Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 27-28 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 27/28, 3. IV. 1936 wesentlich;mch ilmdi d;1s Jndesein des /wischen beiden stehenden Denkers begründet war. Und diese Erkenntnis jüdischer Art erweiterte und vertiefte sich dadurch, daß im Einklang mit 11 er Wendung der allgemeinen Forschung nicht nur das Leben der großen Persönlichkeiten, sondern das des gesamten Volkes in Kunst, Brauch usw. vor das Auge des Forschers trat. Wie wenig diese Wendung zum eigentümlich Jüdischen unter dem Einfluß bestimmter geschichtlicher Ercignisse steht, geht schon daraus hervor, daß sie sich in der amerikanischen Forschung nicht minder deutlich kundgibt als etwa in der deutsche». Vielmehr macht die Wissenschaft dieselbe Erfahrung wie das Leber,: der Versuch restloser Einfügung des Juden in das (iesamtleben muß ebenso mißlingen \vi heute die Isolierung; es bleibt nur die Anerkennung des jüdischen Eigenleben:, das sich auf dem Boden der ücsamtkulUir behauptet. Und indem die Wissenschaft zur geschichtlichen Selbsterkenntnis des Judentums vordringt, kann sie der Selbstbehauptung jüdischen Lebens dienen. Daher kommt allerdings der wissenschaftlichen Arbeit am Judentum eine gewisse Bedeutung für das!.eben zu. Nur erwachst aus dieser Lebensnahe eine ernste Gefahr für die Reinheit der wissensehaftliii.vii Arbeit. Selbsterkenntnis darf nicht zur — Selbstbespiegelung werden. Von hier aus erfährt die Fordertrng streng wissenschaftlicher, nicht unmittelbar auf das Leben wirkender Arbeiten gesteigerte Bedeutung. Dr. Simon llawidowicz, London: Wä!.. ...d die ״Wissenschaft des Judentums“ im Zeitalter der Emanzipation in gewisser Hinsicht als eine ״Ghetto'‘- Wissenschaft (was keineswegs ein Werturteil sein soll) bezeichnet werden könnte, Ergänzung und Nachtrag zur heherrschenden, umfassenderen Allgemeinkultur konnte die Wissenschaft der Jmlenhcit in Deutschland in dem nun geschaffenen engeren I .ehensraum eine emanzipierte Wissenschaft werden. Sie braucht weder Abschluß noch ״Geni/a" zu sein, sondern kann einen neuen Beginn darstellen. Ihre (iniinlforiricl für ״Judentum -- Welt“ wird eine andere sein. Viel jüdischer, u:ni daher auch, freier, ״menschlieberDie ״I ist der Geschichte" wird es Wollen, daß in der neuen Inge eine breitere ״Welt“ leben wird, ein iiidiM Iler Welt-Begriff, d. 11. mehr ״Welt“. Die in diesem Judentum lebenden geistigen Potenzen, auf die eigenen ,,vier Ellen“ /unickgedrängrt, werden durch ihre eigene Dynamik die Wissenschaft des Judentums zu der W lorii'c 11 a f t <1 e s j 11 d e rt erheben, .- zugewandt dem jüdischen Menselten, der sich!11 Palästina am Boden erneuert und in den I )iasporaländern um die Schaffung einer neuen 1 ebensbads ringt. Sie wird notgedrungren ihren jüdischen Dm fang erweitern, manches, bisher als intzugehörig oder nebensächlich erachtet, wird ins Zentrum rücken. Diese Wissenschaft des Juden wird nicht so isoliert sein wie die Wissenschaft des Judentums, der wir soviel verdanken. Verbunden mit dem lebendigen Gesamt-Judentum, wird sie in schöpferische Bemühungen auch auf anderen Gebieten, die bisher jüdisch irrelevant oder außerhalb des Indischen, jetzt aber besonders jüdisch ausgezeichnet werden (Kunst, Wirtschaft, sozialer Umbau, Erziehung), eingebettet sein. In dem .Stalle, iti dein eine Wissenschaft echt und dem wirklichen!Menschen zugewandt ist, kann sie nie Antithese nun ״L e b e n“ bilden. Auch der N a c h w u c h s der jüdischer! Wissenschaft braucht nicht unter den neuert, Bedingungen zu leiden. Gerade sie werden ihn zwingen, sich mehr mit jüdischer Substanz und jüdischen Problemen ausmrüsten. Abgesehen davon, hat die Judenheit Deutschlands stets seit Jahrhunderten Gelehrte und Forscher aus anderen Ländern iierattgezogen. Der erwünschte Kontakt mit dem geistigen Schaffen des nicht-deutschen Judentums wird sich nicht nur aut die hebräischen Kulturstätten Palästinas und der Diaspora beschränken, sondern sich auch z. B. erstrecken auf die Jeschiuot in den Nachbarländern Litauen, Polen usw., was sich für beide Teile als äußerst fruchtbar erweisen könnte. In dem Umfang, in dem Hebräisch immer mehr zur zweiten Sprache breiterer ■Schichten des Diaspora-Judentunis neben den Landessprachen wird, müßte sieh dies auch in der jüdischen Wissenschaft Deutschlands schöpferisch auswirken. Das ist kein bloß formal-äußerliches Problem. Allgemein sei hm/ugetugt: Thematik und Problematik der ״Wissenschaft des Judentums“ ist nicht nur eine Angelegenheit der Judenheit Deutschlands. Not tut die Schaffung einer E i r 11 c i t s t r o!1 t der vv is-enschaftliehen Anstalten und der jüdischen Eorscher der Welt. Line Weltkonfercnz. der jiidisehen Wissenschaftler i-t (hei aller Skepsis solchen Versuchen gegenüber) jetzt mehr algeboten. Line PI a n - W i s s e n - Schaft kann dun jüdischen I orschungsbctricb nur von Nutzen sein. All dies ist natürlich abhängig von gewissen p r a k - tischen Fragen des Lebens der Judenheit Deutschlands, worüber ich mich ausführlicher in einer Aufsatzserie ״Kijjum ha-tefuza“ (Monatsschr. ״Moznajim“, Tel-Awivv, 193-1—35) geäußert habe. Meine Erfahrungen und Beobachtungen in Eng- Land und anderen Jttdenheiten des Westens berechtigen mich vielleicht hinzuzufügen, daß auch heute in der Judenheit Deutschlands m ehr geistiges Schaffen rege, mehr Wille zu jüdischer Kultur lebendig ist, als in anderen außerhalb der akuten Krise lebenden Judcnhcitcn des Westens. Dr. S. I cko, Haifa: In unserer Zeit, da die Menschen sicli aus ihrer Bahn geworfen sehen und ihre Wege sich in Uniibersehbarkeit darstcüen, ertönt besonders laut der Ruf nach Lebensnähe. Alle Erzeugnisse des Geisteslebens werden zum Hclfertum für den rechten Weg aufgerufen. Dann sollen Kunst und Literatur und nicht zuletzt die Wissenschaft sich in Lehrrneister für die Entscheidungen des Lebens verwandeln. So wird auch heutzutage der Wissenschaft des Judentums stets die Forderung entgegengehalten, sie müsse sich in Lebensnähe begehen. Diese Forderung birgt aber manche Unklarheit in sich. Wissenschaft darf an sich keiner anderen Fordcrting als der nach größtmöglichster Objektivität gehorchen. TG muß der Erprobung durch Popularisierung fähig sein, aber die Popularisierbarkeit darf nicht ihre Richtlinie darstellen. Die Wissenschaft des Judentums hat klar bewiesen, daß sie die Möglichkeit der Popularisierbarkeit in sich trägt. (Schocken-Büchcrei!) Das ist eine hinreichende Rechtfertigung, itn übrigen muß sie ihren Weg gehen, der geradezu klassisch in der Wolfschen Definition der Wissenschaff vom Judentum im Jahre 1822 ausgesprochen wurde: Kenntnis des Judentums als ״Inbegriff der gesamten Verhältnisse, Eigentümlichkeiten und Leistungen der Juden iti bezug auf Philosophie, Geschichte, Rechtswesen, Literatur überhaupt, Bürgerleben und alle menschlichen Angelegenheiten; nicht aber in jenem beschränktem Sinne, in welchem es nur die Religion der Juden bedeutet“. Zudem ist gerade die Wissenschaft des Judentums niemals lebensfern gewesen. Sie ist ja vor mehr als hundert Jahren gerade nicht aus irgendeinem theoretischen Interesse entstanden, sie wollte vielmehr den in radikaler Weise sich assimilierenden Juden ihr Lebensrecht erweisen. Sie hat — so merkwürdig das auch scheinen mag — zunächst eine geradezu zu große Lebensnahe in sich getragen, weil sie sich der Apologetik im engeren Sinne und in jenem weiteren Sinne der Rechtfertigung unserer Weiterexistenz widmen mußte. Nicht die Wissenschaft des Judentums war lebensfern, sondern der jüdische Mensch war dem jüdischen Leben fern. Dieser Mißstand behebt sich nun von selbst, da jüdische Existenz im Leid und in der Hoffnungsstimmung des Aufbaus Wirklichkeit geworden ist. Die Forderung nach größerer Lebensnähe der Wissenschaft richtet sich an den jüdischen Menschen und nicht an die Wissenschaft. Die vielen Einzel- und Spe/ialtm.ersuchungen, die die Wissenschaft des Judentums so ״lebensfern“ machten, sind eine erste Notwendigkeit einer jungen Wissenschaft. Lebensnah wird sie durch d i e Menschen, die die Bücher dieser Wissenschaft ״lernen“ können. Dazu aber trägt gerade das neue Palästina entscheidend bei, weil es im Gegensatz zur Mehrzahl der jetzigen Kandidaten an den jüdischen Hochschulen an die Wissenschaft nicht Jünger heranführt, die in den ersten 3—4 Semestern erst einmal sozusagen Gymnasialreife für die jüdische Wissenschaft bekommen müssen, sondern Menschen erzeugt, die die Vorbedingung in sich tragen, jüdische Wissenschaft, wenn auch nicht zu schaffen, so doch aufzunehmen und lehrend zu gestalten. Lebensnähe der Wissenschaft heißt: Vorhandensein von lebensnahen Menschen, dem jüdischen Schicksal nahen Menselten, die sich der Wissenschaft des Judentums annähem. Die Wissenschaft geht ihren Weg. Dr. Max Wiener, Berlin: Die Selbstverständlichkeit, daß jede Antwort auf Ihre Frage wie auf jede das Judentum in Deutschland betreffende innerhalb ganz kurzer Zeit bereits gegenstandslos sein kann, vorausgeschickt, wäre folgendes zu sagen: Die Zahl der auch in materiell günstigen Zeiten mit ihrer ganzen Arbeitskraft um diese Wissenschaft Bemühten war immer so gering, daß der Fortgang jedes Einzelnen eine breite Lücke reißt. Sie wird schwerlich durch die wie immer nützliche, ja verdienstliche Leistung solcher Persönlichkeiten ausgefüllt werden können, die — von allgemeiner Betätigung abgeschnitten — sich dem jüdischen Gebiet zuwenden. Denn nur wenige von diesen bringen das spezifische Rüstzeug mit, vor allem ausreichende, für wissenschaftliche Quellenforschung genügende hebräische Kenntnisse, um sich in kurzer Zeit umstellen zu können. Soweit Gelehrte der speziell jüdischen Disziplinen den Zugang zu jüdisch-gelehrten Instituten außerhalb Deutschlands gefunden haben, werden sie ihre Arbeit — zumal an der Universität Jerusalem — fortsetzen. Daß die Wissenschaft selbst im Hinblick auf unsere seelische Erschütterung einen v e r ä n d e r t e n Charakter annehmen sollte, glaube ich nicht. Als Wissenschaft wird sie immer nur den ihr eigenen Methoden der Wahrhcitsforschung folgen dürfen; und sie wird sich mehr als je aut diese Grundlagen besinnen müssen, um nicht die seelische Erschütterung auf das wahrheitsuchende Denken fortzupflanzen. Die jüdische Wissenschaft war freilich in diesen hundert Jahren überwiegend historisch orientiert, wohl wesentlich darum, weil ihre richtungweisenden Meister das Judentum als Träger eigener Geschichte im ganzen am Ende seiner Laufbahn angekommen wähnten. Sicherlich müßten und sollten die sich um den Geist des Judentums Bemühenden nunmehr, wo jüdische Menschen wieder in der jüdischen Substanz leben wollen, diese in ihrem zeitlosen Sein und Gelten zu klären versuchen. Ich meine, daß das, was in der Vergangenheit viel mehr Gegenstand leichtherziger Popularisierung gewesen ist, als Thema tiefergrabender Untersuchung, jüdische Welterfassung und Lebensbetrachtung, in den Vordergrund zu rücken hätte. Eine jüdische Theologie existiert z. B. noch kaum. Aber auch das kann nur bei inniger Berührung mit der Geschichte und ihrer Erforschung geleistet werden, wie ja überhaupt das Historische vom Systematischen nicht rein zu scheiden ist. Die Beziehung zum ״Leben“ würde sich dann schon lierausstellen; nur dar! sie nicht auf Kosten der Wahrheit —- und Wahrheit verlangt auch den Blick aufs Ganze — voreilig erzwungen werden. Aber auch diese Möglichkeit wird, wie alle anderen, nur von Jungen und Alten gemeinsam verwirklicht werden können. Und wenn die Wissenschaft des Judentums in Deutschland gerade wesentlich eine Frucht des deutschen Humanismus überhaupt gewesen ist, wie sollen die Jungen ohne die bislang selbstverständlich gewesene Universitätsbikiung daran aktiv teilnehmen? Wenn auch ein gewisser Ersatz an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums versucht wird, so ist es doch klar, daß diese schwierigste der von Ihnen aufgeworfenen Fragen noch eigentlicher Lösung harrt. _ Walter Blumenfefd: 'Jugend als Konfliktsituation, Jugendpsychologie mit Berücksichtigung des jüdischen Kindes. — Philo-Verlag, G. m. b. Fi., Berlin W 15. Dieser Abriß einer Psychologie des Pubertätsalters wird für jeden, der sich mit der Lage unserer Jugend, besonders der großstädtischen Jugend beschäftigt, von hohem Interesse sein. Der Verfasser setzt sich für die These ein, oaß die tiefste Ursache für die seelischen Erscheinungen des Pubertätsalters in den sozialen Lebensverhältnissen unserer Zeit liegen. Diese These belegt er mit reichhaltigem Material und zeigt zugleich die Kräfte, die aus den sozialen und den psychologischen Zusammenhängen heraus zu einer liebe!•witidtirig der Pubertätsschwierigkeiten führen, ln einem Schlußkapitel weist der Verfasser auf die besondere Lage der jüdischen Jugendlichen, insbesondere in Deutschland, Inn, wobei allerdings dieser Abschnitt uns infolge seiner Kürze die Dinge etwas allzu schematisch zu betrachten scheint. —n. Dr. Auert: Die Eheauflösung im netten deutsehen Recht. Verlag Georg Stilke, Berlin 1936. Die Trennung zwischen Juden und Ariern mußte in erster Linie die Ehe erfassen. Zwar steht der völlige Neuaufbau des deutschen Ehe- und Familienrechts noch bevor; einzelne Teile dieses Rechtsgebiets sind jedoch durch Gesetzgebitng und Rechtsprechung bereits so stark beeinflußt worden, daß schon jetzt der Zeitpunkt für eine systematische Darstellung gekommen ist. Dies gilt namentlich von dem Ehc-autfösungsrecht, d. h. dem Recht zur Vernichtung, Anfechtung und Scheidung der Ehe, für dessen Neu- Ordnung die Judenfrage richtunggebend war. Der Verfasser behandelt die neuen Gesetze —- Gesetz gegen Mißbrauch bei der Eheschließung, Nürnberger Gesetze, Ehcgesundheitsgcsetz, Novelle zum Strafgesetzbuch — in ihrer Einwirkung aut die Eheauflösung und kommentiert die einzelnen Paragraphen des BGB. und der ZPO. vom Standpunkt der gegenwärtigen Rechtsanschauung, wobei er teilweise zu völlig neuen Ergebnissen gelangt. So sieht er die Eingehung einer Mischehe im Auslände als Landesverrat an; den Ehebruch will er nicht auf natürliche Beiwohnung beschränken; eine Klage gegen den Ehebrecher und seinen Mitschuldigen auf Unterlassung soll zulässig sein. Inwieweit die Gerichte sich den Rechtsansichten des Verfassers anschließen werden, bleibt abzuwarten. Justizrat L i ß n e r, Berlin UHF Aus dem Ungarischen übertrugen von Ludwig Dato I. lort,.N1rl״lr11rk vfrbotfn All diese Dinge lernten wir hinter der ״Mittleren Pforte“. I nd ich dachte mit Bedauern an die Bauern, die jedem itn Dorfe einen Spottnamen imhängen. Der eine heißt ,,Mohnkopf", der zweite ,,Mehlratte“, der dritte, der stets ein 'Inch um den Hals gewickelt hat, ״Klapper-Ajsik“, der vierte ,,Heim“; wer weiß warum? Vielleicht, weil der Alte in seiner Schenke stets eine nusgefranste Mütze trug. Der Längste heißt freilich ״Zwerg Itz.ig“. da, es gab sogar einen ,,Mein-Sohn-duden“. So nannte man einen, der seine Frau mit ״mein Sohn!“ anz.usprcchen!!flegte, worüber sich das Daucrnvolk königlich unterhielt. Sic wußten freilich nicht, daß in der Baba tnez.iu Rabbi Clielbo ausdrücklich sagt: ״Der Mann ehre stets immer mehr seine Frau, da um der Frau willen der Segen ins Haus kommt.“ Was wußten sie von Bub״ me/ia und vom ganzen Talmud? Sie besuchten doch nicht den Citeder, sondern die Schule, wo man lernt, daß der Mund hellt, die Katze miaut und die Grille zirpt. Als ob wir nicht schon mit zwei dahren gewußt hätten, daß der Hund bellt, die Katze miaut und die Grille zirpt. Am meisten wurde Bei) Asriel, der arme Hausierer, den man ״einäugigen Halm“ nannte, verhöhnt. Mit einer Engelsgeduld ließ er es über sich ergehen, daß die Kinder ihm nnehliefcn und ihn im Chor laut verspotteten, während er mit seinem schweren Packen beluden durch das Dorf zog. Er hörte sic vielleicht gar nicht. Murmelte er doch stets Psalmen herunter und blickte mit einem. Auge ständig gen Himmel. Das andere Auge war aus Glas und drehte lieh stets im Loch umher, so daß wir glauben mochten, es springe heraus. Da pflegte Reh Asriel nervös nach dem Auge zu greifen und richtete es. Mancher tuschelte uns eit. er hätte gesehen, daß Reh Asriels Auge wirklich zur Erde gefallen sei, worauf sich der Arme erschrocken gcsückt, cs aufgehoben, abgewischt und wieder an seinen Platz gesteckt habe. Das Glasauge drückte er mit dem Lid herunter und hielt es dort fest. Und die Augenbrauen samt der ganzen Stirnhaut flogen durch diese nervöse Bewegung hin und her und schollen den Hut auf dem Kopfe Sprunghilft auf und nieder. Wir Kinder sahen all dem erschüttert und teilnehmend zu. Denn lieb Asriel verehrten wir alle wie einen Heiligen. F,r war ein ״Baal-tesehuwa“. Und was das bedeutet, davon ist schwer einen Begriff zu geben. Genug dem, daß es mehr als ein Zadik ist: ein Bekehrter, ein Büßer. Einst war Reh Asriel ein flotter Junge, der nicht wußte, wo Gott wohnt. An einem Schubbat führte er nun sein Pferd zum Schmied, damit es beschlagen werde. Kr hielt den Fuß des Pferdes. Als nun das glühende Hufeisen einen Funken sprühte, flog ihm dieser ins Auge und versengte es. Reh Asriel erblickte darin eine Strafe Gottes, weil er den Schabhat entweiht hatte. Er wurde ein ״Baaltcschuvva“, oder wie man hei uns sagte: ein ״Baltschüwe“. Und seither war er der frömmste Mann in der Gemeinde. Er fastete zweimal in der Woche, ließ sich einen wilden Bart und Pajes wachsen und erschien in seinem langen Rock und vernachlässigten Acußeren wie ein Heiliger aus der Wüste. Am meisten schmerzte es ihn, in seiner Jugend keinen T almud gelernt zu haben. Er bemühte sich, es nachzuholen, hatte aber keine Zeit. Er betete in der kleinen Schul am frühesten, am längsten und am lautesten. Die Großen lächelten ah und zu, wenn Reb Asriel den Gehettext in einer Weise gliederte, daß er zum Ende des Satzes den Anfang des nächsten Satzes hinzunahm. Auch wir Kinder, die schon innerhalb der ״Mittleren Pforte“ waren, bemerkten seine Schnitzer. Wir lächelten aber nicht, sondern blickten auf ihn voller Teilnahme. Kann er denn dafür, daß er keinen Unterricht erhalten hatte? ״Ist jemand ein Baallesehuwa — lernten wir im Abschnitt ,Das Gold* der ,Mittleren Pforte‘ — sage ihm nicht: denke an deine früheren Laten. Kommt ein Fremder, Ungläubiger Thora lernen, sage ihm nicht: der Mund, der verbotene Speisen aß, kommt die Thora lernen, die dem Munde des Allmächtigen entsprang. Wird jemand heimgesucht, sage ihm nicht, wie zu Hiob seine Freunde sprachen: ,Nun ist deine Unvernunft erwiesen, denn leidet jemand unschuldig?‘“ Auch lernten wir im Abschnitt ״Das Gold“, daß selbst, wenn alle Himmels-!)?orten geschlossen sind, die ״Pforte des Gekränkten“ stets offen stehe, auf daß die Klagen der durch Worte Verwundeten vor Gottes Thron hinaufdringen können ... Im übrigen wußten wir noch, daß Gott in erster Reihe das Gebet des ״Baal-teschuwa“ erhöre, und wenn Reb Asriel wollte, müßte er nicht von Dorf zu Dorf seinen schweren Packen schleppen, um sein bitteres Brot zu verdienen. Nur wollen müßte er, und er könnte in allem schwelgen. Er hätte eine schöne Wohnung, schöne Kleider, und seine Kinder, die mit uns den Cheder besuchen, könnten ebenso schöne Schuhe, Hosen und einen ebenso schönen Hut tragen wie die Kinder von Reb Chcskel oder Heb Jizcbak. Aber Reb Asriel will nicht. Er ist ein Baal-teschuwa. Er will Buße tun für die Zeit, in der er nicht gebetet und jeden Tag Gottes Gebot® verletzt hatte. — Was mit uns sein wird, wußten wir noch nicht. Viele von uns können auf den falschen Weg geraten, vielleicht auch ich. Daß aber Reb Asriel in den Himmel kommen werde, darauf hätten wir alle schwör«! mögen ... Dort sahen wir im Geiste Reb Asriel in der Nähe, unseres Meisters Reh Scholem, der jedenfalls einen ganz sicheren Platz oben hat. Lasen wir doch mit ihm zusammen in der ״Mittleren Pforte“, daß ״die Entschädigung des Lehrers für verlorene Sachen der des Vaters vorangeht, da dieser dem Kind das irdische Leiten schenkte, während ihm jener zur künftigen Welt verhalt“. Und ״wer das Kind eines andern Thora lehrt, verdient es, einstmals in der oberen Jeschiwa Platz zu nehmen“. Diese ״obere Jeschiwa“ befindet sich in den höchsten Höhen, wo Gott im Kreise seiner Heiligen sitzt und mit ihnen genau so Thora lernt wie Meister Reb Scholem mit uns Kindern. Große halachische Meinungsstreitigkeiten werden über den Wolken ausgefochfen. Gott sitzt auf dem Throne des Erbarmens und neigt zum milderen Urteil, die Heiliger, sind hingegen streng und wollen alles noch strenger entscheiden. Einmal — lasen wir in der ״Mittleren Pforte“ — gab es einen großen Streit der Meinungen in den himmlischen Sphären. Gott entschied, es sei rein, die gesamte obere Jeschiwa fällte jedoch den Spruch aut unrein. Wer soll nun entscheiden? fragte man. ״Rabba har Nuchmeni möge entscheiden, der einzig in diesen Fragen ist.“ Rabba bar Nnchmeni war gerade auf der Flucht. Zwölftausend Schüler hatten sich um ihn geschart und er wurde daher der Meuterei beschuldigt. Nach langer Wanderung flüchtete er sich in eine Schilfwildnis, wo er auf einem Baumstamm saß und lernte. Als man nun vom Himmel aus den Todesengel nach ihm sandte, um ihn heraufzuholen, vermochte sich ihm dieser nicht zu nähern, da Rabba keinen Augenblick das Thorastudium unterbrach. Da kam ein Sturmwind, das Schillrohr begann zu summen, nun horchte Rabba auf, ob sich nicht die Verfolger näherten. In diesem Augenblick trat der Todesengel vor ihn hin‘.