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Jüdische Rundschau · 1936-03-24 · Heft 24 (24.3.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 24 (24.3.1936)
Date
1936-03-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 24, 24. III. 1936 w ie *״«‘slaile i(*l! <ltkn K(׳hal>l1al? Kulturbund-Aufführung in Breslau Für Schabbat, 28. März Wochenabschnitt: ״Wajikra“ (lll. B. M. 1, 1 — 5, 20.) 1. Das III. Buch Moses, dessen Verlesung mit diesem Schabhat beginnt, enthalt in seinem wesentlichen Teil Oesetze über das Opter. ״Das Buch Leviticus“ von Professor Dr. D. Hoffrnann enthält (S. 70 ff.) eine umfassende Zusammensteliung der Theorien über Sinn und Bedeutung des Opfers. Einige wichtige Hinweise sind auch im Jüdischen Lexikon unter dern Stichwort ״Opfer“ zu finden. Man weise in diesem Zusammenhang darauf hin, daß in den gesetzestreuen Kreisen die Traktate, die vom Opferdienst handeln, ebenso gelernt werden, wie alle anderen. Es geschieht dies aus der Vorstellung heraus, daß bei einem plötzlichen Anbruch des mcssianischen Zeitalters genügend Juden vorhanden sein müssen, die in der Lage sind, den nach Ansicht vieler Erklärer dann wieder vorgeschriebenen Opferdienst zu verrichten. So hat Maimonides in seiner Kodifizierung der Halacha die Opfergesct/gebuug — im Gegensatz, zu Josef Karo in seinem ״Schulchan Aruch“ — mit einbezogen! 2. Einen Teil des ״Oneg Schabbat“ widmen wir der Vorbereitung des Pf liacli-Fcstes. Wir werden die ״Haggada“ und ihren Aufbau besprechen. (Siehe die verschiedenen Kommentare und Jüd. Lexikon, Stichwort ״Efaggada schel Peßach".) Wir werden insbesondere versuchen, neue Melodien für die bekannten Gesänge: Addir 1.1, Echad nti jodea? und Chad (iadja zu lernen, die durchaus nicht in allen Familien in der gleichen Art gesungen werden. Zum Schluß empfehlen wir das gcnieitHanu* I einet! des 10. Abschnitts aus dem Miscbna-Traktat l’es-ncliim, der eine interessante Darstellung über den Verlauf des Seder-Abettds bringt. Als HaHarah wird Jesaja TI, 21—2S und 4-1, 1—23 gelesen. Der Zusammenhang mit unserem Wochenabschnitt ist durch den 3. und 4. Vers der Haftarah gegeben. J. E. Opfer und gute Werke Die dieswochige Sidra enthalt eine Reihe von Opfervor- Schriften, die im Ritual des Tempeldienstes von Bedeutung waren. Auch in anderen Kulturbc/irken der Antike spielte das Opfer eine zentrale Rolle im kultischen!.eben. Es wäre daher in diesem Zusammenhänge die Stellungnahme der Prophetie zu der Institution des Opfers heraus/uarbeiteri. Wir werden an Hand von Stellen bei Jesaja 1, 11 ff.; Hosea 6, 6; Autos 5, 21 ff. den prophetischen ('״‘danken in seiner ganzen Tragweite zu erfassen und auf das Neue darin hinzuweisen versuchen. Die neue Sinngebung, die das Opfer durch die Prophetie erfahren hat, findet ihren Höhepunkt und zugleich den Ausklang in den herrlichen Aussprüchen und Werken der Späteren in Israel. Es war die Zeit nach der Tempelzerstörung; der Opferdienst ruhte und die Gefahr einer geistigen Verengung drohte das Volk zu erfassen. Allan die Hüter und Bewahrer der großen Tradition verstanden es, dem früheren Brauchtum eine vertiefte Wendung zu gebet!. Sie stellten die sittliehe Tat, die Tat der Nächstenliebe höher als das Opfer. So heißt es: ״Wohltätigkeit ist größer als Opfer und wiegt alle übrigen Gebote auf“ (Sukka *Wb). Und dort heißt es ferner: ״Wer Wohltätigkeit (und Recht) übt, der ist wie einer, der die ganze Weit mit Gottes Liebe erfüllt“. Und: ״Größer ist, wer Wohltaten verübt, als alle Opfer.“ In jer. Pea 2a heißt es sogar: ״Wohltätigkeit und Liebeswerke wiegen sämtliche Gebote der Thora auf.״ Und in der Tat war die Ausübung von Wohltätigkeit eine hochgewertete Pflicht in Israel, und die Großen haben ihrem Volke das Zeugnis ausgestellt, daß zu seinen hervorragenden Merkmalen die Barmherzigkeit und die Wohltätigkeit gehören. ״Drei gute Eigenschäften sind im Besitze Israels: Schamhaftigkeit, Barmherzigkeit und Wohltätigkeit“ (Beza 32 b). in einer geistreichen Gegenüberstellung von Altar (Opfer) und Wohltätigkeit kommt besonders der sittliche Gehalt dieser sozialen Tat zum Ausdruck: ״Solange der Tempei bo stand, verschaffte der Altar Israel Sühnung. Jetzt aber verschafft der Tisch des Menschen (an welchem er Hungrige und Arme sättigt) diesem Sühnung.“ (Ber. 55a; Chag. 27a). Dieser Gedanke kommt auch klar zum Ausdruck in der folgenden Geschichte (Abotlt d'R. .V1t.1t! 4): ״Einmal war R. Jochanan b. Sakkai aus Jerusalem gegangen und R. Jeho- ״Bunbury“ von Oscar Wilde Man kann nicht sagen, daß die Theaterabteilung des Rreslauer Kulturbundes nach einem fest iintrisseiien Spiel- Plan arbeitet. Es wird seit Monaten mehr oder minder geschickt laviert, aber eine einheitliche Linie ist bisher nicht wahrnehmbar. Zum Teil mag das darin begründet sein, daß wir kein eigenes Ensemble besitzen; zum Teil mag es am Publikum liegen, das mit seriösen Stoffen nicht gern ״belastet" sein möchte und das Unterhaltungsstück vorzieht. Von links nach rechts: Schindler, t'rl. ßorodkin, t ri. Reicher, fink and Brill Foto: c<״t P£«ifl«r .g?8Si|gj t'.M schuna ging hinter ihm her. Er sah das Heiligtum zerstört, den Ort, an dem man die Vergehungen Israels sühnte. Er sprach zu ihm: Mein Sohn# es mißfalle dir nicht! Wir haben eine Sühne, die jener gleichkommt. Und welche ist das? Die Vollbringung von Liebeswerken, wie es heißt (Haschea 6, 6): An Liebe habe ich Wohlgefallen und nicht an Schiaclvtopfem.“ Der Gedanke von der sittlichen Größe der Wohltat am Nächsten war im Volke weit verbreitet. Datier finden wir schon in alter Zeit eine geordnete Fürsorge für Arme und Notleidende. Neben einer öffentlichen, sozusagen amtliehen Wohltätigkeit gab es noch eine weit verzweigte Privat- Wohltätigkeit. Die jüdische Gemeinschaft kennt schon in alter Zeit die Institution der Armen - und Almosenpfleger (פרנסים und גנאי צדקה), die wöchentlich in den einzelnen Ortschaften die benötigten Unterstützungsgelder bzw. Naturalleistungen von sämtlichen beitragspflichtigen Gemeindeniitgliedern etnzogen und für sachgemäße Verteilung Sorge zu tragen hatten- — Wohltätigkeit und Liebeswerke (גמילות חסדים) gehörten zu den Fundamenten des sozialen Zu- T sammenlebens der jüdischen Gemeinschaft J• M. Von der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Den neuen Aufgaben trägt das neue Vorlesungsverzeichnis für das Sommer-Semester 1936 Rechnung. Außer den wie immer dort gut besetzten judaistischen Fächern, zu denen eine Einführung In die arabische Sprache tritt, finden wir u. a. eine Vorlesung über die Hauptprobleme der Philosophie von der ,Renaissance bis zur Neuzeit (Metzger), über Kinder- und Jugendlichenpsychologie (Friedländer), über Religion und Kunst (Kaufmann), über ausgewählte Kapitel aus der neueren Geschichte und über Wirtschaftsgeschichte der Zeit des Frühkapitalismus (Berney), sowie über das Judentum in der Entwicklung des mitteialterliehen Weltbikles (Liebeschütz). Das Sommer-Semester beginnt am 21. April, die Zulassung erfolgt nach schriftlicher Anmeldung an das Sekretariat der Lehranstalt, Berlin N 21, Artilleriestr. 14. Teppiche / Möbelstoffe / Gardinen Ife BLUMEN FELD, Nürnberg, Adlerstraße 36 I Diesmal schien der äußere Erfolg durch die Wahl von Oscar Wiides ״Bunbury“ — der nicht sehr glückliche deutsche Titel ״Ernst sein ist alles“ stammt offenbar von Franz Blei, dem Uebcrsetzcr — von vornherein gesichert zu sein. Jene ״triviale Komödie für ernsthafte Leute“, die damit in Breslau zur Erstaufführung kam, ist im Aufbau und in der Durchführung des skurrilen Themas vom Doppelleben zweier englischer Junggesellen so nett und amüsant, so reich an sprühendem Witz und echter Laune, daß man schon aus sachlichen Gründen mit der Ausgrabung des in Berlin einst vielgespielten Stückes einverstanden sein durfte. Aber auch in künstlerischer Hinsicht wurde ein starker Erfolg erzielt Dieser Erfolg ging zunächst von der lnszenierung Hermann Schindlers aus, der nicht nur selbst die richtigen Impulse fand, sondern sich auch als ein vorzüglicher Anreger des ad hoc zusammengesfellten und doch überraschend festgefügten Ensembles erwies. Unter den Darstellern verdient Erna Cohn (Loren z), in der ergötzlichen Rolle einer Gouvernante von geradezu umwerfender Komik, besonderes Lob. Auch Ben Spanier als Kanonikus und Elly Reicher als Lady Brecknell schufen, ohne die geringste Karikierung, zwei prachtvolle, wirklichkeitsnahe Gestalten. Die Rollen der beiden ״Bunburisten“ spielten Hermann Schindler und Claus Brill mit viel Temperament und sichtlicher Freude an dem tollen Durcheinander. Außerdem fielen noch die charmante Elfriede Borodkin durch die Natürlichkeit des Sich-üebens und Alfons Fink als hellhöriger Diener •sehr angenehm auf. Die fein stilisierten und dabei zweckentsprechenden Bühnenbilder von Alexander Lipschitz-Kardan förderten die Entfaltung des Spiels wesentlich. Das Publikum war in bester Stimmung und applaudierte mit verdienter Herzlichkeit. Martin Hausdorff Gesundheitsm ogweiscr für Palästina ״Bfiuth“, Gesundheitsratgeber für Palästina. Herausgegeben vom Palästina-Amt Berlin. 60 Seiten, Preis 0,60 RM. In der Schriftenreihe des Palästina-Amtes Berlin ist soeben eine neue Broschüre erschienen, die einen Einblick in die gesundheitlichen Verhältnisse und das Gesundhcitswesen Palästinas vermitteln soli. Der Medizinalreferent im Waad Leumi, Dr. Fritz. N o a c k, der den Lesern der ״Jüdisehen Rundschau“ aus seiner Berichterstattung über das palästinensische Gesundheitswesen bekannt ist, hat hier in einer beispielhaften Arbeit alles Wissenswerte über diese Gebiete zusammcngestellt. Die klimatischen Verhältnisse Palästinas und die daraus folgenden Anforderungen, die in körperlicher Hinsicht an die Einwanderer, insbesondere an die chaluzischen Olim gestellt werden, finden eine ausführliehe Darstellung. Einer kurzen, das Wesentliche heraushebenden Skizzierung der besonders wichtigen ansteckenden Krankheiten und vor allem der Vorbeugungsmaßnahmen gegen diese Krankheiten, ist eine breite Darstellung über die persönliche Hygiene, zweckmäßige Wohnungsgestaltung, geeignete Haushaltungsführung, dem Lande angepaßte Ernährungsweise an die Seite gestellt. Besonders wichtig erscheint für jeden Olc die Abhandlung über den gegenwärtigen Stand und die Träger des Gesundheitswesens. Bcgrüßenswert ist auch, daß hier in umfassender Weise alle Möglichkeiten der Krankenversicherung im Detail (Versicherung»- bc-iträge und Leistungen der Kasse) zusammengefaßt sind, und aaß in einer listenmäßigen Aufstellung alle staatlich konzessionierten Kliniken öffentlichen und privaten Charakters, sowie die bisher bestehenden Institutionen, die sich mit der Gesundheitsfürsorge befassen, Erwähnung finden. Die Broschüre ist allgemeinverständlich geschrieben, so daß sie einem seit langem geäußerten Bedürfnis des Ein- Wanderers in hervorragendem Maße entgegenkommt. Aber auch der Arzt, der mit der Beratung von Auswanderern zu tun hat oder der im Hinblick auf eine ärztliche Tätigkeit in Palästina nach einer zusammenfassenden, erschöpfenden Darstellung des palästinensischen Gesundheitswesens verlangt, wird hier neben manchem Bekannten viel neues Material vorfinden. Mit dieser Broschüre hat das Palästina-Amt Berlin eine Lücke in dem Informationsdienst für Palästinawanderer ausgefüllt, die sich seit langem im starken Maße bemerkbar gemacht hat. da besagen soll: ״Der Tanaite lehrte,“ Was er ]ehrte, ist gleichgültig. Denn der Tarmite, der uns als ein heiliger Mann erschien, konnte etwas anderes gar nicht, lehren. ,,Sowie der Betrug beim Kauf und Verkauf eine Sünde ist, ebenso ist es eine Sünde, mit Worten zu betrügen. Hast du nicht die Absicht zu kaufen, so darfst du auch nicht nach dern Preise fragen.“ Ja, Rabbi Simon ben Jochai geht noch weiter, indem er lehrt! ,,Betrug oder Kränkung durch V» orte ist eine gröbere Sünde, als wenn jemand durch Geld geschädigt wird. Denn der mnferielle Schaden laßt sich ersetzen, hingegen vermagst du die seelische Kränkung nicht wiedergut zu machen.“ So lernten wir in einem langen Abschnitt der ״Mittleren Pforte“, betitelt: ״Das Gold“ (Hasnhaw). Von Gold-, Silber- und Kupferwaren ist hier die Rede. Nun darf man aber nicht auf die Idee verfallen, daß das jüdische Kind mit sechs Jahren durch den Talmud in die Valutengeschäfte eingeweiht wird.... Aus dem Abschnitt ״Das Gold“ erlernten wir unter anderem, daß ״es nicht erlaubt sei, jemnndem Golddenare zu leihen mit der Begründung, daß er sic nur in Gold zurtickzahlcn dürfe. Denn vielleicht werde er bemüßigt sein, die Golddenarc zu einem höheren als dem jetzigen Preise zu erstehen und dies gilt; so viel, wie wenn er nach dem Geld Zinsen bezahlt hätte.“ Oder: wer »einem Nächsten Geld schuldet, möge ihn nicht zuerst grüßen, denn dies ist ,,/.insen-Stauh“, oder schon ein Schatten von Zinsen, der ebenfalls vermieden werden müsse. Und da sagte Rabbi Josse: ״Komm und sieh, wie die Augen der Zinsennehmer mit Blindheit geschlagen sind. Wer von seinem Nächsten ein Frevler gescholten wird, trachtet nach dessen Leben, um sich Genugtuung zu verschaffen, jene hingegen verschaffen sich eine Feder, rufen einen Schreiber herbei und lassen selbst schreiben und es durch Zeugen besiegeln, daß sie Israels Gott verleugnet haben....“ Wir lernten: wer Zinsen nimmt, nimmt an der Auferstchung der Toten nicht teil. Wer wird min so töricht sein — dachten wir —, wegen einiger Jahre hienieden die Ewigkeit im Jenseits zu verwirken? Oft sah ich, daß am Abend ein benachbarter Bauer zu meinem Vater hereinkatn, demütig die Mütze zog und leiser sprach als sonst. ״Einen neuen Wechsel habe ich dem Herrn Nachbarn gebracht. Unterschreiben Sie.“ Da entbrannte das Antlitz meiner Mutter im Zorn. Halb hebräisch, halb deutsch sprach sie: ״Unterschreibe nicht, auch den Wechsel des andern Schochen (Nachbarn) mußt du bezahlen.“ Mein Vater setzte aber seinen Namenszug darunter ״um des Friedens willen“ und mußte oft die aus Gefälligkeit geleistete Bürgschaft teuer bezahlen. Ich fühlte, welche Bedeutung und welche schwere Folgen die langen Zettel halten, die man in die Stadt trägt und gegen Geld einlöst. Die Stadt mag groß und schön sein, jedoch schlecht und herzlos.... Freilich gab es Lehren im Abschnitt ״Das Gold“, die uns näher standen: ״Hat jemand schadhafte, abgegriffene Denare erhalten, so darf er sie auch zum niedrigeren Preise nicht verkaufen, denn sie könnten zufällig unter gutes Geld gemengt werden. Er loche sie durch und hänge sie •einem Jungen oder Mädchen um den Hals.“ Und ich sah vor mir die jüdischen Jungen im alten Jerusalem, Sura und Pumbadita, wie sie im Geldbeutel ihrer Väter herumstöbern, ob nicht zufälligerweise ein abgegriffenes Goldstück hineingeraten sei, denn dies gehörte ihnen. Daraus wird eine Schnalle für den Gürtel oder die Schuhe der Jungen, Ohrgehänge oder Armband für das Mädchen. Oder sie lochen’s einfach durch und hängen’s sich um den Hals. Und ich konnte mir lebhaft die reichen Kinder verstellen, denen eine ganze Kette von diesen Goldstücken am Halse baumelte. Dem Geld selbst dürfte man keine besondere Bedeutung beigemessen haben. ״Tausend Goldstücke“ kommen so oft im Talmud vor, daß wir sie kaum beachteten. Tausend Goldstücke, ״was bedeuten sie zwischen mir und dir?“ In unserem Dorfe war alles nur auf Kreuzer abgestellt, und jeder plagte sich um Kreuzer. Hinter der ״Mittleren Pforte“ im Talmud flogen hingegen die ״Tausend Goldstücke“ nur so hin und her. Und wir Kinder stellen uns die Juden im alten Jerusalem und Babylon als steinreiche Magnaten vor, die Gold, Silber, Pferde, Kühe, Esel, Seidengewänder, Gärten voller Trauben, Feigen, Datteln und Granatäpfel besaßen. Es war ja so oft von diesen Dingen die Rede. ״Amemar, Mar Sutra und Rabbi Aschi machten einen Ausflug in die Villa des Mar bar Isak. Der Gärtner brachte Datteln und Granatäpfel und streute sie vor sie hin. ,Warum brachtest du nicht von den schöneren den Rabbis?‘ — fragte der Hausherr. Und selbstverständlich begannen sie sofort, über halachische Fragen zu diskutieren. Wie wunderbar mußte doch das Leben in der von Palmen umrankten Villa, im Schatten des Granatapfelgartens sein! Vielleicht ist alles dies nur ein Märchen?,.., Aber wie lasen wir nun? ״Die Kinder Israel sind alle Königssöhne!“ Nun sahen wir diese Königssöhne auch bei ihrer werktäglichen Arbeit. Es war uns bekannt, daß jeder von ihnen seinem Beruf nachging. Der eine war Sandalenmacher, der zweite Schmied und der dritte Kupferschmied. Es gab auch Kaufleute unter ihnen, aber nicht viele. Und sie alle waren Ehrenmänner. ״Und gäbe man mir alle Schätze der Welt, ich würde niemals mein Wort brechen!“ — sagte der eine Meister, Samuel bar Sutra. ״Nicht nur deine Waage und dein Maß sollen wahr sein, sondern auch dein Wort. Dein Ja sei ja, dein Nein nein!“ Den Kaufleuten wurde vorgeschrieben, daß ihr Nutzen nicht mehr als höchstens ein Sechstel sein dürfe: betrage er mehr, so sei dies Betrug und der Kauf ungültig. Schmiede, Tischler, Kupferschmiede, Kaufleute arbeiten und teilen den Tag so ein, daß sie auch Zeit für die Thora erübrigen. Und wenn sie den Hammer schwingen oder mit Hobel und Bohrer hantieren, auch da zerbrechen sie sich den Kopf über eine Bestimmung des Gesetzes. So sah ich auch meinen Vater, wenn er im Laden stand oder in seiner ״Sodawasserfabrik“ die zinkköpfigen Flaschen anfüllte. Dabei zischte das perlende und schäumende, mit Kohlensäure getränkte Wasser und hauchte den Hals der Flasche an, so daß es irgendein Urgeschöpf vermuten ließ. Mein Vater murmelte Psalmen oder ließ seine Gedanken auf den labyrinthartigen Abgründen eines Talmudtraktates umherwandeln, während er im Schweiße seines Angesichtes seine Arbeit tat. Ich liebte es, ihm zuzusehen, wie er im Laden stand und die Kunden, die Burschen, Frauen und Kinder, ״bediente“. Er ״bediente“, stand jedoch so würdevoll hinter dem Pult, wie der Richter hinter dem Barrcau. Sein Ja und sein Nein waren felsenfest. Vom Preise ließ er nie auch nur einen Kreuzer nach, da er nie auch nur um einen Kreuzer mehr verlangte, als es unbedingt notwendig war. Aber das Bauernvolk pflegt gerne zu feilschen, und so mancher zieht es vor, wenn man nichts nachläßt, wegzuf* ' * •' ־“ ' ־־.י• ‘*•■י" 1•“ liehen Schmiegsamkeit vielleicht bereit gewesen, einen Nach* laß zu gewahren, damit sie die Kundschaft nicht verliere, aber Onkel Moritz blieb unbeugsam. ״Was ich einmal gesagt habe, dabei bleibe ich.“ So stellte ich mir auch die alten Tanaiten vor. Auch ihr Bart konnte nicht länger und ihre Augen konnten nicht schwärzer sein. So mochten sie aussehen, als sie die Pflugschar ergriffen oder den Hammer erhoben oder im großen Tore zu Gericht saßen oder auf Eselsrücken wanderten, ״Rabbi Simon ritt auf einem Esel, und Rabbi Elieser trieb das Tier von rückwärts an. Plötzlich stieg der Meister vom Esel ab, hüllte sich in seinen weißen Mantel und indem Flammen um ihn schlugen, ging er daran, die Geheimnisse der Schöpfang zu enthüllen....“ So stand es im Talmud geschrieben. * (Fortsetzung folgt)

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