Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1936)
- Date
- 1936-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 24, 24. MAERZ 1936 PAlÄSTINÄ-BlÄTT Regierung und Wirtschaft Von Dr. Ernst Aschner, Haifa Richtung Aslenl Das lebhafte Echo auf die Darlegungen rum Thema ,Fernost und Palästina“ (in Nr. 5 der ״J. R.“ 1936) beweist die Aufgeschlossenheit weiter jüdischer Kreise für diese Frage. Daß ihre Erörterung zeitgemäß und dringlich ist, erhärten die zwischenzeitlichen Vorgänge auf dem asiatischen und afrikanischen Kontinent. (Nationale Unruhen in Syrien, Marokko, I unis, Militär-Revolte in Japan.) Damm darf cs aber auch bei dieser ersten öffentlichen Auscinandersetzung über das Für und Wider dieser Erwägungen und Forderungen nicht sein Bewenden haben. ״Schon dämmerts irn Osten: wie stehts mit der Arbeit?“ — zitiert M. Y. Ben-Gavrid zur rechten Stunde ein Wort Dsehung-tses. Darum sei versucht, in Ergänzung der vorigen Anregung etwas bestimmter darzutun, wie jenes Einpassen in dm Rhythmus Asiens uns Juden in der Urheimat möglich sei. In dreifacher Methodik sollten zunächst unsere Versuche, "an einer gesunden Beziehung zur Welt Asiens tätig zu wirken, angesetzt werden. All diese Versuche sind letzthin ״politischer Natur“, doch nur im Sinne einer Friedenspolitik. Kulturpolitisch wird hauptsächlich die jüdische Universität die ihr von Beu-Gavriel zugedachte Rolle zu spielen haben. Diese sollte auch schon jetzt A u stau sch profess uren bei den großen Nationen Asiens in die Wege leiten, wie sie die großen Völker Europas und Amerikas zur Förderung des gegenseitigen Verstehens seit Jahren versuchen. In Jerusalem soll man aus dem Munde berufener Sprecher ihres Volkes in Lehrgängen erfahren, was etwa die klassische Literatur Chinas, die Kunst Japans, die Religion und Ge- Samtkultur der Araber, die soziale Struktur Indiens Wesenbaftes zur Kultur der Menschheit beizusteuem hat, und Mensehen unseres Geistes und Blutes mögen in Beirut und Kalkutta, in Peking und Tokio dafür Zeugnis ablegen, was Judentum und Judeiiheit in den verschiedenen Bereichen des Wissens und Willens an Eigenem der Welt schenkten und zu geben haben. Neben der Wissenschaft sollte aber auch die Kunst des Schauspiels und der Musik, die wir im letzten Jahrhundert durch jüdische Schaffende und Nachschaffende zu beträchtlicher Höhe entwickelt haben, den Völkern Asiens als Gegengabe für ihre, uns zu bringende mehr kultische Kunst geboten und so kulturpolitisch wirksam gemacht werden. Auf die Gefahr hin, mißverstanden zu werden, sei’s gesagt, 'dhß für die Zukunft von Erez Israel in dieser Weltstunde das Gastspiel der indischen Tanztruppe, von dem jüngst in der ״J. R.“ die Rede war, weit bedeutsamer sein dürfte /als die mit Spannung erwarteten Dirigentenbesuche des genialen Toscanini und Adolf Büschs. Zugleich mit diesen lehrhaften und künstlerischen Veranstaltungen könnten gegenseifige Delegationen namhafter Einzelmenschen und Menschengruppen versucht werden. Sie könnten auch den zweiten Weg zur Eingliederung in das organische Gefüge Asiens bahnen helfen, — den wirtschaftspolitischen. Er ist schwieriger zu bcschreiten. Allein der beachtsame Stab von jüdischen Wirtschaftsdenkern und denkenden Wirtschaftern gestattet die Zuversicht, daß wir auch dieser Schwierigkeit Herr werden. Allerdings dürfte wirtschaftspolitisches Wirken sich nicht darin erschöpfen, den für die paläsfinensisclie Wirtschaft wichtigen, richtigen Austausch der spezifischen Laudesproduktc cinzuleiten. Darüber hinaus müßte es, zum Unterschied vom europäisch-amerikanischen Konkurrenz- Prinzip, den sittlichen Grundsatz des ״Lehen und Lehenlassens“ zur Geltung bringen. Phantasien am grünen Tisch, Wirklichkcitsfernc? Nur den Menschen der abendländischen Auflösung mag es so erscheinen. Man Wird und kann uns aber erst dann ganz als legitime Träger des Geistes Asiens und als rechtmäßige Anwohner Vorderasiens anerkennen, wenn wir uns sozialpolitisch bewähren. Wir werden in einer vom Chaluz und Poel entscheidend bestimmten, neuen jüdischen Gesellschaft die schmerzlichen Spannungen za beseitigen haben, die durch die Lebensform des ״Bürgertums“ und ״industriellen Aufschwungs“ während der letzten 130 Jahre europäischer Geschichte auch im jüdischen Menschenkreise entstanden. Auch wenn die fernöstlichen Nationen davon nicht frei blieben und erst im letzten Jahr sich anschickten, den Einfluß des Westens auszumerzen — die letzte Militär-Revolte in Japan! ., so werden wir vor ihnen zu erweisen haben, daß nicht die Zivilisation, das europäische Gepräge von Tel-Awiw, als kennzeichnend für das jüdische Palästina zu erachten sind, sondern weit eher die ländlichen Siedlungen mit ihrer Erdverbundenheit und Ursprünglichkeit. Aber viel wichtiger wird es vor den kritischen Augen Asiens sein, daß wir aus der Veräußerlichung, der Ueberhetonung des Ich, der Atomisierung unseres Lebens wieder heimfinden zu Innigkeit, zur Stille der Familie. Hierdurch wird auch am ehesten Anlaß zu Neid und sittlicher Entrüstung der Umwelt beseitigt, -- eine Hauptgefahrenquelle. Sozialpolitik, die wahrhaft jüdisch und damit zugleich mit dem Geiste Asiens verträglich sich entfalten soll, muß letzthin als gerecht in der Sphäre der Wirtschaft, gesund im weiten Bereiche des Lebens und sittlich im Aufbau der Gemeinschaft sich zeigen. Solches Streben nach jüdischer Wesensentfalfung in bester Form ist keineswegs als ״verfrühte Anpassungspolitik“ zu werten, wie es Arkady Herzfeld in seinem Briefe (״J. R.“ Nr. 15) befürchtet. Wir legen nur — wirklich und bildlich — alte Quellen wieder frei, die verschüttet waren und stärken die eigene Kraft. Diese jüdische Kraft, aus Luft und Boden Asiens stammend, befähigte uns und wird uns wieder befähigen nicht nur zur Abstraktheit der Gotteserkenntnis und. des Gottesdienstes, sondern auch zur Konkretheit der sittlichen Durchdringung aller Lehensherciche. Wir gingen von Vorderasien einst aus und waren so räumlich den europäischen Ländern am Mittelnieer nahe; — aber wir standen in klassischer Zeit Staatseingriffe in die Wirtschaft sind in entwickelteren Ländern Erscheinungen, die zu den selbstverständlichsten Regierungs- und Vcrwaltungsgesehäftcn gehören, nachdem das Zeitalter der sogen. ״Freien Wirtschaff“ schon seit Jahrzehnten der Vergangenheit angehört. Der Sinn solcher Maßnahmen ist überall der gleiche, nämlieh von höherer Warte aus das Wirtschaften der einzelnen Wirtschaftskörper möglichst reibungslos zu gestalten und sie derart zu beeinflussen, daß stets das Interesse der gesamten Volkswirtschaft gewahrt wird. Die Vielheit der unter diesem Gesichtspunkt zu ergreifenden Maßnahmen wird durch den Sammelbegriff ״Wirtschaftspolitik“ gckennzeichnet und wir stehen gerade heute in Palästina an einem Punkte der Entwicklung, an dein man anfangen kann, die letzten Maßnahmen der Regierung zusammenzufassen und sie unter dem System ״Wirtschaftspolitik“ zu betrachten. Die mannigfachen Probleme, die von einer Regierung bei der Frage der Wirtschaftspolitik zu behandeln sind, stellen sich in Palästina ganz besonders kompliziert dar, nicht nur weil es sich hier um eine Mandatsregierung handelt, sondern vor allem wegen der häufig nicht übereinstimmenden Interessen der einzelnen wirtschaftenden Gruppen: Engländer, Juden und Araber. Gerade bei einigen der letzten Regierungsmaßnahmen ist es zu ernsten Diskussionen und Protesten seitens des jüdischen Sektors gekommen, weil einige der vorgesehenen Gesetzentwürfe den Erfordernissen des Landes und dem Sinn des Mandats zuwider zu laufen scheinen. Hierbei handelt es sich vor allem urn den Entwurf eines Gesetzes zur Einschränkung des freien Landverkaufs, sowie um Restriktionen bei der Erteilung von Einwanderungsgenehmig 11 ngen. Mit diesen Plänen wird gewissen arabischen Forderungen Rechnung getragen, wobei die Argumentation des jüdischen Sektors aus wenig verständlichen Gründen nicht durchschlägt. Die Regierung operiert bei all diesen wirfschaftlichen Diskussionen vor allem mit dem Begriff der ״absorptive capaeity“ des Landes, worüber die Meinungen natürlich je nach dem Interesse der einzelnen Gruppen stark auseinandergehen. — Die Praxis hat schließlich auch der Regierung zur Genüge bewiesen, daß die Aufnahmefähigkeit des Landes nicht bei einer bestimmten Bevölkcrungszahl erschöpft ist, sondern sich jeweils nach dem Stande des wirtschaftlichen Aufbaus richtet, da unsere Wirtschaft ja keine statische, sondern eine sehr dynamische Konstellation aufweist. Mit der kürziiehen Errichtung eines statistischen 'Amtes scheint die Regierung den richtigen Weg eingegen die ״Söhne Jawans“ in Abwehr. Wir zogen später westwärts, tief hinein nach Europa, das unsere Fähigkeit zur Formung vertiefte. Unser ״Wesen“ hat es nicht zu verfälschen vermocht. Es wäre gewiß in dieser Weltzeit, da Asiens Selbstbewußtsein mächtig aufflammt, verfehlt, durch Loyalitäts-Erkiärung, durch äußere Anpassung um die Anerkenntnis der Völker Asiens zu buhlen. Ohne Angst und Schwäche und ohne uns von der Erregung der arabischen Massen irre machen zu lassen, müssen und dürfen wir darum unsere Arbeit für die neue Einwurzelung in Asien fortführen. Aber wahren wir uns den von Haß freien, die Gerechtigkeit verlangenden jüdischen Geist! Dann werden wir — vielleicht — in der nahenden Stunde der gewaltigen Abrechnung Asiens mit Europa die ״Mittler“ zwischen den beiden, uns vertrauten Welten spielen können. (Vgl. ״Briefe“ in Nr. 7 ״J. R.“) Dr. Gustav Löffler, Frankfurt a. M. Zusammenarbeit mit der ICA Die Verhandlungen zwischen der E m i c a (Vereinigung der Ica und dem im Jahre 1929 nach den Unruhen geschaffenen Emergency Fund) und dem Keren Hajessod betreffs Zusammenarbeit bei der Erwerbung von mehreren großen Landstrecken in Palästina sind nunmehr a b g e - schlossen worden. Das Programm wird von einem besonderen Komitee, das aus Mitgliedern beider Institutionen besteht, durchgeführt werden. Dies ist das erste Mal, daß die Ica aktiv an den Arbeiten des Kolonisationsinstrumentes der Zionistischen Organisation teilnimmt. (Palcor.) Das neuerhaute Kasino in der liaijaer l’orstadt liath Galim, das am 1■ April eröffnet wird Foto: p«1.-Pr«0, T«1-Awiw וייוייוו»וו1יוייי■■ jJjg'JsV, geschlagen zu haben, um diesen Dingen erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen und um zukünftige Entscheidungen nicht mehr auf mehr oder weniger korrekte Schätzungen, sondern aut konkretes Zahlenmaterial zu basieren. Natürlich ist hiermit auch noch keine Gewähr für die Unfehlbarkeit der zu treffenden Maßnahmen gegeben, da das gewonnene Zahlenmaterial nach den verschiedensten Richtungen ausgewertet werden kann; immerhin wird es aber die Handhabe zu fruchtbareren Erörterungen bieten. An weiteren Maßnahmen der jüngsten Zeit haben wir die Einführung der Bankcnaufsicht zu vcrzeichneu, die zunächst ein bescheidener Versuch der Regulierung des palästinensischen Bankwesens zu sein scheint. Zu diesem Zwecke wurde von der Regierung ein ״Examiner of Banks“ berufen, der kürzlich erklärt hat, daß er bereits in Fülllung mit sämtlichen Banken getreten ist und vorläufig nur informatorisch arbeitet. Diese Enquete soll in etwa 1/2 Jahr abgeschlossen sein, und der Examiner of Banks wird dann der Regierung Vorschläge zur Regulierung unseres Bankwesens unterbreiten, wobei er seine besondere Aufmerksamkeit den Kreditgenossenschaften widmen wird. In diesem Zusammenhang ist auch die Erweiterung des Bankgesetzes von Interesse, die vorsieht, daß das Betreiben eines Bankgeschäfts von einer Lizenz, die der. High Commissioner erteilen oder entziehen kann, abhängig ist. In der gleichen Verordnung werden außerdem noch Vor- Schriften über die regelmäßige Einreichung und I orm der Aufmachung von Bankbilanzen gegeben. Aut industriellem Gebiete ist als wichtigste Maßnahme die neue Zoll veror d n u n j> in Kraft getreten, die eine fühlbare Erleichterung in der Wettbewerbslage einiger Industrien (besonders der Metall-, Textil- und auch der holz* verarbeitenden Industrie) gebracht hat und es ermöglichte, daß einige Betriebe, die während des letzten Jahres wegen des Dumpings schließen mußten, die Arbeit inzwischen wieder autnehmen konnten. Die durchgeführten Zolicrhohungen sind im allgemeinen nicht als sehr hoch zu bezeichnen und gehen durchschnittlich bis 25 <״'׳ ad valorem, so daß nach wie vor auf vielen Gebieten ein Ueberspriiigen des Zolls seitens der Hauptdumpingländer ohne weiteres möglich ist. Im ganzen gesehen kann die neue Zollverordnung als ein Anfang zur systematischen Ausgestaltung eines Zolltarifs gewertet werden, der allerdings im Augenblick noch keinen ausreichenden Schutz auf vielen Gebieten darstellt. Er bedeutet eine Kompromißlösung zwischen den Schutzzollbestrcbungen der Industrie und dem Wunsch der Regierung, den Zoll mehr als Erzieluingszoll wirken zu lassen und ein Ansteigen des Preisniveaus möglichst zu verhindern. Palästinas Außenhandel Wie aus einer von der Regierung veröffentlichten Statistik hervorgeht, betrugen die Importe nach Pa- Iästina im Jahre 1935 £ 17853493, verglichen mit £ 15 152 781 in 1931 und £ 11 123 489 in 1933. Der Import von Lebensmitteln im Jahre 1935 belief sich auf £ 3 646 877, was eine Zunahme von 25 ״.b darstellt; der Import von Rohmaterial betrug £ 1 322 846 (Zunahme von 23 ״׳״); Fertig- Wareneinfuhr betrug £ 10 789 931 (Zunahme von 18 ״>). Die Exporte beliefen sich auf £ 4 591 617, das ist eine Zunahme von 31 ״», verglichen mit £ 3 217 502 in 1934 und £ 2 591617 in 1933. Die Differenz ist hauptsächlich aut die größeren Zitrus-Exporte nirückzufiihren. (Palcor.) Palestine Economic Review Das American Ec o n o m i c Committee for Palestine, auf dessen Bedeutung als Wirtschaftsinformationsstelle für Mitteistandsei invaliderer an dieser Stelle mehrfach hingewiesen wurde, gibt ab Januar die ״Palestine Economic Review“ heraus. Diese monatlich erscheinende Uebersicht setzt die bisher von dem amerikanischen Hauptbüro dieser Institution veröffentlichten ״Palestine Economic News“ fort. Bisher liegt die Januar-Nummer vor, die aus technische!) Gründen erst Linie Februar erscheinen konnte. Nach dem Vorwort der ersten Nummer machen es sich die Herausgeber zur Aufgabe, allen Interessierten durch objektive Darstellung einen klaren lieber blick über die grundlegenden Tatsachen der wirtschaftlichen Situation Palästinas zu vermitteln. An diesem Heft läßt sich schon erkennen, daß die Ziele der Herausgeber verwirklicht sind. Aus Skizzierurigen der Gesamtlage heben sich wertvolle einzclne ökonomische Daten hervor. Unter ״Current Events“ wird eine Schilderung der Entwicklung und der die gegenwärtige Lage bedingenden Faktoren des Bank- und Kreditwesens, der Industrie, Zitrus-Wirtschaft und Einwanderung gegeben; hinzukommt eine kurze Information über die bisherigen Levante-Messen und die diesjährige. Im Abschnitt ״Rcccnt Statistical Data“ finden sich Ziffern und Vergleichszahlen über Einwanderung, Gesamtaußenhandcl sowie Einzel- Statistiken der wichtigsten Import- und Exportwaren, elektri sehen Stromverbrauch, Preisbewegung, Lebenshaltung, Regierungsfinanzen und Geldumlauf. Die ״Press Excerpts“ enthalten wertvolle Artikelauszüge aus der palästinensischen Presse. Eine Uebersicht über Arbeit und Wirkungskreis des American Economic Committee mit genauen Zahlcnangaben beschließt das überaus reichhaltige Heft. J. W. ln einer Konferenz von Bcdiiincn-Schcichs und Vertretern der verschiedenen Stämme in Beersheba empfingen Regierungsvertreter eine schriftliche Zusage, in der der Vorschlag der Regierung, drei Kandidaten zu wählen, von denen die Regierung einen als Mitglied für den Legislative Council ernennen wird, angenommen wurde. Scheich Farish Abumcdein wurde als Kandidat für den Legislative Council aufgcstcllt. bis zur Eröffnung der 5Machte fwcuste-toe&se-itl-AvM/ 30. IV. 30. V. 1936