Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 21 (13.3.1936)
- Date
- 1936-03-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ml m I Nr. 21, 13. III. 1936 JO D S CH f SUNOS CH AU Seite 9 P m4 m mm mmm m mm ■ WL93 f DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Aschre hoom Cb. Winawer Nachdruck ▼erboten AU• Rechte ▼orbehalten Jljety. . rt Je.de.- fSt.ru . ert. ete - eej— - ie.ej. er pe.neT^tjt. fe■ /»■ cfyun S.sefy'’m.——e)}o Je.ji.hn-—. ko! fydjom M. . * MTi f9d - Jcoj - ctyc.—.—1 ג tc.rtm Jtdr. ne, n m "־־־ ץ_m י־" <BS8B9 ש~..-i. j... . ג: ״־ V/. sse . tfyt! jt.fyi.it . In .efyo ^-~ך~—-—- - -—s3?z,.ff Sfe - - io —-- Zur Frage der ״palästinensischen Musik“ Man hört in letzter Zeit so viel über ,,palästinensische Musik“ — hier wird sie gesunken, dort wird ein Vortrag über das Thema gehalten; das Publikum nimmt alles hin. Aut die Gefahr als Ketzer verschrien zu werden, glaube ich doch, sagen zu müssen, daß es bis auf den heutigen Tag in Palästina kaum ein einziges Werk gibt, von dem man mit gutem Gewissen sagen könnte: Das ist eigene, palästinensische Musiki Palästina von heute ist noch, gar nicht imstande, ein eigencs jüdisches Kunstwerk hervorzubringen, da es die endgültige palästinensische Form noch gar nicht gibt. Sie zu schaffen, wird der Zukunft Vorbehalten bleiben. Es ist nur natürlich, daß in einem Lande, das täglich sein (iesicht verändert und entwickelt, noch ein Durcheinander der Kunststile herrschen muß. Jede jüdische Landsmannschaft bringt ihren eigenen Stil mit und behält ihn zunächst bei. Wenn schon der palästinensische All» tag dieses Gewirr verschiedenartiger Lebensstile, Sitten und Gewohnheiten zeigt, wie sollte es wohl im Kunstleben anders sein 1 Was von den jüdischen Komponisten an ״palästinensischer Musik“ geschaffen worden ist, kann lediglich als ein Versuch gewertet werden. Man nimmt ein bißchen von der Monotonie arabischer oder jemenitischer Weisen und tut ein wenig von ״Eigenem“ hinzu, wobei das ״Eigene“ zumeist auch aus jenem Lande stammt, aus welchem man gekommen ist. Diesen ״Kompositionen“ hört man oft genug das Herkunftsland des Komponisten an. Nun kann man es wahrlich keinem Komponisten vorwerfen, daß er nicht in Palästina geboren ist. Aber man kann ihm etwas w iinsc h e 11: daß er mehr Geduld haben möge. Es gibt unter den Palästinensern ein paar begabte junge Komponisten, die es verstehen, die Farben der palästinensischen Landschaft in sich aufzunehmen. Nun aber warten sie nicht, lassen Büchsen zu allen Zeiten Der Keren Kajemeth für Deutschland führt in diesen Tagen eine Büchsenaufstellungsaktion durch. (Red.) In allen Epochen der langen Geschichte des jüdischen Volkes läßt sich eine außerordentlich große Gebefreudigkeit feststeilen, und schon frühzeitig erscheint die verschlossene Büchse als ein besonders beliebtes Sa mm :׳!mittel. Als der erste Tempel zu Jerusalem noch .stand, ließ der Priester Jehojada eine Büchse init einer Oeffnung im Deckel anfertigen, die neben dem Altar gegenüber dem Haupteingang aut der Südseite des Tempels aufgestellt wurde. Die Spenden, welche die TenipeibcsiidiiT in diese Büchse warfen, waren zur Bezahlung von Reparaturen atu Heiligtum bestimmt. Im zweiten Tempel standen dreizehn Büchsen in Schofarform, d. 11. unten.breit und oben schmal; die hineingeworfenen Geldstücke wurden für Tempelopfer und für Wohltätigkeitszwecke verwandt. Zu Misdmahzüten war die Wohlfahrtspflege beim jüdischen Volke bereits hochentwickelt und straff organisiert, und die Armen in den Städten erhielten jeden׳ Freitag Brotkarten, d. h. Anweisungen auf vierzehn Mahlzeiten pro Woche, und die Eingänge aus den Zedakahbuchsen dienten dem Ankauf von Lebensmitteln. Als das jüdische Volk in die Verbannung zog, nahm es mit sich die Erinnerung an die Bikhsenspenden im heiligen Tempel, und auch in den Synagogen des frühen Mittelalters gab es allenthalben Spemlenbüchseu, von denen immer eine zu Spenden für Synagogenreparaturen bestimmt war, eine für Kerzen im Bcth Haiiiirirasch, eine für die Erhaltung der Talmud Torali. eine für Armcnheklciduiig, eine für Darlehen für Unbemittelte, eine Büchse diente zur Aufnahme geheimer Spenden. Damals bürgerte sieh auch die Sitte ein, daß vor jedem Leichenzug eine Spende borg et ragen wurde. Durch die Jahrhunderte der Diaspora zieht rastlos der ״Meschullach“, der Sendbote der hilflosen und bedrängten Judengemeinden im Heiligen Lande; er zieht von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, leert überall die Spendenbüchsen, bringt Nachrichten aus «er Heimat des Volkes und trägt daneben wie eine lebendige Zeitung Botschaften von einer Judengemeinde zur anderen. Bei seinem Eintreffen in einer Stadt werden nicht nur die Tempelbü ׳hseu geleert, sondern auch diejenigen, die sich in I’rivatliäiisern befinden. Man nennt sic ״Baal Ncss“־Biichsen, dem! im Volke hat sieh die Meinung festgesetzt, daß der Tanaite Meir Baal Ness, der im zweiten Jahrhundert lebte, die Sitte eingeführt hat, Büchsen in den Häusern der Diasporajmlen aufziihängeii, deren Inhalt zur Untcrstiitziing der palästinensischen Judengnneinden dienen soll. In Wirklichkeit sind die sogenannten Baal Ness- Büchsen erst im 17. Jahrhundert aufgekoni'iien und nach einem anderen ״Baal Ness“, einem Schriftgcichrtcn, der das Interesse der Judcnheit aller linder erneut auf das Heilige Land richtete, benannt worden. Den Inhalt dieser Baal Ness-Büchsen, die in tausenden jüdischer Häuser hängen und die Bewohner immer aufs Neue an Palästina und an die Pflicht des Spendens malmen, nehmen die Meschullachitn aus dem Heiligen Lande in Empfang. Manchmal freilich wollen die Gemeindevorsteher den Inhalt der in den Synagogen auTgcstellten Büchsen nicht ausliefern, mit der Behauptung, die Büchsenspenden seien für die Synagogen am Ort und für die Ortsarmen gegeben worden; dann muß der Mcschullach auf den Vers hinweisen: ״Wenn unter deinen Brüdern im Lande ein Armer ist, in den Toren deiner Stadt“ — der, wie Josef Caro von Safed nachgewiesen hat, sich nur auf die Armen des Heiligen Landes und der Stadt Jerusalem beziehen kann. Besonders aus Polen fließen im beginnenden 19. Jahrhundert große Summen aus Büchsenspenden nach Palästina, denn dort haben sich inzwischen viele ״Kolelim“ gebildet, einzelne Gruppen von Juden, die diesem oder jenem Lande, dieser oder jener Stadt entstammen und von ihren Landsleuten erhalten werden. Dieses System der Verteilung von Spenden an die Kolelim, das ״Chalukah-System“, über dessen Wert oder Unwert zu snrcclien hier nicht der Platz ist, hat jedenfalls das Gute, daß das Interesse am Heiligen Lande ebenso wie die Gcbefrcuditrkcit der Juden wachgehalten wird. In Hunderttausenden von Häusern in Europa und in dem aufblühenden Amerika hängt im 19. Jahrhundert die ״Rabbi Meir Baal Ncss-Büchsc“ mit der Aufschrift ״Jeruschalajim, Zedakah Gedolah“. In der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die furchtbare Pogromwclle sich über Rußland wälzt und die Blicke der Judcnheit sich aufs Neue dem Heiligen Lande zuwenden, münden große Summen aus den Baal Ness-Büchsen in Palästina. Dann beginnt ein ganz neues Kapitel in der Geschichte des Diaspora-Judentums: der Zionismus, und wie sich mit der Entwicklung der zionistischen Institute das Verhältnis der Juden zu Erez Israel umformt und stärkt, erlebt auch die Spcndcubüchsc eine Auferstehung zu neuem Leben: Aus der Zedakahbüchse, der Wohltätigkcitsbüchse, wird die naiionalc Büchse. Wenn Rabbi Baal Ness, d. h. der Wundertäter, die jiidisehen Felder, Weiden und Obstgärten sehen konnte, die aus dem Jahrtau: ende brach liegenden palästinensischen Boden erwachsen sind, so würde ihm das wohl als ein viel größeres ״Ness“, ein viel größeres Wunder erscheinen, als alle Wunder, die er selbst vollbrachte. Er würde dann gewiß nicht bedauern, daß an die Stelle seines Namens, der Früher in bunderttausemien jüdischer Hauser auf den kleinen Opferbüchsen stand, der Name Keren Kajemeth Lejisrael getreten ist. H. H. Thon, Jerusalem diese Eindrücke nicht wachsen und reif werden; sie können sich diese ״Geduld“ nicht leisten: draußen steht das Volk und ruft nach Liedern. Darum fabriziert man ״Schlager“, oder ״Liedchen“ für sofortigen Gebrauch. Heute singt es die Allenbystraße in Tel-Awiw, morgen das Emek und tibermorgen würde sich kein palästinensischer Hahn mehr getrauen, danach zu krähen. So erging es bisher fast allen Werken dieser ״Oebrauchsmusik“ die Schlager überfluten das Land, werden gedruckt und auf Platten gesungen, kommen als ״echt paläsfincpisisclte“ Musik in die Gahitli-Länder, und nach einem Jahr sind sie vergessen und verschmäht. Sie unterliegen der Mode wie alle Schlager — selbst, wenn die Texte zuweilen ein besseres Niveau haben mögen. Dieser Verbrauch spricht gegen die Qualität der Produktion. Die Galuthländer können kaum eine eigene jüdische Musik schaffen, auch hier schreit man nach Liedern und blickt erwartungsvoll nach Palästina. Jedes kleine Notenblättchen, jede Platte und jede Karte des Keren Kajemeth, die Noten paläsfinensischer Lieder bringt, wird begeistert aufgegriffen. _ Wie schwer wird es oft, in der Diskussion mit jüdischen Musikern in Deutschland klarzustellen, daß nicht jedes Lied, das von drüben kommt, die vielgepriesene, vielgeschmähte und oft totgesagte ״jüdische Musik“ darstellt, nur eben, weil cs in Palästina entstanden ist. Es wäre sehr wünschenswert, daß in Palästina eine künstlerische Kontrolle darüber entschiede, was als ״palästinensische Musik“ veröffentlich werden kann. Damit soll nichts gegen die Freiheit des schaffenden Musikers gesagt sein; wohl aber gegen die vorzeitige Veröffentlichung unreifer Werke, die geeignet sind, das Musikschaffen in Palästina in einen schlechten Ruf zu bringen. Bis man etwas gleichwertiges Neues vorzuweisen hat, sollte man sich mit der vorhandenen jüdischen Musik befassen, sie sammeln, bearbeiten und dem Volke zugänglich machen. Ich bin der Meinung, daß der Schatz an jüdischer Volksmusik und an synagogalen Gesängen auf das künftige palästinensische Musikschaffen zumindest ebenso befruchtend wirken kann wie die neuen palästinensischen Einflüsse. Und bis wir soweit sind, mit eigener palästinensischer Musik aufwarten zu könneu, sollten wir aufnahmebereit zu den alten Quellen hinahsteigen und dort herausholen, was sich an Gutem finden läßt. Ein Mangel im palästinensischen Musikschaffen scheint mir darin zu liegen, daß fast nur einstimmig geschrieben wird. Es ist bequem zu sagen, orientalisclie Musik verträgt eben keine Harmonie ... — wenn einem die nötige Vorbik!mg fehlt. Es gibt unter den palästinensischen Komponisten auch solche, die Formen finden könnten, den orientalischen Gesang auch mehrstimmig zu bearbeiten. Man muß sich damit befassen; denn wir wollen doch nicht zum einstimrnigen Gesang zurückkehren. Hier ist nicht der geeignete Rahmen, die Frage ausführlich zu behandeln. Ich meine nur, daß Harmonie in keinem Gegensatz zu orientalischem Klangkolorit zu stehen braucht. Chemjo Win a wer. Die Abenteuer der Gracia Mendez Roman von HERMANN SINSIIEIMER )1. ForU«Uucg Gracia setzte sich neben das schimmernde Bett und begann zu schluchzen. Sie kam sich so einsam und verlassen vor wie nie vorher in ihrem Leben. An alles, was sie verloren hatte, mußte sie jetzt denken: an die Mutter, den Vater, den Mann. Sogar an Sebulon, den Kutscher und Gärtner, der nach Palästina gereist war, dachte sie wie an einen verlorenen Freund. Wollte sie wandern? Wollte sie heimatlos werden? Jetzt verneinte sie diese Fragen. Jetzt sah sie ein nebliges nordisches Land vor sich, einen Winter mit viel Schnee und Eis, Menschen, deren Sprache sie schlecht verstand, die spanische Herrschaft — nichts als Fremdes, Feindliches, ein neues Gefängnis. Sie kannte Diogo nicht, mit dem sie zusamntenarbeiten mußte, aber außer ihm würden sich andere neu« Gesichter an sie drängen und wiederum der fremde Glaube, der Zwang zur Heuchelei. Sie flüchtete zu dem Geist ihres Mannes. Ihn braucht« sie jetzt Sie bängte sich an ihn, sie fiel über ihn her. Sie fiel Uber das schimmernde Bott, wühlte Kopf und Hände in die ►chwere weiße Decke und glaubte so ihrem Mann besonders iahe zu sein. Nochmals lebte sic sein Sterben mit, dieses schmerzlose, fromme Sterben, das sich nicht wie ein menschich er Vorgang abgewickelt hatte, sondern wie ein mildes Eingreifen Gottes, wie ein erlösendes Greifen und Hinwegnehmen. Francisco war im Kreise seiner Angehörigen und Freunde, all seiner jüdischen Genossen und Diener, umgeben von Gebeten und selbst ohne Unterlaß betend, gestorben. Er nette da# Sterbe . wahrhaft gelebt, so wie es Pflicht des frommen Juden ist, er hatte aus seinem Sterben den innigsten Gottesdienst gemacht. Er war unter dem Einfluß der Gebete, die er selbst und die anderen sprachen, gesund geworden, sein Atem war leiebt und frei, seine Augen hatten vor Freude geglänzt und »eine letzte unvergängliche Liebe in Blicken unter alle ausgestreut. Zumal aber an Gracia hatte er sich noch einmal stumm verschwendet, sie mit seinem vor dem Hin* schwinden übermächtig gewordenen Gefühl königlirai neschenkt. Daran dachte sie nun wieder. Sie hob den Kopf, sie strich mit den Händen über das Bett hin. Dann «hob sie sich und glättete wieder die Decke. Francisco wird sein, wo sie hingehen wird. Wer immer auch Zurückbleiben wird, ihr Mann Francisco wird mit ihr gehen. Er ist in ihr "Leben hineingestorben, so wie ein Gras in den Boden welkt und ihn fruchtbar macht. Er hat sich sterbend ihr als Heimat gegeben. Nun wird sie wandern, nun wird sie von dem Toten ausgehen und zu dem Toten hingehen. Er und das Kind und sie — das zusammen ist Heimat, Boden und Zuversicht. Laut sprach sie wie nach Francisco» Tod: ״Baruch dojan ometh“ (Gelobt sei der Richter der Wahrheit) und ״Adonai natlian w’Adonai lakaeh, jehi Schern Adonai m’borach“ (der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gepriesen). Sie meinte damit den Tod und die Heimat. Sie verließ das Zimmer, um an die Arbeit zu gehen. Die Arbeit war jetzt die Vorbereitung der Reise nach Antwerpen. Schon in den nächsten Tagen kamen Rabbi Isaak und Ch annah zu ihr, um ihr zu sagen, daß sie beide beschlossen hätten, nicht mit nach dem Norden, sondern gemeinsam ins Heilige Land zu ziehen. Channah hatte längst die Hoffnung aufgegeben, ihre Eltern wiederzusehen. Sie wußte sie tot und begraben. Denn «ie fühlte ja selbst schon ihre Kräfte hinschwinden und deutete dies als Ruf aus dem Jenseits. Diesem aber wollte sic auf der geweihten Erde der Urheimat folgen. Und Rabbi Isaak gedachte ihr und den anderen in Palästina durch seine Kunst des Heilen« beizustehen und sich selbst durch die heilende Kraft des Studiums der Schriften zu fördern. Freilich ließ er auch durchblicken, daß er sich von einer Zusammenarbeit mit den! ihm wesensfremden Joäo nicht viel verspreche. Joäo sei auf Glanz aus, er aber, Isaak, »ei «in Beter und Büßer und verabscheue den Glanz. Gracia wurde durch den Abschied von den beiden, die eich nicht halten ließen, mächtig geschüttelt. Mit Channah ging ein Stück ihrer Jugend von ihr, mit Isaak ein Stück ihrer Ehe. Dumpf erinnerte sie sich, wie großes Unrecht sie beiden einst getan, wie sie die Lehrerin gehaßt und den Helfer von sich femgehalten hatte, und nochmals bat sie um Verzeihung und schalt ihre eigene Torheit und Verstocktheit. Sie rüstete die beiden sorgsam für die Reise aus und sprach ihnen eine jährliche Rente zu, um sie bis an ihr Ende vor aller Not zu schützen. Auch in Reyna brach große Dankbarkeit für Channah auf und ein wilder Abachiedsschmorz. Sie gelobte der Lehrerin sogar, immer zu Gracia zu halten und ihr zu folgen, wohin sie auch geh«» würde, es sei denn, daß 8i« einem Mann zu folgen hätte. An das letztere freilich wollte Reyna nicht glauben. Sie hing an Duarte und wollte ihm treu bleiben. Auch daran bana sie sich durch stilles Gelübde, das sie Channah noch anvertraute. Diese schalt sie »ehr deswegen und erinnerte sie an die Worte des Kol-Nidre-Gebetee über die falschen Eide, die man vor sich selbst schwört. Es gelang ihr, Reyna dazu zu bewegen, dieses Gelübde für Duarte kleinlaut vor Gott zu widerrufen. Channah und Rabbi Isaak waren gerade abgereist, da kam aus Rom eine Schreckensbotschaft: Duarte duz Paz war auf der Straße überfallen und niedergemacht worden. Man hatte ihn, aus vielen Wunden blutend, halbtot aufgefunden. Es war kein Zweifel möglich, daß dieser Streich von seinen politischen Gegnern kam. Joäo behauptete sogar, seine Gewährsmänner, nämlich die von ihm bezahlten Spione, hätten ihm schon mehrere Tage vor der Ankunft der Nachricht aus Rom Gerüchte über die Ermordung Duartes zugetragen. Daß diese Gerüchte der Tal selbst vorausgecilt waren, war Beweis genug, daß der Anschlug in Lissabon angezettelt worden war. Aber Duarte war nicht tot. Seine Riesennatur widerstand auch einem Dutzend Dolchstichen. Reyna, die zuerst niedergeschmettert war, jubelte auf. Sie schrieb ihrem Helden, er solle Rom verlassen und nach Antwerpen kommen. Aber er antwortete ihr, wie manchmal Märtyrer denen zu antworten pflegen, die ihnen zu nahe kommen, nämlich ironisch: er bleibe, wo er sei, er gedenke sich nicht unter weiblichen Schutz zu begeben, den er überdies, soviel er nur wolle, auch in Rom genießen könne. Reyna war von diesem Ton sehr niedergeschlagen. Sie fühlte sich zurückgesetzt und in ihrer selbstlosen Liebe betrogen. Sie klagte es der Schwester, und da sie nun einmal weich war, erfuhr Gracia auch von ihr, daß sie, Reyna, manchmal kleinere Beträge an den ewig über Geldverlegenheit klagenden Duarte geschickt habe. Gracia war empört. Sie klärt« die Schwester auf, wieviel Geld Duarte für seinen eigenen Aufwand verbrauche, der mit seiner Mission kaum noch erklärt werden könne. Reyna weinte. Aber kaum war der erste Schmerz vorüber, da beschuldigte sie Gracia der Ungerechtigkeit und hing sich noch fester an ihr Idol zu Rom. Die Stiche, di« Duartes Lebensnerv nicht erreichten, trafen um so schmerzlicher das Judentum. Sie wurden gegen den Riesen geführt, als er die päpstliche Absolution für die portugiesischen Marvanen und die Freilassung von achtzehnhundert Verhafteten erreicht hatte. Diese sollten, nach dem Spruch des Papstes, ohne Strafe bleiben, wenn sie in Zukunft treue Dteuer der Kirche sein wollten. Nun ging, zumal als es sich herausstellte, daß Duarte mit dem Leben davongekommen war, erst recht eine Hetze gegen die heimlichen Juden los —- sowohl in Rom wie auch insbesondere in PortugaL Kein Mittel der Verleumdung wurde gescheut, um die Juden kirchlicher und weltlicher Verbrechen zu bezichtigen. In Lissabon folgte ein Ueberfall auf den anderen, und in Rom wurde der Papst bestürmt, das Christentum gegen die Sünden der Juden ln Schutz zu nehmen- (Schluß folgt) I .(■: •* -1 I ( f