Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-03-24 · Heft 24 (24.3.1936) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 24 (24.3.1936)
Date
1936-03-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653947--28495-2689980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 24. 24. 111.1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 5 Film in Paris Von unserem Berichterstatter K, Paris, im März In den Pariser Theatern laufen zur Zeit einige F i 1 m c, die bedeutende Leistungen jüdischer Künstler zeigen. Der große französische Spielfilm ״Sams on dessen Uraufführung der Präsident der französischen Republik Lcbrun beiwohnte, ist nach dem Theaterstück des bekannten französisch-jsidischen Schriftstellers Henry Bernstein gedreht worden. Bernstein ist sich sicherlich der tiefen Ironie nicht bewußt geworden, die vom jüdischen Standpunkt in der Wahl dieses Titels liegt. Wie Samson von seiner Frau verraten und von allen verhöhnt, wird auch der Held des Bernsteinsehen Stückes zur Verzweiflung getrieben. Aber er zerbricht nicht die Säulen des Tempels seiner Feinde und geht mit ihnen in einem heroischen Verzweiflungsakt unter. Sein Zorn fegen die feindlichen Spötter veranlaßt ihn, eine Börsenbaisse erbeiztiführen, die seine Gegner und ihn selbst ruiniert. Der Film variiert das in der französischen Literatur seit Ohnets ״Maitre des Forges“ immer wiederkehrende Motiv von dem reichen Parvenü, der eine Aristokratin heiratet und von ihr geschmäht und betrogen wird. Erst im Unglück erkennt sic die großen menschlichen Qualitäten ihres Mannes und folgt ihm ins Exil. Dieses etw׳as verstaubte Thema, das von Bernstein nach den besten Traditionen des französischen Konversationsstiieks dargesteilt wird, wird im Film nur durch die reife Kunst der beiden großen französisch-jüdischen Schau- Spieler Harry B a u r und Gaby M o r 1 a y in den Hauptrollen erträglich. Beide Künstler verstehen es, aus den konstruierten Gestalten, die der geschickte Theatermann Henry Bernstein geschaffen hat, empfindende, leidende Menschen zu machen, deren Freude und Schmerz wahr und erschütternd wirkt. Auch in dem Tarass Bu Iba-Film, den der jiklisehe Regisseur Oranowskv nach der Gogolschen Novelle gedreht hat, liegt die Rolle des Titelhelden in den Händen von Harry B a u r. Und wieder ist es die Kunst dieses Schausnieiers, die eine menschlich vertiefende Note in den Film (iratiowskys trägt. Es ist dem Regisseur trotz großen Aufwandes von Mitteln, trotz einer — allem Anschein genau studierten — Anpassung an das Milieu der russischen Kosakensteppe, trotz prächtiger Massenbilder nicht gelungen, die Atmo- Sphäre der Gogolschen Novelle, den Atem der russischen Steppe und ihrer urwüchsigen .Menschen auf die Leinwand zu bannen. Der Film bleibt geschickt inszeniertes historisches Schauspiel, seine Kosaken ein Haufen roher Wilden, und der polnische Fürstenhof eine Theaterstaffage. Nur wenn Harry Baur als Tarass Bulba erscheint, wird der Zuschauer in den Bann der Handlung gez.ogen. Mit einem überraschenden Einfühiungsvermögen ist es diesem Schauspieler gelungen, sich wirklicli in die naive, triebhafte Seele des Kosakenhetmans einzufühlen. Baur allein hat es versucht, diese schwierige Rolle künstlerisch zu gestalten und die ungeheuerliche Tat Tarass Bulbas, der seinen verräterischen Sohn mit eigener Hand erschießt, menschlich verständlich zu machen. Die Sterbe- Szene des Hetmans ist von grandioser Einfachheit und zeigt, daß Baur heute in die erste Reihe der Filmkünstler eingerückt ist. _ Wiener Kunstereignisse Von unserem Berichterstatter J. R., Wien, im März Das ״Jüdische K u Iturlhcatc r“, das im Dezember vorigen Jahres mit der Erstaufführung von Dymows ״Flore Israel“ in deutscher Sprache seine Tätigkeit begann, bat über eine etwas abwegige und nicht gerade in den Rahmen eines Jüdischen Kulturthcaters passende Aufführung von Sloriimskis ״Lopez’ Erbschaft“ einen Sprung in die Welt des Chassidismus mit der ״G oldcncn Kette“ von Perez gemacht. E. Ju bals Regie schenkt dem Gehalt des Perezschen Gedankenbaues den richtigen szenisehen Ausdruck. Der düstere Hintergrund von Martin Eislers Bühnenbild hält bildhaft die Atmosphäre des Mvstizismus fest. Voll Inbrunst das Spiel der Darsteller: Herrmann, Latz, Weiß, Lerner, Rittermann und der Damen Koch und Mare. Der Leiter des Kulturthcaters, E. Jubal, hat ein interessantes Experiinentiertheater geschaffen, das von der allgemeinen Presse mit viel Lob und Anerkennung bedacht wird. Der von seiner langjährigen Wirksamkeit an der Berliner Staatsoper bekannte Bassist Alexander K i p n i s ist nach mehreren mit größtem Erfolge absolvierten Gastspielen an BRIEFE AN DIE REDAKTION Jacob Levy Berlin, 15. Marz 1938 Sehr geehrte Redaktion! Zu dem Aufsatz: ״Fin tal- 1mjfii>uhc.-' Lexikon‘־ von l)r. Ahr. 1 leaeiiei in Nr. 21 erlaube ich mir einen kleinen Nacht!.ig. Bei Jacob Lev y, dem leider nur in Farbkreisen hekannten Verfasser der auf jüdischehaMabrhem Uebiefe cnNfandenen Standardwerke: ״Chaldäiivhes Wörterbuch!!her die Tar^umim‘* und ♦,Neuheb!iiisches und rhaldäisehes Wörterbuch über die Talmudim und Midraschim“ habe ich in den siel)- ziger Jahren des vorigen Jahriiunderts eine Zeitlang Talmud gelernt, als er an der Breslauer ״Mora-Leipziger-Stiftung“ dozierte. Neben ihm leinte dort Rabbi P i n c h a 5 Dienstfcrt i g, ein streng orthodoxer großer Talmudist ältester Schule. Bei diesem ״lernten“ wir, wiihrend wir bei dem moderneren, wenn auch gleichfalls streng reli^iösen Lcvy ״hörten“. Dienstfertig wurde in den Breslauer I'aehk!eisen allgemein .,Ke!) Pin- <־has" und Lew der '!!aldäer- Ptoie,,״!“ genannt. — Wahrend J evv schon liochhenihmt war, lebte er in den denkbar klagli<hMen Verhältnissen; seine einzig dastehenden Arbeiten, zu denen er zumeist schon um 4 bhr nachts sich von seinem Lager erhob, brachten ihm kaum das Not wendigste zum Lehen d>ed,u f ein. Dabei war er stets munter und guter Dinge und von einer A! beii slreudigk eit sonder■gleichen. Seine Bescheidenheit und Bechiitmdo>igkoit hielten damit gleieben Schritt. An den zu damaliger /.eit bcsondenS in Brcdau hochgehenden jüdisch-religiösen Xeitströmungcn beteiligte Levy ,ich nicht. Vielmehr lebte er in bestem Lmvernehmen, sowohl mit R. (iulalie Tiktin, dem Haupte der .strengsten ‘Orthodoxie, als auch mit dem mittelparteilichen SenmKHdirektor Zacharias Frankel. wie mit dein Führer der Reform, Abraham Heiger, weh he .sämtlich seine Bre, lauer Zeit* genossen waren. Und diese seine religiöse Toleranz rechnete man Lew, dem ehemaligen frommen Rabbiner, hoch an. Er lebte nur seiner Fachwissenschaft, die ihm über alles, über jüdischen Füllrerruhm und über Erwerb ging. Liner, ich möchte fast sagen kurio>en Szene, die ich mit Prof. Jacob Lew erlebte, will ich noch kurz gedenken; sie wirft auch ein Schlaglicht auf die Denkungsart des jüdischen Menschen Levy. Gelegentlich eines Besuchs in I.evvs Studierzimmer fiel mir an seiner Wand das lebensgroße Porträt von Ferdinand I, assalle auf. Auf meine etwas verwunderte Frage, wie kommt das Bikini'* des Polinkers. der später doch nur dem Namen nach Jude war, in die Wohmiiumc des streng ichgiösen Rai»!liners, antwortete mir Lew fast wörtlich: ״Junger Mann, darauf blicke ich sogar mit einem gewissen Stolze und auch Sic können in gewissem Sinne stolz darauf sein, ein ,Mitschüler* diescs weltberühmten Mannes zu sein, der trotz allem kein schlechter Jude war: ich kannte ihn gut, denn ich bereitete ihn zur Barnnzwah vor, als welcher er mit seiner .Drösche‘ Und seinein ,Maftnleinen‘ glänzte. Und noch in seinem späteren Mannesalter, als er s< hon Berühmtheit erlangte, gedachte er seines alten jüdischen Lehrers durch Heber• Sendung dieses Bildes. Im übrigen — fügte Levy noch hinzu — wird, aut testamenta! ische Vcrfü - gung seiner Schwester hin, an Lassalles Jahrzcittage alljährlich sein Jahrzeitliclit angeziindet und Kadisch gesagt.“ Mit vorzüglicher ilochachtung Max Feinstem Die philosophische Bedeutung des Sdiöpfungsberidits Ludwigshafen a. Rh., 22. 3. 38 Sehr geehrte Redaktion! Zu dem Bericht in Nr. 23 über den Vortrag von Dr. Kurt Storni >erß über die |> hüos;0|,hisehe Bedeutung de•; Schüptungsbericht״ mochte ich erpä1 izend Hilf die Scbriü: von Professor Richard I I ö n i ei s w a ld . ״E r - Itnntn i s t h c o r e t i S G 11 e s zur S c 11 ö p f u n g > e ״ י schiebt c d er (de : n c s i s“, Tübingen 1932, Mohr, auf 1 net ksdm raue! 1cn. Fm v rkerr mnisthmretisc! se •: Krpebnis 'einer Pnter-uohtmgen tunrcilj er ז! fob penderireü U-n: ״Die K. ■Hilf' der (iene ds entgeh! .lern vorbreiteten Mangel der s eines- Hing-1 .-׳)״ ׳:• Ten, ei״(‘ 11;1 n (1 lang sc! nidern 7m w׳ ־!len. und (!:!bei doc h nur ein י י e s 1 b e - h c n zu erziehen. Sie 6''l z.1 in ־׳iiiom -ei Mi i he-vMM'nl ut Ol .׳!! gnit des Anfiine׳ T r 1: i h e; t־f nitlit vor! *ap!,fe kalt-.; 1111.:t . Sie verbinde! mit dein B< 'L:rif]! der Welt die Idee der S iölie I! Ke s!, die sit־b in dein sch״!der. »eheii l 'nvt'M'11!"[!ס¬ .kur nert.” (S. 21.1 Au> der (‘ 1 keil mm ■ theoret bei 101! Suukoir der!!.ו"! sehen sc hdpfung .nz.ih I.mg < rpebc sieh cm pr,1ntb< > >r! Op-iini-mus von eit'enhimli׳ i her All. Der ( >pti 1״i.11.ll■: de-!■■״1 Sehuplu'u! .bei Irl! Ies!), 1 1 ei״׳ 1 in der Be! ui ■urig jeder Linz eil teil der Welt um der sittlichen Un- *erlagen ihrer Schöpfung willen. Bemerk entwert ist auch, wie Jiönig>w;11d am Schlüsse seiner atifM'hiuürcichen Schrift das Ergebnis .seiner Untersuchungen, sofern sic sich auf den Schöpfu״gd>eri! ht der Genesis bcziehe״. zu^ammenfalSt. ״Anstatt nach Art anderer Schöpfungsberuhte den göttlichen Welturhrher lediglich als Naturp o t e n 7. über die Schöpfung zu erlichen, und ihn damit in den Nrifurbcieicb doch wieder einzulavi'-hen. gewinnt die Genesis ihren P.rgiiff de« Weltschöpfers du»־>־h »׳inen neuen Sinn, indem *ür Gmi der Schöpfung ii! n•!׳, e,Inc1(S. 36.) f! önigswald nee!!! d.u.m! mif.Dcrk-am, daß v es 111')!!')׳ neue.׳! ^mn aus sich ein km״: •lex*, s Swtem cigenurtig׳-r e! kcnnuu-1 hemet;scher Fragen und Antworten ergeben wmör. urU.e Hm tw.vi.-h■ Wege Ju prüfe von hehic in manche n V. ז zw;!gungen hin- :■■!giM. D!r-c würden h< N!1, d׳e rigentmn- -e kcinhcu de, b;!)h- ףeueg0-edankenN und 11 ig 1 ׳n 1 du *eben Sinnauf ihm fußenden zu klären. (S. 36.) N ,11 ihr( j׳׳U, ml < , Sr 1 ׳׳: ח i ׳ d ,tun Kahl). 1 >r. S t e c k e 1 m a c h e r der Wiener Staatsoper für drei Spielzeiten als ständiges Mitglied der Oper verpflichtet worden. In der letzten Aufführung von Gounods ״Margarethe“ sang Kipnis den Mephisto und fand bei der gesamten Wiener Musikkritik überaus begeisterte Aufnahme. Einen großen Erfolg holte sich der Sänger in einem Lieder- und Arienabend. Anläßlich des 60. Geburtstages von Hermann Struck findet gegenwärtig in den Räumen der Jüdischen Kulturstelle eine Ausstellung von Werken des Meisters statt. Pd(äf(ina Am4 Berlin 01* 9EWISM AfrENCY PO* PALSST1NE W 15; Melnekestr. 10. Telephon: J1, Bismarck 7165/70. Sprechstunden des Vertrauensarztes Die Sprechstunden des Hauptvertrauensarztes des Palästina-Amtes finden ausschließlich am Dienstag und Freitag jeder Woche zwischen 12—14 Uhr statt. ANTWORTEN DER REDAKTION Ein alter Leser. Wir bitten um Angabe Ihrer Adresse. Zur Levante-Messe. Auf dem Messegcländc der Le•׳ van te-Messe in Tc!-Awiw wird ein Reisebüro eingerichtet werden, das den Messebesuchern für ihren Aufenthalt und ihre Heimreise alle Erleichterungen verschaffen und ihnen den Weg in die Stadt ersparen soll. Die Führung dieses Reisebüros wurde dem P a 1 e s t i n e ft Orient Lioyd übertragen, dessen Filialen in der ganzen Welt in enger Zusammenarbeit mit dem Messe-Reisebüro stehen werden und durch die die Dauerkarten für die Levante- Messe zu erhalten sind. Diese Karten berechtigen zum freien Eintritt während der ganzen Messe/eit, zum Anspruch aut Ermäßigungen auf Eisenbahn, Schiff und Flugzeug nach Palästina und auf den Autobussen in Palästina. Auch bei der Generalvertretung des Palcstine ft Orient Lloyd, Berlin W 15, Meinckestr. 2, sind diese Dauerkarten für die Levantc-Mcsse erhältlich. Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, loachimsthaler Straße 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde Telffon '!hsmards 6*>0 Zusendiirx’ naüt aMt׳n St»ütleilEn Aus dem Ungarischen übertragen von Ludwig Bato 1. Fort.eUung Xarlittruck verboten Den ersten Glieder leitete noch der uns verhütschelndc, teure Reh Mojsche Raab. Aber er zog in die Stadt und an seine Stelle kam aus fernem Lande mit längerem Kaftan und bösem Gesicht Reb Seholem. Schlichter, Vorbeter und Lehrer war er in einer Person. Ueberdies pachtete er das rituelle Bad, die ״Mikwe“, und er erhob auch die Gemeindesteuern. Die meiste Zeit jedoch verbrachte er mit uns kleinen Kindern. Allmählich gewann ich Reb Scholen! lieb, gleichzeitig fürchtete ich ihn aber. Und erst, wenn er an schahbatliclien Winterabenden in einen großen Pelz und eine ganze Menge großer Tücher gehüllt zu uns ins Zimmer trat! Wir Kinder waren schon im Bett und betrachteten zähneklappernd die vom langen, schwarzen Bart des Reb Seholem herunterhängenden Eiszapfen. Er kam gerade aus dem Nachbardorfe Szücsi zu Fuß zurück, da er auch dort Schächter der Gemeinde war, und auf dem Rückweg kehrte er bei uns ein, um mit Vater und Reb Selig das Abscliiedsinahl zu Ehren der seheidenden Königin Schabbat cinzunehmen. Die Reste der drei Mahlzeiten der Königin wurden hierbei verzehrt. Ich blieb im Bett wach und wartete auf das Ende der Mahlzeit, um den Schauermärchen zu lauschen, die hierbei zwischen den den schönen Schahbatausgang-Liedern abwechselnd erzählt wurden. ... Leber diese Märchen lernte ich Reb Seholem lieben. Ich liebte aber auch seine Lieder, sein klingendes ״Lecho daudi“ und Melodien der Schabhat- und Festgebete, die er aus der ungarischen Tiefebene und aus Galizien mitgebracht hatte. Derentwegen gab es einen großen Aufruhr in der Gemeinde. Wer hat auch schon gehört, daß man I׳ccbo daudi und die übrigen heiligen Gebete, die man seit uralten Zeiten nur mit Andacht zu rezitieren pflegte, nach der Meladie von Gassenhauern und jodelnd singen soll? Ueberdies sind auch der Atlaskaftan des Reb Seholem und »ein drcizehnschwänziger Samtstreimel unangenehm aulgelatten. So etwas haben die Schächter und Vorlieter der Gemeinde hier noch nicht getragen! Die drohende Gefahr des Om- - dismtis ließ die Gemeinde in zwei Parteien zerfallen. Mein Vater, der Roseli-hakuhal, Haupt der Gemeinde war, trat jedoch ganz offen für Reb Seholem ein, und damit war der Kampf entschieden. Der Gesang, die Melodie trugen den Sieg davon. Und als ich mit sechs Jahren zu Reb Seholem in den Glieder kam, erwartete ich auch dort Märchen und Lieder von ihm. Die ״Mittlere Pforte“ erschloß sich, und ich fühlte mich, wie später in der Oper, wenn der eiserne Vorhang aufgeht, die schweren Samtwolken auseinanderschlagen und plötzlich Chorgesang erklingt und die Luft erfüllt,... Reh Seholem brachte uns die Melodien des Talmud hei. Denn: ״Güb es nicht Lied noch Sang, hätte Gott die Welt nicht erschaffen.“ Himmel und Erde stimmen vor dem Schöpfer Lieder an, jedes Tier, jedes Lebewesen, jedes Geschöpf hat sein Lied, wie wir dies im Gebethuch, in dem Anschnitt der Gesänge gelesen hatten. Selbst die Hunde haben ihr eigenes Lied, mit dem sie den Herrn lobpreisen. ״Und wer ohne Lied lernt, von dem sagt die Schrift....“ Was sagt die Schrift? Einerlei. Wir wollten nicht, daß es auf uns angewemlet werde. Reb Seholem sang vor und wir sangen im Chor nach: ״Schcnajim oehasin betalit.“ Wir sangen mit trauriger und lustiger Betonung, melancholiseh und heiter. Die Ucbersetzung pflanzte sich fast von selbst in uns ein, ohne Hilfe des Meisters: ״Zwei ergreifen ein Kleid . . . .“ Was gibt es nur dabei zu singen, traurig oder heiter zu sein, wenn zwei ein Kleid ergreifen? ״Der eine spricht: es ist zur Gänze mein, der andere spricht: es ist zur Gänze mein... Wenn wir noch aus den Propheten die Leiden der messianisehen /.eit vorgetragen hätten: ״Und sieben Frauen ergreifen den Mantelsaum eines Mannes und sprechen: du hast ein Kleid, sei unser Mann!“..., Aber hier gibt es doch kein Leid, keine Zukunft, alto Bilder tauchen da aus Jüngst vergangenen Zeiten, kleine Streitigkeiten aus einem großen Lehen auf. ״Zwei ziehen nn einem Kamel“, hadern, streiten, wem da» Kamel gehöre, und wir singen mit einer solch ergreifenden Melodie all diese Fälle, die Meinungen, was Rahba und was Ahn ic sagt. Nicht der Fall ist wichtig, noch die Meinung, noHi der Text, nur das Lied, das Feuer, die Begeisterung, die Entflammung. Denn nirgends gibt es Leben ohne Sang. ״Mehr Feuer“ schreit Reb Seholem dazwischen, indem er mit dem bestiefeltcn Fuß fest aufstampft, und wir singen aus voller Lunge, ganzem Herzen, ganzer Seele und mit einer reinen, heiligen Andacht, als ob wir beteten. Unsere Gesichter entflammen, die kleine Cheder- Stube füllt sich mit Melodien, wie wenn die Fittiche singender Englein in der Luft schlügen und 11ns in eine unsichtbare Feenwelt emporhöben. Schon in unserer Kindheit hatten wir das Gefühl, daß dieser Cheder, dieses Lernen, dieser Gesang uns cinporheLt. Daß irgendwie auf unseren Schultern eine eigene wunderbare Welt ruht. ״Läßt sich dieses Volk vernichten“ - fragte man zwei hoidnische Weisen. ״Gehet hin — erw iderten sie — in die Nähe seiner Synagogen und I.chrhüuser und so die zwitschernde Stimme der Kinder darinnen ertönt, so könnt ihr sie durch nichts bezwingen“. So lasen wir 08 im Talmud und glaubten daran mit reinem Glauben. Als ich zum Glieder ging, liefen mir zwei Bauernbuhen nach, und indem sie rhythmisch und rasch mit dem rechten Zeigefinger den linken Zeigefinger spitzten, summten sie dahei das sinnlose Spottlied herunter: ״Jüdiein, Jüdiein, Hast ein Fohlen in deinem Schlund? Du hast wohl, doch cs taugt zu nichts, Ist für ’nen verdorbenen Hund,“ Ich erwiderte ihnen nichts. ״Laufen lassen.“ Es lohnt nicht, mit ihnen zu streiten... Als ich jedoch in den Cheder kam und sich die ״Mittlere Pforte“ aultat und auf einmal die herzerwärmende Melodie unseres Talmudgesanges erklang, dachte ich mit stolzer Genugtuung an die höhnenden zwei Bauernbuhen: — Ach, ist, es leicht, Jüdiein, Jüdiein zu singen. Das ist keine Kunst. Singt mir lieber nach: ״ächenajim oehasin betalit".... III. KAPITEL Wollte ein Musiker die traurig und heiter wogenden jedoch stets zu Herzen gehenden Weisen in Noten setzen, nach denen im Cheder und in der Jeschiwa der Talmudtext gesungen wird, er würde sicherlich uralte, auf Jahrtausende zurückgehende Melodienf! agmente verewigen. Wie die Thora, die Propheten, die Klagelieder und das Buch Ester ihre eigenen alten Synagoguiweisen haben, genau so alt mag auch die Melodie des Talmud sein, ohne die das Lernen im Talmud seihst als ein leeres, lebloses und ״nicht gutes llerunterleiliern des Gesetzes“ gehrandmarkt wird. Der musikalische Rhythmus einzelner Worte und Ausdrücke hat uns geradezu mitgerissen und wir wiederholten mit schier ästhetischem Entzücken: ״Vcrhemintc! Verhemintc!“ ״Und da fragte man hierauf!“ Und dabei soll man um einige Töne die Stimme erheben und mit den Fingern knallen. Oder ״Ve taue tune, Ve tane tune“, was

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.