Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 25 (27.3.1936)
- Date
- 1936-03-27
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 25, 27. III. 1936 JO01 SCHF RUNDSCHAU Seite 15 DER HAFEN VON GAZA — und seine Zukunfts-Perspektiven Im Süden Palästinas, abseits vom Wege der Touristen, liegt die uralte Philisterstadt Gaza; heute ein arabisches Städtchen und Fischerdorf. Jetzt scheint es, als ob dieser Platz, der an der Entwicklung des Landes bisher kaum Anteil genommen hat, aus dem Schlaf za eruxtchen beginnt. Der Hafen, der nicht ausgebaut ist und nur eine lokale Bedeutung hat, wird von der Mandnlsverwaltung in etwas besseren Stand gesetzt. Dazu kommen die Pläne einer Verbindung des Mittelrnccrs mit dem Holen Meer, die — wie man hört — von Gaza nach Akaba laufen soll. Gleichgültig, ob es sich hierbei um das vielleicht etwas phantastische Kanalprojckl handelt oder ob nur an eine Straßenverbindung gedacht ist, in jedem Fall könnte Gaza wieder erhöhte Bedeutung gewinnen. Schließlich ist der Plan einer Erschließung des Aegew, des Südens Palästinas, durch die jüdische Kolonisation erwähnenswert, der nach mancherlei Verhandlungen und insbesondere Wasserfunden in Aussicht genommen ist. So kann dieses heute so ruhige und abseits vom Verkehr liegende Städtchen vielleicht in Zukauft wieder größere Bedeutung gewinnen und seiner Geschichte, die in vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden glanzvoll war, erneut größeres Gewicht geben. Araber beim Beladen von Kamelen im Hafengebiet Am Strand von Gaza Die Hauptstraße der Stadt Foto•: Pai.-Pren! Ttl-Awi* ־ *iü* Fahrt nach Aegypten Von unserem palästinensischen Korrespondenten Unser palästinensischer Korrespondent hat vor kurzem eine Heise nach Aegypten gemacht, die insbesondere einem Besuch der landwirtschaftlichen Ausstellung in Kairo galt. Wir veröffentlichen heule den ersten Teil des Berichts über diese Heise und werden die weiteren Berichte folgen lassen, (Red.) gl. T ei - A wl w, Mitte März 1936 Wer sich auf die Fahrt von Palästina nach Aegypten begibt, verläßt eigentlich den jüdischen Teil des Landes schon in Ludd. Hier muß man den von Jaffa nach Jerusalem gehenden Zug für den nach Kantara tauschen. *Es verlassen viele Juden die Wagen, aber fast alle wenden sich dem Nordzug zu, der nach Haifa geht. Wer sich nach Süden wendet, erregt geradezu Aufmerksamkeit und wird prompt gefragt, ob er ins ״Ausland“ gehe, worunter man im jüdischen Palästina allgemein Europa versteht. Denn in Süd-Palästina hat kaum einer je etwas zu tun, das ist von der jüdischen Sied- Jung noch unberührtes und zu einem guten Teil spärlich bevöikertes Gelände. Die Siedlungen, die südlich der Bahnstrecke liegen, also die alten Kolonien wie Rischon und Rechowoth, an die sich noch ein paar Punkte schließen, erreicht der jüdische Reisende in der Regel mit dem schneller und häufiger verkehrenden Autobus. Ein paar Stationen nach Ludd, mit einem letzten Blick auf die charakteristischen Häusergruppen und Plantagen der jüdischen Siedlungen, die gerade jetzt im Frühjahr in einer unwahrscheinlichen Pracht von Orangenblüten liegen, •ändert sich die Landschaft und das Dorf. Es scheint, als sei man ohne jede Grenze in ei?1 anderes Land versetzt worden. Im Abteil ist die große Majorität arabisch, Städter, europäisch gekleidet, mit dem Tarbusch auf dem Kopf, die nach Gaza, dem südlichsten städtischen Punkt fahren, Fellachen mit Körben, die in ihre Dörfer zurückkehren. Dazwischen bewegen sich die hohen, vielfach bärtigen Gestalten der Beduinen, die hier in der Gegend, die sich der Wüste nähert, ihre langen Schwerter mit den oft schön getriebenen Knäufen tragen. Eine Stunde von dem recht europäisch anmutenden Ludd, in dem die überwiegende Zahl der Fahrgäste europäisch gekleidet ist und in den mannigfaltigsten europäischen Sprachen konversiert, wird das Bild bunt, orientalisch, oft phantastisch belebt, die Sprache arabisch. Für den, der sich lange Zeit ohne viel Unterbrechungen Im neuen Palästina bewegt hat, in den komfortablen Städten, in den modern arbeitenden Siedlungen, wirkt dieser plötzliche Uebergang fast überraschend. Es kommt von neuem die aus Statistiken und Karten längst klare Uebcr/eugung zum Bewußtsein, die mau leicht in den jüdischen Zentren, am stärksten in Tcl-Awiw aus dem Gesichtsfeld verliert, daß große ge- «chlossene Strecken des Landes auch jetzt nach der starken jüdischen Einwanderung der fetzten Jahre sich in nichts geändert haben und rein arabisch geblieben sind. Die Dörfer, durch die sich der Zug in einer langsamen Fahrt windet, sind unverändert in ihren Ansammlungen primitiver Lehmbauten, die fast immer erstaunlich schön mit der Landschaft verwachsen, hier und da von einer einsamen Palme oder einer riesenhaften Sykomore überschattet sind. Die Felder zeigen die primitive Bearbeitung von Jahrtausenden. Ochsen und Kamele vor hölzerne Hakenpflüge gespannt, weite Flächen, die dünnes Korn tragen und deutlich den Regenrnangel des letzten Winters aufzeigen. Spielzeughafte kleine Stationshäuschen, nur wenig benutzt, oft freundlich von jetzt in dicker Fülle blühenden Mimosenakazicn umsäumt. An den Straßenrändern, di« in zwei Monaten geborsten und vorbrannt in der Sonne liegen werden, sprießt es in der charakteristischen Fülle des palästinensischen Frühlings in einer fast beängstigenden Farbenpracht. Im Abteil ist es sehr lebendig. Man unterhält sich, hier und da sitzt einer der Fellachen völlig in sich selbst versunken und wiederholt wieder und wieder die gleiche Melodie, dieselbe, die er gewohnt ist, auf den langen Marschen zu Esel oder zu Kamel vor sich 11 in zu singen. Man empfängt durchaus den Eindruck, daß es für diese langsamen und ruliigen Figuren kaum einen Unterschied ausmacht, ob ihn sein Reittier mit Brummen oder Wiehern oder die Lokomotive mit schrillem Pfeifen vorwärtsbringt. Unter den anderer! Mitreisenden sind zwei Gefangenenpaare, die ein arabischer Wachmann, je zwei und zwei an den Handgelenken aneinander gefesselt, in den Zug eskortiert. Der Anblick dieser mit schweren Eisen aneinander geschlossenen Menschen ist für europäische Begriffe schwer erträglich. Aber die öefangenen selbst und ihr Aufseher und der ganze Zug nehmen dieses Schauspiel, das man in Palästina sehr oft erleben kann, als ganz selbstverständlich hin. Die Gefangenen unterhalten sich untereinander und mit den Mitreisenden behaglich und vergniigt. Sie rauchen ihre eigenen und die ihnen angebotenen Zigaretten. Sie kaufen sich an der Station für einen Piaster Orangen, ziehen' aus einer der vielen Falten ihrer langen Hemden die Brocken einer alten ״Pittah“, des allgemein in den Dörfern gebrauchten Brotes, und halten ein friedliches Mahl. Wenn einer von ihnen einma! aufstehen und durch den Zug gehen muß, verlangt er von dem begleitenden Polizisten den Schlüssel zu den Handschellen, den er schon zu bcnutzen weiß, löst sich selbst die Fesseln und läßt sie sich später mit der Selbstverständlichkeit wieder anlegen, wie ein Reisender sich seine Handschuhe anzieht. Vielleicht, so denkt ach ein erstaunter Beobachter, ist diese sehr primitive und außerordentlich natürliche Behandlung der Gefangenen nicht schlimmer als die in Europa bekannten Transporte in vergitterten Wagen. Die draußen vorbcischwingendc Landschaft wird nach und nach spärlicher; immer stärker zeigt der Boden seinen Sand- Charakter, immer dünner wird die grüne Getreidedecke, bis schließlich ein unkundiges Auge kaum mehr verstehen kann, daß auf diesem Sande überhaupt noch gesät und gelegentlieh auch geerntet wird. Das Fruchtiaud wird von der Wüste abgelöst. Große Sandwellen, von ein/einen Palmengruppen unterbrochen, an manchen Stellen mitten im Sand neue Daltelpflan/ungen. Die Besiedlung wird dünn, hört fast ganz auf. Hier ist das echte Süd-Palästina, die Gegend, in der die meisten Beduinen des Landes konzentriert sind, Nomaden und Halbnomaden, die liier durch den Sand ziehen, verschiedentlich auch einen primitiven Ackerbau betreiben, in deu Jahren der Dürre mit ihren Herden nach Norden ziehen, um bessere Weide zu suchen, und während des großen Arbeitsangebots der letzten Jahre auch häufig iiire Zelte verließen, um im Fruchtlande Löhne zu verdienen, die für diese arme Gegend völlig sagenhaft erscheinen. In ihrer äußeren Erscheinung, in ihrer Kleidung, in ihrer Lebensart hat sich nichts geändert. Und doch zieht im Laufe der englisehen Ailministration auch ein neuer Geist in iliesen fast biblisch ruimutcmlcn Teil der Bevölkerung. Sie haben zwar ihre eigene Gerichtsbarkeit, ihre von ihren ()berhäuptern, den Scheichs besetzten Gerichtshöfe, in denen nach dem uralten Gesetz der Stämme Recht gesprochen wird. Sie haben auch eine eigene Schule für die Sohne der Scheichs, in der sic mit den Künsten des Lesens und Schreibens und auch mit so mancher Idee der Moderne und der Zivilisation bekannt gemacht werden. Es ist also der Versuch gemacht worden, Aufklärung und ein Minimum von Kenntnissen in diese Kreise zu tragen, ohne mit einem Schlage Traditionen von Jahrtausenden zu zerstören. Die englische Administration liebt keine gewaltsamen Reformen, und sie liebt cs noch weniger, sich ohne Not den Widerstand der Bevölkerung aufzuhalsen, wenn sie vorsichtigere, wenn auch langsamere Wege sicht. Und vielleicht ist es gerade durch diese sehr vorsichtige Politik gegenüber den Beduinen und durch die Belassung eines großen Maßes von innerer Autonomie gelungen, diese Elemente ruhig zu halten, sie von Rauh- und Streifzügen in das nahe Fruchtiaud, das sie locken muß, zu hindern. Die patriarchalische Lebensweise, die uralten Lebensformen hindern keineswegs die Bewohner dieser Landstriche an einer aktiven Anteilnahme an der aktuellen Tagespolitik, Gaza, der Mittelpunkt von Südpalästina und auch der umliegenden Beduinenklans, ist eines der Zentren der nationalistisehen arabischen Bewegung, das an den Aktionen der arabischen Führung lebhaften Anteil nimmt und nicht nur die Städter, sondern auch die Beduinen der umliegenden Flacher! in die Tagesfragen hineinzieht. Erst vor kurzem, als der High Commissioner verkündete, daß das neue Bodengesetz, das den Verkauf an Juden noch mehr als früher erschwert, nicht für den Südbezirk gelten solle, protestierten die Scheichs des Bezirks in aller Form, und bei verschiedenen Anlässen hat eine Versammlung der Sfammcshäupter geschworen, keine Bodenkäufe mit Juden abzuschließen. Hier, wie im ganzen Lande wird die Bewegung von der städtischen Mittel-!