Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1936)
- Date
- 1936-03-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653946--28469-2689953- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
SptfA f) JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 23, 20 III. 1936 Ein Kapitel altjüdisdier Geschichte Zur Neuausgahe von Renans ״Paulus“ Von Arthur Eloesser Ein selbständiges Buch von Ernest Renan über den Apostel I a u I u s gibt es wenigstens dem Namen nach nicht, aber die Biographie, die der Verlag S. Fischer in einer ausgezeichneten I 'eberset/ung von Erich Franken herausbringt, laßt sich durchaus rechtfertigen: sie gibt in der Hauptsache den dritten Band von Renans ״Geschichte der Ursprünge des Christentums‘‘ wieder, der mit Hilfe anderer Kapitel aus der Apostelgeschichte und der Entstehung der mcssianischen Ideen set1r_ sachgemäß abgerundet worden ist. Als Renan von ner Kirche in Bann getan war, unternahm er eine Forschungsreise nach Kleinasien, die ihm durch eine Bewilligung von Napoleon III. ermöglicht war; später erhielt er den Lehrstuhl für Hebräisch am College de France, und aus diesen Studien ist dann sein letztes großes Werk, die ״Geschichte des Volkes Israel“, hervorgegangen. Renan war ein Aufklärer, immer noch ein Enkel Voltaires bei aller Milde eines durchaus nicht kampflustigen und viel mehr zu historischem Respekt geneigten Temperaments und als Urenkel bat er dann seinen Schüler Anatole France als einen viel ungläubigeren Skeptiker zuriickgelassen, der nicht einmal mehr an die Segnungen des Liberalismus glaubte. Ernest Renan gehörte zu den Vollendern dieser Weltanschauung, zu den Bewahrern der humanistischen Erbschaft, die nach seiner Voraussicht — auch der Rationalismus hat seinen Glauben und sogar einen sehr optimistischen — die kommenden Jahrhunderte erleuchten sollte. Pie endlich erwachsene und aufgeklarte Menschheit brauchte dann keine Religion mehr oder wenigstens keine Religionen, nachdem man aus ihrem mystisehen Wunderglauben den menschlichen und besonders ethischen Kern herausgeschalt hatte. Renan zählt zu den damals noch seltenen Gelehrten Frankreichs, denen die deutsche Wissenschaft kein dunkles Gebiet war, und wie er David Friedrich Strauß, seinen Vorgänger in der Beschreibung des Lebens Jesu, als einen Befreier begruBt hatte, so hat er sieh gern von Julius WelllKiu-en belehren las-en. Diese Einflüsse von der protestantischen 1 heologie her lassen sich dann in seiner Geschichte des Volkes Israel noch deutlicher erkennen. Wenn er seinem Helden Raulus eine besondere Anerkennung ausdrückcn will, nennt er ihn einen Protestanten, während er andererseits die Auffa-sung ablehnt, daß der mächtige Heidenbekehrer grieduselte 7uge in <las geset/estreue Judentum hineingetragen habe. In seiner Vaterstadt Tarsus gab es allerdings viel griechische \X issenscliait und Kultur, aber Raulus habe keine andere als eine imloche Bildung gehabt, und sein höchst unkorrektes Griechisch sei bei aller Redegewalt schon ein Beweis, dal! er auch mit den Anfangsgriiiiden von Grainrnatik und k’hetunk nichts zu tun gehabt habe. So haben sich für st!!len L.inatisinus, der erst gegen die Jünger Jesu aushrach, die Waffen nur umgekehrt. Bei Jesus, sagt Renan, ist alles an Gefühl, Bild, Gleichnis, im wesentlichen noch jüdisch geblieben; darin war er noch unmittelbar abhängig von Jesaia, den INalinisteu, den Propheten aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft, dem Verfasser des Hohen Liedes und sogar vom Buch des Predigers. Paulus machte sich nur von Jesus abhängig, aber nicht wie er am See Gemvareth war, sondern wie er ihn begriffen und in seiner Vision geschaut hat. Der Tag von Damaskus wird übrigens sehr rationalistisch erklärt, wobei es Renan höchst nüchtern zur Wald , läßt, ob es sich statt des Wunders in der syrischen Wüste um ein Gewitter, um einen Sonnenstich, um eine Gehirnerschütterung gehandelt hat, jedenfalls um eine Selbsttäuschung, die eine schon vorhandene Entwicklung phantasmagorisch überdeckte. Die theologische Forschung hat sich hei Renan im ganzen nicht aufgchalten, und es ist gewiß nicht der rein wissenschaftliehe Wert, der diese Seu’alisgabe veranlaßt hat. Renan war mehr Künstler als Forscher, mehr Mann einer überregen Phantasie als einer philologisch strengen Methode, und seiner glanzenden Darstellung;gaiie ist vor allem die Bekanntschaft mit dem vorderasiatischen Kulturkreis zustatten gekommen, der die drei großen Rchgioueu hervorgebracht hat. Im Grunde schreibt er Knltuigeschirhte, und zwar wie ein Reisender, der sich die Vergangenheit in diesem so schöpferischen GeschichtManm mit einer glanzenden, zuweilen auch etwas ,!...ס׳" aeinen Inspiration nahe rückt. Auf diesem antiken Schauplatz fühlt er sich ganz zu Hause, er flaniert durch Gassen und Märkte des alten Jerusalem wie durch Antiochia, Athen oder Rom, und man könnte sich dieser Führung ganz anvertrauen, wenn nicht die Beleuchtung je nach Neigung und Abneigung so oft wechselte. Renans Zustimmung ist immer da, wo sich ein Funken protestantischer Gesinnung zu entzünden scheint, und die Ablehnung, wo sich für seine vorauseilendc, häufig auch spielende Vcrgleichskunst die Wendung ins Katholische vorbereitet. Wenn er mit den einfachen Hirten und Bauern in Galiläa schwärmt, für eine idyllische, nach den Virgilischen Hirtengedichten umgcdichtcte Existenz, so verhält er sich ebenso spröde gegen die Bedeutung, gegen die Würde des hochgebauten Jerusalem; er glaubt auf seinen Mauern schon die Kirchenfahnen des Römischen Pontifex Maximus flattern zu sehen, in den Kultgefäßen des Tempels die Monstranzen und Reliquien, und im Geiste seiner Priesterschaft einen Anspruch auf Weltherrschaft und weltliche Herrschaff, den die Leviten gewiß nicht erhoben. Die Einsicht, daß das jüdische Volk im ח urschen Reich um den Rest seines nationalen Bestandes k.'l npfte und in diesem Widerstand von allen Völkern den größter! Heroismus aufgebracht hat, scheint diesem gern ausschwärmendeu Geist allzu nahe oder allzu einfach. Renan sagt einmal, daß er das Sadduzäertum noch in sehr guten Exemplaren kennengelernt habe; es waren die wohlhabenden und gebildeten Juden, die ihre Villen schon am Bois de Boulogne hatten, die in ihren Salons die französische Kultur so gut pflegten, wie ihre Vorgänger vor zweitausend Jahren es mit der griechischen gehalten hatten. Warum hatten die Juden nicht beizeiten naengegeben? Zureden war nun leider zu spät. Andererseits ist es ein Lieblingssatz von Renan, daß das Judentum durch das Christentum die Welt erobert hat. Es sei eben ein merkwürdiges Volk, das die schärfsten Widersprüche in sich schließt. Dieses Urteil werden wir ruhig annehmen können. Renan schreibt sehr nach Stimmung, und wie der Japaner Hokusai von einem Berg achtzig Ansichten malte, so sieht auch sein Paulus, ״der Mann mit der großen Seele“, auch fast aut jeder Seite anders aus, und es gibt auch eine psychologische Neugierde, eine Lust an der Verfädelung, die diesem Künstlertum eines Historikers gefährlich werden kann. Die Vorstellung vom Antichrist führt ihn auf Nero, der auch, wie es sich gehört, als ein Scheusal geschildert wird; aber der größte Verbrecher und Komödiant unter den Herrschern hatte doch auch eine Neigung zu frommen Jüdinnen oder Christinnen, was sich damals noch nicht unterscheiden ließ, ein Gefühl für die seelische Schönheit der schamvollcn Weltabgewandtheit. Wenn der merkwürdige Liebhaber das sah und verstand, mußte diese Anlage auch in ihm sein, und wenn es sich für einen Professor am College de France schickte, hätte Renan vielleicht auch eine Apologie des Nero geschrieben. Es ist da eine Lust an Vergleichen, ein gegen Assoziationen fast widerstandsloser Spieltrieb, der manche Wagnisse und Willkürlichkeiten hervorbrinjt Wenn Renan die alten jüdischen Propheten auf die Richtung von Calvinisten und Puritanern bringt, wenn er die Am'os und Jeremia in Calvin, Knox, Cromwell sich wiederholen sieht, so kann man sich noch etwas dabei denken. Wenn er aber teststelit, daß die Propheten die geschriebene Literatur erfanden und sie darum Journalisten nennt, so geht er oder springt er etwas weit, indem er eine Kollegialität mit den großen Zeitungsmännern seiner Zeit, den Armand Carrel und Emile Girardin zustande bringt. Dabei kann man sich gar nichts mehr denken. In seiner späteren Geschichte des Volkes Israel hat Renan diesen Männern dann mit einer tiefen Ergriffenheit gehuldigt, wenn auch von einem Standpunkt, der nicht der unsere sein kann und der ihm als einem Sohn und Voll- Strecker der Aufklärung aufgegeben war; sie waren Fanatiker der sozialen Gerechtigkeit, sie sprachen für die Armen und Unterdrückten. Ganz, gewiß, aber es klingt nicht mehr richtig, wenn Renan ihre Taten zivilisatorisch nennt, wenn er die Propheten auf einen Fortschrittsgedanken verpflichtet, der doch nach seiner Erwartung die Religion als einen behelfsmäßigen Vorzustand ablösen sollte. Renan hatte kein Organ für die Eigenkraft von mythischen Prozessen und für die ewige Wiederkehr des metaphysischen Bedürfnisses, weil sic in seiner Zeit gerade unterbrochen war. Jeder Jude, sagte Renan einmal vor einer jüdischen Hörerschaft, ist ein Liberaler, und Judentum wie Christentum, die doch im ethisch Wesentlichen übercinstiaimen, um leider im Dogmatischen auscinandcr/ugehen, haben dieselbe Richtung auf diese Weltanschauung. Wenn beide Religionen sich darin auflösen soll• ten, so gab er allerdings seinen jüdischen Freunden nicht ohne Höflichkeit zu verstehen, würde die ältere Schwester die Ehre des Vortritts haben müssen. Die Judenfrage, worüber wir heute anders denken, sei schon durch den Beschluß der Nationalversammlung von 1701 gelöst worden, und Frankreich sei die Ehre verblieben, sie im Sinn der Humanität gelöst zu haben. Renan sah aber in der Judenfrage keine der Nationalität oder der Rasse, sondern nur der religiösen Ausrichtung. Ueberdies sei die Ethnographie eine dunkle Wissenschaft. Das Judentum hat im letzten Jahrhundert der alten, im ersten der neuen Zeitrechnung viele Prosclytcn anderer Abstammung an sich gezogen, und er setzte auch für das französische Judentum voraus, daß es viel gallisches Blut in sich aufgenommen hat. Wie stand es mit den Eigenschaften, die schon durch die Erbmasse verbürgt sein sollten? Man wirft den modernen Juden ihre Scheu vor Handwerk und Ackerbau vor, aber genau dieselbe Abwendung zeigte sich bei den französischen Protestanten, weil sie einige Jahrhunderte von diesen Berufen ausgeschlossen waren. Renan geht nicht so weit wie protestantische Forscher, die von vornherein eine rassisch übereinstimmende Abstammung des Judentums in Frage stellen. Der Ruhm des jüdischen Volkes ist für ihn die Geschichte einer Idee, und zwar derjenigen, die alle Fortschrittsgedanken und Entwicklungsmöglichkeiten der Menschheit in ihrem Mutterschoß getragen hat. Die Geschichte des jüdischen Volkes, sagt sein Historiker, ist nicht fleckenlos, aber sie ist eine der schönsten, die ich kenne, und ich bedauere es wahrlich nicht, ihr die Arbeit meines Lebens gewidmet zu haben. Palästina — die Bühne der biblischen Gcsdiidite ln den gesammelten Reden des Kardinals Faulh a b e r, ״Z e i t f r a g e 11 und Zeitaufgabe n“, 8. Aufl., 15.—17. Tausend, Freiburg i. Br. 1935, Herder, kommt auch ein Vortrag ״D i e B ü h n e derbiblischenGcschichte“ zum Abdruck. Es handelt sich für Faulhaber bei diesem Vortrage nicht etwa, wie er ausdrücklich hervorhebt, um eine vollständige Erdkunde Palästinas, sondern er versucht jene georaphischen Eigenschaften ins Lieht zu stellen, welche zur iblischen Geschichte und daher für den Bihelunterricht irgendwelche Bedeutung haben, da hei jedem Volk die physikalische Natur, die klimatische und geologische Eigenart des Landes am Charakter des Volkes mitgeprägt hätten, da bei jedem Volk die Natur des Landes auch an der Geschichte des Landes initarbeitet. ״Nun aber hat kein Land dem Volke des Landes seine Eigenart so stark aufgeprägt wie das Land der Offenharu 11g, ' solange es dieses Volk in seinem Schoße trug.“ (S. 170.) Der Kardinal macht aufmerksam auf ״einen tief• inneren Zusammenhang zwischen der pliysikalischcn Geographie von Palästina und dem biblischen Geschichtsdrama auf der Bühne von Palästina, einen tiefinneren Zusammenhang zwischen dem natürlichen Charakter dieses Landes u n d dem übernatürlichen Berufe dieses Volkes, das in diesem Lande zu Diensten der Offenbarung erzogen werden sollte“. (S. 170f.) ״Kein anderes Volk war mit seinem Lande so innig verwachsen... Hier waren die starken Wurzeln seiner Kraft... Jedes andere Volk hätte die Wegführung in die babylonische Verbannung leichter verschmerzt. Die Völker der Völkerwanderung haben auch in ando ren Ländern sich bald heimisch gefunden. Im Munde des verbannten Volkes am Euphrat sind die Klagelieder der Sehnsucht nach den heiligen Bergen der Heimat nie verstummt. Israel ohne Kanaan ist nach dem Bilde von Herder ein Baum in der Luft. Wenn heute noch Israeliten des Abendlandes in ihren alten Tagen nach Jerusalem ziehen, um in der Stadt ihrer Väter zu sterben, so glimmt hierin der letzte Funke jener innigen Liebe, welche ehedem Land und Volk verbunden hat.“ (S. 171 f.) Der Kardinal hat diesen Vortrag im Jahre 1906 gehalten. So erklärt es sich, daß er nicht erwähnt, in welchem Ausmaß Palästina inzwischen Immigrationsland für die Judenheit geworden ist. Robb. Dr. E. Steckelmacher hineiiiger.ilenen Brosamen, den ״Gliome/,“, wegtrage, da habe ich stolz die Fo!i,n1tcn Lew acht, indem ich mit einem spanischeu Bohr die mich Brüsein haschenden Hennen davonjagte, damit sie nu. in auf die geöffneten Blätter fliegen und diese ׳ Gott behüt’ hesrhimtl/.cn oder zerreißen. Nur die gelbeel iedert ־.׳ti /,arten Küchlein begnadigte ich, die fast laut 1* ׳s piepsend, schier olute Gewicht auf den . wehenden Blättern uinherschwebten. Und vielleicht hatte ich auch ein v.׳e:1i;• A 1.; :ד. vor 1h׳׳cr Mutter, <’ ־• a!*?n Bruthenne,.,. Die FrOhlingssunne schien erquickend warm auf den Hof hernieder, die Aprikosenbäume blühten und dufteten, und der Wind webte die Foli.uiivnblatter auf, wobei er sonderbare Melodien vor sich iiitisutnnue, als ob irgendein unsichtbarer Geist die heiligen lüit her rasch nacheinander aufhlätterte und dann studierte. . . . Vom Umherlaufen und von der Sonne ermüdet, lagerte ich mich neben einen Talrnudfolianten hin, wobei ich mit Schrecken fest st eilen mußte, daß das Buch beinahe so groß ist w ie ich selbst. Und als man mir dann nach Peßaeh dieses Ricsenbueh, die ״Mittlere Pforte“, unter meinen sechsjährigen Arm drückte, auf daß ich damit in den Glieder gehe, fühlte ich mich wie Simson aus der biblischen Erzählung meiner Mutter, der das ausgehabene schwere Tor der Stadt Gaza auf den Borg hinauftrug.... II. KAPITEL Die ״Mittlere Pforte“ knüpfte ein unlösbares Band an die ״Erst« Pforte“. Die beiden taiinudischen Traktate ״Baba kam.•'' und ״Baba me/.in" waren in einem Band zusammengebunden, und es war schon als physische Arbeit eine tücht-ige Leistung, den großen Folianten vom Hause in den Glieder zu schleppen. Der Weg war wohl nicht lang, nament- ]ich, wenn wir statt dem Umweg an der Mühle vorbei in einem kleinen Bogen über den Bach gingen, über den ein schmales Brett nach dem jenseitigen Ufer führte. Wir wählten immer diesen verbotenen und ״gefährlichen“ Weg, und es kam schon vor, daß wir durch den schweren Talmudfolinnten das Gleichgewicht verloren und irt den Bach fielen. Aber auch da geschah kein großes Unglück. Das Wasser reichte bloß bis zum Knie, und wir konnten leicht ans Ufer waten. Nach Peßach geht jedes ordentliche Kind ohnedies barfuß. In der Früh jnhrswärmc heißt cs die Schuhe schonen, zumal da sie so furchtbar teuer sind. Der jüdische Schuster im Dorfe, Onkel Schulz, ist imstande, für ein Paar Kinderschuhe anderthalb Gulden zu verlangen, was einfach unerhört ist. Wie lange muß man sieh im Laden plagen, bis so viel Geld beisammen ist! Von früher Morgendämmerang bis spater Mitternncht immer! bereit sein und warten, daß eine Bäuerin eintritt und für zwei Kreuzer ein ״großes, schönes Stück" Seife, für einen Kreuzer Pfeffer und für einen halben Kreuzer Salz und noch für einen halben Soda kauft. Na, und dann kann einem anderen Bauern nach I.ndcnschluß einfallen, daß er vergessen hat, für morgen Wagenschmiere zu kaufen, und er klopft am Fenster, um meinen Vater, Onkel Moritz, der in seine großen Foiiunten versunken ist,, uufzuscheucheu. Solcherart wird dann die Tageslosung um zwei Kreuz.er vermehrt. Dieser kleine Laden beschäftigte in unbegreiflicher M eise die ganze Familie. Bevor ich noch den Glieder besuchte, pflegte auch ich auszuhcUen. Nicht zu!)«dienen, nur aufzupassen. Meine vier—fünfjährige Gestalt wäre ja hinter dem Pult nicht zum Vorschein gekommen. Vielleicht ließ man mich auch liebet nicht zwischen den ״Stellagen“ stehen, wo sich in langhalsigen Flaschen Pastillenzucker, Pfeüerminzzucker, Wurmzucker, Bärenzucker und viele andere Süßigkeiten aneinanderreihten, die so verführend und lockend die Kinder anblinzeln. Meine Rolle spielte sich draußen, vor der Tür ab, wo ich ohnedies gerne herumscharwenzelte. Aufpassen, daß die Zigeunerin, die Saiten kaufte, während sie die Waren betrachtet, nicht eine Rolle Band oder eine Spule Zwirn unter die Schürze stecke. Oder daß der Bauernbuh, wenn er ins Geschäft kommt, um für einen Kreuzer Kartoffelzueker zu kaufen, aus dem Bündel bei der Türe nicht einen bunten Peitschenstiel mitgehen lasse. Zur Belohnung meiner treuen Dienste pflegte ich kühn eine Feige oder eine Dattel zu verlangen. Ich wäre aber nicht aufrichtig, wollte ich nicht cingestchen, daß ich ah und zu gar nicht darum bat, sondern einfach mauste. Denn so gut gab ich ja doch nicht acht, daß ich aut mich selbst aufgepaßt hätte. Namentlich der Bärenzueker war sehr fein, nur schade, dj»ß er Lippen und Zähne schwarz färbt und die schwarzen Spuren das Genasche verraten, was oft; schlimme Folgen halte. Im Laden erhielt ich auch meine erste hebräische Lektion. Da erlernte ich den hebräischen Namen vieler Gegenstände und Waren. Und als mim mich im Alter von vier Jahren dazu nahm, im Cheder des Reh Mojsche Raab Bibel zu lernen, hatte ich schon ans der Praxis einen reichen Wortschatz. Mit fünf Jahren nahmen wir den ganzen Roschi durch, diese dichten winzigen Buchstaben, die den heiligen Text umranken wie der Efeu die Mauern der Dorfschul. Ich brauchte daher auch vor dem unpunktierten Text des Talmud keine Angst zu hal>en. Erschloß mir doch die ״Mittlere Pforte“ schon die Hallen der ״Mittelschule". Ueber die ״elementaren“ Dinge war ich bereits hinaus, noch bevor ich in die römisch-katholische Volksschule kam. Diese Volksschule hielten wir überhaupt nicht für wichtig. ״Wenn du gut Tnbmvl kennen wirst, wird dein Verstand so s:־!׳.arf!׳osc,־!if!cn sein, daß du die ״Narrischkciten“ in ei i er. Tagen erlernst“, sagte unser Mclatned. Ueberdies wm ich ja vor dem Herbst gar nicht schulpflichtig, lalmud-ächuie, das ist aat&rlich etwaa anderes. Da gibt es keine Altersgrenze. ״Sobald das Kind sprechen kann, ist der Vater verpflichtet, es in der Thora zu unterweisen“ — lautet der Befehl der Weisen. Und mein Vater, Hebraist und Talmudist, befolgte auch darin die Lehre der großen Meister. Das ilelu-äisehlesen!)rächte mir mein Vater bereits im Alter von drei Jahren bei. Ich war noch niyht vier Jahre alt, als ich und mein fünfjähriges Schwesterlein jeden Morgen aus dem Gebetbuch beteten. Abwechselnd lasen wir die einzelnen Kapitel, das eine ich, das andere sie, laut rezitierend, damit es der Vater durch die offene Tür im Laden höre. (Mutter pflegte währenddessen in der Küche die Milch aufzukochen und den Kaffee zuzulicreitcn.) Er hörte uns ganz genau, und wenn wir einen Fehler machten oder eine Zeile übersprangen, da rief er zu uns herüber; ״Warum paßt ihr nicht auf?“ Und dieses Aufpassen war ihm wichtiger als der ganze Laden samt allen Kunden. Er lullte es vorgezogen, mich weiter zu unterrichten, als den ganzen Tag Essig und Paprika nuszmviegen und Bänder zu messen. Allein er mußte für die Kinder Brot verdienen und daher die geistige Ernährung andern überlassen. Eines Morgens, als ich erwachte, öffnete sich mir ein sonderbares Bild. Die Petroleumlampe blinzelte nur düster und im Halbdunkel sah ich meinen Vater, wie er über einen Folianten gebück dasaß, während seine Augen traurig weit — weit hinwegträumen. Auf der Erde, mit schwarzem Tuch bedeckt, die Konturen eines Kindes. Bei seinem Haupte flackerte das Liebt einer Kerze, Maß, geheimnisvoll. In der Ecke saß meine Mutter, barg das Gesicht ins Taschentuch, weinte leise vor sich hin und seufzte: ״Fradele, Fradele.“ Beängstigende Ahnung packte mich, daß unter dem schwarzen Tuche, auf nacktem Stroh mein einziges Schwesterlein hingestreckt liege. Ein unwiderstehliches Verlangen bewog mich, näherzutreten und das Tuch aufzuheben, um zu sehen, ob sie es in Wirklichkeit; sei. Einen Augenblick beleuchtet* das flackernde Kerzenlicht das bleiche, schöne Gesicht meines Sehwesterleins, und ich schreckte gar nicht zurück und konnte nicht verstehen, worin sich der I,el>end« vom Toten unterscheidet. Und wartet«, daß sie sich plötzlich erheben und sich neben mich an den Tisch stellen werde, wie jeden Morgen, um mit mir gemeinsam das Gehet zu sprechen: ״Mein Gott, die Seele, die du mir gegeben hast, ist rein. Du hast sie erschaffen, du sie gebildet und mir eingehaucht, und du bewahrest sie in mir und du wirst sie einst von mir nehmen und mir wiedergeben in der Zeit, die da kommet“.. .. Ich wartete, wartete, schlug hernach einsam und verlassen das Gel»ethuch auf und las nach meinen Kapiteln auch die der Fradele — an ihrer Stelle. Der Vater seufzte in einem fort. Und Mutter verbarg ihr Ge״ sicht und schluchzte. — (Fortsetsaag folgt)