Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 29 (10.4.1936)
- Date
- 1936-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653951--28592-2690081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 29, 10. IV. 1*36 --) Um die syrische Unabhängigkeit Von unserem Berichterstatter Zeit gebildet hat. Von der Türkei führt über Pereien bis nach Afghanistan eine einheitliche politische Kraftlinie, die in einer engen Kooperation dieser Staaten zum Ausdruck kommt. Dieses Staatensystem unterliegt in erheblichem Umfange dem außenpolitischen Einfluß S 0 w j e t r u li 1 a n d s, das auf dem Gebiete der Orientpolitik der natürliche Gegenspieler Englands ist. Wenn nunmehr, wie es scheint, diesem Staatenblock ein Bund arabischer Staaten gcgcnübcrgestellt wird, auf den England nicht ohne Einfluß ist, so zeichnen sich hierin die Umrisse der zukünftigen politischen Gestaltung der Dinge deutlich ab. * Naturgemäß sind diese Entwicklungen nicht ohne Bedeutung für die Lage'in Palästina. Es ist klar, daß die Politik der palästinensischen Mandatsregierung nicht allein aus den innerpalästinensischen Landesverhaltnissen zu verstehen ist, sondern auch Rücksichten auf die Gesamtlage der Weltpolitik nimmt. Der Kampf, der in Palästina gegenwärtig um die Schaffung des Legis- Dative Council geführt wird, gewinnt unter diesem Blickwinkel ein besonderes Gesicht. Die Auseinander- Setzung scheint jetzt in ihr entscheidendes Stadium getreten zu sein. Eine arabische Delegation ist nach London eingeladen worden, und die Araber haben diese Einladung angenommen, um der britischen Regierung ihren Standpunkt in der Councilfrage darzulcgen. Darüber hinaus ist es der Delegation freigestcllt worden, auch ihre Ansicht über die Boden- und E i n w a n d e r u 11 g s b e s t i m m ungen zu äußern. Es scheint also, daH die britische Regierung und insbesondere der Koloniaiminister Thomas eine Erörterung des Projektes auch im jetzigen Stadium der Angelegenheit noch für möglich halten. Der energische Widerstand, der von jüdischer Sc-ife dem Plan in seiner jetzigen Form und im gegenwärtigen Zeitpunkt entgegengesetzt wurde, hat also /mnindest den Erfolg gehabt, daß die britische Regierung das Problem nochmals zur Diskussion stellt. Die Stellungnahme der britischen (■)Öffentlichkeit, die in den Debatten des Unter- und Oberhauses zum Ausdruck kam, mag bei diesem Entschluli der Regierung ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Es ist verständlich, daß die Regierung den Wunsch hat, auch die Meinung der palästinensischen Andrer zu hören, die freilich bisher noch zu keinem einheitlichen Entschluß in der Sache selbst gekommen sind, nachdem ihr die jüdischen Ansichten umfassend vorgetragen wurden. Wünschenswert wäre dabei, daß die Regierung diese Gelegenheit benutzt, die Erörterung nicht allein unter taktischen Gesichtspunkten weiterzuführen, sondern daß man den Versuch machen würde, die beiden großen Bevölkerungsgruppen des Landes zu direkten und gemeinsamen Verhandlungen zusammenziifiihrcii. Gerade jetzt in einer Zeit, in der die Situation einigermaßen verworren erscheint, sollte ein mutiger Schritt getan werden, um erneut die Sprache zueinander zu finden, die allein imstande ist, die ruhige Entwicklung Palästinas auch unter schwierigen weit* politischen Verhältnissen zu sichern. * In Palästina hat die Krise der österreichischen Ver« sicherungsgescllschaft ״P h ö n i x“ wie in vielen anderen Landern erhebliches Aufsehen erregt. Der ״Phönix“ hat auch in Palästina gearbeitet, so daß ein Interessentenkreis im Lande von seinem Zusammenbruch in Mitleidenschaft gezogen wurde. Allerdings dürfte die Bedeutung des ״Phönix“ für Palästina nicht so groß sein, wie etwa diejenige einer Reihe bedeutender englischcr VersichiTirngsuntcrnclimmigcn. die das palästinc-nsische (icscliait stark bearbeiten. Zusammen mit den übrigen überseeischen Policen des ״Phönix“ sollen die palästinensischen durch einen großen internationalen VersirlieriJiigskon/erii übeinomrnen werden, und es besteht daher, wie aus Palästina gemeldet wird, die Aussicht, daß die Versicherten keine Verluste erleiden. Der Zusammenbruch des ״Phönix“ hat in Oester* reich selbst m einer Verschärfung der antijüdischen Agitation geführt, die in den letzten Monaten bereits erheblichen Umfang angenommen hatte. Die Tatsache, daß eine Reibe führender Persönlichkeiten des ״Phönix“ Juden sind, hat dieser Agitation Nährstoff geboten. Dabei wird allerdings verkannt, daß unter den Betroffenen, die möglicherweise durch die Schwierigkeiten des Unternehmens geschädigt werden, verhältnismäßig nicht weniger Juden sind als sonstige Versicherte, so daß die Juden als solche nicht minder als die übrigen Bcvölkerungsteile Oesterreichs daran interessiert sind, daß eine derartige Gesellschaft in ihrer Geschäftsführung so solide und korrekt wie nur möglich arbeitet. Der Zusammen* brufh dieses Unternehmens ist nicht zuletzt eine Folge der devisenpolitischen Entwicklungen innerhalb der österreichischen Nachfolgestaaten. Die jüdischen K. Paris, im April Die Arbeit der syrischen Delegation in Paris ist aus dem Stadium der Festlichkeiten in das der ernsthaften Arbeit getreten. Obwohl aber zwischen den syrischen Nationalisten und der Mandatsregierung — wie beiderseits versichert wird -- Einmütigkeit über das Endziel der Beziehungen zwischen Syrien und der Mandatsmacht, die Unabhängigk e 11 Syriens aut der Grundlage eines Allianzvertrages mit Frankreich besteht, gewinnt man doch aus Unterhaltungen mit den Beteiligten den Eindruck, daß, je mehr man in die Einzelheiten des geplanten Vertrages cingeht, die Verhandhingen sich als sehr schwierig erweisen. Es ist kein Zweifel, daß die Syrer weitgehende Unabhängigkeits-Forderungen stellen, die noch über die Bestimmungen des Irakvertrages hinausgehen. Zwei Gründe haben die Haltung der syrischen Delegation versteift: der Erfolg, den die syrischen Nationalisten durch die syrischen Unruhen über die Mandatarmacht errungen haben, die sie zu den Verhandlungen im Austausch gegen einen Waffenstillstand gezwungen haben, und die Agitation der radikalen Na t i o n a I i s t e n, die von der Heimat aus einen Druck auf die Delegation ausüben. Die Syrer sind der Auffassung, daß sie ihren Generalstreik zwar abgebrochen und sich zur Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht bereit erklärt haben, daß sie aber, falls diese ihre Versprechungen nicht einhäit, ihre konziliantere Haltung sofort rückgängig machen können. Die Tagesordnung der Pariser Verhand- 1 ungen wird, wie wir hören, vor allem folgende wichtige Punkte zu behandeln haben: Die Frage der syrischen E i n i g u n g, da die Syrer den jetzigen Zustand einer Teilung Syriens in mehrere Staaten als unhaltbar ansehen; die Frage des Minoritätenschutzes, auf den die Mandatsmacht entscheidenden Wert legt, und die militärischen und finanziell-administrativen Beziehungen 7. w isehen Syrien und der Mandatar macht. Frankreich, das bereit ist, Syrien eine weitgehende Unabhängigkeit zu gewähren, falls die Voraussetzung für ein geordnetes konstitutionelles Leben gegeben sind, legt entscheidenden Wert darauf, das Land weiter militärisch in der Hand zu behalten und in der Verwaltung seinen Einfluß durch französische Ratgeber zu bewahren. Die Frage des Eintritts Syriens in den Völkerbund wird wahrscheinlich grundsätzlich behandelt werden, dürfte aber — obwohl Frankreich auch irt diesem Punkte grundsätzlich keine Hindernisse macht — erst in späterer Zeit eine praktische Lösung erfahren. Die syrische Regierung muß — nach französischer Ansiciit — erst den Beweis liefern, daß sie ״Völkerbundsreif“ ist, d. h. vor allein, daß sie in der Lage ist, ein geordnetes staatliches Leben zu garantieren. Obgleich dem Konfiikt zwischen der Mandatsmacht und den Syrern auch wirtschaftliche Differenzen zugrunde liegen, werden diese bei den diesmaligen politischen Besprechungen nur eine durchaus sekundäre Rolle spielen. Die Syrer sind der Ansicht, daß die wirtschaftlichen Beziehungen zur Man- Direktoren, die ihn mitverschuldet haben, gehören damit in die Reihe all jener Wirtschaftler, die in der Nachkriegszeit nach einem oft unerhört stürmischen Aufstieg den Boden unter den Füßen verloren. Vom Zusammenbruch des Kreugerkonzerns, an dem Juden in keiner Weise beteiligt waren, zieht sich die Kette der Zusammenbrüche durch die meisten Länder Europas und der Welt und hat Angehörige aller Völker als darunter Leidende und oftmals auch als Schuldige betroffen. * Wer das jüdische Leben betrachtet, ist Unwillkürlieh gezwungen, den Blick über Länder und Meere schweifen zu lassen, will er die ganze Vielfalt unserer nationalen Existenz, erfassen. Zugleich mit diesem Blick in die geographische Weite, der uns das aktuelle Geschehen unserer Tage erschließt, müssen wir aber unsere Augen in die Tiefe unserer Geschichte richten, wenn wir den Sinn des Geschehens unserer Zeit begreifen wollen. Wir Juden leben in einem ganz besonderen Maße als ein historisches Volk, das seine Vergangenheit nicht als tot empfindet, sondern die Kräfte und Erlebnisse früherer Generationen als seine eigenen empfindet. Wie sehr erinnern uns gerade die Peßachtage an diese unsere Art, in denen die Worte vom Auszuge aus Aegypten wie zu uns selbst gesprochen empfunden werden! In besonderem Maße wird diese Aktualität des Wortes, das aus unserer Vergangenheit tönt, auch in den Sätzen offenbar, die am Schabbat der PcßachzWischentage in unseren Synagogen gelesen werden. Jene herrlichen Verse von der Auferstehung der Gebeine aus dem Propheten Jecheskel, die Haftarah des kommenden Schabbat, sind uns Künder all unserer Schmerzen und unserer Hoffnungen auch in dieser Zeit. Verdorrt wie jene Gebeine, die der Prophet in seiner großartigen Vision schaute, erscheint uns das jüdische Volk. Zerstreut über die Erde, die Lebenssäfte entbehrend, in weiten Teilen abgesehnitten vom Geist des Volkes, der zugleich der Geist des Lebens ist, versteinerten Herzens lebte und lebt dieses Volk — nur ein schwaches Abbild der Größe seiner Geschichte. Seine Not in vielen Ländern der Erde ist die Not, die zum Untergange führt, weil sie keine Hoffnung läßt, weil datsmacht nur im Rahmen einer allgemeinen Ordnung de« Verhältnisses zwischen Frankreich und Syrien geregelt werden können. Sie sind jedenfalls keinesfalls bereit, eventuelle wirtschaftliche Konzessionen als Ersatz für eine geringere politische Unabhängigkeit zu akzeptieren. Während die politische Hochspannung in Syrien den Siedepunkt erreicht hat, gewinnt man nicht den Eindruck, daß die Syrer heute eine engere Verbindung mit den anderen arabischen Staaten oder mit Palästina als konkretes Ziel ihrer politischen Bestrebungen ansehen. Der Panarabismus ist für die syrischen Führer mehr ein politisches Propagandamittel, um die Massen gegen die Mandatsregierung in Bewegung zu setzen, aber kein konkretes politisches Ziel. Die Forderungen der syrischen Nationaibewegung lassen sich eher in dem Satze: Syrien den Syrern, als Arabien den Arabern zusammenfassen. Man darf nicht vergessen, daß die syrische Nationalbewegung eine republikanisch-demokratische Färbung hat, während die arabischen Staaten wie Irak, Transjordanien, Saudi-Arabien Monarchien sind. Eine Verbindung mit diesen Staaten würde den Einfluß der ehrgeizigen syrischen Nationalistenführer, die sich schmeicheln, der kulturell fortgeschrittenste ־ Teil der Araber zu sein, erheblich mindern. Auch der Einfluß des Mutti von J e r t! s a I e m ist Ln Syrien geringer als in anderen Teilen Arabiens, schon wegen des großen Einflusses der christlichen Araber. Ihr Berichterstatter hat bei Besprechungen mit französischen und syrischen Konferenzteilnehmern auch die Frage der Lage der jüdischen Bevölkerung in Syrien und einer eventuellen jüdischen Einwanderung aufgeworfen. Man gewinnt den Eindruck, daß einzelne arabische Notabein, insbesondere die Landbesitzer, eine Ein wänderung jüdischer Kapitalisten nicht ungern sehen würden, weil sie von einer solchen Immigration Wirtschaftliehe Vorteile (Steigen der Bodenpreise, günstige Bodenverkaufe) erwarten. Sie wagen es aber unter dem Druck der nationalistischen, fanatisierten Jugend nicht, ihrer Meinung offen Ausdruck zu geben. Es wurde das Beispiel eines syrischen Notabein zitiert, der einen Teil seines Landes vorteilhaft an einen jüdischen Kapitalisten verkaufen konnte, der aber jetzt gesellschaftlich völlig boykottiert wird. Die syrischen Araber betonen, daß ihnen jede Judenfeindschaft änzlich fern liegt, daß sie mit der eingesessenen jüdischen evölkerung in f rieden leben und leben wollen, daß sie aber Gegner des Zionismus sind, der eine ״aggressive“ Note enthalte. Fine Einwanderung von Juden nach Syrien würde aber automatisch zionistische Bestrebungen in sich schließen. - Bei einer Unterschriftensammlung für eine Eingabe über den Anschluß Libanons an Syrien kam es in Dschebei, einem Dorf im Siidlihanon, zu Zusammen- Stößen zwischen der Polizei und Einwohnern. Drei Kundgebet־ wurden getötet, zahlreiche Personen verhaftet, ein Französischer Offizier verletzt. alles int Volke zerbröckelt und auseinanderfällt wie die auf der Ebene zerstreuten Gebeine jener Vision. Und dennoch ergeht die Verkündung an das Volk, wie der Prophet es gesehen hat — die Verkündung, die aus den tiefsten Kräften des Volkes aufsteigt und den Weg zum neuert Leben zeigt. Die Sammlung der Zerstreuten auf dem Boden Erez Israels ist die große Hoffnung, die uns Heutige bewegt, so wie einst die Sammlung der verdorrten Gebeine und ihre Erweckung zum Leben dem Propheten verkündet wurde. Die Not und der Schmerz der Galulh, die Hoffnung auf Sammlung und auf Wiedererweckung unseres Eigenlebens auf der Erde der Heimat finden hier einen ergreifenden Ausdruck. Wir wissen, daß die Form, in der der Prophet zu uns spricht, und der Inhalt, den er seinen Worten gibt, m e h r ist als eine gewöhnliche Rede, und daß die Auferstehung des Hauses Israel, von der er träumt, mehr bedeutet als nur die irdische, materielle Auferstehung. Wir sind fern davon, diese Worte gleichsam zu ״säkularisieren“ und ihnen ihren tiefsten Sinn zu rauben, der in ihnen schwingt und sie auch zu uns aus einer fernen, durch Jahrtausende getrennten Vergangenheit sprechen läßt. Dennoch bedeuten sie auch für den Teil des Volkes, der ihrem vollen Klang nicht mehr zu folgen vermag, weil er die Stimme, die aus den Worten des Propheten spricht, nicht seinem innersten nah empfindet, eine grandiose Darstellung unserer eigenen Sorgen und Hoffnungen, zugleich aber auch die Bindung an die Geschichte des Volkes. Was wir unternehmen, was wir im Volke sehen und wozu wir es führen wollen, ist ja nicht etwas Willkürliches, sondern es ist der Versuch, uns mit den Kräften, die uns zur Verfügting stehen, der Linie unserer Volksgeschichte wieder anzunähern, um wieder zu leben, ganz 7u sein als Volk der Gegenwart, das seine Zukunft aus den Elementen einer großen Geschichte baut. K. L HaupUchnfi lciter: Dt. Robert Welt sch, Berlin Chatlottenburg I (auch verantwort lieh für die Aufnahme von Bildern). Stellvertretet 1 Kurt toewenjtcia. Berlin W 15. AnzeigenMter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann F i n n, Berlin W15. Gültig Anr.eigen-I’reisiisie d vom 15. Oktober 1935. Verlag und Anfeigenvnrwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W IS. Mrinckestr. 10. D.-A. März 37 811. — Druck: Siegfried Scholcm, Bln.-Schöneberg. äurtii &; '1!!!Hiljl jIM j־!! |t| Pl'illH 1in n;nmi IPIfff 1!ח! |||||!|[| 111 llil iiilÜili, ili ״ill||P״!i!|P|!ll|i 1111 lilüfi i (!11 Wmiif ill ilil «Sei erlangen Sie beim Einkauf die hierfür besonders geschulten Verkaufskräfte Auskunft lei den Empfängsherren an den Eingängen Ausrüstung 1«r Palästina«!. Übersee Bekleidung, Hausrat und Einriditungsgegenstände Sduifitidu Anfragen 01 Mt übtrut-AbleUung, Ttlefonltdit Vertbredungenunter S2 OOtt »EKUtf C2 MAMDAUit *TEASSI KO NIC STRA5 SE GEGRÜNDET!•!!