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Jüdische Rundschau · 1936-03-06 · Heft 19 (6.3.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 19 (6.3.1936)
Date
1936-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nr. 19' / Jahrgang 41 Preis 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAD iiimHUiiartwii ft chriftleltnng, Verlag a. AnzQlgenverwaltung: B©rlInW15,Melneke»tr,10 Fernruf: Satnmel-Nr. f!Bismarck 3181/82, 7165/70, 7240/42. - Bezugspreis einschl Basteilgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5*75, bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. —־ Postscheck * Konten der Vertriebs ■ Abteilung: Berlin 71573 (liir GroS * Berlin^, Berlin 173 92 (liir das übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlielerung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren• — Erscheint {edlen Dienstag and Freitag• BERLIN י״ב אדר תרצ״ו FREITAG, 6.MAERZ 1936 Gttltigt Anzeiganpreisiiate Nr. 4• Die 12 gespaltene mm-Zeile 2D Rpl, ftij Familiennachrichten 15 RpL Aulnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit»• anzeigen nur hei Vorauszahlung auf Poatacheck . Konto Berlin 71618 oder har Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. Annahmpschluß für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgab« Mittwoch!3 Uhr. (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Die Londoner Beratungen Ein großer Einsatz — Zionisten und Nichtzionisten Ueberparteiliche Führergestalten — Die Jewish Agency als die Trägerin der Palästina-Arbeit Notwendigkeit eines Gesamtplanes In diesen Tagen werden in London wichtige Beratungen stattfinden, die darauf abzielen, das geplante Hilfswerk für die Juden Deutschlands in eine endgültige organisatorische Für in zu bringen. Dieses Hilfswerk geht von der Ueberzeugtmg aus, dafi ein großer Teil der Juden Deutschlands in den nächsten Jahren aus wandern muß; es handelt sich also darum, diesen Prozeß so zu regeln, daß er geordnet und mit größter Zweckmäßigkeit, ohne überflüssige Verluste an Kraft und Geld, vor sich geht, und daß den auswandernden Juden die Erlangung einer neuen Existenz erleichtert wird; vorausschauende Planung muß dabei so vergehen, daß eine Lösung auf lange Sicht erfolgt und nicht die Neuordnung auch wieder die Keime baldiger Krisen in sich trägt. Denn, seien wir uns darüber klar, die Anstrengungen, die das jüdische Volk jetzt und in den nächsten Jahren machen muß, um 440 Jahre nach seiner letzten großen Wanderung und Umsiedlung sein Leben in jeder Hinsicht neu zu ordnen, sind nicht so leicht wiederholbar. Darum ist der Moment in der Tat — so sehr auch dieses Wort mißbraucht zu werden pflegt — ein ״außerordentlicher“. Gewiß sind die Männer, die sich in London versammeln, sich dieser Situation bewußt. Aber auch die weitere jüdische Oeffcntüchkcit muß von diesem Gefühl ergriffen werden. Dies ist das erste und oberste Erfordernis des Gemeinschaftslebens. Denn es geht nicht an, daß der oder jener Jude, der persönlich in diesem oder jenem Lande noch in erträglichen privaten Bedingungen lebt, so tut, als ginge ihn die Sache nichts an. Heute der, morgen der, — wir haben reichlich Erfahrungen gesammelt, und es dürfte nicht so sein, daß jeder sie erst buchstäblich am eigenen Leibe machen muß. Es gilt eine Kraftanstrengung aller für alle. Das jüdische Volk hat bisher gezeigt, daß es auf schwere Schicksalsschläge nicht durch leere Demonstrationen und auch nicht durch würdeloses Jammern (obwohl so manches Herz im stillen Kämmerlein oder im Gebet vor Gott verzweifeln mochte) reagiert, sondern mit Besonnenheit und in aufrechter Haltung einen Ausweg sucht, um in schwerer, aber hoffnungsvoller Arbeit ein neues Leben für spätere Generationen aufzubaucn. Woran es hin und wieder noch zu fehlen scheint, ist das Gefühl für die Einzigartigkeit und für die Tragweite der in diesem Moment vor uns stehenden Aufgabe, — einer Aufgabe, wie sie seihst für einen großen, an Machtmitteln reichen Staat beträchtlich wäre. Wir aber sind eine unorganisierte, zersplitterte Gemein- Schaft. * Was unsere Aktionen auszeichnet und sie gleichzeitig erschwert, ist das Prinzip der Freiwilligkeit. Wir haben keinen Zwang und keine Zwangsmittel; der einzige Motor, der unsere gesellschaftliche Maschine in Bewegung setzt, ist der gute Wille. In den letzten Monaten haben wir gesehen, wie mächtig dieser Wille sich regt, und wie stark in vielen maßgebenden jüdischen Kreisen das Bewußtsein der inneren Verpflichtung -- wo die äußere fehlt — vorbanden ist. Die Aktion für die Juden Deutschlands ist mit einem Einsatz an persönlichen! Prestige eingeleitet worden, wie wir ihn noch selten hatten. Wir erinnern uns an die Gründung der erweiterten Jewish Agency in Zürich 1929, Chaiin Weizmanns Werk, an den Tag, da die prominentesten Vertreter der verschiedenen Judenschaften mit goldener Feder den Vertrag unterschrieben; als erster Dr. Weizmann selbst, der nichts anderes sagte als mit bewegter Stimme das Prophetenwort ״Schalorn, schalen! larachok wclakarow“: ״Friede, Friede dem Fernen wie dem Nahen“, — und in der Tat, kein besseres Wort konnte gewählt werden, denn das Werk, das damals begonnen wurde, sollte dem Frieden dienen, dem Frieden zwischen Israel und den Nationen der Welt, zugleich aber auch dem inneren Frieden, ein Abschluß der unsere Kräfte zerstörenden innerjüdischen Kämpfe. An jenem Tage standen auf der Tribüne von Zürich Männer mit ״hinzendein Namen, die glänzendsten, die unser Volk zu entsenden hatte. Vielleicht war die Zeit nicht reif, vielleicht war das Unglück noch nicht groß genug; so wie ilerzis ״Judenstaat“ bei seinem Erscheinen vor mm genau vierzig Jahren trotz der darin enthaltenen hellseherischen Analyse der jüdischen Lage Ablehnung, Spott oder Gleichgültigkeit fand, so hat Weizmanns Werk, die das ganze Volk über die Parteiunterschiede von gestern repräsentierende Jewish Agency, nicht die der Größe der Sache entsprechende Realisierung gefunden. Die allumfassende Bewegung zur praktischen Tat an der Neugestaltung des Judensehicksals ist daraus nicht geworden. Heute versammelt man sich in Lond o n viel unformeller, ohne demonstrative Wirkung nach außen, ohne äußeren Glanz, aber dafür mit um so schwereren Sorgen. Vielleicht ist das ein Fortschritt. Die Dinge sind näher und konkreter geworden. Jetzt gilt es zu handeln. ♦ Mit der Ankunft Weizmanns in London beginnt wohl das entscheidende Stadium der Beratungen. Wir Fernstehenden können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß der Aktion, die mit der Reise der Herbert Samuel-Delegation nach Amerika begann, der formgebe n d e G e d a n k e noch fehl t. Weizmanns großes Prestige und seine Autorität, die ihn weit über das Niveau eines Parteimannes erhebt, wird von allen Bctciligten anerkannt. Er hat unter ganz anderen Verhältnissen gezeigt, daß er Verständnis für Kooperation hat. Nun gilt es, diese Kooperation in einer neuen und wirksamen Form zustande zu bringen. Hierzu muß es zumindest einige Personen geben, die über den Parteien und Gegensätzen stehen. Vor der Einsetzung: des Council ior German Jewry Beginn der Londoner Besprechungen London, 4. März. (JTA.) Eine Reihe von Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern, die an der Schaffung des Council for German Jewry interessiert sind, haben in London bereits _ Besprechungen privater Natur aufgenomrnen. Die offizielle Einsetzung des Council soll in der kotntuenden Woche unter Wahrung des Fifty-Fifty-Prinz.ips vorgenommen werden. Der Council wird aus insgesamt neun Personen, je vier Vertretern der Zionisten und der Nichtzionisten und aus Sir Herbert Samuel als Vorsitzendem bestehen. Die amerikanische Judenheit wird in dem Council durch Felix M. Warburg, Dr. Stephen S. Wise und Paul Baerwald vertreten sein. (Nach unseren Informationen ist auch noch ein zweiter amerikanischer Zionist vorgesehen. — A. d. ״J. R.“) Die amerikanisehen Mitglieder werden für den Fall ihrer Abwesenheit Stellvertreter ernennen. Die Zionistische Exekutive hat einen eigenen Plan ausgearbeitet, der dem Council vorgelegt werden soll. In diesem Plan wird eine großzügige Siediungsaktion in Palästina in Aussicht genommen. In Eng- I a n d wird der Council die Aufgabe haben, nicht nur Riehtlinien für die Verteilung der Mittel zu geben, sondern auch ihre Aufbringung zu leiten, während diese zweite Aufgäbe dem Council in Amerika nicht gestellt sein wird. Dort bleibt die Geldaufbringung dem Joint Distribution Committee und dem United Palestine Appeal überlassen, im Vordergrund der nächsten Beratungen des Council wird die Frage der Verteilung der Gelder stehen. Während die Zionisten verlangen, daß mindestens die Hälfte der Mittel für Palästina-Kolonisation bestimmt werde, glauben die Nichtzionisten, daß in diesem Augenblick eine solche Abgrenzung von vornherein nicht getroffen werden sollte. (Der von der JTA. hier hervorgehobene Gegensatz, beruht vor allem darauf, daß in Palästina eine planmäßige, budgetär gesicherte Arbeit einen vielfach größeren Nutzeftekt verbürgt als alle anderen Projekte. — A. d. ״j. R.“) Wei/.inann ist einer, Herbert Samuel, dessen vorsichtig abwägende Klugheit, Objektivität und Erfahrung allgcmein anerkannt werden, ist ein zweiter, und von den Führern des amerikanischen Judentums fällt — nach dem Tode von Marshall — auf Felix Warburg die Funktion, eine höhere Einheit zu repräsentieren; war er doch eine der wichtigsten Figuren der Jewish Agency, ist Ehrenpräsident sowohl des niehtzi<!11 isfisc 11 en Joint als auch der amerikanischen Palästina-Kampagne, hat ein oft bewiesenes enges Verhältnis zu Palästina (es wird freilich als Abnormität empfunden, daß er als Agencv-Führer eine separatistische Palästina-Arbeit neben der Agencv durch die Palestine Economic Corporation favorisiert). Menschen von ü b e r p a r t e i 1 i e 11 e in Format müssen Zusammenwirken, um der Aktion einen konstruktiven G e s a m t c I! a r a k t e r zu geben; denn wenn dieses Instrument wirkungslos entgleitet, man wäre versucht zu sagen: wir haben kein zweites zu versenden. * Es wäre unrichtig, sich zu verhehlen, daß noch lange nicht alle Erwartungen erfüllt sind. Die Reise der Samuel-Delegation nach Amerika war zwar ein moralischer Erfolg und hat bei den jüdischen Massen das Gefühl für die brennende Notwendigkeit einer groß angelegten Aktion verstärkt, aber sie hat nicht alle Erwartungen erfüllt. Die Hoffnung, daß diese Delegation den Weg zu reichen Juden, die sich bisher von aller jüdischer Hilfstätigkeit fernhiclten, finden wird, war vergeblich. Der Versuch einer Vereinheitlichung aller Hilfsaktionen und üeldsammlungcn in Amerika ist ebenfalls nicht gelungen. Bisher haben, wie unser New-Yorker Gewährsmann am 1S. Februar in der ״Jüdischen Rundschau“ berichtete, die amerikanischen Organisationen nur versprochen, daß sie die ihr eigenes Budget übers t e i g e!1 d e 11 Ergebnisse der (ieldsanimlungen, die nach den Erfahrungen der letzten Jahre zumindest unsiener sind, nicht etwa dem neuen zu schaffenden Gouneil zur Verfügung stellen, sondern lediglich im Einvernehmen mit ihm verwenden werden Außer dem Gegensatz von Zionisten und N'iehtzionisfen, der unglückaeligvrweise nach der Schaffung der Fifty-Fihv-Agency siel! kaum vermindert hat, bemerken wir hier noch andere Gegensätze, die vielleicht nicht immer deutlich ausgesprochen werden, so z. B. die Tendenz zur Wahrung der Selbständigkeit der Judenheitcii einzelner Länder; bei den amerikanischcn Juden mag vielleicht ein Reflex der allgcmeinen amerikanischen Haltung vorhanden sein, die sich ja in letzter Zeit immer starker von einer direkten Kooperation mit Europa ahwendet. Die amerikanischen Juden beteiligen sich großzügig an gesamtjüdisclien Aufgaben, aber sie wollen selb-ä über Art und Verwendung ihrer Mittel bestimmen. Mit solchen Eigenheiten muß man rechnen, und vielleicht waren der Samuel-Delegatioii diese Imponderabilien nicht ganz bewußt. Es ist nicht leicht, über solche ausgesprochenen und unausgesprochenen Widerstände zu einer Tat zu kommen. In normalen Zeiten ist es nicht leicht. Aber wir leben nicht in normalen Zeiten. Der ungeheure Fundus an gutem Willen und Hilfsbereitschaft darf in einer abnormalen Zeit wie der jetzigen nicht verlorengehen oder beeinträchtigt werden durch Gegebenheiten, die sonst eine Rolle spielen mögen. Hier gilt es einen großen Versuch zu machen, um alle Widerstände zu überwinden. Denn angesichts der ungeheuren Probleme, die zu bewältigen sind, sind selbst die wesentlichsten Unterschiede wie die zweifellos bestehende und wichtige Unterscheidung zwischen Zionisten und Nichtzionisten nicht mehr ausreichende Merkmale. Der Zionismus prätendiert zwar, eine prinzipielle Lösung der Judenfrage zu geben, weil er als einziger ein mit der Wirklichkeit übereinstimmendes, die schöpferischen Kräfte r

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