Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 27-28 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 27/28 3. IV. 193« JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 9 Um die Zukunft der jüdischen Wissenschaft Jüdische Gelehrte äußern sich zu einer Umfrage der ,Jüdischen Rundschau" Wir haben einige namhajte jüdische Gelehrte gebeten, ihre Ansichten darüber darzulegen, welche Zukunft die jüdische Wissenschaft insbesondere in Deutschland haben kann, wie die Zusammenarbeit beschallen sein sali, ab die veränderte Lage auch auf die Struktur und Fragestellung der Wissenschaft Einfluß haben wird, unu eine engere Beziehung sun* sehen Wissenschaft und Leben hergestellt werden bann und wie sie die Frage des Nachwuchses beurteilen. Den Gesamteindruck dar Antworten kann man wohl dahin zu« sammenfassen, daß die außergewöhnlichen Umstände dieser Zeit uns nicht lähmen, sondern stärker, wacher und aktiver machen. (Red,) Prof. V. Aptowitzcr, Wien: Es ist Pflicht des Judentums, die jüdische Wissenschaft in Deutschland nicht untergehen zu lassen. Es sollten alle jetzt noch bestehenden Stellen der jüdischen Wissenschaft in eine Zentralstelle vereinigt werden, an der alle noch in Deutschland vorhandenen Lehrkräfte wirken. Dieser Zentralanstalt sollte die Gesellschaft zur Förderung der Wissen- Schaft des Judentums mit ihrem Organ der ״Monatsschrift“ angeschlossen werden, wobei die ״Monatsschrift“ erweitert und auch ausländischen Gelehrten zu ihr Zutritt gewähren soll, so daß sie ein Zentralorgan und Sammelpunkt für die Wissenschaft des Judentums würde. Es werden gewiß alle jüdischen Gelehrten bestrebt sein, dieses Organ auf wissenschaftlieher Höhe zu erhalten. Dadurch ist der Kontakt zwigehen den deutschen und den nichtdeutschen jüdischen Oelehrten hergesteilt und die besitzenden Kreise werden gewiß diese Anstalt und ihr Organ finanziell unterstützen. Die Ergebnisse der exakten Wissenschaft müßten dann popularisiert und in zwanglosen Publikationen einem größeren Kreis zu mäßigen Preisen oder auch gratis zugänglich gemacht werden. Prof. D. Baumgardt, Birmingham: Es ist immer mißlich, die objektive geistige Leistung der eigenen Gegenwart zensieren zu wollen; grobe Fehl- Schätzungen sind hierbei möglich. Dennoch scheint mir die Annahme berechtigt zu sein, daß die Wissenschaft vom Judentum in Deutschland nicht mir in den Tagen Mendelssohns und Zun?.׳, sondern auch in den letzten Jahrzehnten Entscheidendes geleistet hat. In nahem Zusammenhang mit dem deutschen Zionismus ist hier weitgehend auch von Niehttheologcn wie Franz Rosenzweig und ßuber du neues Gesamtbild jüdischen Wesens entworfen worden, von dem wir hoffen, daß seine Durchgcstalttmg der ganzen Vergangenheit des Judentums tiefer gerecht wird und vor allem seiner Zukunft zuverlässigere Dienste tun kann als dies der Arbeit der früheren emanzipierten jüdischen Generationen gelang. Aber cs kann kein Zweifel sein, daß diese ganze Arbeit durch die ungewisse Lage äußerst gefährdet ist. Es ist gewiß erfreulich, daß infolge der verstärkten Besinnung auf jüdischc Ocisteswertc jetzt z. B. für die Berliner Lehranstalt und für andere Lehrinstitutionen auch Menschen als Lehrer und Hörer gewonnen wurden, die noeli vor kurzem weit abstanden. Aber es!;ißt sich nicht verhehlen, daß seit 1033 auch wertvollste und der Sache altverbundene Menschen keinen Platz mehr für ihr jüdisch-geistiges Leben in Deutschland fanden. Ein Sammelbecken für solche geistigen Kräfte wird in Erez Israel zu schaffen sein. Sicher mußte dort an erster Stelle die Umschichtung in bäuerliche und andere praktische Berufe stehen. Aber es wäre kaum zu entschuldigen und vielleicht auch kaum wieder gufzumachcn, wenn darüber die Sorge für viele erprobte gelehrte Arbeiter zu lange hintan bleiben müßte. Eine große Tradition kann sehr rasch verfallen und kann dann nur sehr langsam wieder aufgenommen und fortgeführt werden. Mindestens drei Wege könnten hier meiner Meinung nach zur Abhilfe energischer beschriften werden: 1. die Universität Jerusalem könnte versuchen, kürzer oder länger befristete honorierte Forschungsaufträge an solche Menschen zu vergeben, die den Fortgang ihrer Wissenschaftliehen Arbeit retten wollen. 2. Englische Verleger müßten gewonnen werden, die durch Ausgaben von UeDer- Setzungen der vorhandenen oder entstehenden jüdischen Wissenschaft in deutscher Sprache das englische, amerikanische Judentum und darüber hinaus die angelsächsische Welt für diese Leistung interessierten und damit vielleicht auch gewisse materielle Hilfe bringen könnten. 3. Es müßte eine Zeitschrift geschaffen werden, in der zusammen mit den besten jüdischen Namen der Welt vorbildliche Arbeiten von uden aus Deutschland über das Judentum englisch oder ebräisch dargehoten würden. Aber selbstverständlich wäre auch ständig nach anderen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Prof. Z. Diesendrudt, Cincinnati (U.S. A.): Mehr denn je ist es wohl jetzt geboten, Voraussage und Hoffnung, Plan und Wunsch streng auseinanderzuhalten. Wie könnte man es unternehmen, in Dingen der jüdischen Wissen- Schaft vorauszusagen oder zu planen in einer Zeit, in der alles Soziale, Politische und Oekonomischc, das doch den unerläßliehen Unterbau aller Wissenschaft darstelit, von so bewegten Wellen getragen ist — und kein Ufer in Sicht ist? Im Augenblick gilt es, zu helfen und zu hoffen. Und ich glaube, wir Juden dürfen hoffen, daß, eine konsolidierte Lebensmöglichkeit vorausgesetzt, das Geistige im Volk e, wovon die Wissenschaft doch nur den systematisehen Aspekt ausmacht, zu neuer Blüte gelangen wird. Rein äußerlich kann die Abwanderung von jüdischen Gelehrten aus Deutschland durch eine neue innere Zuwanderung — aus anderen Gebieten, die jetzt versperrt wurden, und sicherlich vom Reservoir der Heranwachsenden, in ihrer Wahl eingeengten Jugend — leicht wettgemacht werden. Die neuerwachte Hinwendung zum Judentum kann nicht ohne Früchte bleiben, selbst, oder vielleicht gerade, in materiell una politisch ungünstigen Verhältnissen. Wir haben in unserer Geschichte Beispiele genug dafür. Und zu wünschen ist, daß diese Wendung nach innen, die das jüdische Leben erfährt, ihren adäquaten und produktiven Ausdruck in der jüdischen Wissen- Schaft findet. Daß das in der Emanzipationsatinosphäre entstandene apologetische Begleitmotiv, in den letzten fahrzehnten ohnedies verblaßt, restlos Platz, macht einem eigenzwecklichen, auf den Sinn unseres wahren Seins gerichteten, sclbstprüfendcn Nachforschen, im Geschichtlichen nicht wenier als im aktuell Gedanklichen. So haben unsere Väter ie Thora, die Wissenschaft als Weisung, gelernt, innerhalb ihre; vier Ellen. Und von der Wissenschaft soll es, auf das Leben zurückwirkend, ausgehen, daß Hebräisch, als Form unu Wert, wieder zur zentralen Wirklichkeit wird. Durch eine derartige wahre innere Wandlung, in Leben und Wissenschaft, könnten die Juden Deutschlands auch jetzt, aut dem Wege der Umkehr, zu Lehrmeistern der Juden anderer Länder werden, wie sie es einst auf dem anderen Wege Waren. Der Judenheit Deutschlands mag in diesem Zeitpunkt Vorbehalten sein, was selbst Palästina nicht gc- Währt ist: eine Lösung zu demonstrieren für das Problem einer eigenkulturellen Existenz der Juden als Ml« norität, Und das Band der Geistigen in anderen Ländern mit den jüdisch Geistigen in Deutschland müßte noch «in engeres werden als bisher: wir im Ausland müßten, helfend und lernend, an diesem Versuch mittun, der uns alle direkt, wenn auch scheinbar in zeitlicher Distanz, angeht. Prof. S. Dubnow, Riga: Wenn nach Ihren Worten innerhalb der Juden Deutschlands in dieser Zeit der Not und Bedrängnis das Verlangen deutlich wird, sich den Quellen des Judentums zu nähern, so entspringt dies einem inneren Bedürfnis, einen neuen Weg nicht nur im Materiellen, sondern auch im Geistigen zu finden. Daher ist es die Pflicht aller jüdischen Gelehrten, allen, die danach verlangen, Unterstützung zu gewähren. Wenn die Zahl der Wissenschaftler durch die Auswanderung nach anderen Ländern sich verringert, so wird dieser Schaden aufgewogen durch den Eintritt von Gelehrten, die sich früher auf anderen Gebieten betätigt hatten, in das jüdische Lager. Es ist kein Zweifel, daß die Zerstörung des jüdischen Zentrums in Deutschland eine Stärkung in anderen Ländern mit sich bringen wird, und auf diese Weise wird sich auch der Schwerpunkt der jüdischen Wissenschaft verlagern. Für die Zukunft sehe ich folgende drei Mittelpunkte: das liebräi s c h e Zentrum in Erez. Israel, das j ii dischc Zentrum (mit jiddischer Sprache von einigen Millionen) in Polen und in den anderen osteuropäischen Ländern und ein fremdsprachiges Zentrum in den englisch sprechenden Ländern (England mit seinen Kolonien und Nordamerika). Daher bedarf es der Festlegung einer Arbeitsteilung zwischen dem jüdischen Rest in Deutschland und diesen neuen Zentren. Notwendig ist eine grundlegende Aenderting in Form und Inhalt der jüdischen Wissenschaft, in dieser Epoche der Erweckung der Geister, die Antwort verlangen auf die großen Fragen der Welt des Judentums, muß eine jüdische Wissen- Schaft Gedanken und Tat sowie historische und philosophisehe Forschung mit den Fragen des Lebens verbinden, die in unseren Tagen die Geister und Herzen von vielen Mensehen unseres Volkes bewegen. Großen Schaden fügten der jüdischen Wissenschaft jene Menschen in der Zelt der Assimilation zu, die sie eitmalsamierfen wie eine tote Sache aus alten Zeiten, die in einem Museum zur Schau gestellt wird; die sich in ihren Forschungen pilpulistisch beschäftigten um der Schärfung der Geister, doch nient um der Stärkung der Herzen und nicht um der wissenschaftlichen Ergebnisse willen, welche die brennenden Fragen des Lebens in Vergangenheit und Gegenwart klären. Die Frage nach der Verbindung zwischen Wissenschaft und Leben wird durch das Vorhergesagte mit erfaßt. Es gibt eine tote ״Thora“ und eine lebendige, und wir müssen die letztere wählen. Es ist nicht nur eine Notwendigkeit aus der Sache selbst, sondern es gibt keine Hoffnung für eine jüdische Wissenschaft und ihren Bestand auf einem anderen Wege. Ein Lehrhaus für dl« Wissenschaft des Judentums und eine erneuerte wissenschaftliche Literat u r — das sind die beiden Grundsäulen, auf denen die Erzichung von geistigen Führern ruht. Man muß die jüdischen Hochschulen in Deutschland zu einer zentralen Hochschule mit einem erweiterten Studienplan vereinigen. Andererseits müßte man eine umfangunu inhaltreiche Zeitschrift frunden, die Forschungen in jüdischer Geschichte und anderen weigen der Wissenschaft und auch grundlegende Aufsätze über die wichtigsten Probleme im Leben der jüdischen Nation in der Gegenwart enthält. Auf diese Weise wird es möglich sein, viele Menschen aus der jungen Generation zur jüdischen Wissenschaft und ihrer Literatur heranzuziehen, di« bisher auf fremden Gebieten gearbeitet haben. (Aus dem Hebräischen übersetzt.) Prof. I. Elbogen, Berlin: Von kommenden Dingen zu reden, steht uns heute weniger zu denn ie; dazu ist die jüdische Lage zu ungewiß. Pläne auf weite Sicht verbieten sieh von seihst, aber was als Forderung des Tages erkannt ist, muß treu und unverdrossen erfüllt werden — auch auf die Gefahr hin, daß es nach kurzer Zeit überholt ist. Eine ständig unter Druck gehaltene Gemeinschaft bedarf der seelischen und der geistigen Aufrichtung, wenn sie nicht völlig verkümmern will. Und vollends, wenn sie sich eine eigene Kultur aufhauen soll! Wir erfahren täglieh, wie stark das Verlangen nach jüdischem Wissen ist. Wie soll es erfüllt werden, wenn wir nicht die Lehrer dafür wissenschaftlich ausbilden? Daß jetzt Gelehrte, die früher unseren Problemen fernstanden, ihre geistige Kraft jüdischen Aufgaben zuwenden, ist freudig zu begrüßen, kann sich aber erst nach einer gewissen Zeit der Vorbereitung segensreich auswirken und zunächst keinen Ersatz bieten für die recht fühlbaren Lücken, die wir durch die Auswanderung judnistischer Fachmänner erlitten haben. Diese Verarmung gebietet uns, die vorhandenen Kräfte pfleglich zu verwenden und, auch wenn cs Opfer kosten sollte, für den erforderlichen Nachwuchs rechtzeitig zu sorgen. Daß die schwere seelische Erschütterung, die wir heutigen Juden erlebt haben, auch auf die Wissenschaft wirken muß, ist klar. Sie verändert die Seeienhalivng, drängt gewisse Probleme an die vorderste Stelle. Aber sie darf das Ziel aller Wissenschaft, di« Erforschung der Wahrheit, nicht beeinträchtigen. Weder Romantik noch Halbbildung sind der Wissenschaft zuträglich. Den Zusammenhang mit' dem Leben hätte die Wissenschaft nie verlieren dürfen; ich habe schon 1922 Wissenschaft des Judentums als ״W i s s e n schaft vom lebendigen Judentum“ definiert Heute gehört dieser Zusammenhang zu den vordringlichen Gesichtspunkten, und wenn wir gegenwärtig unter den Studenten der Lehranstalt zwanzig Chahizim zählen, die bereits eine körperliche Hachseharah hinter sich haben und nun eine geistige durchmachen, so ist diese Verbindung deutlich und wegweisend. Dr. Ludwig Feuditwanger, München: Wie ist die Spannung zwischen dein zunehmenden Mangel materieller Grundlagen und persönlicher Lehrkräfte und der wachsenden Aufgeschlossenheit für jüdisches Wissen zu überwinden? Die Aufgaben der Lehrer und Rabbiner liegen in den meisten Fällen abseits der Pflege der Wissenschaft des Judentums im strengen Sinn. Die aus dem Wissenschaftsbetrieb ausgeschiedenen jüdischen Dozenten und Forscher bringen oft nur die allgemeinen geisteswissenschaftlichen Methoden mit, ohne Fachausbildung auf den spezifisch jüdischen Gebieten. Erschwert wird die Situation noch dadurch, daß die »Wissenschaft vom Judentum“ kein von der Geschichte, den seiniti» sehen Sprachen, den üesellschafts- und Staatswissenschaften, der Philosophie und Jurisprudenz und anderen Kulturwissen־ schäften isoliertes Dasein führen kann, vielmehr ohne Unterbreehung aus den Nachbargcbictcn gespeist werden muß. Der einzige Weg ist, daß die geeigneten wissenschaftlichen Kräfte gesammelt werden; nach ihnen hat sicli der Aufgabenplan zu richten. Für die Zukunft ist eine e n g e r e Zu? a m menarbeit mit den Gelehrten anderer Länder durch einen organisierten Tausehverkehr der Zeitschriften und sonstigen Publikationen, namentlich aber durch einjährige ״üastprof cssurcn“ in Deutschland aimislreben. Erreichbar ist ferner die regere Mitarbeit der zahlreichen ausgewanderten Gelehrten an den in Deutschland bestehenden wissenschaftlichen Zeitschriften und auch die Heranziehung auswärtiger Fachleute, auch aus Palästina. Hier wäre eine Spc/ialatifgabe der Mittolstelle für Erwachsenenbildung zu erfüllen, von der aus systematisch die in Frage kommenden Persönlichkeiten ati-iindig zu machen wären. Die Wissens! Inift vom Judentum als solche verträgt ganz gewiß an sich einen Neubau von den Fundamenten aus. Die in unseren Zeitschriften zusammeiigetragcnen Arbeiten sind Gelegenhcitsprodukte, häufig behandeln sie einen abgelegenen und schwer kontrollierbaren Stoff ohne neue belobende f rage- Stellung. Geeignete Arbeiten und Forschungen müssen von den Herausgebern der Zeitschriften selbst angeregt lind nicht einfach hingenommen werden. Diese Organe interessieren heute nur einen kleinen Kreis von Fachgelehrten, während bei einer lebendigen, initiative-reichc:n Redaktion auch eine größere Oeffentliehkeit aufgeschlossener Juden zu fesseln wate. Die landläufige Forderung nach einer engeren Be- Ziehung nvisc 11 e n W i s s e 11 s c 11 a f t u n d Lebe n ist auf dem Felde der so vielver/weigten Erforschung jüdischer Existeu/äußerimg in ailen Zeitaltern und Räumen der bewohnteil Erde nur ein Schlußwort. Aus ihrer großen Vergangenheit ist unserer Wissenschaft eine gute Tradition übrig geblieben, wenn auch die Kräfte unzureichend geworden sind. Dem Nach w u e!1 s ist nur schwer mehr die unerläßliche Ergänzung durch die früheren Bildungsmöglichkeiten erreichbar. Die Wissenschaft vom Judentum bleibt diejenige Form jüdischer Erkenntnis, die mit keinerlei unbesehen ningenommenen Voraussetzungen arbeiten darf. Die Zustimmung des Herzens und das dogmatische Lernen genügt noch nicht. Der Zweifel ist auch auf diesem Wissensgebiet Ausdruck der freien Tat der Erkenntnis. Die seelischen Erschütterungen der Zeit mögen zu etwas gänzlich Anderem als zur reinen Wisscnschaftsbctätigung disponieren. Wir müssen uns aber zu der Ruhe distanzierten, voraussetzungsloscn Denkens über unsere Vergangenheit, über unsere religiösen Wurzeln wieder zwingen, unserem Nachwuchs die Liebe zu dieser scheinbar nüchternen, in Wahrheit leidenschaftlichen Betrachtungsweise der Wahrheit wieder eitizuiinpfen versuchen. Der Gewinn für das Judentum auf lange Sicht aus solchen Bemühungen ist unzweifelhaft. Prof. I. Heinernartn, Breslau; Um den Raum nicht zu überschreiten, beschränke ich mich auf die Beantwortung zweier Ihrer Anfragen. 1. Die Zukunft der jüdischen Wissenschaft in Deutschland hängt davon ab, ob genügend Schriftsteller da sind, weiche Bücher und Aufsätze jüdischen Inhalts sc 11 reiben, und genügend Leser innerhalb des deutschsprachigen Kulturkreises, welche sie lesen und kaufen. Erstercist für die nächsten Jahre mi/unehtnen, zumal da für die Grenzgebiete zwischen der judaistrtchen und der allgemeinen Wissenschaft manche tüchtigen Kräfte frei geworden sind. Schwieriger stellt es mit der zweiten Voraussetzung. Für solche Werke, die entw eder nur für den i aieti oder auch ״für weitere Kreise'• geschrieben sind, finden sieli heute weit mein־ Leser als vor 2!> |ahren. Wesenflieh erschwert dagegen ist das Erscheinen solcher Arbeiten, weiche die Wissenschaft im einzelnen bereichern wollen und sich datier fast ausschließlich an den Fachmann wenden. Schon die Unterbringt! 11 g von Zeitsclu iitenauisätzen fällt sehr schwer. Die einzige Zeitschrift in deutscher Sprache, welche alle Gebiete der Wissenschaft des Judentums pflegt, ist heute die ״Monatsschrift für (ieseiiichfe und Wissenschaft des Judentums“. Als Herausgeber dieser Zeitschrift weiß ich, welche Fülle wissenschaftlichcr Arbeiten heute für den Druck bereit liegt — und wie wenig von ihnen aligednickt werden kann. Notwendig ist die Gewährung־ von Beihilfen für ernste, Wissenschaftliehe Werke. Nur wenn dies auch weiterhin geschieht, wird die Gefahr einer Verflachung der judi-chen Wissenschaft in Deutschland sich erfolgreich vermeiden lassen. 2. Auf die Frage, ob die Wandlung im Judentum der Gegenwart auf die W i s s e n s e 11 a f t des Judentums gewirkt hat, bin ich bereits in mehreren Veröffentlichungen (z. B. MGWJ. 1932, 355 ff.) eingegangen. Die Geschieht« unserer Wissenschaft im 19. und dt). Jahrhundert zeigt drei Stufen: 1. die Stufe der Autarkie: man sieht die eigene Geschichte und das eigene Schrifttum völlig isoliert, wie in der Jeschiwa alten Stils; 2. man weist die weciiseisei tigen Beziehungen zwischen Judentum und Umwelt nach; 3. man erkennt, eben auf Grund der Untersuchung dieser Beziehungen, daß das Judentum die Anregungen der Umwelt schöpferisch umbildet und daher innerhalb der Kulturwelt eine Prägung eigener Art darstelit, deren besonderes Antlitz sich durchaus nicht mir auf gcistig-rcligläsern Gebiet, sondern auch in Menschenformung, Kunst und Wirtschaft offenbart. Diese drei Stufen lösen einander nicht plötzlich ab; aber der Wandel als solcher ist unverkennbar. Und dieser Wandel im Bilde jüdischen Lebens entspricht offenbar genau dem Wandel des Lebens selbst, das von der Abgeschlossenheit des Ghetto umschwingt zu der freudigen Einordnung in das Welfleben, sich aber dann mehr und mehr auf seine Eigenart besinnt. Dieser Parallelismus rührt nicht wesentlich daher, daß das Leben auf die Wissenschaft gewirkt hätte. Der Uebergang von der ersten zur zweiten Stufe ist zwar nicht ausschließlich, aber großenteils aus rein wissenschaftlichen Motiven erfolgt; die grundlegende Forderung wissenschaftlicher Arbeit, jedes Einzelleben aus dem Gcsamtlcben abz.uleiten, führte dazu, daß Juden verschiedener Anschauung im Verein mit Nichtjndcn einerseits Maimunis Abhängigkeit von den Arabern, andererseits seine Wirkung auf Thomas von Aquin herausstellten. Aber die Durchführung dieser Arbeit mußte ergeben, daß die Abhängigkeit des Juden vom Moslem, des Katholiken vom Jud«1 ihre Schranken hatte und daß diese Schranke nicht nur auf persönlicher Eigenart der Menschen beruhte, sondern »ehr