Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1936)
- Date
- 1936-03-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 26, 31. III. 1936 Die französisch-syrischen Verhandlungen Von unserem Bericbterstatier Sonja Gronemann Am 25. Marz ist Frau Sonja Gronemann, die Oattin unseres Freundes, des Vorsitzenden des Kongreßgerichts Sammy Gronemann, hei einem Autounfall in Tel-Awivv tödlich verunglückt. Die Verstorbene, die ein Alter von 52 Jahren erreichte, war mit ihrem Gatten erst vor wenigen Wochen zu dauerndem Aufenthalt in Palästina, wohin es sie von jeher zog, eingetroffen, bevor sie aut so tragische Weise ums Lehen kam. Sie ist aus ihrer zionistischen Arbeit in Deutschland in weiten zionistisehen Kreisen und daruber hinaus bekannt geworden. Als eine der Begründerinnen des Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palast i na legte sie mit den Grund zur Wizoarbcit in Deutschland, der ihr Interesse auch nach ihrem Fortgang von Berlin weiter gehörte. Auch auf dem Gebiete der G e m c i ״ d e a r b e i t war Frau Gronemann mit großem Erfolg tätig. Sic gehörte der ersten Landcsversammlung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden an. In Paris, wo sie vor ihrer Uebersicdlung nach Palästina ihren Wohnsitz hatte, entfaltete sie im Dienst der Jugend- Alijah eine erfolgreiche Tätigkeit. Ihr lag cs dabei weniger, in der ()Öffentlichkeit hervorzutreten, als im Stillen, aber nicht weniger intensiv zu wirken. Sonja Grcmeniami, die der bekannten Kiewer Familie Gottes mann entstammte, war nicht nur organisatorisch und propagandistisch tätig, sondern besaß auch ein tiefes jüdisches Wissen, sprach perfekt Hebräisch und war talmudisch durchgebildet. Ihr Verlust wird in weiten Kreisen der zionistischen Bewegung und ganz besonders iin Kreise ihrer Freunde innerhalb der Zionistischen Vereinigung tür Deutschland aufs tiefste beklagt werden. Ihrer Familie, insbesondere ihrem Gatten wendet sich unsere Teilnahme zu. Budapester Brief Von unserem Berichterstatter Budapest, 27, März Die P ro Palii st ina-Vereinig u 11 g für Ungarn hielt unter großer Beteiligung ihre diesjährige Gene!alversammhing ah, bei der auch über die erfolgreiche Tätigkeit der Universitäfskommifsion, sowie der Ghaluzausbildtmg referiert wurde. Sensationen wirkte die Ankündigung des Vorsitzenden Prof. Ignatz Pfeifer von der Technischen Hochschule über die Verhandlungen, die mit dem Präses der Pestcr Isr. Gemeinde und der Landeskan/lei, Hofrat Samuel Stern, eingcleitet worden und schon weit gediehen sind. Dieselben bezwecken die energische Hinschaitung des offiziellen ungarischen Judentums in die Palästina-Arbeit, die zur Gründung einer Kolonie ungarischer Juden führen soll. Die Generalver- Sammlung nahm diesen Fortschritt in der Bewegung mit Freude zur Kenntnis und wählte den Vorstand nur provisorisch wieder, damit er sich je durch die leitenden Persönlichkeiten der Gemeinde ergänzen könne. In Budapest verschied, 52 Jahre alt, die Frau des Vorsitzenden der Budapester orth. Chewra, des Regierungsoberrates Leopold Freudiger de Obuda, die Enkelin des bekannten Brodver M.rggids, K. öchlomo Kluger, eint* eifrige Förderin des Misrachi. Ihre Leiche wurde nach Wien überfuhrt, wo sie an der Seite ihres ersten Gatten, eines der ersten Vorkämpfer des ungarischen Zionismus, David Lind e n b a u m, bestattet wurde. Dr. A. F. Staatliche Subvention für den jüdischen Kultus in Rumänien Bukarest, 25. März. (JTA.) Nachdem der Zentralrat der Juden Rumäniens gegen die Verletzung der in der Verfassung gewährleisteten Gleichberechtigung des jüdischen Kultus in Rumänien durch Streichung der bisherigen staatlichen Beihilfen beim König, heim Minister- Präsidenten und heim Kultusminister Einspruch erhoben hatte, ist nunmehr eine staatliche Subvention von zwei Millionen Lei für Zwecke des jüdischen Kultus in das Budget de*, Kultusministeriums eingestellt worden. Ministei präsident Tatarescu hat den Verband der jüdischen Gemeinden eine offizielle Mitteilung hierüber zugehen lassen. K. Paris, den 29. März ln Paris haben die ersten Besprechungen zwischen der syrischen Delegation und dem zur Zeit in Paris wellenden Oberkommissar de Märtel stattgefunden. Es handelt sich vorläufig nur um einen unverbindlichen Meinungsaustausch, da die tranzösische Regierung anscheinend erst die Ergebnisse der Besprechungen des Mittelmeer-Komitees abwarten will, das zur Zeit in Paris tagt und das die allgemeinen Grundlagen der französischen Politik im Mittelmeer Icstlegen wird. Im Rahmen dieser Verhandlungen ist die syrische Frage nur ein Teilproblem, In der nächsten Woche nach Abschluß der Mittehneerkoriferenz werden dann die syrischen Führer Besprechungen mit dem französischen Ministerpräsidenten Sarraut und dem Außenminister Elandin haben. Von französischer Seite wird ausdrücklich betont, daß die augenblicklichen Besprechungen in Paris mir den Charakter eines freundschaftlichen Meimingsau-tausches zwisehen den syrischen Führern und der französischen Regierung, nicht aber von offiziellen Verhandlungen tragen. Man weist darauf hin, daß die syrischen Notabein im Grunde kein Mandat des Landes haben, da das parlamentarische Leben Syriens seit dem Jahre 1923 suspendiert ist. Die Franzosen legen aber auf Grund früherer Erfahrungen entscheidenden Wert darauf, nur mit einer wirklich gewählten Repriis e 111 a 11 z Syriens zu verhandeln, die nicht ohne weiteres Die Arbeit des HilSsverelns Der Hilfsverein übermittelt uns eine Darstellung seiner Arbeit im Jahre 1935, der wir folgendes entnehmen: Die auswandeningspolitische Arbeit des Hilfsvercins zerfiel im vergangenen Jahre in zwei sehr verschiedene Abschnitte. Während sich die Auswaiulerirngsbewegung nach nichtpalästinensischen Ländern in den ersten 7—8 Monafen in verhältnismäßig bescheidenen Grenzen hielt, kam es sodann zu einem gewaltigen Anwachsen des Auswanderungsdranges, das den Hilfsverein vor außerordentlich umfangreiche Aufgaben stellte. Wahrend in den Monaten Januar bis Juli sich der Nettobetrag der vom Hilfsverein gewährten Auswanderer- Unterstützungen monatlich zwischen 9000 und 20 000 M. bewegte, stieg er dann in den folgenden Monaten außerordentlieh rasch an, um iin Dezember eine Summe von über 70 000 M. zu erreichen. Als Hauptein wa 11 deru 11 gsgebietc stellten sich im Jahre 1935 noch mehr als früher die großen überseeischen Länder heraus, insbesondere die Vereinigten Staaten, die ABC-Staaten Südamerikas (Argentinien, Brasilien und in gerinjjerem Grade auch Chile) und in sehr bedeutendem Maße auch Südafrika. Dagegen wurde die Zuwanderung nach europäischen Ländern im Laufe des Jahres immer schwieriger una fand auch aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht die gleiche Förderung wie die nach Uebersee. Eine zuverlässige Statistik über die jüdische Auswanderung aus Deutschland 1935 ist leider zur Zeit nicht möglich, doch geben die folgenden Zahlen, die freilich nur die vom Hilfsverein finanziell unterstützten Personen umfassen, gewisse Anhaltspunkte fürdiegeographischeVerteilungder Auswanderung. Die sehr zahlreichen Fälle, in denen Auswanderungswillige sich vom Hilfsverein nur beraten lassen und dann die Auswanderung selbst vollziehen, sind in den folgenden Angaben nicht enthalten: Nach europäischen Ländern: Zahl der Fälle: 766; Zahl der Personen: 927; Betrag der Unterstützungen: 43 509,50 RM. Nach überseeischen Ländern: Zahl der Fälle: 1088; Zahl der Personen: 1617; Betrag der Unterstützungen: 293 677,56 RM. Diese Zahlen dürfen nicht etwa zu der Annahme verleiten, die jüdische Auswandemiigsbevvegung aus Deutschland oder auch nur die auswanderungspolitische Arbeit des Hilfs- Vereins erstrecke sich auf eine so beschränkte Menschenzahl. Tatsächlich beziehen sich die genannten Zahlen nur auf die vom Hilfsverein geldlich unterstützte Auswanderung, während wohl seine wichtigste Tätigkeit in der Erteilung von Rat und Auskunft an die vielen Tausende bevon den jugendlichen Nationalisten desavouiert werden kann. Voraussetzung des Abschlusses des zwischen Syrien und Frankreich geplanten Vertrages sind daher Neuwahlen in Syrien. Als unmittelbare Wirkung der Verhandlungen in Paris ist vor allem die Festsetzung eines Tennines für syrische Neuwahlen zu erwarten. Wie wir hören, beabsichtigt die französische Regierung anscheinend, diese Wahlen nicht vor Juni oder Oktober dieses Jahres durchführen zu lassen. Der (irund dieses Aufschubes ist die anhaltende Nervosität und Unruhe der syrischen Bevölkerung, die auch in den letzten Wochen immer wieder zu Zusammenstößen mit der Mandatarmacht geführt hat. Obwohl also von den augenblicklichen Pariser Verhandlungcii, die wahrscheinlich während der ganzen nächsten Woche anhalten werden, eine Regelung des syrischen Probleins und die Festlegung eines neuen Vertragsverhältnisses zwischen Frankreich und Syrien noch nicht zu erwarten ist, mindert das nicht die Bedeutung dieses Meinungsaustausches. Man darf annehmen, dal! die jetzigen unverbindlichen Bespreclmngen bereits die Grundlagen für die neuen Beziehungen zwischen Syrien und der Mandatarmacht legen werden. Es sei erwähnt, daß die syrische Delegation ihre Tätigkeit in Frankreich durch einen Loyalitätsakt eingelcitet hat, indem sie einen Kranz am Orabe des unbekannten Soldaten niederlegte. steht, die ihre Auswanderung dann aus eigener Kraft vollziehen können. Um diese Auskünfte möglichst schnell und nach dem neuesten Stand der Dinge erteilen zu können, setzt der Hilfsverein sein Möglichstes daran, das Netz seiner Kofresponden• ten in aller W'cit immer dichter zu machen und sich so aui dem laufenden zu halten, daß er die Auswanderungswillige!! auf jede sich bietende Chance aufmerksam machen und den Einwanderern das Fortkommen iin neuen Lande erleichtern kann. Bei dieser informatorischen Arbeit wie bei der Zusammcnarbeit mit den Hilfsorganisationen der überseeischen!11den erfreut sich der Hilfsverein der Unterstützung der großen jüdischen Wanderuiigsorgaiiisation ״Hicem“, ohne die eine fruchtbare Arbeit in dem jetzigen Umfang überhaupt kaum möglich wäre. Bei seinem Wirken innerhalb Deutschlands findet der Hilfsverein vor allem die Mitarbeit der zentralen jüdischen Instanz, der ״Reichsvertretung der Juden in Deutsch-!and“, die ständig ihr Interesse an der für die jüdische Gesamtheit entscheidend wichtigen Arbeit des Hilfsvereins bekundet. Zur Lage der Auswanderer Paris, 26. März. (JTA.) Unter dem Vorsitz von Ma» Gottschalk fand ain 22. März in Brüssel eine von der H I C E M einbenifeiic Konferenz der Auswandererhilfskomitees statt. An dieser Konferenz nahmen Vertreter von Organisationen in den Nachbarländern Deutschlands statt, die seit April 1933 die Hilfsarbeit für die Ausgewanderten in ständigem Kontakt mit der HICEM geleistet haben. Die Lage der Ausgewanderten in den verschiedenen Ländern, die finanziellen und technischen Bedingungen für die Arbeit der Hilfskomitees und die Koordinierung ihrer Tätigkeit durch die HICEM bildeten den Gegenstand eingehender Beratungen. An den neu ernannten Völkerbundsoberkommissar für Auswanderfiirsorge, Generalmajor Sir Neill Malcolm, wurde ein Telegramm gesandt, in dem er zu seiner Ernennung beglückwünscht wird und seine Aufmerksamkeit auf die Not- Wendigkeit gelenkt wird, sobald wie möglich bei den Regierangen der verschiedenen Einwanderungsländer im Hinblick auf die Zulassung einer gewissen Zahl Ausgewanderter in diese Länder vorstellig zu werden. Mit der ״Manhattan“ ist ein Transport jüdischer Einwanderer aus Deutschland in New York eingetroffen, der 115 Personen zählt. Aus dem Ungarischen übertragen von Ludwig Bato S- Fort*1*!zuni׳ Nachdruck verboten Damit die Bauern in der Ware reichlich herumstöhern und wir ihre Drohung stolz beantworten können: ״Umsonst gehen Sie in die Stadt, auch dort finden Sie nichts an- «eres!“ Im übrigen war mein Vater niemals ein Mann von Liebenswürdigkeit, sondern von kurzangelmndener Strenge. Mit philosophischer Ruhe versah er die kleinliche Arbeit. Fr glaubte, k!impfte und arbeitete, sprach jedoch wenig. Und wenn er den Mund auftat, so war sein Wort ein patriarchalischer Befehl, gegen das os keine Kritik, nur Gehorsam gab. Und mit welcher Wonne lernte ich in der ״Mittleren Pforte“: ״Woher wissen wir, daß einer, dem der Vater sagt: entweihe den Schabhat, nicht zu gehorchen hat? Weil es geschrieben steht: Jeder ehre Vater und Mutter und beobachte meine Schahbato, denn ich bin der Ewige! Ihr und eure Ehern seid allesamt verpflichtet, mich zu ehren.“ Was war das nur für eine wunderbare Vorstellung für mich: Mein Vater duldet keinen Widerspruch, Und nächstens, wenn mir Vater am Schablmtmorgen sagen wird: ״Bring mir den Talit mit in Schul“, da werde ich tapfer und selbstbewußt vor ihm hintreten und sagen: ״Nein, ich tue es nicht! Auch ich habe Schahhat.“ Es ist wohl wahr, daß ״die Ehrung von Vater und Mutter der Gottesfurcht gleicht“, wie wir dies im Talmud lernten, aber ebendort lernten wir auch, daß ״so dein Vater die Entweihung des Schahhat anWiehlt, au nicht zu gehorchen hast“! In meiner Phantasie habe ich ®ir die Heldenszene wunderschön misgemalt, die sich zwi- »oben mir und meinem Vater an einem Schahhatmorgen »bspiclcn werde. Als es jedoch dazu kam, trug ich meinem Vater •chön ruhig den Talit in die kleine Schul nach und!reute mich, neben ihm in der Bank stehen und mit ihm beten zu dürfen ... Und ging unser Verlangen nach Märchen — Märchen gab es hier genug. Freilich ganz andere, als sie in profanen Büchern zu lesen waren. Rabbi Jochanan der Weise war der schönste Mann in Jeruschalajim. ״Wer sich von der Schönheit des Rabbi Jochanan einen Begriff machen will, nehme einen silbernen Becher, fülle ihn mit Granatkörnern, schmücke den Rand mit duftenden roten Rosen und stelle ihn zwischen Sonne und Schatten; dieser Glanz wird ein urmllhcrndes Bild von der Schönheit des Rabbi Jochanan geben.“ An einem heißen Sommertage schwumm er im Jordan. Da erblickte ihn Resch Lakisch, ein Räuber, und sprang mit ungewöhnlicher Kraft ans jenseitige Ufer. Allein Rabbi Jochanan erschrak nicht und sprach: ״Deine Stärke ziemt der Thora.“ ״Deine Schönheit ziemt den Frauen“ — erwiderte der Räuber. ״Wenn du das Joch der Thora auf dich nimmst, will ich dir meine Schwester zur Frau geben, die noch schöner ist als ich.“ Resch Lakisch ging auf diesen Vorschlag ein. Schon der Gedanke an das Studium der heiligen Lehre schwächte seine Kraft derart, daß er nicht mehr ans andere Ufer zurückzuspringen vermochte. Er erschrak und dachte, er wäre verzaubert. Aber Rabbi Jochanan beruhigte ihn: die Thora schwächt die Stärke des Leibes. — Resch Lakisch wurde ein großer Gelehrter. Später einmal geriet er in einen Meinungsstreit mit seinem Meister darüber, wann Spieße, Schwerter, Dolche und Lanzen als fertig angesehen werden können. Aus diesem Streite ging Resch Lakisch als Sieger hervor, worauf Rabbi Jochanan die scherzhafte Bemerkung machte: ״Der Räuber kennt sich in seinem Handwerk aus.“ ״Was hat mir die Jahrelange Mühe genützt?“ rief Resch!.«Lisch. ״Unter den Räubern wurde ich als Meister verehrt und auch hier werde ich mir Meister genannt.“ ,,Ich habe dich aber unter die Fittiche der göttlichen Schechina gebracht!“ — Resch Lakisch erkrankte bald sehr schwer. Da bestürmte seine Frau ihren Bruder, Rabbi Jochanan, und flehte ihn an: ״Tue etwas meiner Kinder wegen, damit sie nicht verwalst werden.“ ״Verläßt man deine Waisen, 80 lebe ich, spricht der Ewige.“ ״Tue etwas, damit ich keine Witwe werde.“ ״Und ich bin die Zuflucht deiner Witwen, spricht der Herr“ — tröstete Rabbi Jochanan, der selbst trostlos war, seine Schwester. Resch Lakisch starb, und Rabbi Jochanan betrauerte ihn verzweifelt. Da fragten die Meister: ״Wer soll zu ihm gehen, um seine Seele zu beruhige»?“ ״Es gehe Elieser ben Pedal, er ist scharfsinnig im Lernen.“ Er ging hin und setzte sich vor ihm hin. So oft Rabbi Jochanan eine Halacha sagte, sprach Rabbi Elieser: ״Ich werde den Beweis führen, daß du recht hast.“ ״Du willst Resch Lakisch ersetzen“, fuhr ihn Rabbi Jochanan an. ״So oft ich etwas behauptete, stellte Resch Lakisch an mich vicrundzwanzig Fragen, worauf ich vier• undzwanzig Antworten gab. Auf diese Weise erweiterte sich das Wissen von selbst und du sagst mir: ich werde den Beweis führen, daß du recht hast! Weiß ich denn nicht, daß ich recht habe?“ Und Rabbi Jochanan ging auf und ab, zerriß sein« Kleider und begann bitterlich zu weinen: ״Wo bist du, Resch Lakisch? Wo bist du, Resch Lakisch?“ Und schrie und weinte, bis ihn endlich der Schmerz zum Wahnsinn trieb. Da flehten die Meister um Gnade für ihn und er starb. Bedurfte es eines schöneren, herzerhebenderen Märchens? V. KAPITEL Wann ein Märchen hinter der ״Mittleren Pforte“ an die Reihe kam, wußten wir schon im voraus. Nicht ein Engel flüsterte es uns ins Ohr, nein, wir stellten es selbst schon eine gute Weile zuvor fest. Man brauchte nur einen Blick auf das Blatt des Talmudfolianten zu werfen und wir erkannten bereits aus der Ferne, ob darin ein Märchen oder eine weise Lehre oder ein halachischcr Streit ent« halten ist. Die Blätter der Talmudfolianten bestehen aua schmalen, länglichen Spalten, die ringsherum von den kleinen Lettern der Kommentare eingefaßt sind. Auf einmal ver« breitert sich der schmale Talmudfluß, das Bett dehnt sich aus und die angeschwollenon Gewässer beginnen würdevoll dahinzufluten. Die Kommentare verschwinden. Dies ist das Reich des Märchens, der Agada, das keines Komment«• bedarf. Hier ist die Erklärung überflüssig. Das!«greift jedes Kind. Das ganze Blatt wird vom Talmudtext bedeckt, der hier drei- bis viermal so umfangreich ist als an! den anderen Blättern. Und wenn ich so eine große Textseit• erblickte, freute ich mich schon im voraus aui da« Märchen«