Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 27-28 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 11 Nr. 27/28, 3. IV. 1936 Wm ■r# ■ BP1 eH ■ w* » FW Sa DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Der ״alte Wurker Nigun“ (״Chasal Siddur Peßach“) Ch. Winuwer Ntcfa druck verboten Alle Rechte Vorbehalten (־,j.tjsl ssi. du* Pr . sssefr Jcej . fyil . c?)u. ssej IKo. Sefyt* je. je _ ssj.drr oj-**ej, W 3&E Ar'rfyol >*׳ xd/.pix ■ joj tooj efyi Ar uttoj ATe*- nis.Arr lJt - A ~ A~SSeJ■fsj• 4: /Scetj Jcljoj-djejn mr. 0, rtu . — Jraj. met» kfyl.s.. d*jj n-n> > um mt rrto - מ« J A'ttroa nafyej} oj!nifej tfys-nt* pe- ':=^E^E£EEE^z / -dujlnt Srsijcn. 6. oj nrejoj xrej. oj ftej. oj Vf;, oj *rej oj h)fj / ö/', 1y. 0j,0j. oj,■ oj!oej ■'cjjSsl SS'-dur" E=^E=: po-ssaclj ' Arej - l . cfyu ssoj Arcijol misefy- P■ V 7׳־a /fw - fsoj Lasset uns nickt sorgen, U'üiA 24« tun sei morgen. Laßt lieber uns voll bringen, Was gestern tat mißlingen. לאמיר ניט זארגץ ויאס «־האבן ix ט*ן מארג•[ לאמיר בעסער פארעכטין וואס מ־האבן קאלע געמאכט געגטץ Der ״alte Wurker Nigun“, wie ihn die Chassidim in Polen nennen, ist einer der berühmtesten chassidischen Nigunirn; es gibt kaum einen polnisclien Chassid, der ihn nicht kennte. Er stammt vom ״alten Wurker Rebben“ her, der etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Wurke lebte, — einer kleinen Stadt unweit Warschaus, — zur Zeit des ״Reb Mendale“. der als ״der Kozker Rebbe“ bekannt ist. Nach dem Hinscheiden des großen Rebben von Lublin ging im |x>!nisclu!1 Chassidismus eine Spaltung vor sich; der eine Teil der Chassidim wandte sich dem Kozker Rebben zu, und der andere begann, zu ״Reb Jizchak Wurker“ zu ״fahren“. Ursprünglich hatte auch der nachmalige ״Wurker Rebbe“ zu den Anhängern des ״Kozker“ gehört (sie beide waren die erwählten Schüler des Rebben von Lublin gewesen); als aber der ״Kozker“ begann, andere Wege zu gehen, —.Wege, auf denen Reb Jizchak Wurker ihm nicht mehr nacnfolgen konnte, wandte er sich von seinem Rebben ab und begann, einen eigenen ״Hof“ zu führen. Dem schlichten Wesen des ״Wurker“, für den der Chassidismus mit dem Gebot der ״Ahawas Jisroel“ (■־־■ Liebe zum Volke Israel) verknüpft war, widersprach die vom ״Kozker“ geübte strenge Absonderung, jene reservierte Abgckehrthcit, die ihn dazu geführt haben soll, vierzehn Jahre lang in der Einsamkeit seiner Stube zu verharren, unzugänglich selbst den Nächsten. Diese beiden chassidischen ״Dynastien“ — des ״Kozker“ und des ״Wurker“ —- sind bis auf den heutigen Tag die berühmtesten im Chassidismus Polens. Kennzeichnend für das Wesen jener beiden chassidischen Führer ist das Wort: ״Die Kozker Chassidim zittern vor ihrem Rebben, — die Wurker Chassidim lieben ihn!“ In den alten Wurker Nigunim lebt eine verhaltene Innigkeit, — es stecke in ihnen ״Ahawas jisroel“, pflegten die alten Chassidim zu sagen. Am Hofe des Wurker Rebben spielten die Nigunim eine bedeutsame Rolle; beim Kozker hingegen machte man von der ״Neginah“ nicht viel Wesens; — sang man aber einen Nigun, so unterschied er sich von den Wurker Nigunim so sehr, daß man fast hätte sagen mögen: Die Wurker Chassidim singen mit dem Herzen, die Kozker aber mit dem Hirn. Der ״alte Wurker Nigun“ wurde nicht nur zum ״Chasal Siddur Peßach“ gesungen, man sang ihn bei jeder Gelegenheit und zu den verschiedensten Texten. Es gibt zu ihm auch einen jiddischen Text, den einer der ״Wurker“ aus einer besonderen Stimmung heraus improvisiert haben soll. In diesen paar Worten steckt tiefer Sinn chassidischer Lebensbetrachtung. Nach den Erzählungen alter Chassidim habe man, wenn beim Wurker Seder das ״Chasal Siddur Peßach“ erklang, das Mitsingen der ״himmlischen Heerscharen“ zu hören vermeint. In seinem ״Tehillimjid“ (״Trost des Volkes“), in dem Scliaiom Asch den Hof des ״Kozker“ und seinen Chassidismtis verewigt hat, ist Reb Jizchak Wurker leider nur nebenbei erwähnt. Dieses Buch ergreift jeden jüdisch empfindenden Menschen; — wie sehr muß es den erschüttern, der je in seinem Leben einen Hauch chassidischen Geistes verspürt hat. Es wäre eine große Bereicherung unserer Literatur, wenn es Asch gelänge, der jüdischen Welt ein zweites Werk vom Range seines ״Teliiiliinjid“ über den Wurker Chassidismus zu schenken. Wem es einmal vergönnt war, diesen alten Nigun von Wurker Chassidim singen zu hören, wird das nie vergessen. Es war der Jahrzeittag des ״alten Wurker“. Die Chassidim, alte, langbärtige Juden, saßen mit geschlossenen Augen; sich hin- und herwiegend, tief versunken, ließen sie den Nigun ertönen und gedachten dabei ihres längst entschlafeneu Rebben, des ״Ohevv Jisroel“, zu dessen Lebzeiten es den Juden ״an nichts gemangelt hatte“: da sie ja ungehindert ihrem Gotte dienen konnten ... So saßen sie da, sangen voller Inbrunst, den schweren Verlust beklagend, und es war ein solches Dunkel um sie, eine so große Traurigkeit, daß man noch das Weinen der kalten Wände mit zu spüren vermeinte. __ C h e m j o W i n a w e r Prof. Marczali 80 Jahre Der Altmeister der ungarischen Geschichtswissenschaft, Professor Heinrich Marczali, wird am 3. April SO Jahre alt. Geboren in Marczali (Komitat Somogy) als ״Wunderkind“ des dortigen Rabbiners Michael Morgenster n, beendete er frühzeitig, mit 14 Jahren, die Mittelschule, studierte dann in Deutschland, auch bei Mommsen und Ranke, und wurde schon als 23jähriger Lehramtskandidat Dozent an der Budapester Universität, an der er seit 1S95 als Ordinarius wirkt. Sein Forschungsgebiet umfaßt besonders die Neuzeit, und in der von ihm herausgegebenen Weltfeschichte in 10 Bänden schrieb er den größeren, zweiten eil. Die Geschichte Ungarns hat er in ungezählten Ab- Handlungen, Kompendien, Lehrbüchern erforscht und populär gemacht. Er gehörte zu den Vertrauten der ungarischen Staatsmänner, auch Kaiser Franz Josefs, der ihm die Wiener Archive zur Verfügung stellte. Trotzdem wurde auch Marczali 1920 zwangsweise in den Ruhestand vcrsetz.t. Seither wendet er sein Interesse in größerem Maße jüdischen Fragen und Angelegenheiten zu, wirkt als Referent im lsr.-lJng. Literaturverein und überprüft in dessen Auftrag den bald zur Ausgabe gelangenden zweiten Band der ״Mouumenta“, die die auf Juden bezüglichen Dokumente des Landes von 1526 - 1710 enthalten werden. Zur heutigen Judenfrage hat Marczali kaum Stellung genommen. Dr. A. F. —MAGISTER KIRSCH—, Der gute Lik Ar Magister-Likörfabrik, München VII Schach Bearbeitet von J. Mieses Die nachstehende Partie wurde im Länderwettkampf zu Warschau am 17. August gespielt. Horowitz (Amerika) Weiß Wiener Eröffnung. Maderna (Argentinien) Schwarz r7 c5 S g8—f6 (17.—<15 Stellung nach dem 16. Zuge vo» Schwarz. 1. c2 1-4 2. S bl— c3 3. fa—f4 4. d2—d3 .... Auf 4. e4Xd5 gilt 4. .. als eine für Schwarz Variante. 4. S b8—c6 Su spielte Lasker im Londoner Turnier 1899 in seiner berühmten Partie ecoen Stcinitz. Mine sehr beachten..werte Fon -et zunp ., e5—c4 günstige IUI Schwarz ist 4. 5. f'4Xe5 6. cl3—d4 7. e4—e5 8. S c3Xe4 9. Lei—e3 10. S <:1 ■ 2 11. S c2 :4! Um an! 17 ... <15 —ci4. S <:6Xe5 S 05 -c6 S f6 e4 H5Xe4 I. (8 - e7 0—0 (6 1)1 Kg!'.. 1,8, 13. D dlteil zu kommen. 11. . . . 12. r2.c3 13. 1, (1c4 14. D dl- -c2 15. Lc4-h3! Pen an!H׳hetcner men. «an׳ teider widi rt 15. . . ., '1' a8 16. I. b5—(6, so Gewinn.■,U'llung i n r 15. . . . I. 16. 0 0 K Hier niiiftte sofort schehen. 12. L!l--r.1t, -h5 in Vor- F r7- S (T, S 17 t.7 t Hauern zu rtch- (It. Sein«, atz < r- 8 L8 und, laiis I.rB—»6 mit r Schwatz. I. r8 . 117 17. S 14—dä! .... Mit diesem starken Zug kotrinn Weiß in entsdu-idenden YortdL 17, . . . S t5Xe3 18, S d5Xe3 c7—סס Dir* kommt jetzt za spät. 19. 31 ־1׳--dl rSXd4 20. t.3/vd4 *7 -IG Wenn St hvmrz ׳li:.-׳!■;! Vpr-tioh, d.is fcindhdir• Zriitnim za fmn, u u :)!!׳t, st» erlang! gewinnverhfd' spren- Wciü md d-v 00 ~<5י Gpndr Stdlurim ״״• \ 'not! UM ja׳ r7 für Srhwarz wirr־;mdi 20. . . ■15 KS5Xf3t■ 21, Prx'V.3, b 1)7-י—״ 0! d5. 22. T fl ״ 14-״sw. 21. 0 c3 15- ־ in!'S 22. d4.-■'ליס D <18 i>6f 23. K gl-- hl 1:7 6״ i>u ■•diM a!/.<׳ Strhurm ia urthaltha 1 gewordr n. 24. S 15■ d6 e4 -03 r i’i Vpr7.weiflun^־zu1p 25. S ri&- t7f ' 1־'!V-:f7 2u. T 11 >"!7 b i7(־ ■u6 27. D c2-- u4 b d -hß 28. T dl (17 Srhwarz: gibt aui. Der junge amerikanische Meister hat diese Partie tadet• tos durchgetührt. In der jungen amerikanischen Meistergeneration sind hervorragende Spieler jüdischen Ursprungs recht zahlreich vorhanden. Unter ihnen ist Horowitz neben Fine, Pake, Kashdan, Reshevsky als einer der begabtesten zu nennen. Aus jüdischen Schachvereinen Die Schach-Abtcilung des Bar Kochba Leipzig uug zwei Wettkampf( gegen die Abteilung des Bar Kochba I .!. ,1 aus. In I.eijiztg '1■st die zweite Mannschatt der Gastgeber mit 8:2 ortolgreich. Tier Rückkaritpi in llrcsden wurde von einer kombihicrleu Leipziger Munmrhaft mit 9V> : 8‘it gewonnen. Uas erste Mai gewaiineu für Leipzig Goldfaden, Wühl, Dr. Wachs, Haum, i)r. Blumherg, Jaff!4, Seltgmann und Fischer, für Dresden Li!״ Helft und Birnbaum. In Dresden gewannen für Leipzig MumLztuk, Lip-zvc, Dr. Kost, Verständig, Baum ja*fe (V!), J'ischer. Steradzki, M Fnediuunü und Lewin, *tu־ Dtesden (doldrei, Her,,eilte! (13), I.ewin li und Birnbaum. — Zun! dsitten Maie voramlahote die Sciiaehahteilung des Bar Korhba I.ei)>zt״ das Turnier um die Jüdische Scharlama -tet .eiiaft von Lrattzig. wurde erneut F'ajarowiez mit 8'.': Ptiiikten vor Mund'-ztuk (8). Katz (5V1), Steinhau, (5). Dr. W.i. '11) .״,). Ve! •t.indig, Wuht (4). Drcsner (3•:!), Baum und SrhönteM. 2. Klasse: 1. Loidtaden (7). Es folgen: Ei,c׳n. berg, Jalle (5), Dt. Blumbeig, Seligmann (4',), Stisson (31,י. Silberstein, Erl. F'iiedmaim (2!,), Srhuüheim. 3. Klasse; 1. Atilienl״rg (71;), Dann Fischer. Zivtke (7), Hotimunn (5G), Bienetistt« l< (5), Stetaiizki, Ftiedinann (4), Bium, Jakubowitsch, KnohiaU! in Da״ gleichzeitig laufende Jutjendtuinier wutdein der 1. Kla״״e von 511,״m <6:/s) gewonnen, liofiniaim wurde mit 6 Zweiter. Es folgen; Steinmarder, Kranz. Lehmann, D1e\:1־n, Kattner, Hirsch, ln Gruppe li;.!egte Ales Scheiner mit 8 knapp vor Suhl II und Bergwerk 1111! 7, Hernsteiu, Messing. Stitil 1, Tempel, Hacker, LLenberg, Berit r. Rabba bar Naehmeni fällte die Entscheidung: ״Rein, rein!“ Und mit diesem Worte stieg seine Seele *um Himmel empor, Da ließ sich eine himmlische Stimme vernehmen: ״Heil dir, Rabba bar Nachmeni, da dein Leib heilig ist una deine Seele in Reinheit nach oben stieg.“ Und in Pumbadita fiel ein Zettel vom Himmel zur Erde: ״Rabba bar Nachmeni wurde in die obere Jeschiwa berufen.“ Da machten sich Abaje und Rava und alle Meister" auf den Weg, um die Leiche zu suchen, sie fanden sie aber nicht. Sie gingen in die Schilfwildnis hinaus und sahen eine zahlreiche Vogelschar mit ausgebreiteten Fittichen in der Luft schweben. Sie wußten sofort, daß dort der Meister liegt, und bcweinten ihn sieben Tage und sieben Nächte. Da fiel ein Zettel herunter: ״Gehet in Frieden nach Hause!“ — An (km Tage, an dem er verschied, entstand ein heftiger Sturm, der einen Pilger vom Kamelrücken hinunterfegle und aufs Jenseifige Ufer des Papaflusses warf. ״Was ist das?“ fragte er verwundert. ״Rabba bar Nachmeni ist gestorben“, hieß die Antwort. Da erhob er sich und sprach: ״Herr der Welt, die anze Welt ist dein, auch Rabba bar Nachmeni ist dein, u gehörst Rabba und llabba gehört dir, warum verwüstest du die Welt?“ Da legte sich der Sturm. Eine solch enge Verbindung sahen wir /,wischen der unteren und der oberen, himmlischen Jeschiwa. In unserer Phantasie ergänzten wir das Bild, daß es auch dem unteren Cheder entsprechend einen oberen Glieder gäbe, wo mit den früh in den Himmel geflogenen Kindern Mosche Rabbenu, Mosche der Gesetzgeber, die heiligen Bücher lernt, deren Studium die Armen hienieden unterbrechen mußten ... VI. KAPITEL Einen Juden, der nicht fromm war, hat es in unserem Dorfe nicht gegeben. Aber auch im Nachbordorfe Szücsi nicht, das der vor! wohlriechenden Kräutern umrankte Hügel ״Kecskeköhegy" von unserem Orte, Pala, trennte. Unserer, aus zehn Mitgliedern bestehenden Muttergemeinde gehörte Szücsi als alte, verhätschelte Filialgemeinde an, und unsere kleine Kehilla war sehr stolz auf die Tatsache, daß sie eine Filialgemeinde hat und eine ״Stadt und Mutter in Israel“ ist. Auch der Marktflecken Pata pflegte sich gern eine Stadt zu nennen. Als der Kleinrichter, die Trommel umgehängt und den S|ock mit dem Messingknauf in der Hand, auf der Bachbrficke stehen blieb und laut zu trommeln begann, liefen alle Kinder ohne Unterschied zusammen und scharten sich um ihn. Auch wir Chederjungen bekamen einige Mimltem frei, um das Austrommeln anzuhören. Der Kleinrichter beendete indes das Trommeln, zog würdevoll aus der Brusttasche einen Bogen, entfaltete ihn, breitete ihn auf die vom Halse herunlerhängende Trommel und fing laut zu lesen an: ,,Tatta ratta, den Einwohnern der Stadt wird bekanntgegeben.“ Diese offizielle Einleitung dürfte übrigens aus einer Zeit stammen, in der Pata wirklich noch eine Stadt war, wie man sich erzählt, mit großen, bekannten Märkten, einst zur Zeit der Türkenberrschaft, als gegenüber auf der Höhe des ״Varhegy“, das heute von Kellereien übersät ist, noch eine Burg stand — heute ein Steinhaufen und keine Spur der einstigen Herrlichkeit. Damals war unsere Gemeinde vielleicht größer und angesehener. Jetzt versammelte sich nur mit Müh und Not der zum Beten erforderliche Minjan — zehn erwachsene Männer. Oft standen wir im ״Schulhof“ und lugten hinüber nach dem Hügel, ob die Juden aus dem Nachbardorfe schon unterwegs seien. Sie kamen an Schabbaten und Festtagen z.uin Beten, mit dem hageren, braven Onkel Weiß an der Spitze, da die ganze Entfernung nicht größer war als die ״Schabbatgrenze“. Der Vorbeter, das Haupt mit dem silberbetreßton Tallis bedeckt, harrte des Zeichens, um mit dem Gebet beginnen zu können. In fünfzehn, zwanzig Minuten, wührend die Nachbarn vom Hang in die Schul kommen, kann er die ״Verse der Psalmen“ vortragen, wozu der Minjan nicht erforderlich ist. Und wenn er dann bei ״Barchu“ hält, sind auch schon die Juden aus dem Nachbardorfe da, und dann gibt es einen reichen, ausgiebigen Minjan. Als sie nachher wirklich eintrafen, wurden die Gäste mit einem freundlichen ״Schalem alcchem“ begrüßt. Nun konnten wir alle miteinander inbrünstigen Herzens das wundervolle Schabbatgebet ״Der Odem alles Lebenden . . .“ anstimmen. Bei stürmischem Wetter oder an Werktagen kam es aber vor, daß sich nur neun Männer in der kleinen Schul versammelten. Ich will’» aufrichtig gestehen, das war meine größte Freude. Nicht etwa, weil ich schadenfroh gewesen wäre. Keinesfalls konnte ich froh werden über die Vereitlung einer ״Mizwah“. Im Gegenteil. Die Quelle meiner Freude war der Umstand, daß mir hieraus eine für die Großen bestimmte Aufgabe erwuchs, indem ich ״Zeruf“ wurde. Was das heißt? Es ist eine Kleinigkeit Man kann cs vielleicht mit dem Wort ״Ersatz“ verdeutschen. Ich ersetzte einen Mann, den zum Minjan notwendigen Zehnten. Dies geschah in der Weise, daß man mir einen großen Folianten, Bibel, Talmud oder Gebetbuch, unter den Arm drückte, wodurch ich einfach zum ״Großen“ befördert wurde. Mit dem Buche in der Hand galt Ich als dreizehnjährig, obgleich R* dem Alter nach kaum die Hälfte eines ״Bur-mizwah“ vtar. Das war dann ein Vergnügen! Wenn der Mensch, oder sagen wir das Menschlein, sieh plötzlich um zwei, drei Köpfe liijlier vorkommt. Wie wenn sein Hals um die Länge (’es Heiligen Buches gewachsen wäre, das er stolz unter den Arm preßt ln solchen Fällen kam es vor, daß mir auch sonstige, den Großen gebührende Ehren zuteil wurden. In die Namensliste des ״Mischcbernch“, die alle enthielt, auf die die zur Thora Aufgerufenen den Segen hernbiiehten von dem, ,,der unsere Väter Abraham, Isaak und Jakob gesegnet hat“ — wurde auch mein Name eingereiht. Und ich hörte mit Stolz zu, wie Reb Schülern rasch, aber doch verständlich her* unterleierte: ״w’ct hajeled ,lossei'“ — ״und den Knaben Josef“. Und ich war überzeugt, daß man auch oben auf den Text des Mi-schcheroch genau aufpaßt, und wenn Reb Scholem nach ״w’et ...“ eine kleine Pause macht und sein Auge prüfend umherschweifen läßt, ob er nicht jemanden aus der Gemeinde übersehen habe, auch im Himmel eine Weile gewartet wird, wer in das Buch des Segens noch einzuzeichnen sei. Und da auch im Himmel, ebenso wie auf Erden, Schabbat ist, dürfte es auch oben so vor sich gehen wie hienieden bei der Verbuchung der beim Segen gespendeten Heller, indem die Engel, statt einzuschreiben, durch das Einbiegen je einer Blattecke den soeben verklungenen Namen unter den vielen Millionen Namen bezeichnen, die allesamt eingetragen sind in die endlosen Listen des Himmels ... In unserem Dorf, aber auch im Nachbardorf, gab e» niemanden, der den Schabbat entweiht hätte. Zumindest nicht öffentlich und geflissentlich. So etwas konnten wir uns gar nicht vorstellen. Daß der Mensch seinen Anteil am kommenden Leben altsichtlich verscherze! Wir hörten wohl, daß es in der Stadt, in Gyöngyös, auch Juden gäbe, die ״gar nichts halten“, ihre Geschäfte am Schabbat öffnen und die Hühner nicht durch den Schächter schlachten lassen, sondern durch ihre Mägde. Aber wir Kinder glaubten nicht daran. Wir hielten dies genau so für ein Märchen, als daß irgendwo im Tatarenlande Menschen leben, die nur ein roßes, rundes Auge inmitten der Stirne hatten. Es steht och geschrieben: ״Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde“. Und Gott kann doch letzten Endes nur ein Ebenbild haben. (Fortsetzung folgt)