Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-03-06 · Heft 19 (6.3.1936) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 19 (6.3.1936)
Date
1936-03-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653942--28377-2689857
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seit# 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 19, 6 lll. 1936 —MAGISTER KIRSCH- Her gute Ukftr Magister-Likörlabrik, MOncken VII des Judentums neu erweckendes Weltbild hat. Aber das praktische Problem der aktuellen Juden■ not in seinem ganzen Umfang kann der Zionismus heute ebensowenig lösen wie zur Zeit der russischen Judenpogrome und der auch heute noch gültigen erleuchtenden Erkenntnisse Achad Haarns. Palästina hat Zehntausende von Juden aufgenommen, mehr als irgendein anderes Land, und es wird noch Zehntausende aufnehmen; aber dahinter stehen Millionen Juden ohne Boden unter den Füllen und ohne Brot zum Essen. Diese Probleme bedrängen Zionisten und Nichtzionisten in der gleichen Weise. In der praktischen Arbeit ist ein vollständiger Neuaufbau notwendig, in Palästina und außerhalb Palästinas. Beide Teile müßten für beide Dinge Verständnis haben. Heute stehen sich die beiden Lager überall noch gegenüber, man findet dieselbe Zweiteilung in allen wichtigen Ländern, und oft hat man den Eindruck, daß Gegensätze geradezu gczüchtet werden, um dem theoretischen Erfordernis der Zweiteilung zu genügen. Dies entspricht sicherlich nicht der zionistischen Auffassring, die von dem Herzl-Wort ״Wir sind ein Volk, ein Volk“ ihren Ausgang nahm und daher gewiß nicht zwei Völker wünscht; ein Zustand, der künstlich erhalten wird durch die absurde Position derer, die zwar in allen sachlichen Dingen der zionistischen Meinung /ustimmen, aber organisatorisch sich separieren. Ls geht eben weniger um einen Gegensatz der Anschauungen als der Organisationen, Komitees, Machtgruppen, Büros und sonstiger Zwischenglieder, die eine nützliche und unentbehrliche Funktion erfüllen, aber leider gleichzeitig diese unerwünschten psychologischen Rückwirkungen haben. Die Londoner Beratungen, wie wir sie sehen, bieten eine große Chance: daß wirklich ein umfassender Plan auf gestellt wird, für dessen Realisierung auch die erforderlichen Mitte! vorhanden sind (obwohl wir auch in diesem Punkt noch nicht sehr weit gekommen zu sein scheinen), und dessen beide Teile von beiden Parteien bcjaht werden können, sowohl der palästinensische als auch der nichtpalästinensische. Es wäre aber auch vergeblich und unsinnig, an der Tatsache vorhei/usehen, .daß der palästinensische und nichtpalästinensische Teil des Programms von sachlich ganz verschiedener Art sind. Das werden gewiß Nicht/ionistcn ebenso zugehen wie Zionisten. Nur in Palästina ist der Rettungsplan zugleich ein Aufbauplan. In anderen Ländern handelt es sich darum, Juden eine neue Existenz zu v erschaffen, damit sie leben können, und leben ist schließlich die Voraussetzung für alles andere: primum viverc, deinde philosophari — erst leben, dann philosophieren, auch politisieren. In Palästina aber müssen Kapitalien und Menschen so angewandt werden, daß es zum Ge samt wähle des Jüdischen Nationalheims beiträgt, damit dieses immer mehr Menschen, vor allem auch Arbeitnehmer, aufnehmen kann. Es ist kein Zufall, daß in den Reden in Amerika so viel von Palästina die Rede war, und zwar auch bei den Nichtzionisten und ihren Konferenzen. Es ist das realste und auch das interessanteste. Palästina ist aber kein Neuland. Nicht ab heute beginnt dort jüdischer Aufbau, Es könnte wenig zur Erleichterung beitragen, wenn nicht seit Jahrzehnten dort gearbeitet worden wäre. Der Träger dieser Arbeit ist die Jewish Agency mit ihren Institutionen. In der Jewish Agency sitzen auch die Nichtzionistcn, sie ist die nach langen Mühen geschaffene überparteiliche Körperschaft. Es ist selbstverständlich, daß nur die Jewish Agency das ausführende Organ für alle in Palästina durchzuführenden Arbeiten sein kann. Wohin würde es fuhren, wollte man jetzt die Jewish Agency als eine ״Partei“ mit neu hinzutretenden Interessenten zu einer neuen übergeordneten Organisation vereinigen, um vielleicht nach einiger Zeit auch diese schon als eine ״Partei“ mit anderen neu Auftauchenden zu verbinden, und so fort. Es wäre kaum notwendig, diese Selbstverständlichkeit atis/usprechcn, wenn nicht dieser Punkt Anlaß zu Kontroversen gegeben hätte. Es war gerade das zionistische Mitglied der Delegation, das — gewiß in bester Absicht — in Washington unter scharfern Widerspruch der amerikanischen Zionisten die Meinung aussprach, es müsse für die Palästinaarbeit des Komitees ein neues Organ geschaffen werden. Den sachlichen Motiven solcher Vorstellungen wird man gewiß nicht alle Berechtigung absprechen; der Wunsch, die Aufbauarbeit aus dem Personenwechsel einer politisehen Organisation herauszuhalten, ist begreiflich. Man kann solchen Besorgnissen aber auch auf andere Weise Rechnung tragen. Wir erinnern an den immer noch nicht Gedanken Die Juden sind eines der wenigen Völker, das seine traurigen Erinnerungstage mit fitst mehr Inbrunst feiert als seine Freudenfeste. Vielleicht ist es sogar unter den alten Völkern das einzige, dessen religiöser Kultus sich detn Gedächtnis der historischen Schicksalsschläge geöffnet hat. Dies aber bedeutet: es bekennt sich zu seinem Schicksal, es hat Ehrfurcht vor dem Leid, das seinen Vätern auferlegt war. Ein so leidgewohntes und leidgeübtes Volk vermag natürlieh erst recht seine ganze große Inbrunst auch für die Freudenfeste cinzusetzen. Denn erst die Qcfiihlsskaia, die von der tiefsten Zerknirschung bis zum höchsten Jubel reicht, macht diese beiden extremen Zustände der Seele ganz echt und bindet sie zu gegenseitiger Bedingtheit. Zerknirschung und Jubel leben geradezu von einander, sie sind die beiden Gesichter eines Wesens, in denen sich die Lebenskraft eines Volkes ausdrückt, die Kraft des Erlebens und die Bereitschaft, sich selbst zu erleben. Das große jüdische Beispiel, sich an einem immer wiederkehrenden Tag immer wieder neu zu erkennen und zu erleben, ist der Schabbat als Tag der Freude und des Jubels. Gerade auf seinem Untergrund aber liegt auch das Motiv der Zerknirschung, nämlich derjenigen vor Gott, denn Gott ist ja der Herr des Schabbats. Und aus der Zerknirschung vor ihm wächst erst der auch die Menschen verklärende hochzeitliche Sinn des Wochenfesttages heraus. Auch in der Purim-Tradition liegen diese beiden Motive gepaart. Ausrottung oder Errettung, Erniedrigung oder Erhöiuiug — zwischen diesen beiden Polen schwebt der Anlaß zur Purimfeier, und daß zwischen ihnen die Ueberlieferung das ausgelassenste Fest des jüdischen Volkes angcsiedelt hat, beweist dessen unverwüstliche Lebenskraft und Lebcnsbercit- Schaft. Mit der historischen Fundierung des Festes ist es ja bekanntlich nicht weit her, ebensowenig wie mit dem religiösen und kulturellen Wert des Buches Esther. Dieses stammt aus der Hinterwelt, wenn nicht Unterwelt der jüdischen Geschichte und Geschichtsschreibung. Es hängt nur locker oder gar nicht mit den Moral- und Sittengesetzen zusammen, die sonst mit so eherner Ausschließlichkeit die jüdische Ueberlieferung beherrsehen. Es ist unter den jüdischen Büchern so etwas wie der ״Schwarze Peter“, jedenfalls ist es das weltlichste, auf äußerliehe Dramatik der Vorgänge abgestelltcste Buch, das den jüdischen Weisen als der Ueberlieferung würdig erschienen ist. Es ist eine episodisch und anekdotisch wild ausgcschmiicktc Aggadali — an den Rand des jüdischen Schicksals und seiner Geschichte geschrieben, ein Ueberbleibsel und Mitbringsel aus dem Exil, aus der trübsten aller Zeiten. Bezeichnend genug ist, daß in dem Buch Esther und in dem aus ihm kommenden Fest mit dem jüdischen Unglück ein Spiel getrieben wird. Diese Purim-Antinomie stimmt nicht ausgeführten Vorschlag von Dr. Ruppin, die Kolonisationsinteressen der Jewish Agency in einem einheitliehen bankartigen Institut, das er ״Kolonisations-Fonds“ nannte, zusammenzufassen. Wenn Dr. Weiz.mann nach London kommt, werden die durch solche Diskussionen über die Rolle der Jewish Agency entstandenen Ver- Stimmungen gewiß schnell verschwinden. Es kann nicht ernstlich angezweifelt werden, daß nur die Jewish Agency die zuständige Stelle für die Leitung der gesamten Jüdischen Aufbauarbeit in Palästina ist. * Die Juden Deutschlands sind diesmal das Hauptobjekt der Hilfsaktion. Sie kennen aber auch ihre Notwendigkeiten und Erfordernisse. Die öffentliche Meinung der Juden Deutschlands darf nicht unbeachtet bleiben. Wir appellieren an die in den Londoner Beratungen versammelten Männer, zu einem großen Gesamtplan zu kommen, der Auswanderung, Berufs- Umschichtung, Siedlung und Kredithilfe umfaßt, der der einzigartigen Rolle Palästinas als Land des Jüdischen Nationalheims, als Land einer gesünderen jüdischen Berufsschichtung und geschlossener Siedlungsmöglichkeiten, als Land geheiligter jüdischer Erinnerungen und arbeitsreicher jüdischer Zukunft Rechnung trägt, der mit ökonomischster Verwendung der verfügbaren Mittel den Deutschland-Palästina Verkehr »geh. m, b. II. / Leitung! Dr. E. F. Ascher Devisen- und Transfer-Beratung Emissionen u. Sonderangebote für SK.I TREUHAND-ABTEILUNG LEITUNG. Dr. BERNHARD SPITZ BERUNW15 / KURFÜRST EN DA MM 224,11 Eekhftu* Mftinekestmße / Telegrammadresse« Palconnex / Fernruft J 1 Bismarck St23-25 zu Purim mit dem jüdischen Wesen überein. Sie ist ein Produkt der Ver• mischung, ein Golus-Produkt. Dessen muß sich der jüdische Geist schon früh bewußt gewesen sein. Denn er hat gerade diesem Fest einen im Grunde unjüdisehen ästhetisierenden Sinn und Raum gegeben. Aus den Purim-Figuren wurden Puppen, also etwas kompakt Figürliches und Spielerisches, in dem weniger das Gleichnis das heilig ist, lebt als vielmehr etwas Begleichendes und Ausgleichendes, womit die Distanz zwischen den andern Festen und diesem schon deutlich genug ausgedrückt ist. l!n Purim wendet sich das Judentum dem Kindlichen zu, der primitiven Freude an der Moritat, an deren Ernst und Gewicht es nicht glaubt. Es ist das einzigste Mal, wo es sogar ein Tor für die grobe bildliche Darstellung, für die spielerische und verntuminende Gestaltung der Personen und Vorgänge öffnet. Woraus man schon erkennen mag, daß Purim nicht zu den ״klassischen“ Festen der Juden gehört. Was da vor sich ging am Hof des Exils, hat die jiidische Ueberlieferung etwa so ausgestattet, wie wenn der Schauplatz, griechisch gesprochen, in Taurien gelegen wäre, im Barbarenland. Das Barbarische herrscht vor. Auch hier wohnt und waltet der Allmächtige, aber doch anders als im Heiligen Land. Auch hier geschehen Zeichen und Wunder, aber sie deuten sich aus dem Chaotischen heraus. Auch Mordechai und Esther sind hell aufstrahlende jüdische Figuren, voll von Gott und ihrem Volk, aber sie sind bunt übermalt. Es kleben ihnen ״barbarische“ Farben an. Aus der Verlegenheit darüber hat die Tradition, die niemals irrt, weil in ihr die Instinkte eines Volkes sich verkörpern, das Unjüdische des Buches Esther ins Skurrile und Maskenhafte umgedeutet, anders als bei den anderen Festen. So ist, unter dem mitbestimmenden Einfluß benachbarter Sitten der Gastvölker, das einzige wahrhaft ausgelassene Fest der Juden entstanden, das Fest der jüdischen Larven. Aus Freude über jene Errettung? Nein, als Errettung aus der unaufhörlichen jüdischen Zerknirschung und Melancholie. Für dieses eine Mal im Jahr öffnete sich ein Ventil aus dem grauen Dasein. Sie nahmen den Haman in ihre Mitte, sie nahmen ihn als Kostüm und Maske, als Puppe, als lustige Person und Figur und traten, sozusagen, auf den Duzfuß mit ihm, so daß er seine Schrecken verlor. So kam den Juden aus ״Taurien“ ein Fest und eine Möglichkeit, eines Todfeindes sich im Uebermut zu entledigen. Purim ist in der Tat ein Fest am Rande der jüdischen Existenz, ein Fest über dem ewigen Abgrund. Aus dessen Dunkei flackern die grellen Lichter auf, die Ausgelassenheit, das Spiel und die Verlarvung. Purim vollzieht sich in so exzentrisehen Formen, daß cs sich abhebt von der heiligenden und geheiligten Form aller anderen jüdischen Feste. Es ist ein Fest für sich. hs. größten Effekt zu erreichen sucht. Wir sind uns darüber klar, daß die Verhältnisse sich in den nächsten Jahren noch ungünstiger gestalten werden; die Juden verarmen immer mehr, und wenn man helfen will, wird immer mehr Geld erforderlich. Drei Millionen Pfund wurden jetzt als Ziel für vier Jahre hingestellt. Niemand weiß noch, ob diese Summe wirklich vorhanden sein wird. Wir müssen uns aber bewußt sein — und die Männer in London müssen sich bewußt sein — daß die Art und Welse, wie diese Aktion eingeleitet und der gesamten Weltöffentlichkeit in großer Publizität dargestellt wurde, verpflichtet. Wenn dabei etwas Unzulängliches herauskäme, so wäre für alle Beteiligten großer Schaden angerichtet. Darum geht es diesmal um mehr als um Interessen von Parteien und Gruppen. Das Prestige des jüdischen Volkes steht ebenso auf dem Spiel wie die nackte Existenz hunderttausender Juden. Angesichts dieser Tatsachen ist es uns eine Beruhigung, daß wir die besten Mensehen, die wir haben, Zusammenkommen sehen, und wir können nur den Wunsch aussprechen, daß sie auf der Höhe der Situation stehen mögen. Ein jiddischer Purim-Text Auf vielfachen Wunsch aus unserem Leserkreis veröffentlichen wir heute 7,u Purim wieder einen jiddisehen Text in der Originalsprache in deutscher Transkription. Wir glauben, daß durch Uebung im Jiddischlesen der Zugang zu der in jiddischer Sprache sich äußernden jüdischen Volkskultur des Ostens erleichtert wird. (Zuletzt brachten wir einen jiddischen Text mit Anmerkungen in unserer Chanukkah - Nummer vom 20. Dezember v. J.) Hauptschriftleiter: Dr. Robert Welt sch, Berlin• Charlottenburg 0 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter! Kurt Loewenstein. Berlin W 15. Anzcigenlciter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann Finn, Berlin W15. Gültig Anrcigen-PrcUiiste 4 vom 15. Oktober 1935. Verlag und Anleigenverwaltung: jüdische Rundschau, Berlin W 15, Meinckustr. 10. D.-A. Februar 36 837. — Druck: Siegfried Schalem, Bln.-Schöneberg. Sehenswerte Gardinen-Schau im II. Stock *4(1 I epp i d!c

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.