Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 25 (27.3.1936)
- Date
- 1936-03-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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»1 r, >1>־ 1 f Seite 8 Fritz Mordeehai Kaufmann und das ostjüdische Volkslied Zum 15. Todestag am 27. .März Am 27. März jährl sich zum 15. Stale der Todestag von IrHz Morilechui Kaufmann. Er ivar in den letzten Vorkriegs- und ersten Xachkrit'gsjahren der Vertreter einer jung( 1 indischen Generell ton, die den 11 eg von der Assi■ rnilalion zu einem national beu'ußlen Judentum gefunden hat und sielt nicht mit einem formalen Bekenntnis begnügte, sondern dem üblichen jüdischen Organisationsbetrieb kritisch gegeniiherstund und teirklich den AnschlufS an die lebendigen Kräfte des \'!dhcs suchte und auch fand. Sein Einfluf) auf eine G'ruttpe ihm Gleichgesinnter wirkte auch über seinen allzu frühen Tod hinaus fort. Ihm ist es nicht zuletzt zu danken, duff das Verständnis für die kulturellen Wirte des Ostiudentums im Judentum Deutschlands geweckt nmrde. 1 on besonders grober Bedeutung war seine ״Entdeckung“ des!üdischen 1' olhsliedes. Hierüber informiert der nachstehende Aufsatz unserer Mitarbeiterin. Aber über dieses Teilgebiet seiner Leistung hinaus stellt Fritz Mordeehai Kaufmann eine der schönsten menschlichen Erscheinungen der Hegencrationshewegung im westlichen Judentum dar, die als Vorbild auch für unsere Zeit unvergängliche Geltung hat. (Red.) Wenn wir an die ersten Vorkämpfer der indischen Musik % ־׳ji§ denken, so steht /fit/ More vor uns . Als im J;ihre 1 .919 se i|::l ״Das jü liische Vo “ und Bf ♦ ein Jahr darauf ( Ulk Ni! iiiime!- Bi i buch: , ,Die Siluu 1*'U־n Lieder fa׳«f der ( Kt juiien" (h;;:U'N i ־n Ju- Ife - •* tlisclieu \ 1׳: Liu, I'ie!1:11) v rMjhivmi neu, 11; Uten dm-, ז \\ *. (>! tunt* 0. \; lichtinue n iur ihr U U>tji hli־;du׳ ii ־' t J m;en;l, die sich für < ׳Yjuni■־ sehe- I .!eil intcre "MurU־ , cim* י!11! ähnliche Reih, utnr!1; wie Joel!jy j * Ihn;u is Vtr<!1! rill 1! I 1111!hm .11 iur bezweckte rwti11di'׳;״lw ßer Liebt arbeitet 11 neben. zu in der t i g e \\ t das ״Hi Siegfried!. 1■ k westjtkiisrhcn Boden bereitet n Kaufmann um A״t1. ne und pai.iMineninidiai Schriften '..׳!,.itinann, der siel! iter \V1 - tinde die und i Imgabe er- , einen j limveis ie Menschen, die eh! 11 Situation Ständen wie er, auf gftlzu dieein Gebiet gelangen konnten. Durch r Jüdische Volksheim" (gegründet von Dr.!;mann), das eine Annäherung der Berliner Jugend an die ostjiklische erstrebte, war der 1 das Interesse rege, ite — iniimllicl! und schriftlich — immer wieder darauf aufmerksam, daß sich diese Lieder dem Hörer und dem Sauger nicht ohne weiteres erschließen, daß sie dem W'estjudcn nicht ohne weiteres zugänglich sind wie etwa deutsche Volkslieder; daß sie vielmehr ein gründliches Eindringen in die Gedankenwelt und die Gefühlssphäre des Ost- Juden zur Voraussetzung haben und ebenso ein Minimum von Kontakt mit dem Jiddischen. Lritz Mordeehai Kaufmanns hervorragendste Eigenschaften in Beziehung zum ostjiidisehen Volkslied war sein Instinkt für die Reinheit der Ueberlieferung, seine immerwährende Bemühung, diese Reinheit auch auf den Hörer und den Leser zu übertragen. Er unterschied zwischen wirklichem Volkslied und Operettenschlagern (die im allgemeinen für Volkslieder gehalten wurden) und vermied jegliche Begleitung; fügte nur sparsame H.annonisierungshinweise hinzu. Die jiddischen Texte wurden ebenfalls gereinigt. Kaufmann glaubte — mit Recht — nicht, an die Uebersetzbarkeit in irgendeine andere Sprache, ebenso wie er sich mehr als einmal gegen ihre konzertmäßige Darstellung aussprach. Er selber sang diese Lieder oft im Kreise seiner Freunde (zusammen mit seiner Gattin, der jetzt in Jerusalem lebenden Sängerin Rachei Kauf m a n n) mit Einfachheit, Innigkeit und Treue, ohne virtuose Prätention und auch ohne Sentimentalität oder gesuchte Maniricrtheit. ihr Eindruck war jedesmal ersehnttcrml -— uns sind diese Stunden unvergeßlich. Britz Mordeehai Kaufmann war es auch, der auf den Zusammenhang der svnagogaleu Gesänge mit dem ostjiulisehen Volkslied hinwies, wodurch sie in einem ganz neuen Licht erschienen. Bis dahin hatte inan sie selbst seitens vieler Ostjuden nur als eine ziemlich minderwertige Abart ten und Knöpfe auseinander, wischte sie zart ab, legte sic wieder zurück und stellte den Leuchter dann in die Mitte des weißgeduckten '1 isehes cor die mit einem Deckehen aus Jei'uschabt j im verhüllten ״elluchtciieti Brote. An den Kerzen schnitzte er herum, damit sie fester stehen, nachher zündete er sie an, tarn sie wieder uits/utdasen, damit sie gegen Abend, wenn die Reihe ans feierliche ״Entzünden“ der eicht gegen Andacht ungc luchter kommt, Mutter, in ihrer die Segcnssprii( he über putzte auch den Fisch, unserem Tische fehlen du Karpfen ab, wobei <1 bogens leuchteten und JÜDISCHE RUNDSCHAU des slawischen Volk!'Ades gehalten. Inzwischen ist vieles von dem, was Kaufmann damals über diese Materie aussagte, selbstverständlich geworden. Man ist sich meist nicht klar darüber, daß er cs war, der mit zuerst diese Dinge gewußt hat zumindesten bei den Westjuden; daß er bei vielen eine Entwicklung, Erforschung und Vertiefung der Materie eingeleitet hat, ohne daß man wußte, wo dieser Einfluß eigentlich herkam. Die Inhalte, die diesen Liedern zugrunde liegen, konnte Kaufmann mit dem großen Ernst und der tiefen Erschiitterung dessen erleben und weitergeben, der seinem Volke untreiwillig entfremdet war und sich mit aller innersten Kraft ihm wieder annähern wollte. Wie viele erleben diese Ursituation der Galuth heute zum erstenmal und wie wenige vermögen es, auch nur die allerersten Konsequenzen daraus zu ziehen. In Kaufmanns Schriften findet sich viel wertvolle Kritik über Sammlung, Notierung und Interpretation der ostjiidisehen Gesänge. Trotzdem wird es heute — im Zeitalter der Gramniophonanfnahme — vielleicht manchem Musikwissenschattier so scheinen, als ob sich solche Gesänge auf Grund von Phonogrammen noch exakter darstellen ließen. Uns will es aber dünken, als ob die exakte Notierung nach der lebendigen mündlichen Ueberlieferung, wie Kaufmann sie vielfach erfolgreich realisiert hat, niemals durch die Noticrung nach einer — noch so exakten — mechanischen Reproduktion ersetzt werden kann. In seinem Liederbuch bemühte sich Kaufmann, eine kleine und wesentliche Auslese zu schaffen. Die Kommentare, die in wenigen, aber sachlichen Worten alles Erforderliche beifügen, liest man immer wieder mit unendlicher Freude. Besonders wertvpll sind die chassidischcn und die Wiegenlieder. Alles, was Fritz. Kaufmann über das Thema: ostjiidisches Volkslied ausgesprochen und geschrieben hat, ist heute noch genau so lebendig und zeitgemäß wie vor fünfzehn Jahren! Alice Jacob-Loewcnson, Jerusalem Aus Fritz Mordeehai Kaufmanns Entwicklung Von Ludwig Strauß*) Die Leipziger Zeit (1910—1912 Red.) war in vieler Hinsicht entscheidend. Kaufmann hatte sich auf sein Judentum besonnen und war zum Zionismus gekommen. Damit hatte er den Gegenstand seiner Aufgabe, das jüdische Volkstum, erreicht, und bald erhellte sich auch die ihm aufgegebene Art des Wirkens an diesem Gegenstände. Bei der organisatorischen Arbeit in der Leipz.iger zionistischen Ortsgruppe kam er zum erstenmal mit Ostjuden in engere Berührung. In ihrer Religiosität, ihren Bräuchen, •ihrer Sprache, ihren Liedern erschien ihm das als geist- und bluthafte Anlage von ihm ergriffene Judentum als in der einzigen konkreten Gestalt, in der es heute eine breite Existenz hat, erschien ihm die Ostjudenheit als lebendiger Körper des Judentums. Seine alte Liebe zum Volkhaften wallte mächtig in ihm auf, diesmal daheim, dem eigenen Volk zugekchrt. Die Größe einer unverhofften Wirklichkeit dessen, was er mit dem Zionismus nur als Idee und Aufgabe gesehen hatte, riß ihn hin. Er lernte in der Leipziger und der folgenden Berliner Zeit die jiddische Sprache verstehen und sprechen, lind es war ein hochzeitliches Lernen, da alles Gelernte ihm anwuchs wie seit je zu ihm gehörig und alle neuen Worte, die ihm wurden, erstmalig aussagten, was sprachlos in ihm gewartet hatte. Er erfuhr das Leben der jüdischen Massen von heute aus Schriften und aus den Menschen um ihn gleichermaßen. Das früher gelernte Hebräisch wurde ihm nun erst wirklich, Ln der organischen Verflochtenheit mit dem Jiddischen, in der es im Osten lebt. . . . Die Zeit nach Kaufmanns Rückkehr aus dem Felde ... ist die eigentliche Zeit seines Reifens und Sichvollendens. Es vollendete sich zunächst Kaufmanns Einwachsen ins Jüdische. Er selbst hat diesen Prozeß und seine unwillkürliche Gewalt an dem Verhältnis zum Volkslied aufgewiesen. ,,Bis znm Jahre 1911 war auch ich völlig beherrscht vom deutschen Volkslied, ich sang es viel und gern, auf Wanderungen, zu Hause und allerorten und pflegte es als angenehme Ergänzung deutscher Kammermusik, die ich auch heute noch mit Freunden häufig spiele. Allmählich, seitdem ich mich dem Volke näherte, geschah dann das Seltsame, daß die deutschen Lieder mehr und mehr verdrängt wurden vom jüdischen ei aüfflackern und meine Art, mit geschlossenen Augen peuchen könne. Mein Vater tn keinem Freitagabend auf Er .schuppte den liecht oder .Schuppen im Glanze des Regenedt-tn, der in der Nähe stand, ins Gesicht und aufs Kleid sprangen. Er öffnete den Fisch, um ihn zu zerlegen und cinztisalz.en, so daß meine Mutter nur noch fürs Kochen z.u sorgen hatte. (So hielten’» auch die großen Tnnaiten im Talmud!) Und wir Kinder sahen in Vorahnung der Sthnhhntandacht der /Arbeit z.u. Mit besonderer Erwartung lauerten wir darauf, daß aus dem Fischmagen die Blase auftauehe, auf daß sie nicht zur Erde falle oder die Katze sie aulfresse. Denn es war unser Privileg, sie auf den Boden z.u werfen und nachher darauf zu treten, damit es einen ohrenbetäubenden Knall gäbe. Kam jedoch inzwischen ein ״öjruch“, Heß mein Vater alles stehen und liegen, wusch sich die Hände und begrüßte den Gast: ״Scholetn alcchetn.“ Auch ich eilte auf ihn z.u und reichte ihm die llatul: ״Scholem alcchem.״ Dann geleitete ich ihn in die ״Ojrnchstib“, ins Fremdenzimmer. Unsere Wohnung bestand bloß aus zwei Stuben; die eine jedoch war stets bereit, Gäste auf/.unehmen. Denn ״es ist eine wuchtigere Mizwa, den Fremden zu bewirten, als das Ant- Jitz. des Herrn zu empfangen״. So hielt cs auch Abraham, der Gott stellen ließ, um die drei Fremden zu empfangen. Freilich stellte sieh von diesen nachher heraus, daß sie Engel waren. .Allein von keinem Ojrnch kann man mit Sicherheit wissen, ob er nicht der auf die Erde herabgestiegene Prophet Elia sei. Ich zumindest sah ihn in jedem Fremden und betrachtete mit Ehrfurcht jeden Ojrach. Kaum hatten wir uns angefreundet, da flehte ich ihn auch schon um ein Märchen an. Der Gast war in der Regel freigiebig und legte gerne los. Freilich erzählte er nicht von Robinson noch von I.ederstrumpf, sondern von den Dingen um die geheimen Heiligen, von denen ich wußte, daß sie keine Märchen, sondern Wirklichkeit sind.... Wie könnte auch die Welt bestehen, wenn es keine sechsunddreißig Heilige gäbe, die ״Lnmcdwaw Zadikim“, die auf verhörgenen unterirdischen Wegen Zusammenkommen, um das Ge- Nr. 25, 27. III. 1936 Volkslied. Nicht, als ob ich sie heute weniger schätze oder etwa einen Akt bewußter Enthaltung gegen sie ausgeübt hätte; solch krampfhafter Nationalismus in Angelegenheiten des Gefühls und der Empfindung ist mir fremd; aber innerlieh, im _Unbewußten, sind mir die deutschen Lieder seit etwa drei Jahren wie abgestorben. Es kommt jetzt häufiger noch als früher vor, daß ich tmbewußt ein Lied vor mich hin brumme; ein deutsches stiehlt sich aber seit Jahren bei mir nicht mehr heraus; stets ist es ein jüdischer ,nigen‘ oder ein jüdisches Volkslied.‘• (Blauweili-Blätter, April 1919.) Zugleich wurden seine jüdischen Erkenntnisse immer substantieller. Hatten sie sieh früher vornehmlich auf das Verhältnis des jüdischen Menschen zum Leben seiner Nation bezogen, so nahmen sie mm Erscheinungen und Wesenskräfte dieses Lebens selbst, vor allem des kulturellen, zum Gegenstand. Kaufmann schuf erst die Ansätze zu einer jüdischen literarischen Kritik. Während keiner von den früheren Betrachten! der jiddischen Literatur über die Untersuchung ihrer milieuhafteii, soziologischen und psychologischen Eiemente entscheidend liinausgegaiigen war, drang er zur Erkenntnis der dichterischen Bonn als Ausdruck persönlicher und nationaler Wesenheit vor. Er konnte es, weil ihm selbst die Gnade der Form zuteil geworden war. Wer Kaufmanns frühe 'Aufsätze liest, wird an dCT Sprache den Menschen erkennen: maßlos im Ausdruck für sein Lieben und Verwerfen, im Bildhaften unruhig schweifend und mehr heftig als organisch, proklamntorisch hart und scharf, oft achtlos in der Form, da alles am Gehalt liegt. Der Acltere, der für diesen Gehalt nicht so sehr mehr kämpft, als seine mächtige Existenz in der eigenen Seele ausdrückt, ist Bildner der Sprache, bildet sie wie diese gereifte Seele selber, breit und fest im Bau, in Rhythmus, Gleichnis und Begriff sicher und klar. So war Kaufmann geistig zur Vollendüng gekommen, das Unbändige seiner Jugend in Mali und Gestalt gebannt, die kämpferischen Energien ins Sachliche umgdenkt und nur von ihm aus, wo es nottat, kräftig nach außen gewandt. Seine Beziehung zu Kunst,!Dichtung und Musik, früher ganz, auf die Intensität des Erlebnisses angewiesen, war, ohne an solcher Intensität ärmer geworden zu sein, streng und sondernd auf die gültige Leistung gerichtet. Konnte seine Gabe des Erkennens sich min an ihr völlig gemäßen Gegenständen auswirken, so konnte es die des Ürganisiercns nicht minder. Das Nebeneinander des Dienstes an den sublimen geistigen Werten der Judenheit und der Hilfe, die er ihren wunden und bedrohten Gliedern erwies, drückte vollkommen seine Liebe zum Volke aus: Liebe, die keinem bloßen Begriff noch einer bloßen Masse galt, vielmehr dem ungeheuren Organismus, der in Geist und Gliedern gleicherweise schaffend lebt. *) Aus der Einleitung zu Fritz Mordeehai Kaufmann; ״Gesammelte Schriften“, Berlin 1923 (E Laub'sche Verlagsbuchhandhmg). schick des Alls zu lenken, nach außen hin jedoch in der Maske einfacher, unwissender und einfältiger Menschen auftreten. .. . Vielleicht ist dieser Ojrach ein Lamedwaw Zadik, einer der sechsunddreißig.. .. Mit vier bis fünf .fahren konnte ich übrigens auch schon ungarisch lesen. Nicht mein Vater brachte cs mir bei, er lehrte mich nur hebräisch. Ich erlernte das Ungarische selbst, nicht in der Schule, sondern im Laden. Dort standen nebeneinander viele Gläser und Schubladen; für Kandiszucker, für Bärcnzueker, für Würfelzucker, für Wurmzucker usw. Ich wußte damals noch nicht, was diese Hioroelyphen bedeuten und wie der bekannte französische Gclehrte hieß, der auf Grund der Wiederholung gewisser Wörter das Rätsel der Bildschrift entzifferte. Soviel war mir aber auch schon bekannt, was die Schubladen und Gläser enthielten, auf denen das süße Wort Zucker prangte. Ich wußte es aus den geheimen Wallfahrten, die ich in unbewachten .Augenblicken nach diesen gesegneten Gläsern und Schubladen zu unternehmen pflegte. Und ich kann behaupten, daß mir ebenfalls reiche persönliche Erfahrungen die verschiedenen Eigenschaftswörter des Zuckers z.u enträtseln halfen. Mit demselben System löste ich die Hieroflypben des grünen Kaffees, des gebrannten Kaffees, des ,rnnck-Kaffces und der übrigen Schubladen des Ladens, deren Sinn mir nicht lange Rätsel bleiben konnte. Mit Hilfe einer ähnlichen praktischen Methode erlernte ich aus den im kleinen Dorfladcn durehgeführlen ״Transaktionen“ die vier Grundlagen des Rechnens: das Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren. Und als ich mit sechs Jahren in die römisch-katholische Volksschule des Dorfes eingeschrieben wurde und die ganze Klasse unter Leitung des f׳chrers im Chor singen mußte: ״ir-ur-ri-ru“ und ״einmal eins ist eins“ — verließ ich die Klasse am Ende der Stunde enttäuscht und um eine Illusion ärmer und verglich, wie es doch ganz anders ist, was wir im Cheder lernen. Erstens, wie ganz, anders die Melodie klingt. Nicht zwei langweilige Takte, wie ״ir-ur-ri-ru“, sondern Melodien für ein ganzes Orchester mit Senkungen und Hebungen, mit Trübseligkeiten und Jauchzen. Und welche Dummheit ist das nur: ״ur-ir-ri-ru?“ Hat das einen Sinn? Und daß einmal eins eins, zweimal eins zwei ist, weiß doch jeder, und es braucht nicht so oft gesungen zu werden. Dagegen gibt es wunderbare Dinge im •Cheder hinter der ״Mittleren Pforte“. ״Wenn jemand einen vergoldeten Talit findet!“... Oder ״wenn jemand Kahn gefahren ist und Fische ins Boot gesprungen sind, gehört ihm der Fisch?“ Oder eine so schöne Erklärung wie; ״Du sollst gebend geben dem Armen — warum die Wiederholung: gebend geben? Gib den Armem deiner Gemeinde, Der akademische Hilfsrat für ausgewanderte Gelehrte gibt bekannt, daß er von den Testamentsvollstreckern für den Nachlaß von Miß Ria Bonn icke 1000 Pfund für seine Llilfsarbeit erhalten habe. In den Schriften der Polnischen Akademie der Wissenschäften erschien von Dr. Abraham Heschcl ein Buch über ״Die Prophetie“, das durch den Erich Reiß Verlag, Berlin W15, zu beziehen ist. 1 Jüdische Elfern j i Zum ersten Schulgang und anläßlich der |! | Versetzung tragt Eure Kinder ein in das |! Sejer Hajeled | E Die Aufnahme in ״Das Buch des Kindes* | E (mit Lichtbild) erfolgt im Hauptbüro des | E KKL in Jerusalem. Näheres bei den Ver- | E trauensleuten und bei der Zentrale des | | KEREN KAJF.ME1H LEJISRAEL j E Berlin 11? 75, Meinekestmße iO | Postschedckonto: Berlin 282 47 | J111111111111111! 111 | 111111111 | l!1111111 llll III.111)11■ןI I II l:t;l IIII I I l'l!lil!|i|Hllllll8lwS auch den Armen anderer Gemeinden geizend.“ Wir machten auch keinen Unterschied zwischen arm und arm. Für uns waren sie alle Gäste. Der arme Jude des Dorfes pflegte am Freitag den Schalet in zwei kleinen Schalen, die halbleer waren, in unseren Herd zu schicken. Da traf ich meine Mutter öfter dabei, wie sie aus dem eigenen Topf ein wenig Fleisch oder Mehlspeise in das Gefäß der Arm«*» hinüberstahl. Mögen sie glauben; der Segen sei hineingeraten. Und erst ein so großartiger Meinungsstreit, wie z. B.t ״Wenn jemand Nachlese hielt und sich im Gedanken sagte, ich werde es lleuben gehen, und er begegnete nachher einem andern Armen, Simon, so durfte er nach Rabbi Elieser nicht die Nachlese ihm gehen, da. er sie im Gedanke*» bereits für Reuben mit Beschlag belegt hatte, daher sie dessen Eigentum ist. Nach den anderen Weisen sei jedoch ein Armer wie der andere, daher könne er sie auch Simon geben. Wie großartig war es bloß als Vorstellung; Wenn es zutn Beispiel Rothschild (von Rothschild hatten wir natürlich schon damals gehört) einfiele, die Hälfte seines Vermögens meinem Vater, Reh Mojsche Klein, zu gehen. Sollte dieser Gedanke einmal nur einen /Augenblick durch sein Hirn huschen, so könnte er es nach der Vorschrift nicht mehr rückgängig machen, und Reh Mojsche wäre ein reicher Mann, der seinen frommen Wasserträger von einem Esel in den Ruhestand versetzen könnte. Das war schön! ... Man könnte in unserem Hole einen artesischen Brunne*» bohren, wie beim Ile 11 Baron in Csercpes und vielleicht den Leuten in Pata auch eine neue Schul bauen. Oder wie schön hieß es nur: ״Man soll behilflich sein, die Last vom Tiere abzuladen, sei es das Tier eines Juden, sei es das Tier eines Heiden.“ Von einem Ticrsehutzverein haften wir noch niemals gehört. Aber das gefiel uns ganz entschieden. ״Zaar baal chnjim deorajta“ — lernten wir — ״die Thora verbietet die Tierquälerei.“ Wenn mein Vater gegen Abend aus Gvöngvös nach Hause kam, lief ich ihm entgegen, um beim ״Abladen“ behilflich zu sein. Ist es doch nicht nur ein Vergnügen, sondern auch eine ״Miz.wc". Ganz abgesehen davon, daß man hierbei am bequemsten erforschen kann, was für Neuigkeiten und was für Süßigkeiten er aus der Stadt mitbrachte. Geschenke oder Andenken brachte uns der Vater niemals aus der Stadt mit. Wir erwarteten es gar nicht. Wußten wir doch, daß er viele Sorgen halte, um in verschiedenen Geschäften all das zu besorgen, was für den Laden notwendig war. (Fortsetzung folgt.)