“ hinein, in dem die nicht nur unserer Jugend, sondern auch den meisten Erwachsenen so wohlbekannten Gestalten von Ernil, Ponny und all den anderen wieder auftauchen. Die Kinder werden sich nicht weniger darüber freuen als die Erwachsenen, die ihnen dieses Buch schenken. Der zweite Band heißt ״Das fliegende Klassen- Zimmer“ und ist eine richtige Schulgeschichte, ein ״Roman für Kinder“, wie es heißt, mit mancherlei Verwicklungen und einem schönen happy end. Beide Bücher sind von Walter Trier ebenso lustig wie geschmackvoll illustriert und im Atrium-Verlag (Basel, Wien, Mährisch-Ostrau) erschienen. st. Jüdische Schriftsteller in Polen Der Wilnaer Verein jüdischer Schriftsteller und Journalisten hat eine Umfrage über das Einkommen der jüdisehen Schriftsteller in Polen veranstaltet. Von den 58 gefragten, haben 52 Autoren geantwortet; von ihnen leben nir 18 von ihrer literarischen Arbeit, 3 verdienen damit vier Fünftel ihres Bedarfs, 4 die Hälfte, 2 zwei Fünftel, 1 ein Fünftel, 6 verdienen 15 "ö und 18 gar nichts mit ihrer Feder. Das niedrigste Monatseinkommen beträgt 25, das höchste, das nur einer erreicht, 500 Zloty. Diese Summe ist lediglich der Arbeit für amerikanische Zeitungen zu verdanken, die nächstniedrigeren der gleichzeitigen Arbeit für polnische, russische und jiddische Blätter. Das Maximum der nur für jiddi sehe Zeitungen Tätigen beträgt 152 Zloty im Monat. Ein hebräisches Lehrbuch Dr. E. Hirschfeld, ״Neuhebräiseh — altbekannt. Einführung in das heutige Hebräisch unter Anknüpfung an allgemein bekannte Dinge“. Verlag J. Goldstein, Berlin 1935. Das Werk ist auf vier Teile berechnet, zwei davon liegen bis jetzt vor. Sie unterscheiden sich vielfach von den bisherigen Lehrbüchern. ״Kampf dem Vokabelpauken“ verkündet der Verfasser. Mit weichen Waffen aber? 1. Ankniipfmig an Worte, die vom Rotwelsch, vom Jiddischen, von der Umgangssprache der Juden in Deutschland, von der Synagoge, von Palästina her bekannt sind; 2. Anknüpfung an ähnlich klingende deutsche Worte und Silben, die oft bis ins Groteske hinein getrieben wird, zum Schaden beider Sprachen. Mail merke sich z. B. מזלג Gabel am Satz: TI10 m a s leg die Gabel weg, תנור Ofen, daran, daß er mit Tanne nur geheizt wird. Für עניבה Krawatte: A1tni w a r so nett, sie mir zu schenken. כ1בע Hut, גלבים Strümpfe: Ich sah Viktor de Kowa in einem schönen Hut und Greta Garbo in schönen Strümpfen. Um die Vokabeln zu behalten, kommt dann erst noch der Umweg über den Merkvers. Man lernt dann also 1. den Satz, 2. die der Vokabel entsprechenden Silben, 3. ihre korrekte Aussprache, die der Satz nie geben kann, 4. ihre Bedeutung, und hat schließlich sich f a 1 s c 11 gemerkt, daß Thomas ein Messer iiiniiiHiiiiiiiiiiiiMiiimiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiimiiiiiiiiiimiiiiiiimmiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiimiiiilinmtili 30-40 Besuche bei Juden - Dein Anteil am Werke des KKL ....1111111...... weggelegt, Viktor de Kowa einen Mantel angezogen und Anni Handschuhe geschenkt hat. Nein, das ״Vokabelpauken״ vermeidet man nicht durch die Anknüpfung, sondern durch die ständig sich wiederholende Anwendung. Nicht das einzelne Wort, die Sätze machen die Sprache aus. Daher folgen in jeder Lektion der Einführung von Vokabeln ie zehn hebräische Sätze mit nebenstehender Uebersetzung und zehn Sätze zur Uebersetzung ins Hebräische. Im neusprachlichen Unterricht ist man seit etwa 30 Jahren von dieser Methode abgekommen. Hier aber haben die Sätze noch ihren eigenen Stil. Einige Beispiele: Hüte dich, mein Sohn, vor glatten Worten, denn die solches reden, sind böse Menschen und sollen nicht gedacht werden (!) und ihr Teil nicht mit uns sein. — Die Stimme des Arbeiters wird gehört werden, wenn er gute Schuhe und wollene Strümpfe fordert, denn seine Arbeit ist schwer (S. 115/16). Bei deinem dich Niederlegen auf dein Bett sollst du dieses Hemd auszieben, meine gesegnete Tochter, und sollst jenes Nachthemd anziehen (S. 88). Das Wiesel ist ein kleines wildes Tier, welches das Leben unserer Vögel sucht. (S.96) u. dgl. mehr. Dem deutschen Stil entspricht der hebräische an Unklarfielt und Unbehoifenheit. Das Buch soll, nach dem Vorwort, ״in die moderne hebräische Sprache, wie sie in Erez fsrael lebt und gesprochen wird, einführen". Die zitierten Sätze zeigen, wie wenig dies geschieht. Das Hebräisch ist tot. Und mehr, es ist fehlerhaft. Einige Beispiele: S. 37 u. ö.: Gott nicht אל (das nie allein, für sich stehend gebraucht wird), sondern אלהים S. 88: spielen שחק Piel, nicht Kal. S. 124: sagte אמר nicht ךבר (mit Segoll). S. 135: איזה welcher, was für ein ist stets Fragewort, nicht Umstandswort. -— ,הירק יתגבר לרעד ist stilistisch unmöglich. Wendüngen wie ואתה אין אזניך שומעות und בתי הברוכה (S. 88 und 135) klingen preziös und altmodisch. Sie gehören nicht in eine erste Einführung in die Elemente der Umgangssprache. Die Darlegung der Grammatik ist bedenklich. Em Lehrbuch hat kein Recht, eine Sprache so sich zu vereinfachen und umzugestalten, wie es hier geschieht. Das diakritische Zeichen des Schin, die Namen der Vokale, das Schwa quiescens, das Dagesch forte treten in dieser ״Einführung“ nicht auf (erst in der vorletzten Lektion des IV. Teils). Dadurch wird es unmöglich, eine klare und einleuchtende Darstellung vom Artikel und vom Piel z. B. zu geben. Der Lernende prägt sich eine falsche Vokaiisationsweise und Aussprache ein. Das Verständnis der durch die Gutturallaute bedingten Erscheinungen wird ihm versperrt. Die Schreibschrift soll ihm erst gegen Ende des Werks mitgeteilt werden. Und bis dahin? Man kann keine Sprache lernen, wenn man sie nicht auch schreibt. Diese Einführung will es dem Lernenden b e q u_e m machen und sie macht ihm das Lernen darum fast unmöglieh. Ihr kurzer Weg ist in der Tat ein langer, wenn er überhaupt gangbar ist. Dr. Gustav Qrmann Aus dem Ungarischen übertrugen von Ludwig Bat o S. Fort s,-i? iiiii-!'iachdruck verböte« Plötzlich erschien in unserem Dorfe ein solches leibhaltiges Phänomen: der ״Förster“. Wie er eigentlich hieß, wußte keiner von uns. Ein geheimnisvoller Schleier verbarg ihn vor uns. Wir sprachen nur leise von ihm, «laß er ein Jude sei, der nichts halte. Aber wir waren auch damit nicht im reinen, was eigentlich ein Förster sei. Etwas Mystisches nestele sich in unser kindliches Gehirn ein. Wir Rahen wohl ringsumher den Wald mit seinem lilafarbenen Schatten, mil seinem dunstigen Hauche, unser Fuß hatte ihn aber noch nie betreten. An Werktagen ist im Glieder die ״Mittlere Pforte“ weit geöffnet, und wir müssen von früh lös abend lernen. An Feiertagen hingegen dürfen wir die ״Schabbntgrenzc“ nicht überschreiten. Der Wald erscheint einem so nah, es scheint aber nur so. In Wirklichkeit ist er sehr weit. In unserer Vorstellung sahen wir im Dickicht schattiger Bäume allerhand \\ undcrgcschöpfc hausen, lind Herr und Gebieter tlher all diese Wesen war der ,.Förster“. Daß dieser mich Jude sein könne, war schon an und für sich eine große Ueherraschung für uns, Unser Melmned stellte, in seiner Eigenschaft als Schächter, alsbald fest, daß der Förster gar nicht schlachten läßt. Das heißt, er läßt wohl Hühner, Gänse und vielleicht auch Tauben schlachten, aber nur durch seine Miigde. Denn man konnte «loch keinesfalls annehmen, daß der Förster tagelang kein Fleisch genieße. Nun könnte es aber auch sein, «laß er Vegetarier sei. Davon hatten wir schon damals gehört. Ja, wir wußten sogar von einem chassidischen Rebben, der sich des Fleischgenusses enthielt und nur zu Ehren des Sehabbats und der Festtage einen Bissen Flei’ch aß. Der Förster ließ aber auch für Schubbat nicht schlachten. Ganz sicher waren wir unserer ,Sache aber erst, als wir Schabhat zu Mittag aus der Schul kamci und auf der staubtgen Landstraße der Förster in einem prachtvollen Wagen an uns vorbeifuhr. Mit geblendeten Augen blickten wir Kinder dem duhinsausenden Gefährt, nach und waren fest überzeugt, daß sich die Erde, noch bevor der Förster zur Böschung gelangt, unter ihm auftut und wir Zeugen eines Wunders sein werden. Mit gespannten Blicken sahen wir dem Wagen nach, jedoch das Wunder blieb aus. E)er F'örster kehrte oben am Ufer in den Meierhof ein, sprang behend vom Wagen, sein sechsjähriges 'Dichterlein lief ihm entgegen, schlang sich an ihm empor und überschüttete ihn mit Küssen. Ich begriff die Sache nicht. .. Wie war das möglich? Wir kommen aus der Schul, wo wir den ganzen Vormittag Schacharit und Mussaf gebetet hatten. Aus der Thora verlas man den WoeheriabschniU, und wir hörten zu, was erlaubt und was verboten sei. Die Erwachsenen gingen einer nach dem anderen zur Thora. Ich hatte das besondere Glück, daß mir die ״Gelilah“, das Einwiekeln der Thora, anvertraut wurde. Man hob mich auf, damit ich der Thora das goldgestickte Snmtmäntelchen, das ich andächtig küßt«, umhängen könne. An Stelle der werktäglichen ״achtzehn Bitten“ erflehten wir uns heute gar nichts, wir freuten uns nur mit der Gabe Gottes, dem heiligen Schabbat. Und hier an der Schul fährt am Schahbat ein Jude vorbei, ein Nachkomme Jakobs, kommt aus dem Walde, wo er seine tägliche Arbeit verrichtet hat, kutschiert nun zufrieden, heiter, wohlgelaunt nach Hause und hat keine Angst, daß ein Blitz aas dem Himmel fährt oder Feuer aus der Erde emporzüngelt und ihn samt Wagen und Pferden verschlingt. F,r hat keinen Anteil am lieblichsten der Tage, an der Ruhe des Schabbat, und trotzdem springt ihm sein Töchterlein glückselig an den Hals, umarm! und liebkost ihn, wie ich es mit meinem gottcsfürchtigen Vater zu tun pflege!... Wie wenn eine Saite gesprungen wäre an der vielsaitigen Harfe, die bisher so süß und beglückend in meinem Herzen geklungen.. . Wie wenn die an den Himmel origelehnte Leiter, auf der ich so leichtbeschwingt auf- und niederstieg, für eine Sekunde unter meinen Füßen geschwankt hätte... Und was das Wunderlichste für mich war: die ganze Gemeinde blickt mit kalter GleicligüRiukeit nach dem am Schabhat im Wagen vorbeifahrenden Juden und schickt sich nicht an, ihn zu steinigen. Wie es geschrieben steht: ״Da fanden sic am Schabhat einen Mann, der Holz, spaltete in der Wüste. Sie brachten ihn zu Mose... und steinigten ihn zu Tode.“ Noch viel größer war aller meine Verwunderung, als ich hörte, wie sic alle den Förster zu loben begannen: ״Ein großer Pusche, aber ein guter Mensch.“ ״Er hat ein sehr gutes Herz.“ ״Er tut gern Gutes für Juden.“ ״Gestern hat er in seinem Wagen den armen, alten Juden aufgenommen, den Ojrach, der von Gyöngyös zu Fuß nach Pata unterwegs war.“ ״Und hat ihm noch Geld gegeben.“ ״Ja, er gibt gerne.“ Ein neues, großes Problem bedeutete für mich von nur an der Förster. Eine große und unlösbare ״rcligionsphilosophische" F'rage, der ich auch später sehr oft begegnet bin und die auch die Großen und Weisen nicht zu lösen vermochten. Der Mann, der ״gar nichts hält“ und doch so glücklich lebt... Wir lasen von ähnlichen Fragen auch in der ״Mittleren Pforte“. Von dem Sünder, der glücklicher ist denn der Heilige. Und wir zitierten «len Propheten Ilabakuk: ״Warum duldest du die Ungläubigen und warum schweigst du, wenn der Frevler den verdirbt, der gerechter ist als er?“ Und da heißt es beruhigend im Talmud: ״Den, der gerechter ist als er, kann er verderben, aber nimmer den wahrhaft Gerechten.“ Eine ganz neue Seite des Lebens zeigte mir dieser irreligiöse, aber gute Mensch... Späte! hörte ich von meiner Mutter, daß die Frau Förster samt Töchterlein in unserem Laden eingekauft hat. ״Eine sehr feine Frau“, bemerkte meine Mutter. Ich war aber namentlich neugierig, die kleine Ilonka zu sehen, sagte jedoch nicht, wie leid es mir tat, daß ich, als sie bei uns war, im Glieder saß, hinter der ״Mittleren Pforte“. Als anfangs September in der katholischen Volksschule der Unterricht begann, erlebte ich eine große Ueberraselning. Die Schule und der Glieder glichen einander insofern, als beide nur aus je einem 1,ehrraum bestanden. In einer Stube der Volksschule hatten sämtliche schulpflichtigen Kinder des Volkes Platz nehmen sollen, von der ersten Klasse bis zur sechsten, Buhen und Mädchen durcheinander. Da wir alicr alle gleichzeitig keinen Platz fanden, mußten wir mit vielen anderen draußen warten, was an schönen Herbsttagen sehr lustig war. Im Ilofe waren ein hohes Reck und allerhand Turngeräte nurgestellt. Und wir fanden es komisch, daß die größeren Buhen Kunststücke vollbrachlen wie die Besitzer von Schaubuden, die mit Bären, Kamelen oder Elefanten ab und zu auch in unserem Dorfe auftauchten, um sich von den versammelten Zuschauen» einige Kreuzer zu erbetteln. Endlich kam die Reihe an die Jüngsten, und ich erhielt durch das Wohlwollen des Lehrers meinen Platz in der Nähe des Förstertöchlerlcins. Vielleicht war es nur eine Fügung des Zufalls. Es dürfte aber auch Absicht dabei gewesen sein. Wer weiß? Bald wußte ich, daß der rätselhafte Förster nicht dem Walde befiehlt, sondern die Wälder

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