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Jüdische Rundschau · 1936-03-31 · Heft 26 (31.3.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 26 (31.3.1936)
Date
1936-03-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26, 31.111.1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Reisebrief RW. Warschau, Ende März Von London nach Warschau Neben der allgemeinen Geographie läuft die ״jüdische“ Geographie einher; sie ist mit jener eng verstrickt durch viele Fäden, aber sie gibt ein Bild für sich. Von West nach Ost, — der Weg führt auch quer durch die jüdische Welt. In London beratschlagen Juden, wie sie helfen könnten; sie selbst leiden keine Not, sie sind gleichberechtigt und ins Leben ihres Landes eingegliedert, und doch erleben sie die Not der Juden anderwärts mit, irgendwie ist sie auch die ihre. Sie wissen, daß heute das Schwergewicht der Repräsentationspflicht auf ihnen ruht, sie sind Träger der Hilfe für die Juden, deren Schicksal heute im wesentlichen von ihrem jüdischen Sein geformt wird. Für die englischen Juden selbst ist das Jüdische nur e i n Bezirk ihres Lebens und nur von weitem trifft sie das Wehen des Sturms. — Von da geht die Reise zum Osten über Deutschland. Hier ist eine historische Wendung im Leben der Juden vor sich gegangen. Die Juden Deutschlands sind im Ucbergang zu einer neuen, von ihrer bis 1933 innegehabten ganz verschiedenen Position. Das ist prinzipiell wichtig, aber die Juden Deutschlands sind eine relativ kleine Gruppe, und eben erst behandelte man in London die Frage, wie zumindest ihr ganzer (ohnedies nicht sehr starker) Nachwuchs abtransportiert werden kann. Die Frage scheint also theoretisch lösbar — ob auch praktisch, hängt von einer ganzen Reihe zum Teil noch unbekannter Umstände ab (z. B. der Aufnahmebereitschaft der Einwanderungsländer). Der Judenfrage in Deutschland kann man mit Arithmetik noch beikommen. Sie ist kein Massenproblem. Nun Polen. Das ist etwas ganz anderes! Hier ist ein brodelnder Kessel, eine unübersehbare Millionen-!nasse von Juden, deren Mehrzahl armen und ärmsten Schichten angehört; der erste Eindruck schon ist überwältigend. Hier in Warschau überkommt einem sofort das Bewußtsein, was jüdisches ״Volk“ ist, welche Vitalitat darin steckt, aber auch welche Probleme es aufgibt, objektiv und subjektiv. Was wirtschaftliche Enge und kulturelles Eigenleben bedeuten, versteht man erst hier, und ebenso die riesigen Aufgaben von Volkserziehung und Organisation. Die Juden Polens sind nach der Verfassung gleichberechtigt wie die Juden Englands. Von London nach Warschau — es ist ein weiter Abstand; und doch, sahen wir nicht erst gestern in den Straßen von Whitechapel dieselben Gesichter, die gleidien Händler und Verkäufer, dieselben alten Frauen und leicht modernisierten Jünglinge? Auch in Whitechapel war ein schlechtes jiddisches Theater, und sogar derselbe N. F.-Bazar! Ein Stück dieser Welt, dorthin verschlagen, eine Erinnerung daran, daß doch alles enger zusammenhängen mag als es dem flüchtigen Reisenden scheint. Es gibt viel Nachdenkliches in der jüdischen Geographie. Die Judenfrage will als Ganzes gesehen sein, und als Ganzes harrt sie der Lösung. Von Deutschland gesehen Die Judenfrage als Ganzes! Das zu wissen und immer wieder sich klar zu machen, tut gerade den Juden Deutschlands not. Meinen doch viele von ihnen bis heute, sie seien ״zufällig“ das Objekt einer geschiehtliehen Konstellation geworden, und die judenfrage bestehe nur in dem Unbehagen, das gerade sie aus persönlichem Erleben empfinden. Nun sind wir die letzten, die die Bedeutung des persönlichen Erlebens in der Judenfrage leugnen würden; ohne persönliche innere Erschütterung wird sie keinem Juden voll erkennbar. Aber die allzu subjektive Betrachtungsweise führt auch irre. Die Judenfrage begann nicht 1933 zu existieren. Sie manifestiert sich immer am deutlichsten in den Ländern jüdischer Massensiedlung, im Osten Europas. Früher war es vor allem Rußland, heute vor allem Polen. Die Juden Deutschlands richten jetzt ihren Blick oft über die Grenzen, weil sie eine neue Bleibe suchen müssen. Aber man schaut vor allem nach Westen. Die westlichen Länder, auch die westlichen Judenheiten, dünken uns näher. In der ״Jüdischen Rundschau“ war und ist oft über die Länder des Westens berichtet worden. Dazu kommt natürlich Palästina, das Land des jüdischen Nationalheims, das wichtigste Einwanderungsland. Aber in Palästina und anderen Ländern stoßen wir mit Juden osteuropäischen Ursprungs zusammen, vielfach bestimmen sie auch dort das Aussehen des jüdischen Lebens. Ohne Verstehen des ״Ostjudentum s“ ist ein Verständnis des zeitgenössischen Judentums und seiner Probleme schlechthin unmöglich. Die ״deutsche Judenfrage“ ist nur darum interessant, weil die n i c h t jüdischen Faktoren in Deutschland sie in aus Polen besonderer Weise prinzipiell und ideologisch zugespitzt haben. Vom jüdischen Volk aus sind die Juden Deutschlands nur ein Splitter, freilich ein qualitativ sehr wichtiger und daher auch mit großer Verantwortung belasteter. Die Judenfrage aber ist weiter als Deutschlands Grenzen. Die Juden Deutschlands brauchen eine Kenntnis der g e s a m t jüdischen Zusammenhänge. Hier in Warschau ist ganz anschaulich ein Begriff davon zu erhalten. Eine Reise zu den Ostjuden sollte jeder machen, der ernsthaft jüdisches Leben sehen oder studieren will. Jüdische Biidungsorganisationen sollten sie organisieren. Die polnischen Behörden sind sehr zuvorkommend, die Reisebedingungen gut. Wie weit sich De- Visenschwierigkeiten überbrücken lassen, entzieht sich freilich unserer Kenntnis. Der Versuch ist der Mühe wert. Und jedenfalls gilt das Gesagte für Juden aus Ländern ohne Devisengesetze. Einleitende Vorbehalte Alles was hier berichtet wird, ist mit großer Vorsicht und mit allem Vorbehalt gesagt. Diese Ein- Schränkung ist unerläßlich, wenn man nach kurzem Aufenthalt in fremdem L.and Eindrücke und Urteile formulieren will. Naturgemäß sieht man nur einen kleinen Ausschnitt, muß sich mühsam zurechtfinden, hört viel und auch widerspruchsvolles. Und auch wenn man sich etwa über jüdische Probleme eine Meinung bildet, bedarf es der Prüfung, wie weit ein Außenstehender befugt ist, sich einzumischen, denn die schwere und verantwortungsvolle Arbeit bleibt den Menschen an Ort und Stelle. Es ist, um nur einen Punkt vorwegzunehmen, leicht, die Zersplitterung der Juden in Polen zu kritisieren; viel schwerer ist, es wirklich anders zu machen. Es ist eben ein differenzierter Organismus, und eine überlegene Autorität ist nicht aus dem Boden zu stampfen. Die polnische Judenfrage ist sehr kompliziert, und wer sich eine Ansicht bilden will, muß die Situation in ihrer ganzen Schwere in Betracht ziehen. Alle Aeußerungen dieses Berichtes sind als Reise-Eindrücke zu betrachten: Wir wollen den Juden Deutschlands etwas von dem Leben der Juden im Osten, wie wir es gesehen haben, vermitteln. Unruhige Situation Die auswärtige jüdische Welt ist in der letzten Zeit besonders durch zwei Ereignisse in Polen aufgerüttelt worden: Durch den Kampf um das Schachtverbot und durch den Pogrom von Przysztek. Auch für die polnischen Juden selbst waren diese beiden Fakta wie Keulenschläge. Sie fühlten sich mit einem Male angegriffen in ihren einfachsten Existenzrechten, und sie fühlen sich vereinsamt wie noch nie. Aber diese Vorgänge haben auch in die lethargische Masse 'etwas Leben gebracht. Der Streik vor zwei Wochen hat in der Tat eine weit größere Bedeutung gehabt als den einer politischen Demonstration. Das wesentliche an ihm war die Spontaneität. Ursprünglich war er nur von den Arbeiterparteien ausgerufen, und nur deren Mitglieder, also eine Minderheit der Judenschaft, war zu seiner Durchführung organisiert. Aber wie mit einem Schlage schlossen sich alle an, sämtliche Geschäfte waren geschlossen, 300 000 Menschen in Warschau zeigten, daß sie ein handlungsfähiger Faktor und keine auseinanderlaufende Herde sind. Das Wesentliche und Eindrucksvolle war die Disziplin und Würde. Es war eine neue Form des Protestes. Die Juden kamen dabei zum Bewußtsein ihrer selbst und die Erinnerung an diesen Tag erfüllt die Juden mit Stolz. Die Welt wurde aufmerksam; die Juden werden diesen Tag nicht vergessen. Die Haltung der Polen Auch viele Polen sind von der letzten Entwicklung der Dinge sehr peinlich berührt. Das polnische Volk, so versicherte mir ein maßgebender Pole, sei nicht antisemitisch, und vor allem jedem Pogroniieren abhold; was in Polen jetzt vorgehe, sei nur eine Folge der Verhetzung der Leidenschaften als Mittel des innerpolitisehen Kampfes. Diese Meinung kann man in der Tat immer wieder hören, von Polen und von Juden. Auch viele Juden sind der Ansicht, daß das polnische Volk nicht aggressiv jiidenfeindlich wäre, wenn nicht verschiedene Faktoren zusammenwirkten, um die breiten Massen gegen die Juden zu stimmen. Diese Feststellung ist eine Art Hoffnungsstrahl; denn eines ist klar: das Problem dieser geschichtlich gewordenen Symbiose von Polen und Juden wäre auswegslos, wenn ein unabänderlicher Gegensatz und tiefeingewurzeltc Kampfstim־ mung vorläge. Das wäre für die Juden eine Tragik ohnegleichen in ihrer leidgewohnten Geschichte, aber auch für Polen katastrophal. Denn eine seit Jahrhunderten ansässige Bevölkerungsgruppe von etwa 12 0,״ der Gesamtbevölkerung läßt sich nicht einfach ausgliedern oder ausstoßen, ohne daß für die G e s a m t h e i t schwerwiegende Folgen entstehen. Wir sprechen gar nicht von der wirtschaftlichen Erschütterung, die eine Ausschaltung solcher Massen nach sich ziehen müßte, aber auch Polen kann nicht wünschen, eine Masse völlig verelendeter und verzweifelter Menschen zu beherbergen. Und es wäre eine Utopie, an dieses Massenproblem Maßstäbe anzulegen, wie sie etwa bezüglich der Juden Deutschlands innerhalb der jüdischen Beratungen üblich geworden sind. Es darf nicht verwundern, daß die Erörterungen des Samuel-Planes in London hier von vielen Juden Polens mit Befremden aufgenommeii wurden, weil man sich sagt, cs könnte dieses c i 11 m a 1 i g c, nur auf die Juden Deutschlands anwendbare Schema irrtümlich als eine allgemeine Plattform aufgefaßt werden. Das aber wäre ein fataler Irrtum. In Polen geht zwar unausgesetzt eine starke Auswanderung nach Palästina und anderen Ländern vor sich, aber das Problem der Masse bleibt dadurch qualitativ u n d quantitativ unverändert; es ist nur ein Tropfen auf heißem Stein. Die Hintergründe Daß der Antisemitismus in Polen eine Funktion der inneren Landespolitik ist, wurde bei dem Schachtgesetz völlig deutlich. Es ist kein Geheimnis, daß der Regierung diese Angelegenheit sehr ungelegen kam und daß die vorwiegend auf liberalen Anschauungen fußenden Kreise den durch die erste Fassung der Anträge entstandenen Eindruck einer antireligiösen Maßnähme, die gegen den Grundsatz religiöser Toleranz verstieße, zu vermeiden wünschten. Daß trotzdem aus Kreisen, die für den Blick des Außenstehenden zur Regierungsgruppc gehören, dieser Vorstoß kam und von der Regierung nicht verhindert werden konnte, zeigt die Verworrenheit der Lage. Der Regieriingsreferent hat in seiner Rede in der Verwaltungskommission offen den Antrag als einen Schachzug der rechtsstehenden Gruppe des Regierungsblockes bezeichnet. Die Spannung zwischen den zwei Gruppen innerhalb des Pilsudskiblockes ist nach dem Tode Pilsudskis verschärft, seitdem der Staatspräsident nach dem Abschluß der neuen Verfassung abgelehnt hat, einer Neuwahl des Staatsoberhauptes vor Ablauf seiner Amtszeit zu/ustimmen. Aus dieser innerpolitischen Lage ergibt cs sich, daß die Oppositionsgruppe unwillkürlich auf gewissen Gebieten mit den Nationaldcmokraten parallel geht. Die Nationaldcmokraten (״N. D.“ ״ =־Endcken“) sind aber die Träger des radikalen Antisemitismus, der um so leichtere Arbeit hat, als das polnische Landvolk sehr arm ist und daher jeder Agitation ein leicht entzündliches Eiement darbictet. Die Schächtlrage Die große Erregung, die mit dem Schächtgesctz verbunden war, hat sich ein wenig gelegt. Es ist aber keine Befriedigung, sondern etwas Resignation dabei. Das für die Bevölkerung Schlimmste wurde abgewandt. Die Her- Stellung von Koscherfleisch wird nach den religiösen Bedürfnissen der Juden kontingentiert werden. Ueber die wirtschaftlichen Folgen dieser Neuregelung wird noch zu reden sein. Aber auch moralisch ist die Lösung vom jüdischen Standpunkt nicht erfreulich, ln der Haltung der Regierung, die schließlich das Gesetz formte, kommt zum Ausdruck, daß man sich mit diesem Brauch der Juden, soweit sie selbst ihn aus Gewissensgründen für sich für unerläßlich halten, abfinden muß, aber zugleich behält die Sache den Anschein einer kulturellen Minderwertigkeit, die an den Juden haftet. Die Juden werden abgcstempelt als ein Element, das erst erzogen werden muß zu der höheren Zivilisation, die sich in der Auffassung der Schlachtmethoden ausdrücke. In der entscheidenden Sejm-Sitzung hielten die jüdischen Deputierten nochmals ihre Abwehrreden, aber sie standen von vornherein auf verlorenem Posten. Jeder Beschauer mußte wohl den Eindruck haben, daß diese drei Männer nicht in beneidenswerter Lage sind. Kein Fünkchen Sympathie schien ihnen entgcgenzusclilagen, sie wurden auch oft unterbrochen; vor allem aber scheint es, daß sie und das gewaltige Lager der Mehrheit gar keine gemeinsame Sprache finden. Man redet aneinander vorbei ins Leere. Das ist ein bedenkliches Symptom, denn schließlich muß diese Sprache gefunden werden, durch gegenseitiges Eingehen aufeinander und den Versuch, den Standpunkt des Diskussionsgegners aus seinen Voraussetzungen zu verstehen. Die parlamentarische Vertretung der Juden ist schwach, da die meisten jüdischen Parteien (und es gibt derer viele in Polen!) an den Wahlen zum Sejm nicht teilgenommen haben, wie auch die polnischen Oppositionsparteien. Diese Eigentumlichkeit muß man stets bedenken, wenn man vom gegen- W'ärtigen Sejm spricht; also auch die Tatsache, daß die Nationaldcmokraten, die Hauptträger des Antisemitismus, im Sejm nicht sitzen; die Atmosphäre des Antiscmitismus, die dort in bestimmten Teilen des Hauses empfunden wird, ist nicht parteimäßig auf Konto der N. D. zu schreiben. (Wird fortgesetzt) n Zukunft ihrer Kinder sst Landschulheim Florenz Höhere Schule und Internat 1. Schulbildung bis zum Abiturium 2. Für Knaben und Mädchen von 6—18 Jahren, Sprachenpflege 3. Leitung bewährter Pädagogen 4. Studienberechtigung in fast allen Staaten 5. Werkunterricht, Landarbeit, Haushaltkunde t. Vorbereitung für Palästina 7. Aerztliche Ueberwachung, individuelle Förderung 8. Schönste Umgebung, gutes Klima, Sport 9. Erstklassige Verpflegung 10. Zeitgemäße Preise — keine Transferschwierigkeiten AuskQnfte und Prospekte durch die Leitung: 0D8rr8g.־Rat Dr. Werner reiner nr. m. Goldstein Florenz, Villa Pazzi, Pian dei Giullari Neuaufnahmen zum 1. April 1936

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