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Jüdische Rundschau · 1936-04-10 · Heft 29 (10.4.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 29 (10.4.1936)
Date
1936-04-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29, 10. IV. 1936 JöDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Polnische Reisebriefe RW. Warschau, im März II. (Vgl. Nr. 26.) Der Schechiia-Konflikt hat wie wenige Dinge vorher die Aufmerksamkeit der Welt (auch der Weltpresse) auf die -age der Juden in Polen gelenkt. Aber dieser Konflikt ist nur :in Symptom für ein immer bestehendes Problem. Die Existenz der Juden in Polen ist — im Gegensatz zu Westeuropa und bis vor kurzem auch Deutschland — niemals ein äußerlieh verborgenes Faktum gewesen. Eine kompakte Masse, die sich in ihrem äußeren Habitus, ihrer Lebensweise, ihren Anschauungen und zum größten Teil auch in ihrer Sprache von der übrigen Bevölkerung unterscheidet, erweist sich dem Betrachter ohne weiteres als eigenständiges Element, das nicht einfach als dem übrigen — andersgearteten — Volk zugehörig bezeichnet werden kann. Daß man dieses Kunststück trotzdem zustande brachte, z. B. vor dem Kriege in dem damals österreichischen Galizien die jüdische Nationalität nicht anerkannte und die Juden zwang, sich national zu den Polen, Deutschen oder Ukrainern zu rechnen, ist ein Absurdum, das uns heute nur noch historisch interessiert; trotzdem wichtig zur Beleuchtung der psychologischen Situation der Juden, die in dem uns unmittelbar vorausgehenden Zeitalter nicht nur aus eigenem Assimilationsvvunsch sich zu anderen Nationen schlugen, sondern auch von der Umwelt gezwungen wurden, ihr jüdisches Volkstum zu verleugnen. Das war einstmals in ruhigeren Zeiten Stoff für ideologische Erziehung, freilich auch für Witzblätter; heute erkennen wir die ganze Tragik, wenn wir (z. B. in Deutschland) den Vorwurf hören, daß Juden sich durch das Bekenntnis zur Mehrheitsnation tarnen wollen, eine Tarnung, die ihnen aber systematisch von den anderen anerzogen worden ist. Ost- und Westjuden Wir erinnern uns noch, wie während des Weltkrieges die Ostjuden gewissermaßen als Volk ״entdeckt“ wurden; Soldaten der deutschen Armee und dann auch das Hinterland lernten sie kennen, erfuhren von ihnen. Bis dahin hatten nur wenige Westjuden, vorwiegend die Nationaljuden, um die Existenz und Eigenart dieser unbestreitbar volkhaften Juden gewußt. Heute ist dieses Wissen wohl allgemein, aber zuweilen mehr begrifflich als lebendig. Denn niemals kann solch ein Wissen das Anschauen und Mitleben ersetzen. Es gibt eine große deutschsprachige Literatur über die Ostjuden seit dem Weltkrieg; sie war vor 20 und 18 Jahren ״aktuell“ und ist jetzt vielfach vergessen. Im Gedächtnis haften die Schilderungen von Franz Rosenzweig auf ein paar Seiten seiner Briefe: ein Westjude, der beim Anblick der Ostjuden in Polen nicht beschämt die Augen senkt und sich abgrenzt, sondern gepackt und fasziniert wird von dieser naiven Vitalität und bewußten Selbstbejahung; er hat beim ersten Zusammentreffen mit ihnen ״richtigen Rassenstolz verspürt“ (״... was mir doch sehr selten geschieht“), obwohl er natürlich nicht unkritisch ist. Und er findet recht harte Worte für die Feigheit der Westjuden, die diese Verwandtschaft verleugnen wollen. Das Problem ״Ost- und Westjuden“ in seiner ganzen Verzweigtheit, Vielseitigkeit, in seinen Spannungen und Uebergängen, ist noch nicht völlig fruchtbar geworden. Die Westjuden waren zu fern und zu lebensschwach; aber heute, wo sie wieder von einem jüdischen Erlebnis geschüttelt sind, ergeben sich neue Perspektiven (oder: könnten sich ergeben), denn in dem Augenblick der Rückwendung der Westjuden befinden sich die Ostjuden am Beginn einer ernsteren inneren Krise, als ihre nun über 50 Jahre bereits dauernde teilweise Säkularisation bisher erzeugen konnte. Noch ist in großen Teilen die alte geistige Grundlage stark, in anderen Teilen ist der Nationalismus in verschiedenen Färbungen und Dosierungen zu einer neuen, wenn auch noch unvollkommenen Lebensform geworden, andere Teile verlieren sich (man denke an die drei Millionen Juden in Sowjetrußland), jedenfalls erfordert der Uebergang zur Moderne einen entschlossenen Gestaltungswillen. Die innere Krise ist verschärft durch den allmählichen Wandel der äußeren Lebensbedingungen. Assimilation im Osten Im Osten konnte, trotz den eingangs erwähnten staatsrechtlichen Konstruktionen, niemals ernsthaft bezweifelt werden, daß die Juden eine eigene Nationalität darstellen. Es ist in Polen eine Selbstverständlichkeit, sowohl für Juden als auch für Nichtjuden, Dabei ist es keineswegs so, daß alle Juden sofort als solche erkennbar wären; die tatsächliche Assimilation ist ziemlich stark. Die Juden (besonders die Jugend) sprechen mehr polnisch als früher, in der Mittel- und Oberschicht ist in Kleidung und Gehaben kein äußeres jüdisches Merkmal, auch in geschlossenen jüdischen Kreisen ist Polnisch die Umgangssprache. Natürlich sind solche Feststellungen nur relativ, denn in der jüdischen Siedlung und bei den sozial tiefer stehenden Schichten ist Jiddisch noch durchaus vorherrschend. Die Polen scheinen die kulturclie Assimilation der Juden gern zu sehen, zugleich scheinen sie aber auch entschlossen zu sein, einem Vordringen der assimilierten Intelligenz entschiedene Schranken zu setzen. Und auch die ״assimilierte“ Schicht fühlt sich in ihrer’Mehrheit als eigene Nationalität und wird als solche empfunden. Die ehemalige Partei der ״Assimilanten“ gibt es nicht mehr. Von den berühmten Assimilanten-Familien der russischen und österreichischen Zeit ist ein Teil durch Taufe völlig aus dem jüdischen Leben verschwunden, einzelne jüdisch gebliebene Abkömmlinge dieser Familien finden jedoch gelegentlich noch Anschluß an das nationale Judentum. Die Getauften werden restlos eingesehmolzen. Viele gebildete Polen kommen bei Gesprächen über die Judenfrage schnell auf die ״F r a n kisten“ zu sprechen, jene jüdisch-mystische Sekte, die im Jahre 1759 zum Christentum übertrat. Ihre Angehörigen wurden zum großen Teil geadelt, und so manche polnische Adelsfamilie stammt von ihnen ab; in den Namen ist diese Herkunft zuweilen dem Kenner noch ersichtlich. Die — übrigens auch nach Deutschland (Offenbach) hinüberspiclende — Frankisten-Bewegung ist ein überaus interessantes Kapitel der jüdischen Abfallsgeschichte in Europa. Ein polnischer Herr sagte mir, die Erinnerung an diese Episode müsse eigentlich für die Juden sehr peinlich sein; eine solche Aeußcrung läßt erkennen, wie sehr dem stolzen und nationalcmpfindenden Volk der Polen, aus deren Beispiel so mancher moderne Jude nationales Empfinden und Freiheitsdrang gelernt hat, die jüdische Problematik eines Abfalls einleuchtet, der — wie mir wenigstens schien — vom polnischen Standpunkt durchaus bejaht wurde. Viele Juden waren noch in der Zeit der polnischen Zerrissenheit und Staatenlosigkeit begeisterte Polen, und manche Denkmäler zeugen für sie. Das herrliche Palais des Juden Kronenberg am Anfang der Mazowiccka beherbergt jetzt den geräumig-gemütlichen Klub der Beamten des Warschauer Auswärtigen Amtes (übrigens hat auch die polnische Schiffahrtsgesellschaft in dem Gebäude ihre Büros, so daß u. a. das Schild der polnischen Palästina- Linie dort zu sehen ist), ln der Gegenwart sind aber Taufen selten, jedenfalls nur Einzelerscheinungen. Immerhin geht der polnische Antisemitismus nicht von rassischen Gesichtspunkten aus. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, daß unter den Führern der nationaldemokratischen Partei, die als Hauptvorkämpferin des Antisemitismus wirkt, mehrere Judenstämmliuge sind. Die den gehobenen Schichten angehörigen ״Assimilanten“, die früher einmal jüdische Repräsentanten waren, haben ihre Position verloren, seitdem die Massen zu immer stärkerer Bewußtheit gelangt sind; die Assimilation als Programm spielt keine Rolle mehr. Das neue Problem der Eingliederung einer zusehends sich kulturell anpassenden, dabei aber jüdisch bewußt bleibenden Schicht, die mit den Polen in ihrer positiven Haltung zum polnischen Staatsgedanken verbunden ist und eine wichtige aufbauende Kraft des jungen Staates sein könnte, ist noch nicht gelöst, — ja noch kaum in seiner Eigenart erkannt. Das erschütterte Gleichgewicht Wir sagten oben: Die Judenfrage in Polen war — im Gegensatz zu Westeuropa — immer sichtbar in dem Sinne, daß eine deutlich unterscheidbare und quantitativ bedeutende jüdische Masse da war. Aber sie hat heute ein neues kritisches Stadium erreicht. Seit der Gründung des polnischen Staates gab es keine prinzipielle Regelung, sondern nur eine tatsächliche Balance, einen labilen G 1 e i c h g e - wichtszustand, der je nach den äußeren Verhältnissen ins Schwanken geriet. Die Meinung, daß Verträge und Paragraphen ausreichen, gehört der naiven Zeit der Wilson- Ideologien an. Zwar ist der Grundsatz der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung in die polnische Verfassung aufgenommen worden, aber die Bestimmungen der Mindcrheiten-Verträge von Versailles, die freilich auch in ihrem positiven Teil recht vage gehalten waren, sind niemals Realität geworden. Heute sind diese Verträge kaum mehr als praktische Unterlagen einzuschätzen. Die Juden sind, wie so oft in ihrer Geschichte, gänzlich abhängig von den inneren Entwicklungen in der nichtjüdischen Welt. Sie wurden ins Land gerufen, als sie unentbehrliche ökonomische Funktionen zu erfüllen hatten; sie werden als Last empfunden, nachdem ihre Mission erfüllt ist. Die Entstehung einer eigenen bürgerlichen Mittelschicht und eines polnischen Handelsstandes hat für die Juden einen allmählichen Prozeß der ökonomischen Ausgliederung eingeleitet. Oft ist dies ganz handgreiflich in kleinen Orten zu beobachten, etwa wenn unmittelbar neben einen jüdischen Kaufmann ein national-polnischer gesetzt wird, mit der Aufgäbe, den Juden überflüssig zu machen. Im Verlauf dieses Vorganges, der von einzelnen politischen Parteien zum offiziehen Programm und Agitationsstoff gemacht und so immer bewußter und populärer wird, kommt es dann oft genug auch zu Konflikten, Reibungen, äußeren Zusammenstößen. Wir außerhalb Polens Wohnenden kennen schon die Ungliicks-Chronik, die uns fast allwöchentlich erreicht. In Polen seihst verbreiten sich jeweils Unglücksnachrichten unter den Juden, und die jüdischen Zeitungen erscheinen häufig infolge der Vorzensur mit großen weißen Flecken: ״nach der Konfiskation zweite Ausgabe“ ... So bedauerlich diese Zwischenfälle auch sind, sie sind nur Begleiterscheinungen und nicht das Problem selbst. Nur ist es begreiflich, daß dadurch die Gegensätze verschärft werden, berechtigte Abwehr führt häufig genug zu neuen Konflikten, und so entsteht gerade in manchen verantwortlichen Kreisen so etwas wie eine ״Kampfstimmung“: das Bewußtsein, in einem ununterhrochcnen Kampfe zu stehen. Kampf aber kann kein Dauerzustand sein, und es bedarf der größten Zurückhaltung und Delikatesse, sich mitten in dieser erregten Atmosphäre kühle Ueberlegung zu bewahren und sich immer wieder klarzumachen, daß eine Lösung im ökonomischen und im staatspolitischen Sinne gefunden werden m u ß. Man muß sich immer vor Augen halten, daß die polnische Judenheit eine gewaltige Masse darstellt, die in vielfacher Art differenziert ist. Es ist schwierig, vcrallgemeinernde Urteile atiszusprechen. Es gibt nicht nur verschiedene soziale und kulturelle Schichten von Juden, sondern auch in den einzelnen Landesteilen, die ja selbst eine teilweise besondere Vergangenheit haben, ist die Lage ganz ungleich. Am stärksten scheint der Antisemitismus im Westen des Reidies zu sein. Posen und Westpolen waren stets die Hochburg der Nationaldemokratie. In der letzten Zeit wurden aus den Gouvernements Radom und Czenstochau beängstigende Einzelheiten gemeldet. Ein Vertrauensmann des American Joint Distribution Committee, George Bäcker aus New York, der dieser Tage eine Reihe kleiner Orte Westpolens bereist, gab in Warschau vor der jüdischen Presse ein erschütterndes Bild. In kleinen Orten wie Truskolas in der Nähe von Czenstochau leben die Juden ״wie in einer belagerten Festung“, und antisemitische Posten verhindern den Verkehr mit Nachbarorten, ln manchen Städtchen leben die Juden dauernd in Häusern ohne Fensterscheiben, weil jede Reparatur nur zur Folge hätte, daß sie wieder zerschlagen werden. Auch in der Umgebung von Bialystok fühlen sich die Juden in ihrer Existenz bedrängt. Boykott und physische Bedrohung sind in zahlreichen kleinen Orten an der Tagesordnung, und der Polizeischütz ist ungenügend, weil zu wenig Polizei zur Verfügung steht, in einem kleinen Distrikt hat die Polizei 40 oder 50 lokale Märkte zu überwachen, und es fehlt an Transportmittein, um bei Ausbruch von Unruhen die genügende Polizeimacht schnell genug an den betreffenden Ort zu senden. So kommt es, daß in solchen Orten die Juden häufig das Gefühl der Schutzlosigkeit haben. Es muß aber, um jedes einseitige Bild zu vermeiden, ausdrücklich hinzugefügt werden, daß es auch Landesteile und Orte gibt, in denen zwischen Juden und Nichtjuden ein gutes Einvernehmen und ein korrektes Verhältnis besteht. Es gibt kleine Orte, wo die Bevölkerung die jüdischen Familien, mit denen sie seit —MAGISTER KIRSCH—ו Der gute Likör Magister-Likörfabrik, München lfll Jahrzehnten zusammenlebt, schätzt und wo sich trotz aller Agitation der ehrliche und arbeitsame Jude, dem sehr häufig das Städtchen oder Dorf vieles zu verdanken hat, bei der Bevölkerung ausgesprochener Beliebtheit erfreut. Das ökonomische Problem Polen, die nicht als Antisemiten gelten wollen, erklären meist, die Judenfrage sei in Polen ein ״ökonomisches“ Problem. Das wird dann etwa so formuliert: der polnische Staat sei liberal und gebe allen bürgerliche Gleichberechtigung, der Staat ist nach der Verfassung ״gemeinsamer Besitz aller“, aber die Juden seien aus geschichtlichen Gründen vorwiegend Händler, Vermittler, und in der heutigen polnisehen Wirtschaft ״gebe es nicht genügend zu ver• mitte! n“. Es ist also ein Ueberschuß an Vermittlern da, die keine ökonomische Funktion mehr haben. Wie dieses Uebel beseitigt werden soll, wird nicht gesagt; wenigstens habe ich darüber keine fundierte Meinung gehört. Die normale Folgerung aus der erwähnten Einsicht wäre, daß den Juden andere Berufszweige eröffnet werden. Davon kann aber keine Rede sein; das Gegenteil ist eher der Fall. Alle anderen Berufszweige außerhalb des Handels sind den Juden fast gänzlich verschlossen, und die wenigen Gcschäfts/.weige, die bisher noch in ihren Händen sind, sucht man ihnen zu entwinden. Das ist der ökonomische Hintergrund des Schächtgesetzes, das man in der Oeffentlichkeit manchmal gern als eine bloß religiöse Angelegenheit hinstellen möchte; die Regierung sucht, wie der Landwirtschaftsminister offen sagte, den Viehhandel neu unter Ausschaltung der Juden zu organisieren und zu kontrollieren, aber der Aufbau dieses Apparates braucht Zeit, daher mußte man sich derzeit mit einer unvollständigen Maßnahme begnügen. Wir finden ähnliche gesetzliche Eingriffe zuungunsten der Juden auch dort, wo von den bei der Schächtfrage herangezogenen moralischen Motiven nicht die Rede sein kann. Ais Beispiel sei hier ein auch jüdisch-soziologisch interessantes Gebiet erwähnt, nämlich die Milchwirtschaft. Die jüdischen Landwirte in Ostgalizicn — das einzige Gebiet, wo eine nennensw'erte jüdische Landwirtschaft, die relativ hochstehend ist, besteht — haben ein kooperatives System hochentwickelt und dadurch die Milchwirtschaft zu einem entscheidenden Erwerbszweig gemacht. Es ist, palästinensisch gesprochen, eine Art ״Tenuvah“. Nun wurde durch ein neues Gesetz die Milchwirtschaft reorganisiert, mit dem Ergebnis, daß der jüdische Verband (״Revisions-Verband“) die jüdisehen Produzenten-Koopcrativen nicht mehr aufnehmen kann, und durch territoriale Regulierung werden der jüdischen Molkerei hauptsächlich ukrainische Dörfer zugeführt. So ist ein von den Juden mühsam aufgebauter Erwerbszweig, der gewiß auch ideell einwandfrei ist, gefährdet. Aehnlich wurden die jüdischen Handwerker durch die Gesetze, die Lehre und das Berechtigungswesen regeln, hart betroffen, weil sie sich diesen System schwer anpassen können. Dies wird hier erwähnt, um anzudeuten, welchen Umfang das ״ökonomische Problem“ ':at: daß es nicht um eine Antipathie gegen den (״überflüssig gewordenen“) Handel geht, sondern daß auch in anderen Berufszweigen die Juden auf Schwierigkeiten stoßen und eine Umschichtung großen Stils gar nicht möglich wäre. In der Vcrniittlungsfunktion ist kein Platz, aber die produzierenden Berufe sind den Juden auch verschlossen. Selbsthilfe Um den richtigen Hintergrund für diese Schwierigkeiten und für die antisemitische Bewegung zu haben, muß man sich vor Augen halten, daß P o 1 e n selbst unter einer Ökonomischcn Krise leidet. Große Massen der polnischen Arbeiter und vor allem Bauern leben in großer Not; das jüdische Wirtschaftselcnd ist zum Teil ein Sektor dieser allgemeinen Not Polens, wenn auch bei den Juden ein zusätzlicher Faktor hinzutritt. Ls ist aufschlußreich, bei Gesprächen mit maßgebenden jüdischen Persönlichkeiten Polens immer wieder dem Gedanken zu begegnen, daß die jüdischen ökonomischen Selbsthilfemaßnahmen zugleich der polnischen Wirtschaft als Ganzem dienen können. Dieses Prinzip tritt z. B. zutage bei den Bestrebungen zur Schaffung neuer Exportindustrien, die auf jüdischer Heimarbeit beruhen. Es klingt etwas verblüffend, wenn man erfährt, daß nach neuen Feststellungen und Experimenten eine auf jüdischer Arbeit beruhende Export-Industrie für besonders aussichtsreich gehalten wird, weil infolge des rapid gesunkenen Lebensstandards die Arbeitslöhne außerordentlieh niedrig sind. Dies ist ein Ergebnis der Notlage. Früher hat der Jude in Polen auch schon sehr bedürfnislos gelebt, aber er hatte einen wenn auch noch so niedrigen Standard, unter den er nicht heruntergehen konnte. War dieser nicht zu erarbeiten, so wanderte der Jude aus (um dann meist in Amerika unter gleichfalls sehr drückenden sozialen Bedingungen Arbeiter zu werden), oder es blieb ihm nichts als die Luftexistenz, des Schnorrcrturns, die wir aus der Satire der ostjüdischen Literatur kennen. Heute aber gibt es Fälle, wo Juden gegen überaus niedrigen Arbeitslohn arbeiten, ״billiger als die Japaner“, sagte mir ein Führer der jüdischen Kooperativ-Bewegung. Auf dieser Basis wurde versucht, neue Berufsmöglichkeiten für Juden zu finden, wie z. B. Korbflechterei, Strickerei usw. In einem Stadtchen Wingorow arbeiten an der Herstellung von Sweatern (>000 jüdische Frauen, die 80 bis 90 Groschen (40 Pfennig) am Tage verdienen. Sie ernähren durch diese Arbeit ihre Familie, während die beschäftigungslosen Männer häufig kochen und den Haushalt führen. Da die Lebensmittel in Polen sehr billig sind, können die Menschen auf dieser Basis gerade noch leben. Die Strickarbeiten von Wingorow haben sich auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig erwiesen und werden jetzt in Ausstellungen in England und Amerika gezeigt. Diese und ähnliche Bestrebungen finden ihre zentrale Leitung in dem sogenannten ״CKB.“ (״Zekabe“), der Leitung der zentralen Darlehenskassen. Diese Kassen, die von den Vertretern des Joint in Polen kontrolliert werden, aber vom Joint weitgehend unabhängig sind, beruhen auf einer sozusagen charitativen Grundlage (״Gemifus Chessed“); sie wurden eingerichtet nach dem starken Rückgang der Kreditkooperativen infolge der Wirtschaftskrise, hauptsächlich als Hilfe für die deklassierten Schichten. Nach einer Darstellung der Leiter dieser Einrichtaugen hat man den Eindruck, daß hier Ansätze zu einer

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