Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 27-28 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27/28, 3. IV. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Briefe von einer Orient-Reise Von C. 1. Klötzel, ferusalem / Vgl. die Reisebriefe in Nr. 9Z, 100, 102!1935, Nr. 1, 2, 16, 21 und 25 ds.J. IX. ״Schwarze“ und ״weiße“ Juden in Indien Zu den zahlreichen Problemen, die eine systematische Untersuchung der kleinen Gruppe der indischen Juden zu einer überaus reichen Fundgrube wissenschaftlicher Erkenntnis machen würden, gehört ihre Zweiteilung in ״w e i ß e“ und ״schwarze“ Juden. Der Ausdruck selbst ist irreführend; obwohl die Hautfarbe bei dieser Unterscheidung eine gewisse Rolle spielt, ist sie keineswegs das entscheidenae Kriterium. Man findet unter den ״weißen“ Juden Menschen, die so dunkclhäutig sind wie Araber, während zu den ״schwarzen״ mancher gerechnet wird, der in europä-!scher Umgebung keineswegs auffallen würde. Das wahre Kriterium zwischen ״schwarz“ und ״weiß“ ist die Abstammung. Die indischen Juden legen auf rein jüdischen Ursprung einen Wert, der nur mit dem Adelsstolz in manchen europäischen Ländern verglichen werden kann. Selbst die so sehr assimilierten Bagdad-Juden der Millionärs- Schicht machen in dieser Hinsicht nicht die mindesten Kon- Zessionen. Ich befand mich eines Tages in einem sehr vornehmen Klub in Bombay in Gesellschaft von Damen und Herren dieser Schicht. Da die gemeinsamen geistigen Berührungspunkte dürftig waren, lenkte ich das Gespräch auf Earl Reading, in der Meinung damit ein besonders genehmes Thema angeschlagen zu haben. Aber die ״leading lady“ unseres Kreises schnitt mir das Wort vom Munde ab: ״Earl Reading? Wir sprechen nicht gern von ihm, seitdem er in zweiter Ehe eine Nichtjüdin geheiratet hat.“ Und später wurde mir versichert, daß, wenn aus dieser Mischehe des ehemaligen Vizekönigs von Indien Kinder hervorgegangen wären, man sie in Bombay zu den ״schwarzen“ Juden zählen würde. Denn zu den ״Schwarzen“ gehört, wer, in welchem Grade und von welcher Seite auch immer, nichtjüdisches Blut in den Adern trägt, ln Cochin war früher ein anderer Ausdruck üblich, der den Sinn der Scheidung wesentlicher zum Ausdruck brachte. Dort nannte man die ״Weißen“: Mejuchassim, Vornehme, und die ״Schwarzen“: enam Mejuchassim, Unvornehme. Man könnte, um dem Kern der Sache noch näher zu kommen, von Reinblütigen und Mischlingen sprechen. Die ״herrschenden“ Minoritäten Es ist das Seltsame an diesen Verhältnissen, daß sie sich gleichermaßen in Gegenden entwickelt haben, die Hunderte von Kilometern voneinander entfernt liegen und bis auf verhältnismäßig späte Zeit keinerlei Berührungspunkte miteinander hatten, und daß in beiden Fällen eine später ins Land gekommene Minorität sich als die ״Ad eis käste“ ^Jeni-Israel“ aus dem Dorfe Pen bei Bombay. Im Vordergrund der Chasan mit dem Schofar einer Majorität aufzwang, die mindestens bei der einen Gruppe seit vielen Jahrhunderten bereits ansässig war. ln Bombay sind es die Bagdad-Juden (einschließlich anderer zugewanderter Sephardim, aber ausschließlich nordeuropäischer Juden und anderer Aschkenasim), die sich den sogenannten ״B c n i -1 s r a e 1“ absolut überlegen fühlen, in Cochin die ״weißen“ Juden — heute nur noch eine Gruppe von etwa achtzig Seelen —, die sich als eine Art Aristokratie gegenüber den ״schwarzen“ Juden empfinden. Dieser Gegensatz wurde ursprünglich als religiös begründet hingestellt und äußerte sich auf religiösem Gebiet genau so wie auf gesellschaftlichem. Es ist noch gar nicht solange her, daß in keiner der Sassoon-Synagogen ein ßcni-lsracl zur Thora aufgerufen werden konnte, und in Cochin gab es in der Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Gemeinde- Exodus, weil die ״weißen“ Juden darauf bestanden, die ״schwarzen“ als ״Nachkommen von Sklaven unserer Väter“ zu behandeln, — unter Berufung auf das biblische Gesetz. Es ist indessen sehr einfach nachzuweisen, daß hier das Religiöse nur der Deckmantel des Soziologischen ist. Denn sowohl liinsichtlich der Beni-Israe! wie der schwarzen Juden von Cochin ist von autoritativer rabbinischer Seite längst festgestellt worden, daß sie in rcligöser Hinsicht als Volljuden zu gelten haben. Trotz ihrer Frömmigkeit haben weder die Bagdad-Juden noch die ״weißen“ Cochin-Juden es über sich gewinnen können, diese Entscheidung praktisch anzuerkennen. Insbesondere ist bis auf den heutigen Tag eine Eheschließung zwischen ״weißen“ und ״schwarzen“ Juden ausgeschlossen. Wie stark in dieser Haltung der Einfluß des indischen Kastenwesens wirksam ist, könnte nur eine ausgedehnte wissenschaftliche Untersuchung feststellen. ״Nidache Israel“ Ganz anders als die Einstellung der sephardischen und orientalischen Juden gegenüber diesen ״Nidacbe Israel“, den ״Versprengten“ des jüdischen Volkes, ist von jeher die der europäisch-aschkenasischen Juden gewesen. Hier iiberwog die Bewunderung für die Treue, mit der diese Gruppen in Jahrhunderten völliger Isolierung ihr Judentum bewahrt aben, bei weitem jedes Bedenken gegenüber einer zweitellos in früherer Zeit erfolgten Vermischung mit der indischen Bevölkerung. Da die rabbinischen Autoritäten die Frage der Zugehörigkeit dieser Gruppen zum Judentum einstimmig bejaht haben, blieb Raum genug für ein sonst in der jüdischen Geschichte nicht allzu häufiges Element des Abenteuerlichen und Romantischen. Diese indischen Juden sind die ״exotischsten“, die heute noch existieren, und das Geheimnis, das über ihrer Geschichte liegt, trägt nur dazu bei, das Interesse und die Sympathie für sie zu verstärken. Sowohl die Cochin-Juden wie die Beni-lsrael in und um Bombay besitzen keinerlei Dokumente über ihre älteste Geschichte im Lande, sondern nur mündlich überlieferte Traditionen. Danach sind vor sehr langer Zeit —- spätestens nach der Zerstörung des zweites Tempels — Schiffe mit jüdischen Passagieren an die Westküste Indiens gekommen. Beide Gruppen sind jahrhundertelang von der jüdischen Welt völlig abgeschnitten gewesen, bis sie ״entdeckt“ wurden: die Beni-lsrael durch ״weiße“ Juden, die aus Cochin kamen, die Cochin-Juden selbst durch Sephardim aus Amsterdam nach der Eroberung der Malabarküste durch die Holländer. Die Beni-lsrael Die Beni-lsrael, heute mit 15 000—18 000 Seelen weitaus die größte aller jüdischen Gruppen in Indien, schrei־ beu ihre Herkunft von sieben jüdischen Paaren her, die — angeblich schon nach der Zerstörung des ersten Tempels — in der Nähe des heutigen Bombay als einzige aus einem Kinder aus dem Cheder der ״schwarzen“ Cochin-Juden Schiffbruch gerettet wurden. Als sie von den weißen Cochinluden entdeckt wurdet! — man weiß nicht genau, wann das geschah, frühestens im elften, spätestens im siebzehnten Jahrhundert — unterschieden sie sich in nichts von den lndem, außer durch die Bcschncidung, den schabbatlichcn Ruhetag und eine Reihe von anderen Feiertagen, die, obwohl mit indischen Bezeichnungen und indischem Ritual versehen, dem Datum nacli mit einer Reihe der jüdischen Feiertage iibereinstimmten. Nachdem sie einmal mit anderen Juden in Berührung gekommen waren, nahmen sie sehr schnell nicht nur das biblische, sondern auch das rabbinisehe Gesetz an, hebraisierten ihren Gottesdienst und bemühten sich in jeder Hinsicht, es den Juden in der Welt gleichzutun. Wer sie heute kennenlernt, wird bald feststellen, daß sie ein bedeutend wertvolleres Element darstellen als die ״aristokratischen“ Bagdad-Juden, die auf sie herabsehen. Sie sind ein sehr bodenständiges Element, leben zum Teil heute noch in Dörfern und kleinen Städten rings um Bombay, wo sie die Existenz von Ackerbürgern führen. In Bombay, wo nach dem Beginn der englischen Herrschaft die Mehrzahl sich niederließ, sind sie als Handwerker, insbesondere als Tischler, sehr geschätzt. Früher war einer ihrer Lieblingsberufe der des Soldaten, und es gibt zahlreiche Belege dafür, daß sie unter der Ostindischen Kompagnie nicht nur eine sehr erliebliche Zahl von Mannschaften, sondern and! viele besonders fähige Offiziere der Eingcborcnen-Truppe stellten. Fine Umorganisierung der indischen Armee hat dem ein Ende gemacht. Da die indischen Regimenter nur noch aus Angehörigen des gleichen Stammes und Glaubens zusammengesetzt werden, und kein Truppenteil unter 1000 Mann beträgt, können die Beni-lsrael weder als Mannschaften noch als Offiziere mehr Aufnahme finden. Dagegen werden sie in steigendem Maße Bea m t e, und einige von ihnen bekleiden recht bedeutende Posten. Die Mehrzahl der Benilsrael ist jedoch außerordentlich arm. Trotzdem fehlt bei ihnen völlig jenes Schnorrer- Element, das nei den Bagdad-Juden eine so bedeutende Rolle spielt. Ich habe unter ihnen ein paar vortreffliche Menschen kennengelernt. Da ist z. B. Professor H e s c k i e I, Lektor des Hebräischen an der Universität Bornbay, ein Gelehrter im biblischen Alter, der in Korrespondenz mit allen Koryphäen jüdischen Wissens in der Welt steht. Da ist Miß Rebccca Rubin, die Lei- Die Straße der ״weißen“ Juden in terin einer Schule, die Cochin. Links vom Turm der Einin London studiert hat, gang zur Synagoge Hebräisch studierte und mit den bescheidensten Mitteln eine Schule aufrechterhält, die in jüdischer wie in allgemeiner Hinsicht jedes Lob verdient. Miß Rubin sagte mir, wie sehr sie wünsche, ihre Schule mehr und mehr in modernem Sinn hebraisieren zu können, und wie schwierig das sei ohne einen lebendigen Zusammenhang mit den pädagogischen Kräften in Erez Israel, ohne entsprechende Lehrbücher und ausgebildete Lehrkräfte. In Palästina ist vor kurzem ein kleines Komitee: ״Lema’an Nidacheh Israel“ gegründet worden, das insbesondere alle Hebraisierungs- Bestrebungen unter den verstreuten jüdischen Gruppen fürdern will. Miß Rubin und ihre Schule wäre ein Objejct für den Beginn der Tätigkeit dieses Komitees, das vollen Erfolg verspräche. Aus der Haftarah für Schabbat, den 4. April 50 hat ER gesprochen: Nimmer rühme sich der Weise seiner Weisheit, nimmer rühme sich der Held seines Heldenmuts. nimmer rühme sich der Reiche seines Reiditums, sondern dessen rühme sich wer sidi rühmt: zu begreifen und mich zu erkennen, daß ICH es bin der Huld Redü und Wahrhafligkeit macht auf Erden• Ja, an solchen habe ich Gefäßen - SEIN Erlaufen - . /irmeiahu 9, 22 - 2i Übertragen von Martin Bubet Starken Eindruck machte auf mich auch ein Besuch in dem Dorfe Pen, nicht weit von Bombay, wo sich eine der ältesten Siedlungen der Beni-lsrael befindet. Hier sind die Juden landwirtschaftliche 1 ländler, besitzen aber fast alle noch mehr oder weniger großen eigenen Bodenbesitz, den sie selbst bewirtschaften. 1 )erartige < iemeindei» gibt cs noch eine ganze Anzahl. Die Juden von Cochin Cochin liegt im sikllichsicn 1 eil der Westküste Indiens, an der sogenannten Malabar-Kuste Dieser 'feil Indiens stand seit uralten Zeilen mit nördliche! eil Landern in Verbindung, und es besteht zum inimieMcn eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß das sagcnhaüc ״opliir“, in das Salomo und Hiram ihre Schiffe von 1 /ion-Gewer aus sandten, um Gold, Spezereien, Plauen mul Alten zu holen, identisch ist mit Malabar, das all diese Schlitze in früheren Zeiten barg. 0 115 . er.- lmneria Gebiet, das der isnms besetzte, getroffen, und der sprach, als er liier Itmlen setzte, soll , der auf dem Umweg nach Cochin gelangt tugiesen Cochin eroberten, kleinen ״j u d e 11 s t a a t“ antrafen, Juden unter der Regierung eines Küste mit Cochin und Callient d; beginnende europäische Koloma Marco Polo hatte hier schon luden an erste Mensch, mit dem Vasco da Gama seinen Fuß zum erstenmal auf indischen ein Jude aus Deutschland gewesen sei über Konstantinopel mul Jerusalem war. Sicher ist, daß, als die sie dort einen richtigen in dem einige tausend ... ... ,, eigenen Fürsten lebten. Die Griiiiduiigsnrkunde dieses Staates ist noch heute das kostbarste und gleichzeitig älteste Dokument, das die Cochin-Juden besitzen: zwei Kupfertafeln, auf denen in antikem Tamylisch die Schenkung eines Gebietes durch den Maharadscliah von Malabar an seinen Lehensmami Josef R a b b a n und dessen Ernennung zum Fürsten bestätigt wird. Nach der Zerstörung dieses ״Judenstaates•‘ durch die Portugiesen flüchteten seine Einwohne!■ nach der Stadt Cochin, wo der Maharadschah ihnen dicht bei seinem Palast ein Gebiet anweisen ließ, das noch heute den offiziellen Namen ״Jew Town“ führt und in dem noch heute tast alle Cochinjuden leben. Wann der indische Judenstaat gegründet warden ist, weiß man nicht genau; daß er mehrere Jahrhunderte bestanden hat, ist sicher. 1 )as ausgezeichnete Verhältnis zwischen den Juden von Inneres der Synagoge der ,,weißen“ Cochin, dem Herrscher Cochin-Juden Fun.«; c. Z. Klaut! und dem Volk des I andes hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. In einer einzigen Straße leben dort sowohl ehe ״weißen“ wie die ״schwarzen“ Juden; die ersten•!! ein kleines Häuflein von insgesamt nur noch etwa SO Menschen, die letzteren insgesamt etwa 1500 Seelen, davon ein Teil in der jetzigen Hauptstadt des Staates Cochin, E r n a e 111 a!11, und in einigen kleineren Orten. Wenn die ״weißen“ Juden von Cochin für sich in An- Spruch nehmen, keinen Tropfen indischen Blutes in ihren Adern zu haben, so lehrt der Augenschein, daß sie recht haben: kein Europäer in Indien ist so weiß, wie viele dieser ״weißen“ Juden, insbesondere solche aus sehr alten Fandlien, während bei den ״schwarzen“ der sehr dunkle südindische Einschlag unverkennbar ist. Wahrscheinlich sind aber die ״weißen“ Juden viel später nach Indien gekommen als die schwarzen, wenn ihre erste Einwanderung auch schon Jahrhunderte zurückliegt. Im übrigen enthält die Geschichte und Ethnographie der Cochin-Juden soviel ungeklärte Problemc, daß es sehr a!1 der Zeit wäre, den ganzen Fragenkomplex an Ort und Stelle zu studieren, solange dazu noch Zeit ist. Denn das ״weiße“ Cochin-Judentum ist bereits Auswanderer! Wie transferieren Sie Ihr Vermögen? 1. Beratung über die Einwanderungsstaaten aus •lg. landeskonntnis (Europa und Uebersee} 2. äestmögTicher und schneller Vermögenstransfer 3. Immobiiien-Tausch bei Auswanderungen Dr. jur. G. E. ROSENDAHL Davlsanbarater (Volliurisl und Vollkaufmann) Frankfurt a. Main, Liebigstraße 50 Sprechstunde nur nach Anmeldung / Ruf: 77128 U i S Juwelen Robert Bucho & Co. Hard e nibMe an der G e d ü G h In i s K irc h e, neben Catfi Berlin und ,,Traube“ »