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Jüdische Rundschau · 1936-03-13 · Heft 21 (13.3.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 21 (13.3.1936)
Date
1936-03-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seife 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 21, 13. III.!936 Ein Sdiabbat in der Kwuzah Ein Kapitel aus einem Roman Von MARGARETE MOSES (Schluß) Alle suchten »Ich einen Platz, bald herrschte lautlose Stille. Dr. Eick begann: ״Chawerim, ihr sucht eine neue Form für eure Sehnsucht nach Wahrheit — eine neue Form Im neuen Land, aber — wisset, erinnert euch! Rabbi Akiba sagt, es ist alles schon dagewesen. Einem Geschlecht wie dem unseren, einem Geschlecht der Auflösung, oder besser — der Wende (denn von der Auflösung haben wir uns ja abgewandt), tu( es Not, auf seiner Suche anzuknüpfen an Erprobtes, an Gewesenes, das sich bewährt hat. Und aus der Fülle der unendlichen Möglichkeiten sucht man sich, um nicht in Verwirrung zu geraten, einen Punkt, einen wichtigen Punkt, \on dem aus man aus dem Labyrinth der Wege einen Weg zur Mitte, zum Sinn finden kann. Nun, wohlan, wir nehmen als diesen Punkt, von dem aus wir gehen wollen, den Schabbat, Schaut nicht nach Jenen, die ihn übernommen haben, in Ehrfurcht und ohne zu fragen — nach der strengen Sitte der Tradition. Diese hatten es — trotz der Schwere des Gebotes —■ leicht, im Vergleich zu euch, die ihr Suchende seid. Schaut nicht nach denen, die der Tradition ins Gesicht schlagen. Seid überzeugt: ihre Kinder, das junge heraufkommende Geschlecht wird gegen sie aufstehen. Es wird ihnen den Rücken kehren. Sie werden der Vorarbeit, die diese Väter geleistet haben, keine Achtung zollen. Sie werden diese Vater verbissen, um zurückzukehren zu ihrem Gott! ״Amen“, sagte eine alte Stimme. Der junge Rabbi — der bisher mit innerem Beben gesprechen hatte, schöpfte aus diesem ״Amen‘1, aus der Zu• Stimmung, die aus diesem kleinen Wort sprach, eine stille Sicherheit. So fuhr er fort: ״Was ihr, meine Freunde, sucht, glaube ich zu spüren. Ist's nicht dies? Ihr wollt ein neues, von innen her wahrhaftiges Leben auf unserer alten Erde aufbauen — ein Leiten, das Zeugnis altlegt, von einem sinnhaften Zusammenhang, zwischen dem, was war auf diesem Boden und dem, was werden s״ll, aus ihm, durch euch und eure Arbeit. Nun seht, ich weiß, ihr wollt von ganzem Herzen Juden sein! Wollt ein Leiten bauen, das verdient, ein jüdi- «dies Leben genannt zu werden. Und findet nicht den Ring in der Kette, an den ihr dieses Leben anscliließen könntet. Ihr glaubt, mit der Arbeit allein soi’s getan — mit der Arbeit für dieses kargo Land, aus dem vormals als Zeichen *einer Fruchtbarkeit die üjtjtigo Weinrebe gebracht wurde. Aber woraus wollt ihr die Kraft schöpfen, täglich von neuem für diese Arbeit? — Sie ist hart, ermüdend — sie verlangt Opfer ״״<! Entbehrungen von euch! Aus welcher Quelle wollt ihr die Kraft dazu schöpfen? Glaubt mir: es gibt keine andere Quelle, als die uns©• rer alten Lehre. Aber — so wie alle Wasser und Quellen dieses einst so fruchtbaren Landes versandet und verschüttet liegen — genau 80 verhält es sich auch mit dem Quell un• serer l ehre. Er liegt für uns und unser Geschlecht begra* ben, in selieuerweckender l iefe. Und in derselben Weise, wie ihr keine Tiefe scheut, um das Wasser für das dürstende Land zu erlösen und freizulegcn, in derselben Weise müssen wir für uns und für die kommenden Geschlechter den Quell von alt Israels Weisung erlösen, au» der schweigenden Tiefe, in der er versunken liegt. Aber — — ein dunkles ,Aber‘ steht vor mir. Wenn nun dieses Glück sich ereignet, daß ihr seltene Tropfen spürt aus der Fülle dieses Stromes, dann seid ihr nicht wie der Mann mit der Wünschelrute, dessen Fuß wie verzaubert »lockt, und der mm zu graben beginnt und nicht ruht bis er gelundcn hat, nein! \\ enn ihr gefunden habt, nehmt ihr die kostbaren Tropfen nicht auf die Zunge, wo sie Labung spenden würden — ihr legt sie unter die Lupe eurer Kritik und zergliedert sic. Was dann bleibt an Segen für euch, brauche ich nicht erst zu sagen. Nur dies! Ich halte nicht soviel von unserem bißchen Verstand, von dieser aufgeblähten Kritik, \un all diesem Teilbestand des Menschen, der SO gei.ilu". ul! übers! hhtzt wird. Mißversteht muh nicht! Denkt nicht, daß ich beides aus.scliahcn «״Ille, daß ich es für überflüssig hielte. Gewiß nicht! Ich erkenne das Amt unseres kritischen Verstandes als Regulator, Zensor, als braven und gewissenhaften Ober- Wachtmeister durchaus an — ich halte ihn als solchen für unentbehrlich. Aber — ein Unheil ist’s, wenn wir diesen braven Beamten aufs Podest erheben — ihm absolute Vollmacht erteilen, ihn zum Götzen machen. Demi es hat sich gezeigt: Oft, wenn wir auf dem riehtigen Wege \s aren, eben nahe daran, den Sinn der ewigen Weisheit zu erkennen, da fällt uns dieser Götze vor die Füße, und wir .stolpern über ihn, bevor wir in Demut vor einem Höheren auf die Knie fallen konnten. Er wird zum ewigen Hindernis, der kleine Götze, auf unserem Wege zu Gott! Ein kleines Beispiel will ich euch geben. Wir sollen den .Schabbat heiligen, denn es heißt: Und Gott segnete den siebenten 'Lag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte er von all seinem Werk. Habt ihr diesen Satz einmal richtig überdacht und ei•• faßt? Nicht, nur lächelnd übergangen? Um die Frage, in welcher Weise die Schrift die Ruhe Gottes verstanden haben will, richtig zu beantworten, muß man erst einmal den Urgrund des Wortes שבת aufsuchen. Dieser ist nicht eigentlich ,ausruhen‘, sondern aufhören, abstehen von irgendeinem Tun — also: feiern. Indem nun Gott am siebenten Tage nicht mehr den Stoff produzierte, »ondern ihn nur in den Gesetzen, die er ihm eingcpflanzt, bestehen ließ und erhielt, indem ruhte er. Das Wirken der bewußtlosen Natur aber feiert nicht. Der Bach strömt nach Gottes Gesetz unaufhörlich weiter, wie auch das Herz weiterschlägt, also muß sich diese Heili• gung des siebenten Tages nur auf die mit Bewußtsein begabten Geschöpfe beziehen. Wozu aber gebrauchen diese Geschöpfe ihr Bewußtsein? Erheben sie sich kraft seiner Erleuchtung über das Tier, zu einem Lehen, das vom Geist des Höchsten erfüllt wäre, da» die Brücke schlüge zu einer höheren Welt? Nein! Ihr wißt es selbst. Man erhebt sich nicht — man überhobt sich. Man zieht nicht den Schluß aus dem Gebot der Schabbatfeier, den Tag und sich zu heiligen, an ihm Belehrung zu empfangen, durch die der Mensch und sein Leben veredelt werden könnte — auf daß er edler und voükomme• Der werde und damit Seinem großen Vorbild ähnlicher. Nein. Anders verhält »ich der moderne, der ,aufgeklärte‘ Mensch. Er lächelt und sagt: die Schöpfungsgeschichte Ist •in Märchen. Wir alle wissen, daß die Welt Jahrtausende gebraucht hat, bis sie wurde wie sie iet. Wu soll ans «Iso die Geschichte von den sieben Tagen? Ja! Ihr seid aufgeklärte Kinder! Aber Kinder sind wir trotzdem, sehr kleine und hilflose Kinder vor I11M. Und wir ahnen wohl — haben den Vers alle schon gehört, daß tausend Jahre vor Gott sind wie ein Tag. Nun seht! Vielleicht hat Mosche Rabbcnu, der weiseste Lehrer, 10 000 Jahre je einen Tag genannt; weil ihn das Volk sonst nicht verstanden hätte. Ihr merkt, wie schnell unser bißchen Aufgeklärtheit zusammenschmilzf, wie ein Häufchen Schnee vor der Sonne. Es kommt doch nicht auf den Zeitraum an sich an, den ER — er sei erhoben — gebraucht hat, um die Well zu schaffen. Das wesentliche ist der Rhythmus: Das 0 zu 1. Und daß dieser Rhythmus so dargestellt wird, daß er auf die Maße einer jungen, kindhaften Menschcnwelt paßte. Nun hört: ich will euch ein winziges F.rlebriis erzählen, das mich vor Jahren ausschlaggebend beeinflußt und ergriffen hat. Ich hatte gerade das Abitur gemacht, war aber noch nicht zu einem Beruf entschlossen. Es zog mich zur Medizin ebenso, wie dahin, wo ich jetzt stehe. Nur schien mir Theologic damals ein erstarrter Begriff — ich hatte Angst, mich in diese Versteinerung, die doch eigentlich kein Beruf für einen modernen Menschen »ein könne, hineinzubegeben. Als Arzt dachte ich, könne man Gott auch dienen — bekol Lewvvaw’eha, hekol Nafsch’eha. Und das eben wollte ich. Durch Zufall bekam ich eine Einladung zu dem Vortrag eines Herzspezialisten. Eigentlich hatte sie meine Mutter bekommen — sie konnte aber nicht selbst gehen, so nahm ich die Karte. (Sehr wichtige Dinge im Leben eines Menschen kleiden eich ja oft in das Gewand des Zufalls.) Und dieser Mann sagte, als Bedeutsamstes des Abends für mich, daß im Rhythmus des Herzschlages folgendes Prinzip zugrundeliegc: 6 Sekunden Arbeit, 1 Sekunde Ruhe, denn — nach zwei Schlägen: lup-dub macht es eine winzige Pause, die sich so verhält, daß in einer Sekunde Arbeit dem Herzen eine Siebentel Sekunde Ruhezeit bleibt. Es ergibt sieh daraus, daß ein Herz, das sieben Stunden gearbeitet hat, auf diese Weise eine Stunde geruht hat, oder — daß das llerz eines Kindes von sieben Jahren sechs Jahre gearbeitet und ein Jahr geruht hat. Chawerim! Diese Eröffnung hat aus mir einen Rabbiner gemacht. Könnt ihr das verstellen? Ich wußte nun — plötzlich: das Herz ist der Motor, der Antrieb, die Mitte alles Lebens. In dem Augenblick, wo es seine Arbeit einstellt, hört das Leben auf. Und dieser Ursprung, dieses Zentrum alles Lebens, hat seine Weisheit aus erster Hand von IHM, seine Weisheit und seinen Rhythmus, und er ist ganz derselbe, den Gott uns durch den Mund unseres Lehrers Mosche verkündet und auferlegt hat, uns, seinem Volk Israel. Seht, so ist Er uns — wie es heißt ,das gute Vorbild‘, von dem wir täglich lernen können. Wo aber finden wir dieses Vorbild, und wie wird es dem einfachen Menschen als solches erkenntlich, werdet ihr fragen. Das ist mit Worten nicht leicht zu sagen, denn es ist nicht nur mit dem Verr stand auf/.unelmien. Wir spüren dieses Vorbild, wenn wir ihm mit unserem ganzen Sein aufgeschlossen sind: in der Zagheit unseres Herzens ebenso wie in der jubelnden Anerkennung seiner Wunder — im Gesetz der Natur ebenso wie beim Sprechen unserer jahrhundertealten Gebete — von denen ihr sagt, daß sie euch nichts geben. Habt ihr euch einmal überlegt, was das bedeutet, daß Juden aller Länder seit Jahrhunderten ihre Qual, ihre Hoffnung und die Zuversicht ihres schweren und mühseligen Lebens in diese Worte, in diese Sätze hineingebetet haben? Wie erfüllt von Inbrunst, von irdischster Not, von erhabenster Benedeiung können sie sein, wenn wir unsere Seelen diesem urtiefen Gehalt nur öffnen wollten! Versucht es, unsere Gebete zu sprechen, «0, als hättet ihr sie in diesem Augenblick, da ihr sie sprecht, ersonnen, gedichtet und spürt dabei die Verbundenheit mit den Al>ertausenden, die zur selbigen Stunde sie inbrünstig sprechen und auch mit Jenen, die es taten, einst — über Jahrhundert« hinweg, wie ihr jetzt es tut. Da werdet ihr einen Zusammenhang spüren — über Meere und Welten hinweg, der euch aufliebt, der euch mit Kraft tränkt, der euch zu Ewigem emporträgt. Nun gibt es Menschen, ich weiß es, die da sagen, man könne ähnliches auch oder sogar besser auf andere Weise erleben. In der Natur, sagen sie, im Wald unter Seinem unendlichen Himmel glauben sie ihn deutlicher zu fühlen, als im Tempel. In der Natur glauben sie IHM näher zu sein, und dies Gefühl ,des Naheseins‘ allein nennen sie schon Gottesdienst. Leicht machen’« sich diese, und sie haben das Wort ,Dienst‘ mißverstanden. Gar billig wollen sie alles erreichen, die da glauben, man könne mit einem seltenen Gefühl für Seine Nähe genug getan haben. Sie ahnen nicht, daß dieses Gefühl: IHM nahe zu sein, sie gar nicht verlassen dürfte — nicht einen Augenblick —, wo eie auch sind, was sie auch tun: immer, unablässig müßten wir wissen, daß wir vor Seinem Antlitz stehen. Was brauchen wir dazu den Wald — den wir hier ja gar nicht einmal haben? Jede Schaufel Mist, die ihr der verarmten Erde hier vermischt, müßte qpch vor seiner Weisheit erschauern lassen, die es einzurichten wußte, daß noch der Unrat des Viehs dazu berufen ist, die Erde zu erfrischen, auf daß sie die Kraft erhalt, uns Nahrung hervorzubringen. Versieht ihr ,mich! Freunde! Dies bißchen seltene Soloerlebnis für ästhetische Gemüter, das nenne ich nicht ,Dienst‘ — es ist ein Privates, das mit der Gemeinschaft nicht verbindet — sie darum nicht stützt, nicht trägt, nicht fördert. Die Zeit der persönlichen Romantik ist vorbei. Einer allein, dem es etwa darum zu tun ist, ein privates Erhobensein zu haben (denn haben wollen diese, nicht geben), geht uns nichts an, weil ihn ja auch die Gemeinschaft nicht angeht. Lest in der Bibel! Da läßt Gott verkünden durch den Mund des Moses, wenn er von den Festtagen spricht: Der Tag soll heilig sein, daß ihr z u s a m m e n k o m m t, oder: ihr sollt den achten Tag dieses oder jenes Festes heilig halten, daß ihr zusammenkommt, denn es ist der Tag der Versammlung, und zum Schluß des Abschnittes über die Fest«, 8. B. M. Kap. 23, das sind die Feste des Herrn, die ihr für heilig halten sollt, daß ihr zusammenkommt und dem Herrn Opfer tut. Nun, heute bringt man keine greifbaren Opfer mehr dar. So opfert euren Hochmut, eure Eigenbrötelei, euer ,habenwollen* von Allem und Jedem. Nicht aufs Haben! Auf das Geben käme es nfimlifeh an. Auf die glühende Inbrunst des Bereitseins zu dienen, zu geben! Kennt ihr nicht die schöne cliassidiselie Geschichte von dem kleinen Hütejungen, der, da er nichts anderes, größere» zu geben hatte, durch einen Pfiff, aus der Tiefe »eines Herzen» Gott dargebracht, die ganze Gemeinde zu erlösen vermochte. Auf die Kawwana, auf die Inbrunst jedes Einzelnen kommt es an, auf Jeglichen! Nicht allein daß er da ist, sondern wie er dabei ist. Wie aufgeschlossen Gott und dem gemeinsamen Dienst. Was jeder von sich aus dazu gibt an seelischer Bereitschaft, an Sammlung, an Vertiefung, das schafft die Atmosphäre, die euch jetzt nichts gibt, weil ihr nichts dazu tut. Ihr aber, meine Freunde, wollt die G«• mcinschaft, dir lebt für sie und wollt für sie und ihre Ge* Stallung lernen. Nun ist aber der Mensch eine faule und alberne Kreatur. Er will gar nicht immer lernen — er will gar nicht immer ein großes Vorbild sehen, die Größe erschreckt und bedrückt ihn, er fürchtet sieh, und er flieht sie. Weil unsere Weisen das wußten, haben sie Möglichkeiten ersonnen, die den Fliehenden aufhalten, die den Aengstlichea, Erdrückten aufrichtea könnten. Kleine Stützen haben sie er* funden, haltbare und schöne Bänder, die uns an die Größe und Stärke des Allmächtigen binden sollen, auf daß wir nicht immer wieder in Trägheit und Müdigkeit, in Feigheit und Vergeßlichkeit zusammensinken und ab füllen ins Bodenlose. Wißt ihr, was ich meine? Ich denke an die Ilerachoth — an die Segenssprüche, die uns dem Tag und die Woche über davor bewahren sollen, abzuglciten in den Alltag, abzugleiten von I1IM. Köstliche Bänder sind sie, die unser Leben, das einer Ranke gleich haltlos hin- und herschwanken würde, lestbinden an die ewige Richtung, an seine Kraft, an ihn selbst. Daruin Chawerim we’Chawerolh, sollte man zugleich mit der Feier des Schabbat, das Sprechen der Berachoth einführen. Das würde euer schweres Leben nicht belasten, glaubt es, ihr wäret erhoben und bereichert dadurch. Wie ihr darüber denkt, sagt ihr mir beim Oneg Sdiabbat, ihr sollt Zeit haben zum Nachdenken, denn — ihr sollt eudi frei entscheiden. Frei — von innen her. Damals — am Sinai wurde Gott und sein Gebot einem kindhaften, einem unreifen Volke auferlcgt. Wohl berichtet der Midrasch, daß das Volk sich freiwillig für Gott entsdiieden habe, als einzige» Volk unter den Völkern. Aber, ob es daran Jag, daß es sich nun der Schwere dieses Ent- Schlusses und dessen, was er mit sich brachte, noch nicht bewußt war? Wir wissen es nicht. Es hat sich gezeigt, daß dieses Volk als Masse diesen einzigen, unsichtbaren Gott nur schwer begriffen hat, daß es oft von ihm und seinem Gebot abgcfalien ist. Jetzt aber — nach dreitausend Jahren hat dieses Volk die Kinderschuhe abgelegt. Wir stehen im Mannesalter. Wir haben viel erlitten. Da kann man, da muß man sich selbst entscheiden. Vielleicht ist hierin der Grund zu finden, für die Seltsamkeit, daß wir jetzt keinen Führer haben, wie damals. Aber — könnte uns nicht unser tausendfaches Suchen und Tasten, unser Sehnen nach dem Neubruch, den wir uns brachen sollen, zum Führer werden? Wir alle fühlen dunkel aber unabweisbar, daß wir nach dreitausend Jahren aus manchem Kleid des Dienstes, das unseren Vätern sinnvoll und angemessen am Leibe ihres Lebens saß, hinausgewachsen sind. Doch der Herr verschmäht es wohl, da wir uns so oft und so lange unwürdig gezeigt haben, uns das neue Gewand, das uns;lassend anliegen würde, auf die Gestalt unseres heutigen Lebens fertig überzuwerfen. Er verschmäht es, uns den Weiser zu senden, der uns den höchsten Willen noch einmal künden würde. Und — in der Tat — es wäre jetzt an uns, uns läge 'es ob, IHN diesmal, nachdem er doch einmal schon sich uns offenbart hatte, aliermals zu erründen in Ehrfurcht und heißer Mühe. Wieder und wieer müssen wir hinuntertauchen in den Strom der 1 ehre, aus dem wir jedesmal einen Teil des verlorenen Schatzes ans Licht bringen würden. Vielleicht, ja vielleicht, daß ER uns dann erleuchten würde, daß ER — wie ein milder und gütiger Vater es sich erbarmen ließe um den kleinen Sohn, dessen unablässiges Mühen ihn rührte. Aller — und daran, Chawerim, glaube ich —, der Gott, zu dessen Dienst wir freiwillig eilen, nach dessen Gesetz wir freiwillig, mühsam graben, mühevoll, wie nach den tief verschütteten Wassern unseres Landes, diesen Gott werden wir nie mehr verraten, noch vergessen können.“ Der jugendliche Priester stand auf seinem Stuhl, der unter seinen Worten zum Al Memor geworden war. Er stand mit erhobenen Händen in der Gebärde des Segnen« und sagte: ״In dieser Hoffnung aller spreche ich über euch den uralten Segen unserer Priester: Der Ewige segne und behüte euch, er lasse euch sein Antlitz leuchten und sei euch gnädig.“ Ein Schweigen lag nach diesen Worten über dem einfachen Raum, auf dem die heilige Schechina geheimnisvoll zu ruhen schien. Ein ״Circolo musicale letterario“ In Mailand. Uns wird f' richtung ins Leben gerufen, die vielleicht bestimmt ist, Vorbild für ähnliche Institutionen in großen Städten des Auslandes zu werden. Der ״Circolo“ ist aus der Tatsache heraus entstanden, daß es weder in Rom, wie Bacr erfahren mußte, noch in Mailand eine Stelle gab, an der sich aus Deutschland dorthin eingewanderte Juden treffen konnten. Es gelang, in Mailand einen solchen Klub zu begründen, und es zeigte sich bald, daß er nicht nur Treffpunkt der Juden aus Deutsch-!and, sondern afSer nicht einheimischen Juden geworden ist. Für den Monat März liegt bereits ein fertig gedrucktes Programm vor. Spezifisch jüdische Themen herrschen vor. Es wird u. a. über ״Palästina vom Tempel bis heute‘‘ oder über ״Hiob“ oder über ״den Entwicklungsprozeß in der Jüdischen Geschichte“ gesprochen. Daneben ist an jedem Sonnabend eine Sonderveranstaltung, meist musikalischen Inhalts. So spielt am 14. März eine 14jährige Pianistin Renate Guggenheim aus Frankfurt am Main, Schülerin des Professors Maestro Martinotti. Auch juristische und literarische Vorträge gibt es, im Februar sprach z. B. Professor Guido Lodovico Luzzato in deutscher Sprache über Heinrich Heine, Die Adresse des Klubs ist: Milano, Corso lndipendenza 6. Margarete;fflofca! 9 Diesen und auch Jenen hat Gott gemachte tfn $af&ftlna>3äot11an i»t ab Dienstag, den 17. März, in den jüdischen Buchhandlungen erhältlich Preis geh. RM. 3,— BR ANDUSfch» Verlagsbuchhandlung, BERJ.llS! Pf '$o Linoleum für Treppen, lüden, Zimmer «ml KOeüen Anschläge kostenlos Großes Lager in Cocos-, 1• Kefer. / Gegr. «••• Beuel*- (1. Velourlßufern f ritz Stoehr Memhardstr. 11 fraiiar• MQnzstr. 17 ■ 1IW(Ml«N4f

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