Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1936)
- Date
- 1936-03-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23, 20. «1.1936 JOD'SCHE I? H N ח s r h A 11 Seite 5 Skandinavischer Zionismus Von unserem Berichterstatter Kopenhagen, 16. März Nach langen Vorarbeiten ist es gelungen, eine einheitliche Organisation der skandinavischen Zionisten zu schaffen, und nach einem ha'ben Jahr des Bestehens des ״Zionistischen Einheitsverfaaniies Skandinaviens“ (״Zionistisk Forbund for Skandinavien“) kann man bereits die ersten greifbaren Resultate der gemeinsam .*n Aktionen übersehen und eine Zwischenbilanz ziehen. Diese Dt gut und vielversprechend. Der ״Einheitsverband“ ist eine Dach- Organisation der drei zionistischen Landesverbände in Dänemark, Norwegen und Schweden. Während der dänische Landesverband schon lange bestand, konnte der schwedische Verband aut der Oöteborger Konferenz. Mitte 1935 begründet «׳erden. Hingegen wurde der ״Zionistische Landesverband für Norwegen“ erst Ende November 1935 anläßlich einer Vortragsreise von Dr. Kaplun-Kogan in Oslo ins Leben gerufen. Eine endgültige Gestaltung erhielt der ״Einheitsverband“ auf der ersten Sitzung seines Zentralausschusses, der aus den Vorsitzenden der drei Landesverbände — B. Slor für Dänetnark, M. Dsenselsky für Norwegen und Dozent Hugo Valentin für Schweden — sowie ans zwei weiteren Mitgliedern: Dr. Emil Glück aus Schweden als dem Leiter der schwedischen Hachscharah und J. M. Schild aus Kopenhagen als dem Vertreter der Misrachi bestellt. Das Zcntralbüro des ,,Einheitsverbandes“ bestellt aus Fräulein M. Hartwig, Dr. w. W. Kaplun-Kogan und Dr. M. Melchior und hat seinen Sitz in Kopenhagen. Ein Unterbiiro wurde gleichzeitig 5n Stockholm eingerichtet, das unter der Leitung von Daniel Brick steht und eine Intensivierung des zionistischen Gedankens in Schweden verfolgt. Nach der Einrichtung des Büros begann dieses sofort mit einer Organisation der gemeinsamen zionistischen Aktionen in Skandinavien. Zuerst erfolgte eine Belebung der Keren Hajessod-Sammlung in Kopenhagen se'b.rt. Nachdom das bereits bestehende Keren Hajessod-Komltce anfangs nur einen kleinen Teil der Zeichner mobilisieren konnte, beträgt heute der gesammelte Betrag bereits das Vierfache der im vorigen Jahre für den Keren Hajcssod gesammelten Gelder. Dieses Resultat ist zweifellos der intensiven und zielbewußten Kleinarbeit des Leiters der Keren Hajessod-Aktion in Skandinavien, Dr. Melchior, zu verdanken. Die von ihm in Norwegen durch geführte K. H.-Aktion ergab ebenfalls recht gute Resultate. In Südschweden konnten unter der Leitung von Dozent Hugo Valentin ganz ausgezeichnete Ergebnissc erzielt werden, während es dem Vertreter der K. H.- Leitung in Palästina, Ernst B 111 in e 11 111 a I aus Jerusalem, in kurzer Zeit allein in Göteborg und Stockholm gelungen ist, eine ins Gewicht fallende Summe als Erfolg seiner K. H.-Aktion zu buchen. Hiermit sind jedoch die diesjährigen Geldsammlungen für den Keren Hajcssod in Skandinavien noch keineswegs abgeschlossen. Eine weitere Zusammenfassung der K. H.- Zeichner in ganz .Skandinavien wird betrieben. — Daneben erfuhr die KKL-Sainm'iing eine Belebung durch eine Reihe von besonderen Aktionen. Die Schekel-Aktion wird in diesem Jahre in Skandinavien eine besondere Bedeutung erlangen. Es werden hiermit zunächst propagandistische Ziele verfolgt, alsdann aber soll der Nachweis erbracht werden, daß auch in einem kongreßlosen Jahre die Anzahl der Schcka'im-Käufer vergrö- Bert werden kann. Das Zentralbüro hat sich zum Ziel gesetzt, in diesem Jahre doppelt so viel Schekel zu verkaufen wie ffn vorigen Jahre. r! Auf dem Gebiete der Hachscharah soll in Norw e g c 11 zum erstenmal eine handwerkliche Hachscharah eingerichtet werden (Holzbearbeitung), in Schweden wird die landwirtschaftliche Hachscharah erweitert (bis auf etwa 50 Chaluzim), und die dänische Hachscharah, die wohl zu den besten in der W'elt gehört, wird weiter ihren Umfang beibehalten (etwa 200 bis 220 Gbahtzirii). Die Finanzierung der skandinavischen Hachscharah i-t für das laufende Jahr so gut 'wie gesichert. Ein Ereignis von besonderer Bedeutung bildete in Skandinavien die Herausgabe der ״A u t o c m a n z i p a t io!1“ von Leo Pi ns k er in dänischer Sprache, die von der ״Zionist!- sehen Vereinigung für Dänemark“ vorgenommen wurde. IDic Broschüre wurde gleichzeitig auch in Norwegen vertrieben, während in Schweden daraufhin eine schwedische Ausgäbe geplant wird. Die dänische Ausgabe wurde allen däni- Opern - Premiere in Paris Edmond Flegs ״Oedipus“ Von unserem Berichterstatter K. Paris, 16. März Die lyrische Oper des rumänischen Komponisten und Geigenvirtuosen Georges Enesco, der die Dichtung des bekannten jüdisch-französischen Dichters Edmond Flcg zugründe liegt, ist in diesen Tagen in der Pariser Großen Oper zur ersten Aufführung gekommen, l ieg hat nicht nur ein gutes und geschicktes Operntextbuch geschaffen, sondern seine Dichtung ist der kogenialc sprachliche Ausdruck der musikalischen Tragödie Enescos. Die Oper ist in enger Zusammenarbeit der beiden Künstler entstanden. Die Oedipustragödie Edmond Flegs ist eine Jugendarbeit und wurde von dem Dichter bereits im Jahre 1010 abgeschlossen, d. h. zu einer Zeit, in der Edmond Fleg noch nicht dem jüdischen Problem, um dessen Gestaltung und Lösung sich seine Hauptwerke bemühen, näher getreten war. Der Krieg hat die musikalische Ausführung der Oper Enescos unterbrochen, und das Werk konnte erst jetzt abgeschlossen werden und zur Uraufführung kommen. Fleg ist in seiner lyrischen Dichtung eng der antiken Legende gefolgt; er hat aber vor allem die beiden Tragödien des Sophokles ״König Oedipus“ und ״Ocdipus auf Colona“ zusammengefaßt und dadurch die innere Gesetzmäßigkeit des turclitbarcn Schicksals Oedipus stärker herausgearbeitet. Fleg folgt damit in seiner Bearbeitung des antiken Stoffes formal und inhaltlich den Traditionen der französischen Klassik. Was die antike Tragödie in der Umarbeitung an Reichtum verliert, gewinnt die Handlung an Geschlossenheit und Konsequenz. Für die Gestaltung der Oper ist das eine' unentbchrlidie Voraussetzung. Gleichzeitig ist bei Fleg Oedipus nicht nur der das Urteil des Schicksals erleidende Mensch, sondern er ist der titanische Kämpfe r, der sich gegen die verhängnisvollen Mächte wehrt und sie zu überwinde״! versucht. Durch das unerforschliche Urteil der Gottheit zum Vatermord und zum Inzest verurteilt, kann Oedipus am Schluß ausrufen: ״Ich bin unschuldig, unschuldig, unschuldig. Niemals war mein Wille mit meinen Verbrechen. Ich habe das Schicksal besiegt!“ Apollo bereut die unverdienten Leiden, die er Oedipus auferlegt hat und — seiner inneren Sicht folgend, die ihm das verlorene Augenlicht ersetzt — schreitet Oedipus dem ewigen Lichte zu, aus dem ihn göttliche Stimmen rufen. Aus dem antiken Schicksalshelden ist der moderne ״faustische* Mensch geworden, der bereits der Sphinx triumphierend cntgegcimu't, daß der Mensch stärker ist als das Schicksal. Zu der lyrisch-pathetischen Tragödie Flegs, deren Verse eine besonders glückliche Unterlage für die Vertonung bieten, hat Encsco eine Musik geschrieben, die der Tradition des lyrischen Musikdramas folgt. Eine musikalische Bewertung der Enescoschen Oper ist nicht Aufgabe dieser Zeilen. Die Oper hat im allgemeinen bei der französischen Kritik eine sympathische Anerkennung gefunden. Die Pariser Oper hat eine schöne und würdige Aufführung des Werkes hcrausgebracht, zu der Bo 11 und Avisen eindrucksvolle und tarbenschönc Dekorationen und Kostüme geschaffen haben. Unter den Künstlern ist vor allem der auch schauspielerisch bedeutende Oedipus von Andre Pcrnet, sowie der wundervoll gesungene Seher Theresias von Etchevcrry hervorzuheben. Unter den Frauen traten die lokastc von Marisa Ferrer sowie Jeanne Mont fort als Sphinx hervor. Die Aufführung stand unter der musikalischen Leitung von Philippe Gau her t, der in seiner Orchesterführung den dramatischen Aufbau der musikalischen Tragödie unterstrich. Film-Gründungen in Wien. Eine Zeitlang schien es, als ob die unabhängige Wiener L'ilmproduktion zum Erliegen kommen sollte. Vor allem die von der Universal unterstützte Franziska-G aal- Produktion hörte plötzlich auf, weil eine in den Vereinigten Staaten bei der Firma vorgenommene Umschichtung zur Folge hatte, daß man die Herstellung europäischer Filme auigab. Franziska Gaal selbst erhielt einen Ruf aus Moskau. Sie ist dort durch den Film ״Peter“ so berühmt geworden, daß sie bereits eine stehende Figur in den Revuen ist. Sie lehnte aber den russischen Antrag ab und hat jetzt einen Vertrag im Verleih Koppelmann abgeschlossen. Sie wird in drei Filmen unter dem Regisseur Neufeld spielen, der kürzlich in Prag ״Hoheit tanzt Walzer" drehte. Die Musik wird ihr B r o d s k y, das Textbuch Max Kolpe schreiben. Eine zweite interessante Gründüng ist die des früheren Managers der Universal, Fried- I a n <1. Er hat mit Schweizer Kapital die Lirma ״Continental“ geschaffen. Die Firma stutzt sich, auf einen zehnjährigen Star, aut den jüdischen Knaben M i r c h a aus Rumänien, ein Stimmphänomen, das kürzlich m Paris entdeckt wurde. Die Firma wird Filme herausbringen, die im Genre von Chaplins ״Kiel“ gehalten sein werden. Mirchas Partner werden W a 11 b 11 r g und Szökc S z a k a 11 sein. m. g. sehen Juden, soweit erfaßbar, von der zionistischen Leitung als Chanukkah-Gabe zugesandt. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß mit der Herausgabe Pinskers in dänischer Sprache ein neuer Abschnitt in der Geschichte des skandinavischen Zionismus begonnen hat. Es ist nur selbstverständlich, daß die Gedänkeugänge Pinskers auf einen gewissen Widerstand eines Teiles der dänischen Juden gestoßen sind. Diese Reaktion ist begreiflich und wird hoffentlieh im Laufe der Zeit durch die Erkenntnis der allgemeinen Problematik der jüdischen Frage korrigiert werden können. Lfnbegreiflich ist hingegen die Gegnerschaft, die die ״Autoemanzipation“ in gewissen jiidisch-assimilierten Kreisen aus Deutschland erfahren hat. Diese Kreise, geblendet durch die Stellung, die die wenigen dänischen Juden einnehmen, scheinen die reale Situation noch immer nicht zu begreifen. Der ״Einheitsverband“ soll Mitte dieses Jahres seinen ersten Delegiertentag abhalten. Bis dahin ist noch ein großes Stück Arbeit zu leisten. Diese wird — und das soll anerkannt werden — durch die verständnisvolle Würdigung der Bedeutung des Palästina-Aufbaues gefördert, die von der skandinavischen Judenheit — vor allem in Kopenhagen — dem großen Werk entgegengebracht wird. Dr. W. W. K.-K. Schwedisch-kirchliche Hilfsaktion für Emigranten aus Deutschland. Unser Stockholmer H. R\-Berichtcrstatter schreibt uns: Ein vom Erzbischof Schwedens, Erling Eidern, unterzeichneter Aufruf wendet sich an das schwedische Volk wegen einer Sammlung für Emigranten aus Deutschland, arischer und nichtarischer Herkunft, um diese in Columbia in Brasilien untcr/.ubringen. ״Stockholms Tidningen“ bringt hierzu ein Interview mit Pastor Nils Karlström, der 11. a. äußert, daß gleichartige Versuche in Palästina äußerst günstig ausgefallen seien. Die Initiative zu diesem Projekt geht vom Stockholmer Organ der Schwcdisch-Oekumenischen Vereinigung aus. Die Aktion soll rein philanthropischen Charakter haben. Unser Verlagshaus in der Meinekestraße 10 und sämtl. zionistischen Büros sind jetzt nur noch unter der neuen SammelnummerJl 9031 erreichbar Aus dem Ungarischen übertragen von Ludwig Bato Naclidrurk verboten! I. KAPITEL Sechs Jahre war ich alt, als sieh vor mir plötzlich die ״Mittlere Pforte“ auftat und eine funkelnagelneue Welt meiner Kindcrseele erschloß. Wir traten geradeaus durch die ״Mittlere Pforte“ ein. Um die ״Erste Pforte“ machten Wir behutsam einen Bogen, denn hinter ihr verbargen sich Mysterien, die unser zartes Hirn noch nicht hatte fassen können. Fe' m die Aufschrift der ״Ersten Pforte" erfüllte uns mit Entsetzen: ״Vier Ilauptarten von Schädigungen: Der Ochs und die Grube und die Abwendung und das Feuer.“ Solcherart beginnt das erste Buch des dreibändigen Zivilrechtes des babylonischen Talmud, der ״Baba karaa“. Auf deutsch: ״Erste Pforte“. Unsere kleinen Herzen hätten von so gew iehtigen Problemen nicht erobert werden können, als da sind: Wie weit geht die Haftung des Eigentümers für den Stoß seines Ochsen, oder wenn in seine nicht zugedeckte Grube;jemand, Tier oder Mensch, hineinfiel und ums Leben kam. Um wieviel freundlicher und heiterer war der Hintergrund, der sich hinter dem ״Baba Mezia“, der ״Mittleren Pforte" eröffnete. Der zweite Band des Dreierbuches beginnt mit den Worten: ״Schenajim ochasin betalit... ״Zwei ergreifen ein Kleidungsstück. Der eine sagt: ich hab’3 gefunden, der zweite sagt: ich hab’s gefunden. Der eine sagt: mir gehört’s zur Gänze, der zweite sagt: mir gehört’s zur Gänz.c . . . Welch wunderbares Bild wurde lebendig vor meinen Augen! So etwas kam doch auch zw ischen uns im Hofe des ( lu der unter dem Nuß- Laum oder heim Knopfspiel sehr oft vor. Der eine sagt: ich hab's gefunden, der andere sagt: ich hab’s gefunden. Und da stellte ich mir zwei muskulöse Männer vor, wie sie die Falten eines Gewandes lest ergreifen, der eine zieht's her, der andere zerrt’s hin (wie auf dem bekannten Reklameplakat, das damals auch an einer I.ndenlür in unserem Dörf'cin zu sehen war und auf dem nicht zwei, sondem zehn Männer an einer unzerreißbaren Hose ziehen Und zerren). Und einige Schritte weiter sitzen mit ruhiger Würde, mit seidenen Gewändern angetan, die langbärtigen Aelteslcn, Rabbis und Richter, die Weisen des Talmud, die darüber einen Meinungsstreit, führen, wie das Urteil lauten soll. Und während sie diskutieren, tritt auch schon der zweite Fall, ein, der mir noch besser gefiel als der erste. Vom fernen Horizont ״reiten zwei Miinner auf einem Pfera heran, der eine sagt: das Pferd ist mein, der andere sagt: das Pferd ist inein.‘‘ Ich sah in meiner Phantasie die alten judiiischen Ahnen, die nicht mit gebücktem Rücken, sich auf einen Stock stützend über die Straße kriechen, wie die in unserem Dorfe täglich auftauchenden bärtigen Schnorrer, arme, fremde, alle ״Orcliim“*), sondern als Söhne einer jungen Rcilcnnation ohne Sattel auf der! Pferden sitzen, besser als die Banernluirschen in unserem Dorfe. Mit wehendem Tnlis angetan ritten sie vom Oelberg hinunter ins Tal nach Jeruschnlajim. Da erblicken sie gleichzeitig ein wildes Pferd, einen Maniesei oder Esel, ein Kamel oder einen Elefanten, und beide stürzen gleichzeitig über das Tier her. Aber nicht Messer noch Dolch entscheidet zwischen ihnen, wie wir das so oft an Sonntagnachmiftapen im Dorfe sahen, sondern sie gehen zur Pforte der Rabbis, auf daß die Meister der Thora zu Gericht sitzen. Und die Meister diskutieren den Fall und entscheiden, daß sie zu teilen haben. W ieso? Sollen sie am Ende das Tier schlachten? Das Fleisch des unreinen Tieres ist ja nicht genießbar! Wir lachten schon im voraus darüber, daß weder der eine noch der andere aus der Schlauheit einen Nutzen ziehen werde. — Aber der Talmud denkt an alles. Teilung in Geldeswert, du, seihst das gefundene Gewand läßt sich nicht teilen, weil es dadurch unbrauchbar wird. Nur wenn ein goldgesticktes Kleid gefunden ward, kommt die Teilung in natura in Betracht. ״So etwas können doch aber nur Königssöhne tragen?“ fragt der Talmud. — ״Die Kinder Israel sind alle Königssöhne“, lautet die Antwort. Wie stolz waren wir auf diesen uralten Adelsbrief, den die mit sieben Siegeln verschlossene ״Mittlere Pforte“ gleich heim Eingang für uns verborgen hielt. Die Kinder Israel allesamt Königssühnc, Prinzen! Wie konnte es nur geschehen, daß trotzdem zwischen zwei ehrlichen Findern ein Streit entstand wegen eines Gauls, eines Esels oder eines Tüchloins? Gleichviel. Sie sollen teilen. Vorher hat aber jeder von ihnen 7.u beschwören, daß er auf die Hälfte des gefundenen Gegenstandes auf jeden Fall rechtmäßig Anspruch erheben kann, damit nicht: jemand das Gewand des anderen anfasse, indem er sagt: cs gehört mir, um dann mit ihm zu teilen. Aber einer der Alten schleudert den gro.'a:׳ i en Grundsatz des ״tnigo“, des ״da“ dazwischen. *) Wörtlich: Gäste. Das heißt: Du er auf das Gut des anderen ein Auge zu werfen vermochte, wird er cs auch über sich bringen, falsche Zeugenschaft ahzu legen; gegen den Betrug kann also der Eid nichts ausrichten. Es wird daher ״!!gezeigt sein, den strittigen Gegenstand in Verw alirung zu geben, auf daß ״er liegen bleibe, bis der Prophet Klijahu kommt“, das heißt bis zur Ankunft des Messias . . . Die weit hinausgcscholienc Lösung, die auch unser makclloses Gerechtigkeitsgefühl befriedig!״, bedeutet nicht etwa ״N'immertag“, sie war vielmehr für uns alle ein naher Termin. Wir sprachen doch alle jeden Morgen das Bekenntnis ״Ani rnaamin“ und verstanden es auch: ״Ich glaube mit vollem Glauben an das Kommen des Messias, und obgleich er säumet, dennoch harre ich sein jeglichen Lag, daß er kommen werde.“ Wir wußten,!hiß all das, was hier in unserem Dorfe und den übrigen Dörfern und in der Stadt vor sich geht., das viele Rennen und Laufen, der Handel, der Hader, all das etwas bloß Vorübergehendes ist. Es dauert nur, bis eines schiinen Tages, nach Ablauf der Zeit der vielen Leiden, auf den Bergen der Scholar des Elijalnt ertönt, der heilige Posaunenklang, der die Kinder Israel versammelt und sie auf dahincilcndcn Wolken nach Jeruschnlajim trägt, vor den König Messias. Dann wird man alles hierlassen müssen, Haus, Laden, Ware. Sie werden ja ohnedies nicht mehr vonnöten sein. Denn auf den Bäumen werden Zucker- und Honigkuchen wachsen und an Stelle von Weizenähren gestickte Seidengewänder hervorsprießen. Nur die Bet- und Lehrhäuser werden nach dem Heiligen Lande hinüberfliegcn. Freilich mitsamt den heiligen Büchern. Die können ja nicht zugrunde gehen. . . . . . Beruht doch die Welt auf ihnen. . . . Der Talmudfoliant, in dessen Geheimnisse uns der Meister des kleinen Cheders am Bachufer, Reh Scholem, einführte, hat uns schon durch sein Aeußeres besondere Ehrfurcht eingeflößt. Der ״Sidur“ oder ״Sidcrl“, woraus mich mein Vater mit. drei Jahren beten lehrte, war wohl ein Gebetbuch mit großen Buchstaben, reichte mir aber hochstens bis zur Hälfte des Armes. Der ״Chumeseh“, die fünf Bücher Moses, wog samt den winziggedruckten Erklärungen des ״Raschi“ nicht mehr als das Gabelfrühstück, das meine Mutter ihrem Sohn, dem Schüler, für den langen Vormittag mitgab, damit ,sein Herz nicht schwach werde“. Die schwerwiegenden und teuren Bunde des Talmud durfte ich aber bisher nur aus der Ferne betrachte», wie Moses das Gelobte Land, ohne in ihre Nähe gelangen zu können. Vererbt er sich doch von Vater auf Sohn, von Gesell! *cht auf Geschlecht, als teures Vermächtnis, das gehütet werden will. Nur vor Peßacli, als mein Vater alle Bücher im Hofe aus* breitete, damit der Wind sie durchwehe und die vielleicht