Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1936)
- Date
- 1936-03-06
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 KINDER-RUNDSCHAU Nr. 4 Am nächsten Morgen steht Babusch froh und glücklich auf, denn nun kommt er bestimmt nicht zu spät. Er nimmt den Zettel vom Kopfkissen und zieht sich genau nach seiner Buchführung an und zwar erstens den Hut, zweitens den Rock, darüber die Weste, darüber die Hose, dann Uhr und Krawatte, dann die Unterhose, die Strümpfe und Schuhe und schließlich das Hemd. Angezogen ist er also, wenn auch eigenartig, aber auf dem Zettel steht noch eine Angabe: Babusch liegt im Bett! Er geht ans Bett und findet keinen Babusch. Da gibt er es auf, denn was nützt die schönste Buchführung, wenn sie nicht stimmt. Nun könntet ihr meinen, er, Babusch, wäre ein unordentlicher Mensch, aber da tut ihr ihm Unrecht, denn er trägt immer einen Schirm und einen Zylinderhut. Er kam schon zu uns, als wir noch viel kleiner waren, und legte den Zylinderhut im Korridor auf einen Stuhl, bevor er zum Vater ins Zimmer ging. Wir waren ja nun ziemlich ausgelassen und die glänzende Kopfröhre auf dem Stuhl reizte uns sehr, wir stießen und schubsten einander, bis einer sich auf den Hut setzte, und wenn dann Herr Babusch kam und seinen Zylinder nehmen wollte, war der ganz v er bufft, aber Babusch wagte doch nichts zu sagen, und wir lachten uns heimlich eins ins Fäustchen. Das ging so lange, bis eines Tages ein Unglück passierte. Ich setzte mich auf den Zylinderhut, der gab nach und knickte ganz zusammen, bis bloß noch Krempe und Deckel und nichts mehr von der Röhre zu sehen war. Ich bekam einen furchtbaren Schrecken, und wir versteckten uns sehr ängstlich, als Herr Babusch ging. Er aber nahm den Hut, wippte kaum mit dem Daumen nach innen und schon sprang mit einem Knall der Hutdeckel hoch, die Röhre war da, alles in Ordnung, es war ein Klapphut, ein chapeau claque, den Babusch sich zugelegt hatte. Seitdem haben wir einen heillosen Respekt vor ihm und verüben keinen Streich ohne seine gütige Mitwirkung. Für das Purimspiel hat er sich selbst angeboten, aber leider zu spät, denn alle Rollen waren schon vergeben, bis auf mein Pferd. Gut, sagt Babusch, ich will das Pferd spielen, gebt mir aber das Stück, das Spielbuch, oder wie ihr das nennt. Wir sagen, er braucht nichts dergleichen. Denn das Pferd hat ja nichts zu sagen, und wohin es gehen soll, werde ich als guter Reiter ihm schon zu verstehen geben. Aber er sagt, wenn er in .einem Stück mitspielen soll, muß er es auch kennen, und da hat er recht. Nun geben wir ihm also das Purimspielbuch, er liest es und ist ganz begeistert. Purim kommt immer näher, und endlich ist es so weit, wir ziehen als Purimspieler von Haus zu Haus, alles lacht und freut sich mit uns, die kleinen Mädchen verkriechen sich kreischend, wenn sie unsere Masken sehen, ich habe außerdem noch Mutters Bettvorleger aus Eisbärfeil als Bart um, und was wir an allerlei Geschenken ernten, das ist gar nicht auszudenken. Endlich klingeln wir bei Rauhbein. Er macht selbst die Tür auf, fährt zusammen, als נ/' i, / PA / er uns sieht, aber ehe er noch *י3״ Wltv sagen kann, er will uns nicht Z? j ״ / einlassen, sind schon drei von uns durchgeschlüpft, und er mag sich drehen und wenden, soviel er will, wir fangen schon an, unser Spiel aufzuführen. Gut, sagt Rauhbein, wenn es euch gelingt, mich zürn Lachen oder Weinen zu bringen, zahle ich euch hundert Mark, sonst nicht einen Pfennig. Gemacht, sagen wir, und schon gehfs los, die Küche von Rauhbein (denn die Stube wurde nie benutzt) ist im Handumdrehen in einen Thronsaal verwandelt, hoch oben auf dem Herd thront der König, unten neben dem Kohleneimer weigert sich Waschti zu erscheinen, am Ausguß höre ich den Plan gegen den König, auf dem Herd wird beschlossen^ eine andere Königin zu nehmen, Esther soll erscheinen und sprechen, und da Bendix gerade noch seinen Stimmbruch stimmen will, hält Babusch den Gedanken nicht aus, daß wir uns etwa blamieren könnten, und springt ein und deklamiert mit seinem Baß: ״Verzeiht, mein Herr, allein ich höre nur Den Ratschlag meines Ohms, der mich hierher begleitet hat. . Ich hin ein armes Mädchen und ■ Hierher gekommen nur, weil man uns dazu zwang. Gefalle ich dem König nicht, so will ich gern wieder Mit meinem Ohm in unsre Heimat.. Solange hatte sich Rauhbein einigermaßen gehalten, die Lippen zusammengekniffen, um nicht zu lachen, und daß er ... schon sind drei von uns durchgeschläpft weinte, brauchte er ja nicht zu befürchten. Aber als Babusch plötzlich loslegte, war es doch immer schwieriger für ihn. Ihr müßt bedenken, daß Bendix in Wut darüber, daß Babusch ihm einfach die schöne Rolle der Königin Esther vor der Nase wegspielte, irgend etwas tun wollte, aber natürlich nichts Böses, und kaum hatte die falsche Königin angefangen, so schrie Bendix auch schon: ״Babusch, nimm die Maske ab! Mordechai, nimm ihm die Maske ab!“ Das war vollkommen, sinnlos, aber ihr wißt ja, wie so etwas ist, ich werde angeschrien, also greife ich, der auf Babuschs Schultern sitzt, denn Babusch ist doch mein Pferd, ihm ins Gesicht, als wenn ich ihm die Maske abnehmen wollte, und was bekomme ich zu fassen? Natürlich seine Nase, diese Nase zum Schofar-Blasen, ich habe sie in der Hand, ich ziehe, aber sie geht nicht ab, sie ist angewachsen, sie ist keine Maskennase, sie ist echt! und natürlich halten sich alle die Seiten vor Lachen. Bloß zwei Mann bleiben toternst, Rauhbein, der zu geizig ist, um zu lachen, und Babusch, der zu ehrgeizig ist, seine Rolle zu verhunzen. Ja, Babusch deklamiert weiter, er näselt ganz gut und laut, weil ich seine Nase in der Hand habe, sein Adamsapfel führt einen Kriegstanz auf, ich, oben auf seinen Schuldts. « «