Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1936)
- Date
- 1936-03-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite tO JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 24, 24. III. 1936 Palästinensische Wanderungen*) Frühlingsfahrt nach Um-Kejss Die Araber in Palästina Von M. Kopeljuk Mit der folgenden Veröffentlichung setzen wir die in Nr. 8 und 14 begonnene Artikelserie fort, die unseren Lesern ein Bild der Sitten, Gebräuche und Denkungsart der Ara!>er, mit denen die fiidischen Einwanderer in Palästina nachbarlich zusammvnzulehen haben, geben soll. Wir empfehlen insbesondere das nachstehende Kapitel der Beachtung aller jüdischen Einwohner Palästinas und Touristen, da aus der Unkenntnis der arabischen Anschauungen häufig unliebsame Kon• flikte erwachsen, die leicht zu vermeiden wären. (Red.) Die transjordanischen Berge, die sich wie eine Kulisse jenseits des Jordantales erheben, sind von mehreren Quertälern durchfurcht. Das erste Tal südlich vom Tiberiassee und nahe bei diesem ist das Jarinuktal; das nächste, etwa 5 km weiter südlich, ist das Wadi e 1 A r a b. Auf der schmalen Wasserscheide /wischen beiden Tälern liegt, bOO m über der Talsohle und 400 m über dem Meeres• Spiegel, das arabische Dorf Um-Kejss. Es war ein richtiger palästinensischer Frühlingstag — blauer Himmel, warme Sonne, kühler Wind — als wir mittags von Haifa losfuhren, Gleich außerhalb der Stadt begann der Blumenreichtum; rot, gelb, grün und blau leuchtete es von allen Seiten. Je näher wir dem Jordantale kamen, um so mehr verdichtete sich dieser Reichtum zu einer noch nie gesehenen Blumenfülle. So weit das Auge reichte, wogte cs von Blumen, Ganze Teppiche von verschiedenen Farben waren über die Landschaft gebreitet. Wir bogen ins Jarmuktal ein nach Ei Cliama, das trotz seiner leichten Erreichbarkeit (der arabische Autobus fährt von Tiberias eine knappe halbe Stunde und kostet nur 4>s Piaster) noch a'.i/u wenig bekannt ist. Hoch über der romantischen Sch'u.’ht führt die Straße. Tief unten rauscht der Jarmuk zwischen senkrechten Felswänden, begleitet von der Bahnlinie nach Damaskus (Hcdschasbahn) und über• spannt von den eisernen < »0:11 1־0 י dreier Eisenbahnbrücken. Der Badeort Fl C11 a 11! a hegt in einem engen Talkessel, rings umgehen von hohe5; ״? gen. Er gehört noch zu Palästina, wahrend die Berge z.1: Lanken bereits syrisch, die Berge zur Rechten transiordniiNrii said. Hoch oben auf den transjordanischen Bergen lag einst die Stadt ü a d e r, zu den zehn griechischen Städten (Dekapolis) gehörend, die von Baalbek bis Petra über das ganze Ostjordanland verstreut waren. Nach dieser Stadt hieb El Chama im Altertum Chamej Ci a d e r, die heißen (Quellen von CiadCr. Eine Straße führte von der Stadt zu den Bulern herab; sogar ein unterirdischer (dang soll von oben heruntergefuhrt haben, um die Badegäste vor der Sommerhitze zu schützen, die hier, fast 200 in unter dem Meeresspiegel, sehr groß ist. Als wir das letzte Mal im Sommer hier waren, waren die Berge völlig kahl und schneeweiß; in sie eingebettet lag wie ein Juwel die grüne Talsohle von El Chama. Diesmal aber war es, als ob ein Zauber aus 1001 Nacht hier gewirkt hätte; die ganzen Berge, von unten bis oben, waren mit einer bunten Blumenhtille überzogen. Gegenüber den Resten des alten Amphitheaters, das am Abhang eines kleinen Hügels mitten im Talkessel zwischen den heißen Quellen erbaut war, verließen wir am späten Nachmittag unser ,Auto und stiegen in gemächlicher Steigung nach Um-Kejss, dem arabischen Dorf auf den Trümmern von ()ader, hinauf. Immer hoher wucherte die Blumcnfülle um uns herum, Sir teilte sieh vor uns und schloß sich hinter uns wie ein Kornfeld. Schon verschwanden in ihr die weidenden Zicgenlierden der Beduinen, und je hoher wir kamen, desto tiefer versanken auch wir in den Blumen, bis wir zuletzt nur noch mit den Köpfen lierausragten. Kein Wunder, daß wir da den Weg verloren und uns verirrten. Der kurzen Dämmerung folgte schnell die Nacht. Wir schickten Kundschafter aus auf die Höhe des Berges, um nach dem Dorf Um-Kejss Ausschau zu halten, dem! hier in den Blumen konnten wir nicht übernachten, es war zu feucht und der Duft war zu stark. Bald war der letzte Schein des scheidenden Tages hinter den palästinensischen Bergen verschwunden; über uns leuchtete der Sternenhimmel in herrlicher Klarheit, unter uns schimmerten die Lichter von El Chama, ganz in der Ferne draußen in der Ebene die Lichter von Tiberias. Unsere Kundschafter kamen zurück, sie hatten das Dorf nicht gefunden, wir waren zu weit nach iinks abgekommen. So mußten wir denn in ein steiles Wadi zu unserer Rechten hinuntcrklcttem, was in der tiefen Dunkelheit nicht leicht war, aber trotz mehrmaligen Rutschens ohne Unfall, vonstatten ging. Der Aufstieg auf der anderen ■Seite war leichter, und wir fanden auch bald die alte Sttaße, der wir nun aufwärts folgten. ״Scheket“ hieß jetzt die Parole, ״leise sein'1, denn Um- Kejss ist als unfreundliches Dorf bekannt, wir durften nicht zu früh die Aufmerksamkeit auf uns lenken und uns der Gefahr von Suiiiuiufcn aussetzen. So schickten wir denn wieder eine Gruppe um \ icr Mann vor, die dem Muchfar, dem Bürgermeister, unsere Ankunft melden und ihn um seine Finladiiu; und um Na ■1:!.;inr'.ier bitten sollten. Langsam folgten war auf der kurvenreichen, nur wenig ansteigenden Straße. AB die schwachen Lichter 11 es Dorfes in Sicht kamen, ertönte \ iclstimmiges I Imtdegebell — ein Zeichen, daß unsere 1 eute beredangekommen waren. Wir mußten lange warten. [Unter dem Dort verkündete der heller werdende Himmel das 1B rannahen dos Mondes. Endlich kamen die vier zurück, begleitet von einem jungen Araber, und iibcrbi achten die Finladung des Muchtar. Als wir in das Dort!-.amen, stand hinter ihm unheimlich groß und gelbleucht׳ ml der Mond. F.iu arabischer Reiter sprach uns Hebritisch an — er hatte in einem Pardess im Scharon gearbeitet und Hebräisch gelernt. Dann betraten wir das Bcjt Muchtar, das Gemeindehaus, Es war ein hoher viereckiger Raum mit kahlen Lehmwänden und!.inen! Davit au- Rohrgefleeht, notdürftig erhellt von einer auf 1 inan I>1 ifuß stehenden Petroleumlampe, ln der Mitte war auf dem Buden eine Feucrstclle mit glühenden Holzkohlen und drei Kaffeekannen aus Messing. Vor der Feuerstelle saß auf dem Boden der Muchtar, ein schöner schweigsamer .Mann von etwa vierzig Jahren mit kurzem schwarzem Bart, eingdutlit in eine braune Abaje und eine rotkarierte Kefijc (arabischer!Mantel und Kopftuch), neben ihm eine Reiht ähnlicher schweigsamer Gestalten. Sie waren gekommen, um sieh vom Muchtar, dem Schriftgelelirtcn des Dorfes, Urkunden seitreiben zu Sassen, die sie dann mit ihrem Fingerabdruck an Melle ihrer Unterschrift signierten. Der Muchtar winkte uns, Platz zu nehmen. Wir setzten lins leidtfalls auf den Boden, auf die drei freien Seiten der euerstcllc. Eingedenk der Unterweisung, die wir unterwegs bekommen hatten, nichts zu tun, wozu uns nicht unser Gastgeher aufforderte, blieben auch wir zunächst schweigsam und unbeweglich. Das halbe Dorf drängte sich inzwischen an der Tür und betrachtete uns, ebenfalls schweigsam. Nur zögernd kam die Unterhaltung in Fluß. Einige Araber erzählten, daß sie schon in Haifa gearbeitet hatten, und fragten nach dem und jenem. Wir erzählten von unserm bisherigen Weg und wohin wir morgen zu gehen gedächten. Endlich forderte uns der Muchtar auf, unsere Rucksäcke auszupackcn und zu essen. Nach dem Essen lud er uns ein, ilim und seinen Leuten etwas vornisingen. Wir sangen ein paar hebräische 1 ieder im Chor: die Stimmung wurde etwas lebendiger und fcmütlicher, und die Araber klatschten mit den Händen den *kt. Inzwischen war es 1! Uhr geworden, unsere Gastgeber erhoben sich, wir begleiteten sie hinaus und führten ihnen im Mondschein noch eine Horra vor. Dann legten wir uns auf Strohmatten zur Ruhe. Am nächsten Morgen hot sielt uns ein überraschend schöner Ausblick: Zu unseren Füßen lag das jarmuk- *) Siehe die Artikel in Nr. 57. 64, 74, 83, 96 (1934) und Nr. 4, 65, 70, 89 (1935). 4. Sitten und Ethik Obwohl, besonders nach dem Weltkriege, die Verbindüng zwischen Palästina und Europa viel enger geworden ist, beruhen die Sitten und Gebräuche unter den Arabern auch heute noch aut der alten Tradition, die einen patriarchalischen, halb feudalistischen Zug hat. Das wesentliche Meikmal in den Beziehungen zwischen dem Araber und seinem Nächsten ist die sorgfältigste Wahrung der persönliehen und der F a tn i 1 i e 11 e h r e, die Achtung vor dem Alter und den Vertretern der Religion und ein tiefer Respekt vor dem Reichen und Mächtigen. Die besondere Stellung der Frau in der moslemischen Gesellschaft ist wiederum für alle jene Beziehungen, Ansichten und Vorstellungen verantwortlich, die in den Augen des europäischen Mensehen, der an freie Beziehungen zwischen Mann und Frau gewöhnt ist, sonderbar erscheinen. Die palästinensischen Araber, die in ihrer großen Mehrheit ihre Kultur und Ethik aus diesen spezifischen Quellen schöpten und auf die Erhaltung ihrer religiösen Tradition bcdacht sind, stehen europäischen Begriffen in der Regel Iretnd gegenüber. Das gilt nicht nur für den Fellachen, sondern auch für die meisten Städter, obwohl sie mit Europäern in Berührung sind und sie mit der europäischen Kultur (oder was sie dafür halten) Kontakt haben. Daher ist es sehr wichtig, daß die neuen Einwanderer, die zum Srößtcn Teil aus Europa kommen und von dort bestimmte ewohnheiten mitbringen — wobei es unwichtig ist, ob diese gut oder schlecht sind —, sich bewußt werden, daß sie in ein Land kommen, in dein die nichtjüdische Bevölkerung eine besondere Art des Denkens besitzt, die sich in dem Betragen jedes Einzelnen äußert. Vielfach sind unsere Sitten für uns etwas Natürliches und Selbstverständliches, während sie bei den anderen als grobe Sittenlosigk e i t angesehen werden, wie sie nur ein Barbar begeht. Der Fellache, der Dörfler, der die Mehrheit der arabischen Bevölkerung im Lande ausmacht, ist in der Regel ein friedlicher Mensch, der seine Arbeit und Ruhe liebt und vor dem Fremden (auch wenn er kein Moslem ist) Achtung hat. Er wird sich bemühen, ihm den Aufenthalt an einem fremden Orte angenehm zu machen, wie es im Orient seit jeher Sitte ist. Der Autor dieses Artikels und andere, die in den arabischen Dörfern oder unter den Beduinenstämmcn umherw׳anderten, um Material für wissenschaftliche Arbeiten zu sammeln, sind allein und zu Fuß über lange Strecken gewandert, ohne daß ihnen etwas Böses zustieß. Sic wurden im Gegenteil mit großer Gasttrcundlichkeit und Herzlichkeit aufgenommen. Freilich hatten wir bei diesen Streifzügen für uns die Kenntnis der arabischen Sprache und der arabischen Sitten. Damit wurde das Mißtrauen gegen den Fremden beschwichtigt und die Grundlage für eine gute Beziehung gegeben, ln den letzten Jahren hat sich die Situation verschlechtert und die Wanderungen in arabischen Gegenden sind auch für uns unangenehm geworden. Man spürt überall die Agitation der arabischen Politiker, die auf religiösen Grundlagen geführt wird (״die Juden wollen den Moslems ihre heiligen Stätten rauben") oder mit extremistisch-politischen Argumenten (״die Juden werden alle Schätze des Landes erobern und damit den Untergang der Araber erzwingen“). Auch heute noch gibt es eine Anzahl von Dörfern und Städtchen, in denen der Einfluß der zügellosen Propaganda weniger spürbar ist, aber überall findet man die Anhänger der Partei des Mufti oder der radikalen Jugendorganisation, die den Juden hassen und ihn entweder als Feind des Islam oder dc-s arabischen Volkes ansehen, der es vertreiben und vernichten will. Aus dieser Situation ergibt sich, daß man von Wander ungen von Einzelnen oder auch von klei- 11en Gruppen in arabischen Gegenden abraten muß. Näherer Kontakt zwischen Mädchen und Burschen ist für den Araber gleichbedeutend mit Dirnentum. Auch aut die Kleidung ist besondere Rücksicht zu nehmen. Der Körper muß so weit als möglich bedeckt sein, kurze Hosen bei Frauen sind zu vermeiden. Ein freies Benehmen zwischen Männern und Frauen, selbst in den bei Europäern üblichen Grenzen, führt zur Verachtung der Besucher unter den Arabern und erregt starke Empörung. Im allgemeinen gestattet die moslemische Tradition auch dem Nicht-Moslem den Zutritt in die Moscheen und zu den heiligen Stätten. Der Besucher hat vor dem Eintritt seine Schuhe abzulegen. In Strümpfen darf man das Heiligtum betreten. Den Boden der Moschee in Schuhen zu betreten, ist eine Entweihung des Ortes. In jedem l'alle ist zurückhaltendes Benehmen bei Besuchen in Moscheen und Christliehen Kirchen geboten. Während des Gebetes ist Fremden das Betreten der Moscheen untersagt. Das laute Benehmen und die lärmenden Freudenausbrache, die bei einem Teil der jüdischen Jugend üblich sind, ohne daß man sich etwas dabei denkt, machen bei Besuchen in arabischen Städten oder!Dörfern einen schlechten Eindruck auf die Bevölkerung und liefern vielfach Stoff für tendenziöse Berichterstattung in den billigen arabischen tal, vielgestaltig durch seine zahlreichen Schluchten; gerade unter uns lag El Chama. Ueber den jenseitigen Bergen erstrahlte das schneebedeckte breite Hcrmonmassiv in der aufgehenden Sonne. Links von ihm, weit im Hintergrund, breitete sich die schneebedeckte Kette des Libanon aus. Noch weiter links, über dem Tatausgang, lag vor den hohen galiläischcn Bergen nahe die große dunkle Fläche des Tiberiassees. Der Ausblick nach Westen ins Jordantal war uns durch einen vorgelagerten Höhenzug verdeckt, nur der Tabor schaute darüber hinaus. Nach Süden zu öffnete sich bereits das Wadi el Arab. Unter Führung eines Arabers besichtigten wir die Ruinen des Amphitheaters. Noch ein zweites kleineres zeigte er uns, zu dein wir auf einem Feldweg gelangten, der nach den überall herumliegenden Säulcnstiickcn und korinthischen Kapiteilen zu schließen einst eine von Säulenhallen flankierte Straße gewesen sein muß. Die übrigen Reste der Stadt liegen unter wiesen und Aeckcrn vergrauen. Dann stiegen wir nach Süden hinab in ein Labyrinth kleiner Wadis, die in das große Ta! des Wadi cl Arab münden. An der Vereinigung zweier solcher Wadis rasteten wir an einer Felscnquelle; das mannshohe Felsentor war zugemauert und mit zwei Wasserhähnen versehen, wodurch das Wasser im Innern der Höhle zu einem kühlen Reservoir Blättern. Freilich kann man auch oft beobachten, wie sich Fellachen an einer ״Horrah“ der jungen Wanderer freuen und wie sie dann ihrerseits ihre Kunst im Tanze der ״Debka" zeigen. (Ein viel verbreiteter Fellachentanz, von dem die bekannte palästinensische Horrah abgeleitet ist.) Aber man muß sich immer bewußt bleiben, wo und wann etwas angebracht ist — die erfahrenen Führer wissen auch in dieser Beziehung meistens Bescheid. Bei den Arabern ist die Art der Begrüßung ein Prütstein für den Charakter des Besuchers. Die arabische Begrüßung, die sehr lang und stilisiert ist, spielt bei Begegnungen zwischen zwei Arabern und bei Besuchen eine große Rolle. Es ist nicht leicht für jemanden, der nicht jahrelang unter Arabern gelebt hat, alle Regeln det Begrüßung una auch nur alle ihre Formeln zu kennen, zu wissen, wer den Vortritt hat, was auf diese oder jene Anrede zu ant- Worten ist usw.!Das Wissen um diese Dinge ist für Immir a n t e n, die in ein Land mit einer großen arabischen evölkerung kommen, sehr wichtig, aber man erwirbt es erst nach längerem Aufenthalt. Einen Araber, den man nicht kennt, braucht man nicht zu begrüßen. Sagt der Araber ״Marchaba“ (Willkommen), so ist die vorgcschricbene Antwort ״Marchabaten* (Doppelt willkommen). Vielfach benutzen Neulinge als Gruß die Worte ״Salem aleikum“ (entsprechend dem hebräischen Sciialom aleichem, Friede mit dir). Diese Formel sollte nicht benutzt werden, da sie nur bei Moslems unter sich gilt. Der Moslem wird sie nie für einen Juden, nicht einmal für einen christlichen Araber benutzen. Er wird für diese den unerschöpflichen Schatz seiner Begrüßungsformeln verwenden, aber niemals diese, die nur für die Gläubigen bestimmt ist. Es sei noch bemerkt, daß sich in das palästinensische Hebräisch eine Anzahl von arabischen Schinipfwortcn eingeschlichen hat, die der Neuling benutzt, ohne sie recht zu verstehen. Aus dieser Gewohnheit ergeben sich gelegentlich peinliche gerichtliche Nachspiele. Der Neuling sollte sich vorsehen und Ausdrücke erst dann benutzen, wenn er ihren Sinn und ihre Bedeutung voll versteht*). Ein Mann, der ein städtisches moslemisches Haus betritt, soll sich bemühen, den Frauen des Hauses nicht zu begegnen. Zu diesem Zweck muß er den eisernen Türklopfer in Form einer Hand benutzen, der an den meisten Türen und Hoftoren befestigt ist. Damit wird den Frauen des Hauses Zeit gegeben, sich 111 das Zimmer oder den Teil des Hauses zuriiekzuziehen, den der Fremde nicht erblicken kann. Jeder Neuling muß dieses Gesetz, daß er Begegnungen mit moslemischen Frauen und Mädchen zu meiden hat, genau beachten, damit Mißverständnisse und falsche Situationen vermieden werden. Unter der arabischen Bevölkerung auf dem Lande bestehen noch Reste der beduinischen Auffassung, daß es kein Vergehen ist, wenn man einen vorüberziehendeu Fremden beraubt. Dieser Fremde kann sogar ein Glaubensgenosse sein, wenn er nur kein Angehöriger des eigenen Dorfes oder Stammes ist. (Ein Mitglied des eigenen Stammes zu berauben, gereicht unter den arabischen Stämmen zu Schande und Spott.) Noch viel eher ist dieser Raub gestattet, wenn der Fremde ein ״Ungläubiger“ ist. (Arabisch ״Kafir“ entspricht dem Hebräischen ״Kofer“.) Fügt man zu diesen Auffassungen noch die starke religiöse und politische Agitation gegen die Juden hinzu, so versteht man leicht, daß man sich der größten Gefahr aussetzt, wenn man als Einzelner über Land geht. Besonders groß ist die Gefahr für die Frau: Die strenge Trennung zwischen den Geschlechtern unter den Moslems und die Höhe des ״Mohär“ (die Summe, die der Verlobte dem Vater oder dein Bruder der Braut zu zahlen hat) bringen es mit sich, daß jede Frau, die sich allein im arabischen Gebiet auf den Weg begibt, ihre Ehre gefährdet. Die Begleitung eines einzelnen Mannes ist nicht immer ein genügender Schutz. Oft muß er den Willen, die Ehre seiner Begleiterin zu verteidigen, mit seinem Leben bezahlen. Für das tägliche Benehmen hat der Araber, wie gesagt, teste Regeln: Wie man sich begrüßt, sich bedankt, sich entschuldigt, wie man ißt und sich in Gesellschaft benimmt. Unter sich achten die Araber genau auf die Einhaltung dieser Regeln. Einem Fremden gegenüber herrscht größere Toleranz, aber cs gibt bestimmte Gebräuche, deren Verletzung auch durch einen Fremden als ein schwerer Verstoß oder gar als Barbarei betrachtet wird. Das Studium dieser Sitten, von denen manche eine innere Logik und Schönheit der Tra- 'dition aufweisen, ist für d e Juden, die Bürger dieses Landes werden wollen, unerläßlich. Es sei zum Schluß nochmals betont, daß vorsichtiges Benehmen geboten ist und man sich vor solchen Dingen hüten soll, die als eine Verletzung der Sitten des Nachbarvoikes ausgelegt werden können. *) Es ist interessant, daß vielfach in den Städten der Araber den Juden mit ״Schalom“ begrüßt. Sagt ihm ein Jude Schalom, so antwortet er ihm ״Sclilomen“ (doppelt Schalom) oder im Scherz ״Schalom imus“ (eineinhalbmal Schalom). gestaut wurde; der Ueberfluß floß durch ein Loch oben in der Mauer ab. 1111 Wadi el Arab hatte der gleiche Friihlingszauber gewirkt wie im Jarmuktal. Was bei unserm letzten Besuch 1m Sommer trostlose weiße Oede war, war jetzt weit und breit mit einer dichten bunten Blumer.lüille überwuchert. Das Tal hatte hier große Achnlichkeit mit dem Ausgang des Ziller- und Oetztales. Stundenlang wanderten wir durch das Blumcngestrüpp talabwärts, einem kleinen Flüßchen entlang, das wir sechsmal überspringen mußten, wobei wir alle sechs Male zum allgemeinen Hallo mitten liineinplatschtcn. Auch wo die Formen des Tales romantischer wurden, waren sie durch die üppige Blumenfülle gemildert. Vom Ausgang des Wadi el Arab führt eine schnurgerade staubige Straße etwa. 4 •km lang quer durch das Jordantal nach Gescher-Naharajim, den ersten jüdischen Dörfern jenseits der Jordangrenze. Eine Viertelstunde nördlich davon liegt Tel Or mit dem Stausee des Ruthenberg-Kraftwerkes, in dem wir baden wollten. Die Straße war, um in der Touristensprache zu reden, ein richtiger ״Schlauch“. Es war heiß, wir waren müde und schleppten uns stumpfsinnig weiter, scheinbar ohne vom Fleck zu kommen. Halb rechts vor uns lag T e 1 O r mit seinem weißen Wasserturm und seinen dunklen Hausdächern. Sollten wir wirklich den Um-