Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-03-27 · Heft 25 (27.3.1936) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 25 (27.3.1936)
Date
1936-03-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653948--28514-2690000
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nf. 25 27 III. 1936 JODISCHP RUNDSCHAU Seite 7 Briefe von einer Orient-Reise Von C. Z. Kl 6 tZ e l, Jerusalem / Vgl. die Reisebriefe in Nr. 97, iOO, 102/1935, Nr. 1,2, 16 und 21 ds.J. VIII. Das Erbe der Sassoons Nach den ״kontinentalen“ Juden bilden die ״Bag* dadis“ die nächstjüngere Schicht des indischen Judentums. Sie sind weit zahlreicher als diese — mehrere tausend Seelen — und ihre Verbreitung ist größer. Denn wenn die Mehrzahl von ihnen auch in Bombay und Kalkutta lebt, so finden sich kleinere Gruppen von ihnen auch in einer ganzen Reihe von Plätzen, insbesondere im moliammcdanisehen Norden Indiens. Ihre Oberschicht, von der wir gleich sprechen werden, ist im höchsten Grade ״anglisiert“, eine Mittelschicht gibt es kaum, die Unterschicht ist in Kleidung, Lebensgewohnheiten und Lebensstandard der entsprechenden mohammedanischen Schicht äußerst angeglichen. Die Sassoons Mit einiger Uebertreibung kann man sagen, daß die Gemeinde der Bagdadis in Indien mehr oder weniger die Privatscböpfung einer einzigen Familie ist: der Sassoons. Bevor David Sassoon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von Bagdad nach Bombay kam, mögen dort vereinzelte irakische Juden gelebt haben. Zu einer Gemeinde hat erst er sie zusammengeschlossen, wie seine Riesen- Unternehmungen in Indien und später in China den Hauptanziehungspunkt für jüdische Nachkömmlinge aus Bagdad bildeten, die entweder in seinen Firmen Beschäftigung fanden oder von seiner Mildtätigkeit lebten. In beider Hinsicht gewöhnte man sieh schnell daran, sich auf die Sassoons zu verlassen; die Folge davon war eine Abhängigkeit, die bis aut den heutigen Tag andauert. Nur daß heute an Stelle der Familie Sassoon die Verwaltung der von ihr hinterlassenen Fonds getreten ist und die Sassoonschen Firmen zum größten Teil heute unter nichtjiidischcr Leitung stehen. Ich habe vergebens in der großen Sassoon-Bibliothek des ״Technical-Institute“ in Bombay nach einer Biographie des Gründers der Familie, nach einer Geschichte dieser Familie oder nach einem jüdischen Buch gesucht. Nur eine schöne Statue David Sassoons steht in der dämmerigen Halle dieses Gebäudes — eine Art Harun al Raschid in reicher orientalischer Tracht. Und doch wäre für die Geschichte des orientalischen Judentums wenig wichtiger, als eine Monoraphie der Familie Sassoon. Sie würde gleichzeitig ein tiiek asiatischer Wirtschaftsgeschichte und ein hochintcressantes Beispiel jüdischer Assimilation bieten. Die ״Rothschilds“ des Fernen Ostens Es besteht eine nicht nur äußere Aehnlichkeit zwischen den Rothschilds und den Sassoons. Wie Meyer Anschet, so hatte der ״Scheich“ David eine Reihe von Söhnen, und wie jener die seinen in die Hauptstädte Europas sandte, um dort Zweigniederlassungen des großen Bankhauses zu errichten, so gingen die jungen Sassoons nach Singapore, Schanghai, Hongkong, um dort Firmen zu gründen, die in engstem Zusammenhang mit den Stammhäusern in Bombay und Kalkutta standen Die Sassoons und die mit ihnen versippten und verschwägerten Ezras haben jahrzehntelang den Opiumhandel des Fernen Ostens monopolisiert und spielten später eine überragende Rolle sowohl iin Bammvollexport wie in der aufblühenden indischen Textilindustrie. Sie erwarben einen immensen Reichtum — immens selbst in einem Lande, wo riesige Vermögen nicht erst eine Erscheintmg moderner Zeiten sind — und gewannen einen entsprechenden Einfluß. Wirtschaftliches Interesse und gesellschädlicher Ehrgeiz, den zu befriedigen sie ja alle Mittel hatten, ließ sie stets den engsten Kontakt mit der beherrsehenden Macht, mit England, suchen. Auch die Sassoons haben gegenüber der indischen Regierung eine ähnliche Rolle als Finanziers gespielt, wie die Rothschilds bei den europäischen Fürstenhäusern. Und während sieh das wirtschädliche Schwergewicht der Sassoonschen Handelshäuser immer mehr nach China verschob — obwohl sie heute noch große Unternehmungen in Indien haben —, wanderte die Familie Sassoon immer mehr nach London ab, wo ihren Mitgliedern volle (Aufnaluue in das gesellschaftliche, und wenn sic Ehrgeiz h'atten, auch in das politische Lehen winkte. Sie wurden schon früh geadelt, und ein Sassoon ist seit längcrei Zeit Unterstaatssekretär für das Flugwesen — ein Posten von außerordentlicher Wichtigkeit. Jüdische Aristokratie ... Scheich David Sassoon war ein Patriarch in jedem Sinne des Wortes, ein jüdischer Aristokrat des Geistes und des Herzens. Von seiner Frömmigkeit und Vornehmheit — allerdings auch von einem ebenso strengen wie wohlmeinenden Despotismus — zeugen die meisten religiösen Einrichtungen, die es in der Bagdader Gemeinde noch heute gibt. Bis aut diesen Tag sind die beiden größten Synagogen in Bombay Privateigentum der Familie Sassoon^ und aus den Sassoonschen Fonds werden fast alle religiösen und sozialen Bedürfnisse der Bagdadjuden bestritten. Wie mir ein junger Bagdadi, mit grimmigem Humor über die ihm verhaßte Abhängigkeit sagte: ״Wir werden von den Sassoons beschnitten, verheiratet und beerdigt.“ Wenigstens ein Teil der Familie Sassoon hat nach ihrer Abwanderung nach London die jüdische Tradition ihres Ahnherrn in religiöser und kultureller Hinsicht aufrecht erhalten, die wundervolle Sassoon-Bibliothek hebräischer Hand- Schriften ist dessen ehrendes und bleibendes Zeugnis. Aber in Indien selbst ist von all dem nichts geblieben. ... und jüdische Snobs Die Oberschicht der Bagdadjuden besteht heute aus einer Reihe von Familien, von denen zwar keine so reich ist wie die Sassoons, die aber doch als sehr wohlhabend bezeichnet werden müssen. Diese Familien bekunden zum Teil noch eine gewisse äußere Religiosität, die indessen stark mit echt orientalischem Aberglauben gemischt ist, aber sie besitzen weder jüdisches Wissen nocli jüdisches Verantwortungsgcfühl. Sie sind Imitatoren der Engländer. In Indien sind zwei Völker aufeinander angewiesen, die beide ein außerordentlich starkes Talent zu gesellschaftlicher Differenziening besitzen, denn das ״Kastensystem“ ist, wenn auch in anderer Weise, bei den Engländern kaum weniger ausgebildet als bei den Indern. Aber diese Bagdadjtiden übertrumpfen sie beide. Zu wissen, welche Bagdadi-Familien man gemeinsam einladen kann, ohne mindestens eine von ihnen tödlich zu beleidigen, erfordert ein ganzes Studium. Sie sind außerordentlich zivilisiert und dabei — von wenigen Ausnahmen abgesehen — völlig unkultiviert. Es ist OSKAll BAUM: Aus einem jüdischen Merkbüchlein Mit dem Sinn der Welt ist es wie mit dem guten Willen der Menschen: Wenn man an ihn nicht glaubt, ist er auch wirklich nicht da. , Mißerfolg, Niederlage bedeuten nur dann Vernichtung, wenn sieh Hoffnung und Kraft lähmen lassen. Das Getane wird erst vergeblich, wenn man nicht wieder beginnt. Nur die Schuldigen wissen, wie schrecklich das Böse ist. Wie wäre es auch sonst zu erklären, daß sie eine so unbezwingliche Geringschätzung den Unschuldigen gegenüber empfinden? ,* Wer am wenigsten versteht, dem fällt es am leichtesten, scharf und bestimmt zu urteilen, weil er nicht merkt, wieviel gegeneinander abzinvägen ist. Seltsam nur, daß ein solches zu Oberflächlichkeit und Einseitigkeit mit unbeirrbarem Mut entschlossenes Urteil immer das größere Gewicht hat. * Unter den unglücklichen Menschen nennen wir die, die wir nicht verstehen, gemein, und die, vor denen wir uns fürchten, böse. Die Ehre ist der Schatten, den die Rechtschaffenheit wirft; darum ist sie bei denen so schwer zu unterscheiden, die im Dunkel stehen. * Nicht im Kreis, sondern in der Spirale läuft das Leben. Das können wir an der Entwicklung der Epochen wie der Tage von einem Morgen zum andern beobachten. Alles kehrt zu seinem Ausgang zurück. Aber wenn man genauer hinunmöglich, ein Gespräch mit ihnen zu führen, das irgendeinen ernsthaften Gegenstand berührt. Außer gesellschattlichem Klatsch, Kleidern, Bridge und Pferderennen interessiert sie nichts. Am Sonnabend Nachmittag die ״members enclosure“ ,der wundervollen Rennbahn von Bombay zu zieren, ist gleichzeitig gesellschaftliche Pflicht und Gesellschaftliches Kriterium; wer nicht in der Lage ist, das hohe Klubgeld zu zahlen, zählt nicht zur ״Gesellschaft“. Das alles wäre ziemlich gleichgültig, wenn Menschen dieser Art nicht das Erbe der Sassoons angetreten hätten und die Fonds verwalteten, die jene zum Besten der jiidischen Gemeinden!unterlassen haben. Die Verwaltung dieser Fonds liegt in den Händen von ״Trustees“, die keinerlei öffentlicher Kontrolle unterliegen und die an einer _ wirklieh fruchtbaren Verwendung der Gelder nicht das mindeste Interesse haben. Der Geiz dieser Leute allen jüdischen Bcdiirtnissen gegenüber ist unbeschreiblich, während gleichzeitig buchstäblich Tausende von Pfund für allgemeine ״charity“ gespendet werden, vorausgesetzt, daß man als Gegenleistung eine Einladung zum Gouverneur oder gar zum Vizekönig erhält. Es ist begreiflich, daß diese Oberschicht, soweit sic sich überhaupt für die Angelegenheiten der Gemeinde interessiert, kein Interesse hat an emem lebendigen, selbstbewußten jüdischen Leben, sondern eifrig bemüht ist, jenes Schnorrertum aufrecht zu erhalten, Das die Herren der ״Fonds“ umwinselt, um möglichst oft und möglichst viel Almosen zu erhaschen. Und da es im ganzen indischen Judentum keinen Menschen gibt, der kraft seines Wissens und seines Charakters eine Fiihrerrolle spielen und ein Gegengewicht gegen den Herrschaftsanspruch dieser ״Oberschicht“ bilden könnte, so ist es schwer, diesen Ring von Snobismus und Schnorrertum zu durchbrechen. Werdender Wiederstand Trotzdem gibt es bereits eine wenn auch zahlenmäßig noch sehr schwache Opposition, die in.-besomlere aus der sehr schmalen Mittelschicht der Bagdadjuitcn und hier wieder hauptsächlich unter der Jugend heianwädist. Ls sind naturgemäß dieselben Kreise, die überhaupt eine lebendige und konstruktive Idee vom Judentum haben und in die Tat umsetzen wollen. Es gibt hier Anfänge einer nuiioiialjiklischcn Bewegung — z. B, einen mit viel l liiigebung von jungen Leuten geleiteten Jngendbiiml ״I lahonim״, und aus diesen Kreisen rekrutieren sich auch die schwachen zionistischen Gruppen, (Fortsetzung folgt) blicht, erkennt man: F.s ist doch um ein Geringes weitergekommen, höher geruckt. Die L:kenntnis wirkt sich frei- Reh nur fruchtbar aus, wenn, von der ewigen Ra khewegung nicht entmutigt, der S hwung des Anfangs ewig gleich bleibt. Eine jüdische ״Bibliographie der Bibliographien“. Sehlotno S 1111 n a m i von der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem hat nach jahrelangen Vorarbeiten ein umfassendes Werk vorgelegt, das für die jüdische Bücherkünde etwas durchaus Neues bedeutet. Während die anderen großen Kulturvölker seit mindestens 30 Jahren ihre ersten ״Bibliographien der Bi! Iiogr, phien“ besitzen — die deutsche von Julius Petzold erschien schon im Jahre 1860, die italienische von G. Battista Montarolo im Jahre 1883, die französische von Leon Vallee im Jahre 1887 —, hat es an einem entsprechenden Werke innerhalb des Gebietes der Wissenschaft vom Judentum bisher gefehlt, da die wenigen vorhandenen Vorarbeiten weder an Umfang, noch an Grundlichkcit die Lücke atis/tifüllen vermochten. Sie ist nun durch Shimamis überaus fleißige und genaue Arbeit geschlossen worden, die im wesentlichen durch die Sammelarbeit des bishörigen Leiters der Bibliothek, Hugo Bergmann, ermöglich! wurde, wie der Autor in seinem instruktiven Vorwort hervorhebt. Das Buch bringt auf 400 Seiten 2078 N'utntnern die sich in 26 Kapitel gliedern. Die Anordnung ist höchst sinnvoll und geilt von den I ii/.yklopädien über Kataloge, Zeiischriffenliterafur tisvv. auf die eiii/elnen Lädier der jüdischen Wissenschaft über, um zuletzt Biographien, das hebräische Druckwescn und Manuskriote zu behandeln. Einige ausgezeichnete tiulices erleichtern die Benutzung. Bei vielen wichtigen Werken sind wesentliche Rezensionen vermerkt, in denen sich bibliographische Nacht! ,'!ge befinden. Man darf den Autor, die Universitätsbibliothek und den Universitätsvertag, der das vorzüglich atwgestaftete Buch herausgebracht hat, zu diesem Standardwerk beglückwünschen. Aus dem Ungarischen übertragen von Ludwig Bato 2. FortsetiuDg ]Nachdruck verboten Auch mein Vater hatte einen Esel, dieser brachte auf einem zweirädrigen Karren das Trinkwasser aus der Umgehung, von einer Bcrgquelle, da es im Dorfe fast kein genießbares Wasser gab und die Erzeugung von Sodawasser täglich ein Faß Wasser erheischte. Dieser Esel war der Liebling unserer jüdischen Gemeinde. Man nannte ihn ״den Esel des Rabbi Pinchas ben Jnir“ nach dem klugen Tiere des wundertätigen großen Tannitcn, von dem so viele Legenden erzählen und der, wiewohl er nur ein Esel war, unsterblicher geworden ist als 80 manche Leuchte der Wissenschaft. Er spürte es, wenn man von dem ihm vorgelegten Hafer vergaß, den Zehent (Mnnßer) zu gehen, und berührte ihn nicht. Er rettete seinem heiligen Herrn und noch anderen das Lehen. Unser Esel weidete am Sclinbbat auf dem grasbewachsenen Hofe der Synagoge, und wenn er während des Gebetes heftig den Kopf schüttelnd 1— a z,u rufen beginn, so hemerkte mancher, der heiteren Gemütes war: ״Der Esel des Rabbi Pinchas ben Jair sagt Amen.“ An Werktagen zog er aber mit Selbstaufopferung das schwere, große Faß über die holprige Straße, und mein Vater betrachtete stets mit stiller Teilnahme das fromme Tier. Und wenn ich zu Lag Baomer — da hatten wir ja frei — meinem Vater entgegenging und ihn aus der Ferne zwischen den grünenden St räuchern erblickte, wie er mit einem dünnen Rebenast zart das brave Tier antrieb, wobei ihm der Frühlingswind den wogenden Bart leise streichelte und flattern ließ — da wußte und fühlte ich, daß ihm im Kopfe Schwärme von heiligen Gedanken umhersummen, und für einen Augenblick erwartete ich eine Vision, daß auch jetzt wie einst eine Feuersäule vom Himmel herniedersteige und die ganze Erscheinung in Feuer hülle, wie seinerzeit den Wagen des Propheten Elia, und ich, der heiligen Vision näherkommend, große und wunderbare Geheimnisse• erlauschen werde. Geheimnisse waren ja keine seltenen Gäste bei uns. Wir begegneten ihnen gar oft hinter der ״Mittleren Fforle“, und unsere Phantasie erfüllte sich mit Funken und Regenbogen. Einen heftigen Streit gab es zwischen Rabbi Elieser und seinen Genossen, die ihn in einer halachischen Frage filier• stimmten. Es nutzte kein Argument mehr. Und Rabbi Elieser, der sich der Entscheidung der Mehrheit nicht fügen wollte, sprach: ״Wenn ich recht habe, so sei dieser Baum mein Zeuge.“ Darauf entwurzelte sich der Baum und wurde hundert Meilen weit weggeschleudert, andere behaupten sogar: vierhundert Meilen weit. Doch die Weisen erwiderten: ״Bäume kann man nicht als Zeugen anführen.“ Daraufhin sagte Rabbi Elieser: ״Wenn ich recht habe, so soll der Bach es beweisen.“ Worauf das Wasser bergauf zu fließen begann. Die Weisen erwiderten: ״Der Bach ist kein Argument.“ ״So mögen die Wände dieses Bothamidrasch es bekräftigen, wenn ich recht halse!“ — schrie Rabbi Elieser. Sofort begannen die Wände sich zu neigen. Doch Rabbi Jchoschua wies sie zurecht, indem er sie nnherrsehte: ״M unde, was habt ihr euch hineinzumengen, wenn die Gelehrten 11m die Halncha streiten?“ Da neigten sieh die M ünde aus Ehrfurcht vor Rabbi Jehosclnia nicht weiter, doch aus Ehrfurcht; vor Rabbi Elieser richteten sie sich nicht wieder aut. Und so stehen sie schräg, wie man noch heutigen Tages sehen kann. Rabbi Elieser ließ nicht nach und rief endlich: ״Wenn ich recht habe, so möge der Himmel selbst dies bestätigen!“ Nun ließ sich eine himmlische Stimme vernehmen: ״Mas streitet ihr wider Rabbi Elieser ben Hyrkanos, da er doch in allen Punkten recht hat?“ Rabbi Jchoschua sprang aber uuf und sprach: ״Nicht im Himmel ist sie, die Thora — heißt es. Sie wurde auf dem Sinai öffentlich .verkündigt, seither hört man nicht mehr auf Himmelstimmen. Und in der Thora heißt es: Die Mehrheit soll entscheiden!“ — Einige Zeit später traf Rabbi Nathan den Propheten F.lia und fragte ihn: ״M'as hat man damals im Himmel zu unserem Streit gesagt?“ F.s antwortete Elia: ״Gott hat gelächelt und die Worte gesprochen: ,Meine Kinder haben mich besiegt. .. So lasen wir dies im Kapitel ״Das Gold“ des Traktates ״Baba meziu“. Rabbi Elieser vermochte die Richtigkeit seiner Ansicht nicht zu beweisen. Aber wir Chederjungen, brauchten wir denn einen besseren Beweis dafür, daß, wenn wir die ״Mittlere Pforte“ öffnen und die Melodien des Talmuds singen, die W'ände des Cheders aufmerken und auch draußen die Bäume, die Gräser, die Blumen und der Bach horchen und sich oben zu gleicher Zeit die kleine Tür der Himmelspforte auftut und der Herr der Welt auf ans herabschaut und lächelt,...? IV. KA ITTEL Weder mein Vater noch meine Mutier hatten mir je ein Bilderbuch gebracht. Ich konnte bereits fließend lesen, ohne daß mir Robinson oder der Lederslrumpl' oder die Indianerahenteuer bekannt gewesen wären. Ich trug bereits einen Bart, als ich aus purer Neugierde in diese Bücher hineinguekte und war entsetzt, ln unserem Dorle gab es kaum jemanden, der ״Bücher“ gelesen hätte. Die heiligen Bücher, die Sforim — das war doch was anderes. Diese amüsieren nicht nur, sie belehren auch, erzählen und veredeln zu gleicher Zeit. Vor den ״Büchern" soll man sich aber in acht nehmen, wie vor dem bösen Triebe, der einen zur Sünde verführt. Man bedarf ihrer überhaupt nicht. In den heiligen Büchern gibt es Märchen, gibt es Legenden, gibt cs Abenteuer, gibt es Romane, freilich von ganz anderer Art. Meine Mutter spielte weder Klavier noch Laute, noch las sie Goethe und Schiller, Trotzdem habe ich nie eine gebildetere Frau gekannt. M’ie ein richtiggehender Gelehrter erklärte sie die heiligen Rächer nicht nur uns Kindern, auch den sich um sie scharenden Frauen, die sie wie einen Rabbi zu besuchen pflegten. Auf alles wußte sie einen Spruch ans der Bibel, dem Midrasch oder aus den Sforim, den ״Büchern“, die sie so ohne 'Titel zu zitieren pflegte. Sie war souveräne Beherrscherin eines großen und vielseitigen ,Schrifttums, dessen Sprache wohl schwer zugänglich, dessen Inhalt jedoch voll von!,eben, ewigen und wertvollen Be- Ziehungen zum!,eben steht. Mir Kinder, hatten die ״Zeena ureena“ (״Kommet und sehet!“)*) am liebsten. Auch das ist ein Buch, und zwar von den besten. M’enn am Schahbat nachmittag, während mein Vater schlummerte, denn ״der Schlaf am Schahhat ist eine Wonne“, meine gute Mutter mich auf den Schoß nahm und mir aus der ״Zeenn ureena“ vorlns oder etwas auswendig erzählte, war ich das glücklichste Kind auf Erden, Uebcrdies erzählte mir jeder ״Ojrach“ Geschichten, die geheimnisvollen Fremden, die meisten» Freitag nachmittag aus unbekannter Ferne in unser Dorf geschneit kamen und den ganzen Schahhat hei uns verbrachten. Freitag nachmittag . die Frauen, auch die Männer mußten an diesem heiligen Werke teilnehmen. Mein Vater bereitete zu Ehren des Schabbat die Kerzen im großen Mcssinglcuchter vor, den er aus Beiz**) mitgebrueht halte. Er legte die Arme, Blumen, Blü- *) Ein Erbanungshuch für Frauen in jiddischer Sprache. **) Sit* eines bekannten chassidischen ״Rebbou“.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.