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Jüdische Rundschau · 1936-03-06 · Heft 19 (6.3.1936) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 19 (6.3.1936)
Date
1936-03-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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14 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 19, 6. III. 193 6 Das Neueste in Kürze bemerkte, daß eigentlich nicht nur die Wahl von Schatzow damit ungültig sei, sondern sämtliche Waiden der sieben Kan* didaten'des Bürgerblocks, da deren tic-neral־Lis}enVerbindung«- vertrag den illegalen Vertrag Schat/ows mit seinen Hilfsgruppen in sich einbezogen hatte, fr hätte daher die Frage zu entscheiden gehabt, ob er nicht nur die Kandidatur von Schatzow, sondern die aller sieben Kandidaturen der Rechten annullieren solle. Er hätte nach langem Zögern von diesem scharfen Schritt Abstand genommen, tim nicht die Hälfte der Tel-Awiwer Bevölkerung ihrer Repräsentanz zu berauben. Zugleich aber wurde eine Warnung ausgesprochen, die Wahlen in vollem Maße einwandfrei zu halten. Es bleibt schließlich noch zu erwähnen, daß die Ger i c 111 s k o s t e n, die recht bcträchtiich waren (£ 250), zu Lasten Schatz o \v s 1111 d der anderen Reprisentanten des Bürger block« fallen, während der unglückliche Wahlkoinmissar, der sich durch das Gewirr der vielen Kontrakte hatte durcharbeiten müssen, um seinen Spruch über die gewählten Kandidaten zu fällen, von den Kosten der Gerichtsauslagen befreit wurde. Di• Bedeutung des Urteilsspruchs lieber die reale Bedeutung des Urteilsspruchs läßt sich bisher wenig sagen. Der Rechtsblock hat dadurch eine Verringmmg erhalten, während die Mitte — also Dizengoff — von einem auf zwei Mann angewachsen ist. Bisher war in der neuen Munizipalität der Rechtsblock von 7 dem Linksblock von <) gegeniihergestanden, dem sich in der Regel der Repräsentant der Progressiven in wichtigen Fragen anschloß. Durch das damit bestellende Gleichgewicht zwischen Links und Rechts war vielfach Dizengoff — besonders bei der Besetzung der Acrnter — gezwungen gewesen, mit seiner Stimme den Ausschlag hei den Alwtimniuugen zu geben. Jetzt tritt eine gew i s s e Verschieb u!1 g ein, die jedoch nicht so groß ist. u in eine w i r k i i c h 1• K r;1 f teä 11 derun g zu bedeuten. Ga gegen i<t die poütjsch-tnnrolisrhe Bedeutung des Urteils offenbar. Der Richter hat sich im Prozeß selbst wie ir, der Urteil-Begründung nicht gescheut, das Svstem der kompli/ierten l.istenverHmitmgen und t'eberverhindungen sehr scharf zu rügen. Das l •rteil bestätigt nur das starke Unbehagen, daß viele Harschende und geradedenkende Eiemente in der Stadt bei diesen Manövern von Gruppen und Grüppchon hatten. Oie hebräische linke und progressive Presse hat wahrend de« Walilkampfes und nachher vielfach an dieser Wahltaktik Kritik geübt. Aber es war nicht sicher, ob die öffentliche Meinung stark genug sein wurde, ähnliche Praktiken in Zukunft zu verhindern. Jetzt kommt dieses Urteil einer Verbesserung der Wahimethoden zu Hilfe. Und wenn es auch nicht angenehm sein mag, eine derartige Kritik aus dem Munde eines englischen Richters zu hören, so kann nur eine Erkenntnis der wahren Sachlage, von wem sie auch ausgesprochen werden mag, zu einer Klärung und Besserung der Zustande beitragen. Eine medizinische Zeitschrift. Seif zwei Jahren erscheint in Palästina die Zeitschrift ״Lolia Mediea Oricntalia“. Die große Zuwanderung jüdischer Acr/te aus den Gebieten aller europäischen Kulturländer wird sowohl in der theoretischen wie praktischen Medizin einen Niederschlag finden müssen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Krankheiten des Orients dem wissenschaftlich geschulten Arzte eine ungeheure Fülle von Anregungen geben werden, und daß er liier einer großen Zahl ihm unbekannter Krankheitsbilder begegnen wird oder solchen, die ihm zwar der Art nach bekannt sind, aber hier in ungewöhnlicher Häufung oder Seltenheit auftreten. Die sich hieraus ergebende wissenschaftliche Produktion in geeignete Bahnen zu lenken, geistige Anregungen nach den Ländern der Alten und Neuen weit zu vermitteln, andererseits von diesen Ländern ausgehende Impulse fruchtbar zu verwerten, ist der Zweck der Zeitschrift. Sie erscheint in folgenden drei Sektionen: Fo'ia Medidnae Internae (Redaktion: Dr. Kleeberg und Prof. Zoiulek), Folia Ophthalmologica (Redaktion: Dr. Feigenbaum), Folia Oto-Laryngologica (Redaktion: Dr. Bernfeld). Line Erweiterung ist vorgesellen. Die Zeitschrift durfte auch unter der! Aerzten in der Galuth Interesse finden. Im Monat Februar kamen Ober Jaffa und Haifa 2270 iSdlsche Einwanderer Ins Land, darunter 661 Angehörige der Kapitalistenkategorie. Eine Gruppe von 200 illegalen Einwanderern brach in die Räume der Jewish Agency in Jerusalem ein und mußte mit Hille der Polizei entfernt werden, obwohl ihnen erklärt wurde, daß die Exekutive ihr Möglichstes tun werde, um ihre Legalisierung zu erreichen. Der Waad Leumi hat sich mit der Frage beschäftigt, wann die nächste Tagung der Assefath Haniwchar i m (Jüdische Nationalversammlung Palästinas) stattfinden soll. Lin endgültiger Termin wurde noch nicht bestimmt, weil die Verhandlungen mit der Regierung über eine Statutenänderung, der zufolge das Verzeichnis der Wahjbcrechtigten in jedem Vierteljahr statt wie bisher jährlich angelegt werden soll, noch nicht abgeschlossen sind. Die Tel-Awiwer Stadtverwaltung hat in einer Erklärung die Absage der Purimfestlichkeiten mit der schwierigen Lage der Judenhcit in der Welt begründet. R u p p i n s 6 0. Geburtstag wurde in Degania bei einer Zusammenkunft führender Persönlichkeiten des Jischuw gefeiert. Es sprachen Ben Gurion, Ben Zwi, Smilansky und Harzfeld. Vor dem Beginn der Feier fand die Pflanzung eines Gartens für tropische und subtropische Früchte statt, der als Symbol für die 7 Gründer Deganias eine Fläche von 7 Dunatn umfaßt. Bei der Pflanzung hielten Josef Baratz, Wilkansky und Mordechai Ben Hillel Haconcn Ansprachen. In Jerusalem wurde der 80. Geburtstag des sephardischen Oberrabbiners Jacob M e i r gefeiert. An der Feier nahmen Rabbiner aus dem ganzen Lande, Vertreter der jiidisehen Institutionen, der Regierung, der Konsulate und der Stadtverwaltung teil. Ansprachen hielten Ussischkin und die Oberrabbiner Amiel und Uziel aus Tel-Awiw. Während der Levante-Messe in Tel-Awiw findet eine Konferenz der Architekten Palästinas statt, die einen Architekten-Kongreß des Nahen Ostens vorbereiten wird. — Fünfzig Fabriken des Haifa er Industrieg e b i e t e s haben sich zu einer Kollektivausstellung auf der Levante-Messe zusammengeschlossen. Nach einer Statistik des American Economic Committee kamen im Jahre 1935 16 Millionen Pfund jüdischen Kapitals nach Palästina (gegen 12—15 Millionen Pfund im Jahre 1931). Die Bankdepositen stiegen im Jahre 1935 um 2• Millionen Pfund. Die Investitionen betrugen mindestens 10 11 Millionen Pfund. Wie mitgeteilt wird, ist die Kooperative der jüdischen Siedlungen ״Tcnuwa“ jetzt in der Lage, den gesamten Milch bedarf des jüdischen Jischuw zu decken. In Hadar Hakarmel wird der Bau neuer Straßen in Angriff genommen, durch die dieser Stadtteil bedeutend erweitert werden soll. Die Straßen werden das Viertel mit dem Karmel-Plateau verbinden. Der Bau wird neun Monate in Anspruch nehmen und etwa 9000 Pfund kosten. PALÄSTINA IN LICHTBILDERN Llchtblldatrtlfen öbar dl« aktuallan Vorggnge In Paliatlna mit •uagaarbeltatan BaglaltvortrSgan: Monatebildbericht Nr. S 55 Bilder RM 4.50 Monatsbildbericht Nr. 4.= 50 Bilder RM 4.50 Die arbeitende Freu In Ere* Israel =105 Bilder RM 6.— Chuleh, ein Bildbericht von dem neuen Kolonisationsgebiet . . 50 Bilder RM 4.50 Za beziehen durch: KEREN KAJEMETH LEJISRAEL, Berlin W15 Melnekestraße 10 / Postscheckkonto Berlin 282 47 Als Delegierter der Jewish Agency hat sich das Mitglied der Exekutive Rabbi J. L. Fischmann nach Europa begeben, wo er Rumänien, die Tschechoslowakei, Ungarn und Oesterreich besuchen wird. Der Leiter der Kurbadeanstalten fn Marienbad, Ing, Doberauer, ist nach Tibcrias, wohin er als Sachverständiger von der Geseilschaft The Hamei Tiberia Hotsprings berufen wurde, abgereist. Ing. Doberauer wird dort die Richtlinien für die Verwertung der neu gefaßten und aus der Römerzeit bekannten Tiberias-Warmquellcn zu Badekuren festlegen. Die Kosten für die projektierte Badcanlage sollen £ 75 000 betragen. Dr. Nathan B a r d a k y trat sein Amt als Polizeirichter in Jerusalem an. Im Verlauf des Jahres 1936 soll ein Kongreß sämtlicher palästinensischer Handelskammern und ähnlicher Institutionen, die an dem Wirtschaftsverkehr zwischen Palästina und der Welt interessiert sind, nach Prag einberufen werden. Handelskammern, die den Wirtschaftsverkehr mit Palästina fördern, bestehen in Prag, Paris, Wien, Beograd, Bukarest, Budapest, Athen, Saloniki, Warschau, Lodz, Sofia und Ankara, In verschiedenen Staaten der Welt bestehen außerdem Gesellschäften und Verbände zur Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen mit Palästina. Siedler in Balfouria hörten In der Nacht Schüsse und fanden den 29jät1rigen Wächter der Kolonie, Abraham Nadel, einen Einwanderer aus Deutschland, tot auf. Die ärztliche Untersuchung ergab, daß der Wächter mit dem Gewehr unvorsichtig umgegangen war und dadurch den Tod fand. Die Polizei in Tel-Awiw verhaftete eine Einbrecher• bande, auf deren Konto zahlreiche in der letzten Zeit verübte Diebstähle und Einbrüche gesetzt werden. In Palästina traf eine Gruppe von 50 jüdischen Tou• r i s t e n aus Südafrika ein, unter denen sich eine Reihe führender Kornmunalbcamter befand. In Palästina traf Michael Haskell ein, um sein Amt als südafrikanischer Kommissar in Palästina anzutreten, das neben dem des Generalkonsuls besteht. Der Publizist Dr. Josef Patai, Redakteur des ״Mult es Jövo“, in Budapest hat von dem Rektor der Jerusalemer Universität, Dr. Bergmann, die Einladung erhalten, anläßlich seiner nächsten Palästinareise an der Universität Vorträge über die unbekannten Dichter der hebräischen Literatur zu halten, deren Handschriften Patai seinerzeit in den Bibliotheken von London und Oxford entdeckt und zum Teil veröffentlicht hatte. fn Tel-Awiw starb im Alter von 82 Jahren der hebräische Schriftsteller David J. Silberbusch, dessen Memoiren vor kurzem veröffentlicht wurden. Der Verstorbene war ein Mitarbeiter von Perez Smolenskin und lebte seit zwei Jahren in Palästina. Der Waad Leumi hat gegen das in Polen in Aussicht genommene Schachtverbot protestiert. Im Einverständnis mit den führenden Rabbinern von Tel- Awiw und unter ihrer Mitwirkung fand eine Zusammenkunft von über hundert Jugendführern der Organisationen Hapoel Hamisrachi, Poale Agudat Jisraei, Brit Jeschurun, Irgun Hazeirim Leümude Hajerudot, Young Israel, Bne Akiba u. a. m. statt, bei welcher die Gründung eines allgemeinen Verbandes der religiösen Jugend-Organisationen beschlossen wurde, der die Aufgabe haben soll, ein religiös-kulturelles Zentrum für die Jugend in Tel-Awiw zu schaffen. I!n Verlag Dawar, Tel-Awiw, erschien ein Gedichtbändchen von Abraham Braudes ״M i b a j i t“ (Vom Hause). Die volkstümlich gehaltenen Gedichte, die dem Andenken Bialiks gewidmet sind, enthalten Erinnerungen an die Kinderstube, Vater und Mutter und die ersten Schritte in die Weit, überhaupt ein Lob des Hauses und der Häuslich* keit, die auch der erwachsene Mann an der Wiege seines eigenen Kindes empfindet. Purimreflexionen aus Rediavia Sdiiebetüren Reehavia i«t hekanmlkh der weltstädtisch-elegante Stadtteil von Jennale..!, Jerusalem W, nicht der )ümmelsrich* tun״, aber dein Geiste nach, für Berliner Begriffe: das bayerische Vierte!. Rediavia weiß, was es sich schuldig ist. Zwar gibt es einige Dinge, die noch nicht ganz weltstädtisch sind. Trottoirs oder Bürgersteige sind vorerst schwach entwickelt. Sie anzuifgen obliegt den Haushesit/crn, soweit ihre Grundstücke reichen, aber es gab bisher kein Mittel, sie dazu zu zwingen. Warum soll der eine es tun, wenn -cs sein Nachbar nicht tut. und warum sollten überhaupt diese Privatleute cs besser meinen als dir Stadtverwaltung, die auch mir nach Laune einen oder den anderen F.ahrdamin anlcgen läßt? Die Straßen haben nbo mehr Wadi-Ch.-iraklcr — wir sind ja schließlich im Orient. Im Sommer ist ein Wadi ganz gut passierbar, und nun-tens ist Sommer, und in der Regenzeit mag der Fußgänger eben sehen, wie er. über Stock und Stein durch die Gießhächr cntlaiigturnen kann. Ganz merkwürdig ist die Straßenbeleuchtung. Das Beste, was man ihr nachrühmen kann, ist ihre Spärlichkeit. Denn wo sie vorhanden ist, da dient sie in eigentümlicher Weise der Erschwerung des Sehens. An ganz hohen Masten, von denen das Licht trotz, seiner anerkannt großen Fortpflanzung«- kraft kaum noch bis zur Erde gelangt, befinden sich ganz relle Lichtpünktchen, die weniger der Erleuchtung als der lendung dienen, eine Art sinnverwirrender Irrlichter, die den Schritt des nächtlichen Wanderers unsicher machen. Da greift er denn lieber, wenn nicht gerade der Mond ihn mit seinem sanften Scheine väterlich betreut, zu seiner elektrischen Taschenlampe, nachdem er eine gut abgelagerte Batterie für sie erstanden hat, und es ist ein freundlicher Anblick, diese Glühwürmchen, von einem Menschen gefolgt, durch die nächtlichen Wadis huschen zu sehen. Aber sonst weiß Reehavia, was sich gehört, und da scheint mir bemerkenswert vor allem eine Einrichtung, die infolge ihres symbolhaften Charakters berufen war, diesen Betrachtungen ihren Titel zu geben. Das sind die Schiebetüren! Man kann nicht behaupten, daß die Bautechnik hier in jeder Beziehung schon auf der Höhe wäre. Das Haus z. B., durch dessen Wände oder Dach es im Winter niciit durchregnete, soll erst noch gebaut werden. Aber in Schiebetüren sind wir ganz groß. Bekanntlich besteht das Gros der Wohnungen in diesem fashionablen Stadtteii aus drei oder vier Zimmern. Die Zimmer sind, auch das weiß man, recht klein, im allgemeinen höchstens etwa 4 m lang und 3 m breit. Die Wohnungen sind also ihrer ganzen Art nach recht kleinbürgerlieh, mithin genau das Gegenteil des Publikums, das sie bewohnt. Daran wird niemand zweifeln wollen. Wie kommt man über diesen Widerspruch hinweg? Ganz einfach, durch Schiebetüren. Nichts macht eine Behausung, und sei es die kleinste Hütte im Weinberg oder das Wächterhäuschen im Gurkenfclde, pompöser, nichts vermag ihr eher einen schloßartigen Charakter zu gehen, als eine Schiebetür. Ein Griff, und du bückst durch eine Flucht von zwei Zimmern, dein Auge schweift über sechs bis acht laufende Meter. Aus Löchern sind Appartements geworden. Du atmest Freiheit und Größe. Allerdings — iede Lust muß hier aut Erden gebüßt werden. Die Schiebetür beraubt dich zweier Wände. Und da, der besseren Durchlüftung wegen, möglichst in zwei weiteren Wänden jedes Raumes große Fenster sein sollen, man auch andere, sozusagen zivile Türen braucht, um in die Zimmerflucht hincinzugelangen, so fehlt es schließlich an Wandraum, um Möbel aufzustellen, die denn doch, trotz allem, was sich gegen sie sagen läßt, für das eigentliche Wohnen oder Hausen sehr wichtig sind. So bleibt denn auch hier dem Menschen nur die bange Wahl zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden. Der Rechaviot, nicht faul, entscheidet sich nach kurzem Schwanken für das Sinnenglück: die Schiebetür! — Die Neigung, die immerhin vorhandene Enge des eigenen Daseins zu bemänteln, das Schiebetür-Prinzip, beschränkt sich nicht aut das Wohnungswesen. Ich hätte diese Reflcxionen auch ״Mors d'oeuvres“ nennen können. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, daß es mit dem Essen in Palästina nicht eben weit her ist. Der Fuß stockt aut der Schwelle, ehe er sich entschließt, den bitteren Schritt in ein Restaurant hinein zu tun. Aber wie dem, nämlieh der Beköstigung, auch sei, es erwartet dich, wie im Bristol, im Ritz, bei Voisin oder wo sonst du früher in der ganz großen Welt einkehrtest, ein sogenanntes Hors d’oeuvres und zwar: gehackte Rinderleber, mit Ei und Zwiebeln verbrämt. Nicht unschmackhaft, wenn auch im Sommer nicht sympathisch. Aber im übrigen: der Reiz des Essens besteht auch in einer gewissen Abwechslung. Und dann: Du bist von früher her gewohnt, soweit du überhaupt Hors d'oeuvres aßest — vermutlich nicht sehr oft als solche kleine, nette, appetitanregende Sachen vorgesetzt zu erhalten. Statt dessen wird dir hier ein massiver Leberbrei verabfolgt, ein gut füllendes Abendbrot-Gericht, nach dessen Genuß <u1 wenig Neigung mehr zu weiterer Nahrungsaufnahme spürst. Aber vielleicht ist das ganz gut. Denn was danach kommt, davon kann man doch nur mit Shakespeare sagen: Machet nicht viel Aufhebens davon, sondern gebt Gott die Ehre! Resignierend kehrst du in deine Wohnung zurück und richtest dich wieder auf an deiner Schiebetür. Wofern der Mechanismus nicht gerade versagt. Südliche Nacht ״Melde mir die Nachtgeräusche, Muse, die ans Ohr des Schlummerlosen fluten!“ dichtete Conrad Ferdinand Meyer. Meyer lebte und schlief in Kilchberg am Zürich-See, und so ist es klar, daß die Nachtgeräusche, die seine Muse ihm im weiteren Verlaufe des Gedichts meidet, der Unbedeutendheit dieses Ortes entsprechen. ״Das traute Wachtgebell der Hunde . . . der abge/ählte Schlag der Stunde . . . ein Fischerzwiegespräch am Ufer.“ Und dann ״nichts weiter als der ungewisse Geisterlaut der ungebroch’ncn Stille...“ Da haben wir es in Reehavia und Tel-Awiw denn doch etwas weiter gebracht. Die Kilchberger Nachtgeräusche kön« nen bleiben, wo sie sind. Wir bicteri Ihnen: Erstens einmal das europäische Konzert: Zigeunerweb sen aus Bukarest, Militärmusik aus Berlin, eine Oper aus der Mailänder Scala, alles gleichzeitig, per Radio, mit Lautstärke 12. Weiter als Konzession an die vorgerückte Abendstunde, kurz vor dem Auseinandergehen einer fröhlichen Gesell- Schaft drüben links im zweiten Stock: ״Eine kleine Nachtmusik“, von Mozart selber, auf dem Grammophon mit der dicksten Nadel exekutiert. Etwas für Kenner! Ein Trio. Gleich um die Ecke. Der Cellist scheint heute verhindert,zu sein; sonst wäre es ein Quartett. Schade. Statt des Fischer-Zwiegesprächs am Ufer: eine Gruppe von Nicht-Fischern, die auf dem Nachhausewege von einem Vortrag mit anschließender Debatte zufällig grade vor Deinem Fenster Halt macht, um die aufgerührten Probleme endgültig zu klären. Denn es spricht sich im Stehen bekanntlich eindringlicher als im Gehen. Es scheint aber, daß keiner die anderen überzeugt, obwohl z. B. ein Herr mit ostpreußischer Aussprache des Hebräischen keine Mühe scheut. Das Auto des Herrn von nebenan. Es muß ziemlich schwer sein, ein Auto rückwärts in eine Garage hineinzudirigieren, damit es am nächsten Morgen vorwärts wieder hinauskann. Der arme Motor setzt immer wieder seufzend an, und er ist doch gewiß auch schon müde von seinem harten Werkeltag. Nun gehen auch die Leute oben zur Ruhe. Ob sie ihre Stiefel auch im Bett anbehalten? Und jetzt — wie heißt es doch? ״Der Geisterlaut der ungebroch’nen Stille.“ Bis auf Weiteres. Bis nämlich der Jefed, zehn Meter vis h vis von Deinem offenen Schlafzimmerfenster, hinter seinem ebenso offenen Fenster seine Stimme erhebt und alles Leid, was er vor, bei und seit seiner Geburt erfahren hat, und was er noch erfahren wird, einschließlich des an seinen eigenen nicht ausbleibenden Jeladim, hinausschrcit, -weint, -wimmert in eine staunend und begierig lauschende Welt. So etwa eine halbe Stunde lang. Dann ist er fertig. Du aber auch. SINDBAD \ 1

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