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Jüdische Rundschau · 1936-04-10 · Heft 29 (10.4.1936) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 29 (10.4.1936)
Date
1936-04-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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i Nr. 29 10. IV. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU *elfe 9 BRIEFE AN DIE REDAKTION Auswanderer!' Zadiarias Frankel Ladwig.shafcn a. Rhein, 5. 4. 36 Sehr geehrte Rtxiafttion! Rabbiner Dr. Ucko, Haifa, weist in seiner Antwort auf die Umfrage der ,,Jüd. KuiuLeiiau*‘ in der Nr. 27/28 ganz urhtjg darauf hin, daß die Wissen- Schaft ries Judentums vor mehr ab, hundert Jahren gerade nicht aus irgendeinem theoretischen lnfceresse entstanden wäre, ״sie wollte vielmehr den in radikaler Webe »ich assimilierenden Juden ihr Lclx-mredit ei weben.“ Ergänzend nidelite ich aber darauf aufmerk-sain machen, daß 1■ B. eine so repräsentative Bersönlichkcit wie Zacharias 1׳ ran* keb der in allererster Linie dem Krvbe derer zuzurcvhnen ist» weiche im vorigen Jahr* hundert die Wb»M:n*ehaft des Judentums begründet haben, sich sehr merklich von den Vertre* lern der assimilatorhchen Re* f!חזי! aligcgrenzt hat. An der Haltung der KaWnnt rversammlung in Brauiiscliwcig im Jahre 1844 übt Frankel .srhärfste Kritik. Er imkert sich über sie: ״Sie hat os auf Radik;drcf->rmen abgesehen, hat gerüttelt an den (Irundpfeik-rn und jedenfalls vielem aufs Spiel gesetzt.־‘ Die Kahbiiicrveraimmlung in Braunschweig hatte als ersten Punkt der Tagesordnung festgesetzt, daß eine Kommission bestimmt werde, die ülxtr eine ״Zeitgemäße und zeit dringende Reform des judiM'hen l‘d!egesetzes“ Be >rldti:. c lassen sollte. Hierzu bemerkt k'raukel: ״Die Ehe steht in Israel in großer Heiligkeit, das Eheverhältnis wird für unverletzbar gehalten und rächt der Eitigdff sieh noch an den Kindern. .. . So bestand es von jeher in Israel und hat ea bis jetzt sich erhalten, um! selbst die weite Skrupulosität hat hier die trefflichsten Früchte getragen. Und eine Rabbiner- Versammlung, die sich erd legiiimieren soll, beginnt mit diesein Vorspiel» legt hier die Beweise ihrer religiösen Gesinnung ab, ihrer Achtung für das, was noch 1m Volke lebt und kein verdorrtes Reis ist, das man ab* hauen muß, ihrer V״r*ü« h!, ob nicht mehr verdorben ab gut gemacht wird.’* — Zu einem weiteren Punkt der Tagemrdnung der Rabbinurvcrsammlujig in Brauiiscliwcig ״Hab GcIm.m in hebräi&chvr Sprache“ iiuikrt sich Frankel folgendermaßen: ,,Es wird hier gesprochen über das Gebet in hebräischer Sprache; und wer mit dem Volke fühlt, wer mit ihm lebt und seine Andacht teilt, wer itu Jud! nt um steht und weiß, w.e, im Herzen vieler Hunderttaii'erni m und außerhalb Hcutsdshmd sich regt, der begreift, mit welcher Innigkeii uud mit welcher Verehrung der Jude an dem hebräischen Gebet hängt, welche Fülle ihm der geheiligte Name dnschUeßt, wie seine Keduschah ihn mit frommer An lacht belebt, wie diese Sprache ihm als Sprache seiner heiligen Bücher, als der Abdruck, in welchem seine Gebote verzeichnet sind, als Laute, in welchen seine begeLs'crteu Propheten lehrten und ermahnten und straften, seine unsterblichen Sänger dichteten und Gott priesen, ein höheres, teueres, unveräußerliches Erbteil ist und er ln ihr Gott sich naher fühlt, in ihr vorzüglich sich zur Andacht erhebt.... Und dies konnte einer Ver- Sammlung von Raljhim rn nicht entgehen; ein kaltes Knisonnc* ment über die Notwendigkeit der hebräischen Sprache war hier isk 111 an ihrem Orte.“ — In der Rabbinerver Sammlung za Frankfurt a. M. im Jahre 1845, zu der Frankel per.sdniich erschienen war, begründet Krankel siincn Antrag, daß die* Versamnilung einen festen Standpunkt als den ihrigen formulieren *olle und um reiß! seinen eigenen Stand* punkt mit folgenden Worten: ״Es ist der positiv-historische, ist der des Judentums, wie es sich bb heute entwickelt hat und sich in diesem Geiste noch weiter entwickeln wird.“ Bernerkenswert ist au 11, daß Frankel, nachdem die Rabbinervcrsammlung in Frankfurt a. M. einen Antrag, die hebräische Sprache als Gebcisprachc allmählich abzu>cl1athn, angenommen, aus der Rabhincrvemamnilung mit der Begründung aus׳ rat» daß er von einem solchen Beschlu.-.sc . nicht nur nach einer Ver.vl.ie lenheit der Ansicht, sondern nach der T e n d!׳DZ abweiche.‘ ״Dieser Geist, der!;o viele wichtige Eiemente unl>earhte: läßt, der das, was in jeder Konfession Ge• wicht und Kraft hat. das Hist o fische verhängt, kt in meinen Augen nicht der der Erhahuiig, sondern der der Zer- Störung des positiv-historischen > lontums.“ Tn vorzüglicher Hochachtung Rabb. Dr, Stecke! macher Stil Widrigkeiten in der Samson-Aufführung Berlin, 31. M ■rr 1936 Sehr geehrte Redaktion! Die Ausführungen des Herrn S t e 1 n m a n n Uber Stilwidrigketten in der Samson-Aufführung des Kulturbunds sind in folgendem Funkt *u berichtigen. Es wird nämlich mit Unrecht bemangelt, daß Sanison im 3. Akt mit ab״(schnittenen Haaren auftritt. Hier hat sich der Reg.;:- ■seur nur an die Vorschriften des Komponisten gehalten. Es ist ausdrücklich vermerkt, daß Samsön im Gefängnis ,,les cheveux roupi'8“ hat; er ■wird dann von Philistern geholt und in den Dagontcmpcl gebracht. Diese heiden Szenen folgen kur* aufeinander, eine Veränderung Samsons ist also schwer möglich. In der Bibel Stellt aller auch nur; ,,Sein. Haupthaar fing wieder an zu w.ic-hsvu“. Abgesehen davon, daß sich dies auf der Bühne niclit klar darstellen ließe, wenn es der Komponist gewollt hätte, so geht die Absieht Saint-Saiüts wohl dahin, den Zusammensturz des Tempels einzig und allein als eine Tat Gottes daizu.lellen, die nur auf du; heißen Gebete des leidenden um! gedemiitigten Samson hin erfolgte. Die Funktionen könnte man etwa so umschreiben: in der liilrel unt e r s t ti t z t Gott Sintson, in der *)per Saint-äaens wirkt er VV u n d e r. Dr. Hans Nathan fl Lehrerkonferenz fn Düsseldorf. Am t. April fand im An- Schluß an einen Lehrerfortbildungskursus des preußischen Landesverbandes die erste Konferenz der zionistisehen Lehrer aus Rheinland und Westfalen statt. Ls nahmen über 30 Lehrer und Lehrerinnen teil. Georg Quthmann sprach über: ,,Die Stellung der zionistischen Bewegung zur jüdischen Schule“. Ausgehend von dem pädagogisclien Problem einer weltanschaulich gebundenen Er- Ziehung behandelte er die Frage der zionistischen Erziehung der Schüler und der zionistischen Vorbereitung der Lehrer sowie die Notwendigkeit und den Zweck der Organisierung der Lehrerschaft, in der Aussprache, an der insbesondere Dr. Herz (Düsseldorf), Lehrer Israel (Duisburg), Herbert Hammerstein (Bonn), Abraham Reinhard (Köln), Lehrer Frohsinn (Mörs), Herr Springer (Meckenheim), Lehrer Unikower (Simmcrn), Fräulein Lßb (Köln) teilnahmen, wurden so viele Anregungen gegeben, daß es zweckmäßig erschien, die Durcharbeitung dieses Materials einer besonderen Kommission zu übergeben. Diese Kommission besteht aus: Dr. Kurt Herz (Düsseldorf), Hainmcrstcin (Bonn), Israel (Duisbürg), Reinhoid (Hamm). Alle Anwesenden betonten die Notwendigkeit einer organisatorischen Zusammenfassung der zionistischen Lehrerschaft. Die Konferenz schloß mit der Gründung der ״Arbeitsgemeinschaft zionistischer Lehrer für Rheinland und Westfalen“. Die Arbeitsgemeinschaft wird vorläufig von der oben erwähnten Kommission geleitet. Die Vertretung der Arbeitsgcmeinschaft im Vorstande des Gruppenverbandes wird von Herrn Dr. Kurt Herz (Düsseldorf) wahrgenommen. Sonderfahrt des Lloyd Triestino nach Palästina. Um den Anforderungen des Touristenverkehrs, welcher sich auch im Monat April außerordentlich stark gestaltet, Rechnung zu tragen, hat der Lloyd Triestino beschlossen, eine Sonderfahrt mit dem Dampfer ״Carnar o“, 2. Mai ab Triest, nach Haifa auszuführen. Der Dampfer ״Carnaro“ wurde gmndlegenden Renovierungsarbeiten unterzogen, so daß die Passagiereinrichtungen denen der Dampfer ״Galilea“, ״Gerusalemme“ und ״Palestina“ gleichwertig sind. So führt der Dampfer ״Carnaro“ lediglich erste und Touristenklasse. ANTWORTEN DER REDAKTION Leopold Blum, Mannheim. Sie haben die betreffende Stelle mißverstanden. Selbstverständlich wissen wir, daß ein großer und sogar in den letzten Jahren immer wachsender Teil der Juden Deutschlands Pcßach feiert. Trotzdem ist es für die Juden Deutschlands, die nicht in kompakten Massen und meistens in Großstädten leben, niclit möglich, die Vorbereitungen des Festes in dieser volkstümlichen Weise zu betreiben, wie es *. B. die Landjudcn in den kleinen jüdischen Städtchen des Ostens tun. Deswegen sagten wir, daß die Juden Deutschlands wegen ihrer ,,andersgearteten äußeren Lebensbedingungen“ nicht zu jenen Formen zurückfinden werden, wobei aber nicht die religiösen Formen des Pcßach-Festes gemeint waren, sondern die Art der äußeren Vorbereitungen; so z. B. werden wohl ziemlich alle Juden Deutschlands ihre Mazzoth kaufen und nicht selbst backen. Wie transferieren Sie Ihr Vermögen? 1. Beratung Ober die Einwanderungsitaaten au« elg. londttktnntnl» (Europa und Ueber&ee) 2. Bestmöglicher und schneller Vermögen*tran*fer 3. Immobiiien-Tausdi bei Auswanderungen Dr. jur. G. E. ROSENDAHL Devisenberater (Voiliurist und Vollkaufmannj Frankfurt a. Main, Liebigstraße 50 Sprechstunde nur nach Anmeldung / Rufi 77128 MH Professor Josef Jadassohn, der am 24. März ver- Storben ist, hat die ärztliche Weit einen der größten Dermatologen verloren. Er war als Arzt, Wissenschaftler und Mensch eine überragende Persönlichkeit. Sein umfassendes Wissen und sein klarer Geist machten die Arbeit in seiner Klinik höchst anregend und vielseitig. Er war von ungeheurem Fleiß und bewundernswerter Arbeitskraft, stets konzentriert und produktiv, weise abwägend und mit klarem Blick das Wesentliche erkennend. Voller Herzensgute war er immer aut das Wohl seiner Patienten und Mitarbeiter bedacht, denen er väterlicher Freund und Helfer war. ln seinen wissenschaftlichen Werken hat er Grundlegendes geschaffen und neue Wege gewiesen. Es seien hier nur seine Forschungen über das Ekzem erwähnt, dessen Beziehungen zur Allergie, über Pilzkrankheitcn der Haut, Tuberkulose, Lepra und Pellagra, sowie seine großen Verdienste um die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten; es gibt kaum ein Gebiet der Dermatologie, das er nicht durch seine Arbeiten efördert. hätte. Er lehrte in Bern und Breslau und starb 2jährig in Zürich, wohin er 1934 übergesiedclt war. Dr. K ii t h e B ö r n s t e i n Der Monat der Zionistischen Organisation. Aus O her- Schlesien wird uns berichtet: Mit Unterstützung der Zentrale konnte in Oberschlesien im Monat der Zionistischen Organisation ein zionistischer Werbefeldzug durchgeführt weiden, von dem auch besonders die kleineren Städte erfaßt wurden, ln Beuthen, Glciwitz, Hindcnburg, Ratibor, Kreuzburg, Rosenberg, Cosel und Oherglogau sprachen die Herren Siikly üoidsclnnidt und Dr. Ilardy Swars e n s k i, Berlin, sowie 1 ritz Tau, Beuthen, über die Themen: ״Hilfe durch Aufbau die Antwort des Zionismus‘•' und ״Unser Kampf um Volk uni Land“. Den Höhepunkt der Veranstaltungen bildeten zu ei Kundgebungen mit Dr. Franz M e y e r, Berlin, in Glciwitz und Hindcnburg. Dazu kamen verschiedene Soiuiervciaustaltungen der zionistischen Jugendbünde. Alle Vorträge waren sehr stark besucht. Lilie sehr grolle Anzahl von Neuantneldungen zur Zionistischen Organisation ist erfolgt. Durch die Eingliederungs-Aktion wurde wiederum eine große Anzahl neuer Mitglieder ge- Wonnen, die zwar bereits einer zionistischen Sonder-Organisatiort beigetreten waren, jedoch bisher glaubten, nicht der zentralen Organisation jüdisch-nationaler Arbeit in ihrem Ort angehören zu müssen: der Zionistischen Ortsgruppe. D;e Aktion ist noch nicht beendet. Bereit# jetzt ist aber festzustellen, daß manche Kreise, die bisher zwar zionistische Gedankengänge bejaht, die Fonds unterstützt haben, nunmehr bereit sind, in die jüdisch-nationale Organisation einzutreten, selbst Zionist zu werden. F. T. Hebräischer Sprachverein Breslau. Atn 15. April beginnt der Unterricht aller Klassen der hebräischen Sprachschule des Vereins nach dem bisherigen Stundenplan im Seminargebäude, Wallstr. 14, und im üemcindchausc, Wallstr. 9. Es bestehen Kurse für Sprache, Literatur, Tenach und Haggada. Außerdem werden neue Anfängerkurse tür Erwaclisene und Jugendliche eingerichtet. Anmeldungen: Montag und Donnerstag, 19 19.15 Uhr, Wallstr. 14, Zimmer 4, und durch Fernsprecher 85 496 Dienstag und Donnerstag, 12 bis 13 Uhr. Auskünfte: Diensta!», 19 20 Uhr, Wallstr. 14, Zimmer 4. — Außerdem beginnen am 29. April die Vorlesungen in den tiir die Vorbereitung zum Besuch der Lehrerseminare in Palästina eingerichteten Kursen (Leitung: Dr. Lcwkowitz und Herr Reznicow). Zur Aufnahme in die Untergruppe dieser Kurse werden einige Kenntnisse des Hebräischen und das Zeugnis der mittleren Reife verlangt. Der Lehrgang erstreckt sich über zwei Jahre. Die Absolventen der Kurse werden ohne Aufnahmeprüfung in die untere Klasse der Lehrerseminare in Lrez Israel aufgenommen. Aufnahmeprüfung am 28. April. Auskunft durch Dr. Lewkowitz, Breslau, Wallstr. 14 (Telephon: 56 6S1). des Herrn Barons verwaltet. Und plötzlich erfuhr ich auch, daß die ßauernbuben nicht nur mich verspotten, *andern auch das ״kleine Fräulein“, und daß das Volkslied ״Jüdlein, Jüdlcin“ nicht nur meinen langen Schläfenlocken, sondern auch dem kurzen Kleidchen und dem Lockcnküpfchon der kleinen Ilonka gilt. Fusi instinktiv, stillschweigend, sind wir Verbündete geworden. Ich ergriff mit meinen Fäusten ritterlich ihre Partei, und sie trat mit ihrer flinken Zunge für mich ein. Ich dachte, daß der Förster, der auch bei den Sautanzen erscheint, von den Bauern gar nicht mehr als Jude betrachtet werde, und erfuhr nun bald, daß ich, der Sohn vom langbärtigen Beb Mojsche, dem Zaddik, und die Tochter vom glattrasierten Förster, dem ״Posclie“, zwei gleich mißachtete, gleich verspottete Judenkinder sind... VII. KAPITEL Bald kam der Tag, an dem ich den Förster von Angesicht zu Angesicht zu sehen bekam. Es nahten die ,,furchtbaren Tage“. In der kleinen Schul ertönte schon alltäglich nach dem Morgengebet der Schofar ... Es ist ein warnender Posaunenschull — erklärte der Meister Reh Seholem —, daß der König kommt und jeder den rechten Weg betrete, da der Monat Elul bald zu Ende geht, und wenn der König eingcz.ogen ist und sein Urteil gefällt hat, kommt die Ueherlegung zu spät. Den Ton des Schofars vernahm man offenbar auch im Försterhause. Im Hofe des Cheder» erschien eine neue Bauernmagd, die wir bisher noch nie gesehen hatten. Försters haben z.u lieb Seholem Hühner und Gänse schlachten geschickt. Also knapp vor Rosch-ha-schana, dem Tage des Gerichtes, wagen sie es doch nicht, dem Gesetze Trotz, zu bieten. ״Warum bringst du’s nicht auch sonnt?“ — fragte Reb Seholem. ״Sonst pflege ich’* selbst zu schlachten“ — erwiderte die kleine Bauerndirne — •,jetzt hat’» aber die gnü’ Frau nicht erlaubt. Ich soll’a zum Schächter bringen, sagt sic.“ In der ״Mittleren Pforte“ gingen wir beschleunigten Schrittes vorwärts. Es äst ohnedies Elul, man muß rüsten zum Empfang des Königs. Mit den Worten: ״Wer Handwerke r aufnimmt“ begann der neue Abschnitt. Treten sie zurück, haben sie für die Folgen aufzukommon, tritt der Arbeitgeber zurück, so haftet er für die Folgen. Wer sein Wort ändert, verliert den Prozeß. — Nimmt jemand Arbeiter auf, damit sie bei ihm arbeiten, kann er sie nicht zu einem anderen schicken, damit sie den Lohn dort obarbeiten. — Hat er sie für den ganzen Tan gedungen und eie sind mit der Arbeit in einem halben Tag fertig geworden, kann er ihm eine ähnliche, jedoch keine schwerere Arbeit geben. — Trat jemand die Ai-beit an and erkrankt# untertags oder ee starb ihm jemand, gebührt ihm der ganze Lohn. — Was haben diese vielen Lohn- und Arbeitsfragen mit den heiligen Elultagen zu tun? Wir hätten es vorgezogen, wenn uns Reb Seholem weiter von dem Einzug des Königs erzählt hätte. Und wir wären gerne 1n den Hof hinausgegaugen, um dem Bau der M i k w e zuzusehen. Auch diese war ein Werk des Reb Seholem, Wer hat auch schon so etwas gehört, daß man sich in einem Bauernkarren anderthalb Stunden bis zur Stadt Gyöngyös schütteln lassen muß, um dort nach der Vorschrift im Quellwasser unterzutauchen! Und genügt denn die Vorschritt? Soll denn der Mensch nicht täglich oder zumindest an jedem Freitag, Schabbat und Festtag vor dein Gehet baden und sich reinigen, bevor er vor den Höchsten hintritt? Und wie kann man denn am Schabbat und Festtag in die Stadt fahren? Reb Seholem forderte immer wieder die Erbauung der Mikwe. Sie müsse noch vor den ״furchtbaren Tagen“ fertig werden. Mein Vater führte einen regen Briefwechsel mit den größten chassidischen Rabbis. Erregt kam und ging er, wartete, zeichnete und machte Entwürfe. Jeden Tag brachte die Post etwas Neues. Und mein Vater erklärte mir die entsetzlichen Schwierigkeiten des Problems. Es müsse Quell- oder fließendes Wasser und dürfe kein ״geschöpftes“ sein. Das Bassin der Mikwe wird unter den alleren Bach gegrüben, jedoch durch das Rohr dürfe das Wasser nicht abfließen, da auch das Rohr ein ״Gefäß“ sei und das lebende Wasser zum toten mache. Daher soll ein Stein in die Scheidewand eingefügt und nachher durchbohrt werden. Aber auch dies hänge mit tausenderlei Vorschriften zusammen. Als wir mittags aus dem Cheder herauskamen, liefen wir alle zum oberen Bach. Die Sonne des Spätsommertages brannte heiß hernieder. Nach einer Minute schwammen wir allesamt vor der Mühle in dem durch den Deich gestauten Wasser. Aber jetzt wagten wir nicht das Kunststück, über den Deich zu steigen und uns an dem großen Schwungrad festzuklammern, um uns nach einer halben Drehung in den Teich unterhalb der Mühle hinunterpurzeln zu lassen. Wir wußten, daß U11« die# jetzt übel bekäme. Der stets giftgeschwollene Müller ist ohnedies schon böse darüber, daß ihm die Juden das Wasser wegnehmen ... Am Freitag vor Neujahr badete das ganze Dorf in der neuen Mikwe. Freilich batten nur die Juden Anteil an diesem Vergnügen. Dort stand die ganze Gemeinde zum großen Gaudium der Kinder. Eilig drängten sich die Leute ins Bassin, aber nur wenige hatten darin Platz, die übrigen *tanden und warteten. Zwischendurch bewunderten sie den Neubau. ״Schöner als die Gyöngyöser Mikwe“, meinten ale. Stufen führten ine Zementbassin hinunter. Am der einen Ecke ragte ein rauchender schwarzer Samowar hervor. ״Er ist noch neu, deshalb raucht er“, — beruhigte Heb Schalem die Leute, indem er in einem fort Brennholz hincinschleuderte. Die Kinder warnte er, nicht tiefer als drei Stufen hinunterzusteigen, da die Mikwe kein Bach sei, da könne man, Gott behüte, auch ertrinken. Jeder war glücklich, den Tag erlebt zu haben. Reh A s r i e 1 stieß in seiner unlüindigen Freude an den Samowar an, schrie auf, er halte sich den Rücken verbrannt. Am Schabbat erschien zur allgemeinen Uelverraschung der Förster in der Schul. Er kam nicht mit den Frühaufstchern zu den ersten Segenssprüchen. Die aus dem Nachbardorfe Szücsi waren wirklich früher als er da. Jedenfalls kam er aber noch vor der Vorlesung aus der Thora, dem ״Leinen“. Und, wie einer, der sich vollkommen heimisch fühlt, und als ob es keinen Unterschied zwischen ihm und den übrigen gäbe, schritt er den ״oberen Plätzen“ zu und setzte sich neben Reb Jizchak, den Gastwirt. Von Reb Jizchak Rosenfeld, dem Intelligenzler des Dorfes, war bekannt, daß er in seiner freien Zeit nicht nur in den heiligen Schriften forsche, sondern auch ,,profane Bücher“ studiere, wovor sich, nach Reh Seholem, jeder fromme Jude in acht nehmen müsse. Sein Bart war kurz gestutzt, und — was man ihm noch mehr verübelte — er besaß ein Fahrrad. Und schämt sich nicht, ©9 zu benützen. Auf seinem Fahrrad fuhr er oft zur Stadt, wo er — wie das Gerücht wissen wollte — in einem fort Geld auf die Bank trug. Er reiste auch ins Heilige Land, was bei den anderen ein aussichtsloses Verlangen blich, und ließ in Jeruschalajim ein Haus für Thorajünger errichten. Reb Jizchak ist ein 'guter, lieber Mensch, auch wenn er am Schabbat nach Schachris bereits gefrühstückt in Schul kam. Der Förster setzte sich neben ihn. Er hatte keinen Talis, und unter den in weiße Talesslm gehüllten Betenden wirkte er auf mich, wie wenn er nackt gewesen wäre. Ausheben der Thora. Man ruft den Kohen, den Levi auf und als sch’lischi, den Dritten ... jaamod ... es trete hervor... ist’s möglich? ״Wie ruft man Sie auf?“, fragt man den Förster. ״Reb Mosche ben..flüstert er leise. Ich dachte, ich träume. Hat auch er einen hebräischen Namen? Kann man auch ihn zur Thora aufrufen? Hebräisch heißt er w־ie mein Vater, Reb Mosche. Nur wird seinem Namen nicht als Zierde ״Morenu“, ״unser Lehrer“ vorgesetzt, sondern nur ״hechawer". Aber er ist auch ein Reb Mosche! Reb Mosch« Weiß. Genau so wie der Reb Mosche Weiß au» dem Nachbardorfe Szücsi, mit dem gütigen Antlitz, den wir mit seinen frommen Kindern am Schabbat mit *Mt viel Liebe im Schulhof na empfangen pflegen. (Foftsetaang folgt) i 1.1 1:1 1 »

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