Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 21 (13.3.1936)
- Date
- 1936-03-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 21, 13. IH.1936 Anläßlich eines Saul-Romans Da die biblische Geschichte des Volkes Israel Gottesfeschichte ist, besitzen ihre Gestalten die vierte Dimension. ie erstrecken sieh aus dem Räumlichen ins Raumlose, sie empfangen (Suade oder Much nicht bloß aus den Gründen ihrer diesseitigen Verhaltungsweise, sondern auch aus den Urgründen des Gesetzes und eines übergcsetzliclicn Weltwillens. Also ist ihnen mit Psychologie nicht ganz beizukommen. Es gibt auch keine spezifisch jüdische Psychologie, sei cs des Individuums oder der Gesamtheit, mittels deren die biblischen Gestalten zu erschlichen wären. Dazu ragen sie zu hoch ins göttlich Mythische hinauf, oder richtiger: sie sind geradezu in Menschengestalt umrissenc Kommentare zum Gottesbegriff. Hier liegt der Grund, weshalb das jüdische Schrifttum der Antike aus dem [epischen und Lyrischen nicht zum Dramatischen gediehen ist. Der Mensch ist nicht Träger einer Handlung, nicht Vollstrecker eines definierbaren Wesens. Gott allein trägt und vpllstreckt. Zum Tragischen, wie es die Grieche:: erfunden haben, fehlt also die Möglichkeit, dal! sich das Gesicht ins Diesseitige verliert, weil ein solches jüdisches Gesicht nicht denkbar ist. Das Unsichtbare bleibt immer die Dominante des Jüdischen. Aus diesem Grundsatz und auf dieser Grundlage hat sich alles entwickelt, was in der Phantasie des Volkes Israel beschlossen liegt. Das psychologisch erschließbare Menschenbild steht aulierhalb dieses Kreises. Denn, von Gott losgelöst, stände es gottlos da. Nur ein so goftsucherisches und gottschöpferisehes Volk wie Israel konnte ifl dieser Unbedingtheit lebend sich erkennen. Geht man den grollen Gestalten der biblischen Erzählungen nach, so präsentieren sie sich immer klein vor Gott, vor •dem göttlichen Hintergrund. Dies eben, macht ihre (!rolle aus. Dies macht aus, daß sic kein ausschließlich menschliches Mall haben und also keinen ausschließlich menschlichen Mallstal) zulassen. Sie scheiden sich nicht in Helden und Händler, sondern in 1!eilige und Unheilige. Und Wo das Unheilige nach den Begriffen der menschlichen Psychologie ״groß" wird, da entschwindet der Umriß, weil eine im jüdischen Denken unentbehrliche Dimension, die vierte nämlich, fehlt. In diesem Zusammenhang ist der König Saul die Iw.- lehremiste biblische Ligur. Ranke hat ihn die die erste tragische Figur der Weltgeschichte genannt. Das ist mit der Einsehränkuiig richtig, daß sicher im Blick der antiken Menschen nur die Götter eines tragischen Schicksals würdig erschienen sind, die nach menschlichem Vorbild erschaffenen Götter, in Saul hat die jüdisch-biblische Geschichte zum erstenmal den uitgottetcn Menschen und damit das Ur- und Vorbild des nachmaligen tragischen Menschen angedeutet. Aber wie unwichtig dies im Sinne des jüdischen Denkens war, zeigt sich daran, daß Saul für sich allein einen mythischen Bezirk gar nicht zu bilden und zu erfüllen vermag. Denn was ist Saul ohne David > Saul ist ohne David überhaupt nicht vorstellbar. Juist konnte man sagen, er sei ohne den Harfner nur eine Fassade, nur ein stummes Bild, etwas Zweidimensionales. Denn die dritte, die zur Plastik hinreichende Dimension, kommt ihm erst aus der davidischen Erscheinung zu, so wie die vierte ihn in der Erscheinung des Richters und Propheten Samuel erreicht. Saul also ist der Umweg von Samuel zu David -- ästhetisch angeschaut, eine Hilfs- und Kontrastfigur, wovon einiges sogar auch seiner historischen Sendung entspricht, da er nur der Wegbereiter des jüdischen Königtums und David erst der triumphale Vollstrecker war. Hier ist wieder auf eine Eigentümlichkeit der jüdischen Ueberlieferung hinzuweisen: die zwei Gestalten, die die Höhe der weltlichen Macht Israels verkörpern, werden in der Schrift, um sic über das weltliche Niveau des Königtums zu erhöhen, mit besonderen geistlichen Attributen ausgestattet. David ist der Psalmendichter, Salomo der Spruchweise. Eine stärkere Tendenz zur Vergeistigung und Vergeist- I i c 11 u n g irdischer Gewalthaber findet sich in der Geschichte kaum ein zweites Mal. Man sieht daran den Sinn und Weg der jüdischen Entwicklung und Ueberlieferung. Nicht menschliche Macht ist das Ziel des jüdischen Streberis, sondern Heiligkeit und Erfülltheit von Gott und göttlichem Recht. Man sollte den Blick auf diese ursprünglichen, Geschichte machenden Gewalten im Volk Israel nicht, und besonders heute nicht, verlieren.... Der König Saul mm stellt in der Dämmerung dieser Zusammenhänge. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Bericht, daß gerade er und sein llccr sich ohnmächtig gegenüber dem Phifister-Riesen Goliath erweisen. Saul und die Seinen sind doch Helden! Und vermögen trotzdem nichts gegen diesen Unhold. Er ist nämlich nur ein vergröbertes Widerspiel Sauls. Der Hirte David, der knabenhafte (lottesharfner, erlegt ihn. Welch eine feine Satire auf die körperliche und nichts als menschliche Kraft! Sie kennzeichnet besser als alles andere den Abstanu zwischen jüdischer und hellenischer Weltauffassung, die alles licht um den Helden Achilles versammelt. Im Griechischen wäre Saul, wenn er nicht Saul wäre, .... Achilles. Im jüdischen tritt er hinter den kleinen Harfner und Schleuderer zurück. Eine tragische Figur? ln der Schrift gibt es den Begriff des Tragischen nicht. Tragisch ist Saul nur, wenn man ihn mit hellenistischen Augen sieht. Damit i-t das Problem sowohl des biblischen R o m ans w i e des b i h I i s c hen D r a m a s aufgezeigt. Erst wenn der Sinn der Schrift in andere und spätere AnschauungskreUe transferiert wird, entsteht die Tragödie. Auf kanaanitUchem Boden gedeiht sie nicht — so wenig wie die Heldcnpsvchologie. Diesen Boden beschreitet und beherrscht der große Unsichtbare, der gestaltlos Ciestaltvolle, der Inbegriff jedweder Gestalt. Er allein ist hier, wenn der Ausdruck erlaubt ist, bodenständig. Und dies eben wird geschichtliches Ereignis in der Dreiheit Samuel—-Saul׳— David. Eine gottgewollte Dreiheit, in der der Held, der Saul heißt, wie eine Bei- oder Nachfrucht des Bodens wirkt. Er bleibt diesem stärker verhaftet und näher als der Prophet und der Harfner. Er hat noch heidnisch-bäuerliche Elemente in sich. Die köstliche, inzwischen abgeschliffene Frage der Schrift: ״Wie kommt Sani unter die Propheten?“ (denn auch er, sogar er hat einmal in Zungen geredet!) ist ein Beitrag zu seiner Zwitter Stellung. Aber nun ist auch die Anziehungskraft der Saul-Figur klar. Sie hat in ihrer groben Diesseitigkeit mehr Körperliches und Weltliches als die meisten anderen, ja als fast alle an- Neue Bücher KEREN KAJEMETH LEJISRAEL BERLIN W15. POSTSCHECK BERUN 28241 Wenn Ihr ins Land kommt.60 Rpf. Daganiah. 95 ״ Di* Bilu auf dem Wege.95 ״ Die Bilu am Ziel.. . 95 ״ Die Sage von Dtfb.30 , Hundert Bäum* .30 .. Kelle und Schwert . JO Zu beziehen durch alle jüdischen Buchhandlungen dern biblischen Figuren. Bauer — Soldat — Edelmann und König, so stellt Saul den Anstieg im ״Heldischen“ dar, so ist er in Opposition zum Goftesstaat. Ein Kind des Landes und Bodens, auf den das Salböl geflossen ist. König in Israel? Eine Vermessenheit, ähnlich jener, die immer noch die heidnischen Opfer auf den Höhen darbringt. Die einseitige, aber bäuerlich trächtige Verbundenheit mit der ״Mutter“ _ Erde ist es, die Sauls fortwirkende Größe ausmacht.a Es ist keine jüdische Größe. Die liegt bei Samuel und David. Wir haben bereits ein Sa ul-Drama irt deutscher Sprache. Es ist ״Der junge David“ von Richard Beer- Hofinaiin. Das ist ein in wundervollen Szenen verlaufendes Szenarium. Sein größter Reiz besteht darin, daß es das. Land Kana an wie mit dem Pinsel schildert und dabei den irdischen Wuchs und die himmlische Weihe in harten Farben gegeneinander ahsetzt. Es könnte auch heißen: Saul und David. Zwischen beiden und um beide blüht das Land, die ״Mutter“ Erde, über die der Gottvater schreitet. Das hat kein anderer Dichter so erfaßt und so verlebendigt wie Bccr-Hofmann. Noch die Stammutter Ruth, die Achrenleserin, geistert durch die Dichtung. Sie gehört hinein. Sie ist Geist vom andern (ici-t als dem Sauls. Ihres Geschlechtes und Geistes ist David. Die Achrenleserin hat das Priesterliclie, das auch der Psalmist und König David hat. Der ist wie ein Baum des Landes. Saul aber ist wie ein Busch. Dem Unteren verhaftet. So stirbt er auch. Er stirbt einen beispiel- und lehrhaften Tod. In diesen Tagen ist ein deutscher Saul-Roman erschienen (Josef \V e n t e r: ״Saul“, Verlag R. Piper <k Co., München). Auch dieser (Tiroler) Dichter hat erkannt, worauf es bei einer Gestaltung des Lebens Sauls ankommt. Auch er hat, was freilich in der epischen Dichtung näher liegt als in der dramatischen, das Land erweckt, den Acker und Garten, Berg, Wald und Wiese, Fluß und Baum. Sein Buch hat, wie man einst sagte, Schollengeruch — und gerade darum viel menschliche Atmosphäre. Es wird überzeugend gegessen und getrunken, geliebt und gehaßt. Der Roman ist wie das Land voll von Gott. Und dies nicht etwa im homiletischen Sinn und Stil, sondern im Tonfall eines Dichters, der dem biblischen Geist seinen Dank abstattet. Immer bleiben ja biblische Romane ״Nacherzählungen“. Und dies deshalb, weil die biblischen Erzählungen erschöpfend sind. Den ersten Versuch von genialer Kraft, den mächtigen Schatten, den die Bibel wirft, zu überspringen, hat Thomas Mann in seinem Joseph-Werk gemacht, indem er die vor- LAND DER JUGEND Das Buch der Kinder״Rundschau das von affen jüdischen Jungen und Mädchen meist begehrte Jugendbuch Preis nur RM 2,85 Zu beziehen durch affe jüdischen Buchhändler oder direkt vom VERLAG JÜDISCHE RUNDSCHAU G. m. b. H. BERLIN W15 / MEINEKESTR. 10 Gegen Voreinsendung des Betrages zuzügf. 30 Rpf. Porto auf das Postscheckkonto der Verfagsabteifung: Berlin 71576 und nebenbiblischen Quellen geöffnet und damit Perspektiven geschaffen hat, die jenseits der biblischen Ordnung liegen. Mann schreibt die Vorgeschichte der Joseph-Legende. Er führt den Leser sozusagen auf deren Hinterbühne und gibt ihm den Blick aut das Kulissenwerk frei. Er gibt die psychologischen Vorstufen der jüdischen Mythe. Er ist also fast ein ״Vor- Erzähler“. Davon findet sich bei Wenter kaum eine Spur. Wenter drängt alles in den Vordergrund, an die Rampe, Fast macht er sich selbst erzählerisch sichtbar, und erweckt den Eindruck, daß er sich sehr gut und sehr intim mit den biblisehen Figuren unterhalle. Er hängt an ihrem Blick und an ihren Lippen. Das gibt seiner Nacherzählung etwas sehr Persönliches, etwas Vertrauliches und zieht das Biblische manchmal erschreckend nah an den Leser heran. In einem Punkt gleicht seine Methode der Aufhellung derjenigen von Thomas Mann, indem er nämlich wie dieser fast hermetisch aus einer kaum noch biblischen Erschlossenheit und Gesprächigkeif der Figuren ihr sinn- und zeitgerechtes Wesen herausholt. Schon bei Thomas Mann ist man oft versucht zu fragen, ob denn der Wortreichtum der Figuren noch mit deren mythischem Wesen in Einklang zu bringen ist, und ob nicht der Geist unseres Jahrtausends vor dem des zweiten Jahrtaiisends vor unserer Zeitrechnung überwiegt. Bei Mann siegt schließlich die sprachliche Kraft und die innere Vision über diese Kluft. Bei Wenter aber bleibt ein modernistischer Rest, eine erzählerische Willkür, gemildert freilich durch ein aus dem Spielerischen ins Konstruktive aufsteigendes Talent. Der Saul Wenters hat einen unverkennbar tirolerischen Einschlag. Er ist wie die Figur aus einem Mysterienspiel. Noch mehr gilt dies von David, dem Schafhirten. Zwischen beiden entsteht oft genug ein psychologischer Kurzschluß. Aber es entsteht auch eine so ergreifende und große Szene, da David den schlafenden Saul schont und beide sich weinend an der Brust liegen. In diesem Teil der Erzählung freilich weicht Wenter auch der Härte der Ueberlieferung aus. Bei ihm geht David nicht zu den Philistern. Sein Bild bleibt hell in hell. Das wirkt sich aber fast wie ein Unrecht gegen Saul aus. Das eben ist Sauls posthume Schickung, daß der Blick auf ihn geblendet wird durch das davidische Licht. Wenter hat aber des Guten zuviel getan. Er ist dem Einfluß des Siegfried-Motivs erlegen. Immerhin: Wenters Versuch entbehrt nicht des Stils und der erzählerischen Größe. Auf mehr als 600 Seiten versamnt eit und verdichtet er das Bild von großen Menschen, eines kleinen Baueinvolkes und eines gesegneten Landes. Er fabuliert aus dem Geist der Bibel heraus. Manchmal entgleitet ihm die Sprache ins salopp Oesterreichische. Aber indem er fast ganz bibeltreu bleibt, wahrt er auch die Treue gegenüber der Kleinheit und der Größe Sauls, gegenüber der Legitimität und Echtheit der Figur. Sie bleibt bei ihm, was sie in der Bibel ist: Träger der irdischen, aber nicht der himmlischen Krone... hs. Wie uns mitgeteilt wird, erscheint in der nächsten Zeit ein Buch von Otto Zarek: ״Moses Mendelssohn. Ein jüdisches Schicksal in Deutschland“, Der Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M., hat soeben ein vollständiges Verlagsverzeichnis der bei ihm voi liegenden Bücher herausgegeben. Der V o r t r u p p - V e r 1 a g, Berlin SW 29, Hasenheide 54, gibt in einem neuen Katalog einen Ueberblick über sein bisheriges literarisches Schaffen. Der Katalog wird Interessenten auf Wunsch kostenfrei zugesandt. Musiker-Briefe Busoni. Briefe an seine Frau. Herausgegeben von F. S c 1111 a p p (Rotapfel-Verlag, Zürich). Nach Hugo Leichtentritts vor genau zwanzig Jahren erschienener Schrift über Busoni und anderen kleinen Vcröffentlichungen, nach Edward Deuts 1933 erschienener ausführlicher und exakter Biographie, die sich auf alle schriftlichen Zeugnisse stützte, auf alle verfügbaren Briefe, von denen eine große Zahl in extenso abgedruckt waren, kommen jetzt Busonis Briefe an seine Frau Gerd a heraus, mit einem schlichlen und verantwortungsvoll geschriebenen Vorwort von Willi Schuh versehen. Busoni zeigt sich — auch abseits von den ״Acußerungcii“ die er an die Umwelt richtete — in den persönlichen Mitteilungen an die Gefährtin als der vielseitige, lebendige, sprühende, wahrheitsliebende und -suchende Mensch, der bewußt lebt und sich bewußt aufbaut wie so wenige, der trotz der Verehrung der Zeitgenossen an sich zweifeln, der sich erneuern kann. So beschämt er diejenigen, welche rnit den Wesenheiten der Welt und der Kunst schon fertig sind, wenn sie sie nur ״benennen“ können, und die ein Problem für gelöst halten, wenn sie es nur klassifiziert haben; er ringt mit den Erscheinungen, setzt sich mit ihnen in einem neuen Zeitraum seiner Bahn immer wieder auseinander. So bekennt er als reifer Manu, als weltbekannter Musiker: ״Diesen Sommer habe ich einen der größten Fortschritte in meiner Entwicklung festgestellt. Ich habe in meinem musikalischen Geschmack zuerst Schumann und Mendelssohn überwunden, ich habe Liszt mißverstanden, dann angebetet, dann ruhiger bewundert; Wagner angefeindet, dann angestaunt, dann wieder romanisc h von ihm mich abgewandt; habe mich von Berlioz überrumpeln lassen, und — was eines vom Schwierigsteil war — zwischen gutem und schlechtem Beethoven unterscheiden gelernt; letzthin die neuesten Franzosen für mich entdeckt, und als sie mir zu schnell populär wurden, wieder fallen lassen; endlich mich den älteren Theateritalienern mit der Seele genähert. Das sind Metamorphosen, die 20 Jahre umfassen. Unveränderlich in meiner Schätzung stand, wie ein Leuchtturm im brandenden Meere, die Partitur des Figaro, die ganzen 20 Jahre durch ...“ Alle diese geschliffenen Sätze über Musik, Bücher, Bilder. Probleme, künstlerische Pläne, Städte, Menschen erhalten erst ihre eigentliche Stütze durch das Werk des Komponisten Busoni, um das sich leider noch nicht allzu viele kümmern. Busoni ist einer der ersten, der den Schritt in die neue Musik getan hat, kühner als etwa Mahler, der den Versuchen Schöiibergs liebevoll, aber doch ungläubig gegenübergestanden haben soll. Er hat mit seinen Kompositionen (unter ihnen die Oper ״Dr. Faust“), mit einer großen Zahl schriftlicher Aeußertingen einer ungebärdigen musikalischen Generation den Weg geebnet. Alle, die diesen schillernden, an Paradoxen reichen Geist lieben, der mit genialem Instinkt das aus sich gemacht hat, was in ihm lag — ohne dabei ein Genie zu sein — ihn, der aus einem nachschaffcnden Klavierspieler zu einem entscheidend wirkenden, neuschaffenden Musiker emporwuchs, der so ״menschlich“ lebte, wie nur je ein Ehrlicher, — sie sollen an diesem Buch nicht vorübergehen. Dr. Hans Nathan Sdiulmeisterleben Good-bye, Mr. Chips! Von James Hilton. Albatross, Hamburg- Paris. Es ist kein Zufall, daß dies freundlich heitere und dabei zugleich nachdenkliche, ja hin und wieder ein wenig melanchölische Buch in England einen überaus großen Erfolg zu verzeichnen hatte. Hier ist alles, was der Engländer liebt und schätzt: Mr. Chips, der weder sportlich noch geistig ein Heros ist, vereint in sich dennoch die hervorragendsten Eigenschäften des idealen englischen Erziehers. Ein bescheidener, aufrechter Mann mit warmem Herzen und einem unversieg• liehen trocknen Humor — wenn auch seine Witze bei der Lektüre römischer Klassiker durch Generationen hindurch dieselben bleiben! — hat er vielen Jahrgängen von heranwachsenden englischen Jungen ־zum Mentor gedient. Mit sich bringt er etwas von der friedsamen Luft englischer Colleges, in die der Hauch neuer Zeit hineingchlascn hat, ohne ihnen ihre Eigenheit vorerst noch zu rauben. Einer von jenen seltenen Lehrern, die in ihren Schülern leben und auf eigenes Glück nach einer frühen Enttäuschung verzichtet haben — wir müssen ihn selbst lieb haben. Und wir verargen es ihm nicht einmal, daß auch er ab und zu einen Witz über ״generation and ancestry“ eines Schülers namens Isacstein gemacht hat. Denn wir haben die Lektion gelernt, die er seinen Schülern vor allem beibringen wollte — jenen ״sense of proportion“ — das Gefühl für die relative Wichtigkeit und Unwichtigkeit im Leben; und wir trauen dem Manne, der im Weltkrieg das Andenken des deutschen Lehrers, der für sein Vaterland kämpfte und fiel, mit dem Andenken der anderen Gefallenen zusammen feiert. ״Er war aus der Vor-Kriegszcit“ sagen sic von ihm. Aber sie vergessen ihm nicht, daß er ״Tausende von Kindern“ hatte — ja, und lauter Jungen .... —ss. ״Eifersucht und Medizin“ Michael Choromanski: Eifersucht und Medizin. Roman. W. G. Korn Verlag Breslau. Der junge polnische Dichter M. Choromanski hat mit diesem Roman ״Eifersucht und Medizin“ den Großen Staatspreis der Polnischen Literaturakademie für 1933 gewonnen. Aber er hat über diesem glänzenden Erfolge die Jahre seines bitteren Anfangs nicht vergessen: wer nicht einmal im Leben gehungert hat, richtig gehungert mit knurrendem Magen, der lernt nicht schreiben, sagte er kürzlich einmal. In diesem Buche, so scheint es, spürt man, daß der Autor die Wahrheit sprach. Er hat gehungert. Solchen Lebenswillen und solche Kraft der zusammengebissenen Zähne bringt nur auf, wer ganz von unten kam. Mit einer wahrhaften Berserkerkraft reißt dies Buch Fenster auf, die in alle Lebenskreise des polnischen Lebens hineinführen: zu den Luxusexistenzen und den duftenden Frauen, zu den hastenden Aerztcn, die noch immer Zeit zu galanten Abenfeuern haben .... und in die armselige Wohnung des Schneiders Abraham Gold, wo die Kinder Boruch und Angelika mit rußigen Fingern vor der Schabbatiampe spielen, (warum ists übrigens ein siebenarmiger Leuchter?! sollte das eine Verwechslung mit Chanukkah sein?) Alles ist in ein kaltes hartes Licht getaucht, das unerbittlich die Formen, aber nur dünn die Farben wiedergibt; ob es nun der ״Leichengerucli“ ist, der von dem Schneider ausgeht — oder die Operation, die in allen ihren Phasen mit unheimlicher Genauigkeit beschrieben wird. Die Dinge sind in diesem grellen Buch wichtiger als die Menschen — wichtiger vor allem als ihre Gefühle und inneren Erlebnisse. Ob Frau Ruth den argwöhnischen Mann betrügt oder nicht: unwichtig bleibt es —, ebenso unwichtig wie daß der gedrückte, widerliche Schneider Gold schließlich in die elektrischen Drähte der Hochspannungsleitung gerät. Eifersucht ist unwichtig; Liebe ist unwichtig; was bleibt, ist — Medizin, Einsicht in die technischen Bedingtheiten des Lebens, die den Einzelmenschen zerreiben. Sehr scharf gesehen, sehr geballt dargestellt — aber grenzenloser Pessimismus spricht das letzte Wort. Spricht der Band Bekenntnisse eines polnischen Weither im 20. Jahrhundert aus? —bs—