Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1936)
- Date
- 1936-02-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 17, 28. 11.1936 Aus dem neuen Chaplin - Film Charlie Chaplin und Paulette Goddard in dem neuen Chaplin-Vilm, der jetzt in Amerika und England läuft Fotos;!!*ns von der Hardt u%^*; -r׳• .mjk-.*• ** m Recht und Sittlichkeit - Gesetz und Sittengesetz l.inc lludibesprcdiuiiir Recht und Sittlichkeit. Von Rudolf Latin. 3. crweitertc und vermehrte Aufl. VI, 109 Seiten, Berlin (Jul. Springer) 1933. Gesetz, und Sittengesetz. Von Herbert Spiegelb c r g. IX, 380 Seiten und 1 Tafel. Zürich und Leipzig (Max Niehans Verlag) 1933. Unsere Rangordnung der Werte und Persönlichkeiten richtet siel! danach, ob hinter einem Tun oder einer Lebensführung, über das Zue!krniiliige und für den Tag Nützliche hinaus, ein höheres Lcbcnsbcwuütseiii steht, das dem Leben Zusammenhang und Richtung gibt. Gerade inmitten einer so stark gefährdeten, von der inneren Gefahr des Haltmigs- Verlustes noch mehr als von aulien bedrohten Lebensbahn, auf der wir uns als Juden in Deutschland fortdauernd befinden, kann uns nur diese Lrhebung über das tägliche!.eben, die philosophische bragebnitiing, über die kleinen und ״rohen Schmerzen der Munde, über jedes vorschnelle, spontane Aburteilen, zu einer echten Lrkenntnis und damit zu einem richtigen Handeln füllten. Vor allem bedarf unser Urteilen über das, was Recht und Unrecht ist, eines absolut sicheren Haltes, der vielen unter uns in den letzten Jahren verstandlichcrweisc verloren gehen mtilfte. Wer allerdings von der Grimdbehauptung ausgeht, der Antrieb zum Handeln sei, ob man will oder nicht, zwangsläufig immer das Streben nach Vermehrung einer Lust oder Verriugerung einer Unlust, wird sich gerade in unserer Situation nichts Besseres wünschen können als die Erhaltung der Illusion bis ans Lebensende, wird also ein persönliches Verschontbleiben anstreben und danach in allen Lebenslagen seine Handlungen euinchten. lieber das, was Recht und Unrecht, gut oder böse i<t, wird er achsel/uekend zur Tagesordnung übergehen. Wir dn/icren hier nicht zum hundertsten Male die Wider- Jegttng der sensiialistischcn Lrkenntnistheorie und des ethisehen Sensualismus, sondern nehmen entschlossen die Gegen- Position ein: |s gibt Recht und Unrecht, es gibt vor allem ein Untre und ein Böses, das mit dem Angenehmen oder Unangenehmen gar nichts zu tun hat. Recht und Anstand :111 sich. Kauf nannte die innere Verfassung des anständigen Menschen seine ״< le-innim״". Der Erfolg liegt nicht in meiner 1 fand, für meine (iahen, für angeborene Schwache oder St.irl.e,!dir < iliiek und Unglück kann ich nichts, aber diese ganze Welt erfahrbarer Werte und Unwerte versinkt vor gern einen Wert des (inten und des damit zusammi׳iih.iiigeiiden Rechts und sittlichen Verhaltens, je exklusiver und abseitiger von dem, was uns nützt, die Ftmdamente die-es Wissens geprüft werden, desto stärker wächst unser Interesse in höherem Sinn daran. Wir horchen deshalb aut, — und unser uraltes, ererbtes Wissen um ״!das Gebot und die Ordmmgeirg das mehr ist als Wißbegier und Debattierlust, wird wieder wach, wenn der unveräußerliche Bestand unserer ethischen Ordnung, das ״Sittengesetz.“, gerade eben jetzt, in zwei außerordentlirhen Werken freier, unabhängiger Lorsclmng, neu und ״wertfrei“ ergründet und ausgelotet wird. Aut tiem Wissen der unverbrüchlichen einfachen Existenz unserer ethischen Ordnung (ohne Anordnung und ordnende Tätigkeit) und aut der Zuversicht ihres die Zeiten überdauernden Bestandes ruht unser Lebenswille und unsere Standhaftigkeit. Ls liegt in der Natur der Sache, daß in einem vielquadrigeri Gedankengebäude, in welchem kein Satz weggenommen werden darf, keine summarische rasche Durchmusterung zur Erkenntnis des Grundrisses, geschweige denn des ganzen weiträumigen Baues genügt. Wir müssen uns daher hier begnügen, mit dem einfachen eindringlichen Hinweis auf die beiden neuen Werke der Rechtsphilosophen Laun und Spiegelberg und mit dem Bericht ihrer letzten Ergebnisse. Rudolf Laim ist der Verfasser des 1933 erschienenen GrmuUverkes ״Der Wandel der Ideen Staat und Volk als Aeulkrung des Weltgewissens“; die Gedanken, die er zuerst in seiner Hamburger Rektoratsrede 1924 der Oeffentlichkeit vorgelegt hat, werden nunmehr in einigen neuen Abschnitten wedergeiuhrt: die ״.Autonomie des Rechts“ ist sein Anliegen, I>as sogenannte ״positive" Recht hat kein Sollen zum Inhalt, sondern mir gegebenenfalls ein bedingtes Müssen; aus Kerlen, Unterschriften, bedrucktem Papier und Bajonetten folgt noch immer keine sittliche Pflicht. Das ist die Lehre von der Autonomie des Recids. Laun zerlegt das vom Sein scharf getrennte Sollen, auf deren Vermischung er alle Mißbräuche zurückgeführt, in die letzten unserer Erfahrung erreichbaren Elemente. Er kommt so zur Auffindung des im Menschen vorhandenen ״autonomen Rechtsgefühls'■, das sich niemanden beugt, auch nicht dem Stärksten, nicht dem Staat, noch der mächtigsten Koalition siegreicher Großmachte. Aber wie kommt man der unleugbaren, auch von Kant anerkannten Tatsache bei, daß die einzelnen Menschen verschiedene Gewissen haben und somit auch inhaltlich ganz verschiedene sittliche Werturteile faßen? Die bekannte for״ male Antwort Kants (״Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“) wird von Laun als ungenügend befunden; sie ist, wie sich hcrausstellt, nicht imstande, irgendwelches matcriale Verhalten, auch nur das bescheidcndste ethische Minimum, zu bestimmen. Aber er entdeckt in einer scharfen feinmaschigen Analyse ein hypothetisches Gesetz, welches das Sollen, den Charakter der Menschen beherrscht. Es geht dahin, daß die Anwendung von Gewalt von Mensch gegen Mensch im Laufe der Geschichte allmählich — wenn auch mit Rückschlägen und Rückanläufen — verdrängt und besonders im innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Leben der Gehorsam aus Furcht durch den Gehorsam aus Kollektivbewußtsein und Pflichtgefühl ersetzt wird. Das Recht ist ein Erzeugnis des Volkstums, das auf keinen Fall von seinen materiellen Voraussetzungen allein aus erklärbar ist; zu diesen tritt vielmehr das autonome Erleben des Gewissens und Rechtsgefühls, die wahre Quelle des Rechts, hinzu. Oh die hetcronomen Befehle des Staates, das positive Recht, mit dem Rechtsempfinden des Volkes übereinstimmt, dies ständig zu prüfen und die Pnifungskriterien zu finden, hält Laun für die Hauptaufgaben einer Theorie des Rechts. Die Haupterkenntnis Launs bleibt: Das Gewissen und Rechtsgefühl des Menschen beugt sich keiner Gewalt; man kann ein äußcres Verhalten der Menschen im allgemeinen erzwingen, niemals aber iiire innere sittlich-rechtliche Billigung. Die sehr subtilen und sauberen, in der Schule von Afexander Pfänder und Richard Hönigswald gereiften Untersuchungen von Spiegclberg gelten dem Wesen des ״Ge• set/es". Er kommt in seinen phänomenologischen Analysen zu einer ״ontischen Sittenordnung“, einer Art ethischen Pflichtenordnung, die von einem äußeren Gesetz unabhängig ist. ihr kognitiver Ausdruck ist das ״Sittenurteil“, ihr praktischer in der betroffenen Person das Sittengebot. Die Erforschung der ״ethischen Ordnungen“ scheint ihm rein wissenschaftlich möglich, mittels einer eigenartigen ״praktologischen Intuition“, in der uns Sollen, Dürfen und Nichtdiirfen, Gehörigkeiten, Ungchörigkeitcn usw. sichtbar werden, eine ״Intuition“, die mit der Wertfühlung nahe verwandt ist. Laun und Spiegelberg treffen sich (im übrigen völlig unabhängig voneinander) in der streng philosophischen, scharf schlüssigen Ab- Weisung jeder Art des Materialismus. Aus beiden (hier in den Grundlinien kaum andeutbaren, geschweige auszuschöpfenden) ungewöhnlich idecnklarcn und ergiebigen Werken, die sieh abseits von allen voreiligen Schlüssen für den Tagesbedarf und von jeder billigen Aktualität halten, schöpfen wir das bis zur rational crtiiirteten Gewißheit sich steigernde Sicherheitsgefühl vom Sieg des Rechten, das zutiefst im Gewissen der Völker und der Einzelnen eingesenkt ist. Spiegelbergs ״Vorstudien zu einer gesetzfreien Ethik“ erhalten ihren besonderen Wert durch den historischen Teil, der die verschiedenen Standpunkte über das Sittengesetz und das Gesctzproblem in der Vergangenheit darstellt. Bei der Behandlung des Legismus und der außergricchischcn religiosen Ethik wird auch der jüdische Rechts- und Gesetzesgedanke in den Kreis der Betrachtung gezogen. Dem System der israelitisch-jüdischen Theokratie und dem Wesen des alttestamentarischen ■Theonomismus wird indes der Verfasser, trotz der Gründlichkeit seines Vorgehens auch in diesem Kapitel, nicht ganz gerecht. Die sogenannten noachitischen Sittengesetze und der Ursprung des Dekalogs spielen hier eine Rolle. Aber das theologische und rechtsgeschichtliche Problem, von den in der Thora verstreuten Rechtscorpora (die zuletzt Albrecht Alt in den Leipziger Akademie-Veröffentlichungen 1934 genau untersucht hat) bis zur spätjüdischen Pflichtenlehre, ist viel zu verwickelt, als daß man vorschnell zu dem erstaunlichen Schluß kommen dürfte: ״ln der voll entwickelten jüdischen Religion fehlen demnach illegistische Motive so gut wie völlig.“ Es bleibt trotz diesem Bedenken dabei, daß seit Simmels großartigem Traktat ״Das individuelle Gesetz“ (in ״Lebensanschauung“, Seite 154 bis 245) und Emil Brunners Entwurf einer protesfanfisch-theologischen Ethik ״Das Gebot und die Ordnungen“ kein durch- Sachtes und in systematischer Arbeit gereiftes Werk unser gegenwärtiges höheres jüdisches Dasein und Sosein, ohne es zu beabsichtigen, so klar aufhellt wie Spiegelbergs Studien über Gesetz und Sittengesetz. Ludwig Feuchtwanger Zu dem in der ״Jüdischen Rundschau“ vom 18. d. M. veröffentlichten Vorabdruck ״Ein jüdischer Petschaftstecher. Aus den Memoiren des Aron Isak“ wird uns noch mitgeteilt, daß die ״Denkwürdigkeiten des Aron Isak“, herausgegeben und eingeleitet von Z. Holm, in einer vollständigen Ausgabe im Weltverlag in Berlin 1930 erschienen sind. (208׳ S., Ganzleinen 2,85 M.) Dieses merkwürdige Dokument aus der Vorzeit der Emanzipation dürfte aus kulturhistorischen ebenso wie aus literarischen Gründen heute ein besonderes Interesse finden. Nun wußte .Joäo, daß dieser abtrünnige Jude das allergrößte Mißtrauen verdiene. Er warnte Graeia, Francisco, und diese, wie er .seihst, warnten wiederum Gelt: Freunde. Alter die meisten von ihnen, voll stolzer (!cnugUmng, daß sich ein so angesehener Priester mit so großem Wohlwollen unter ihnen bewegte, lachten über die Warnungen. Manche von ihnen meinten sogar, Joäo, der eitle ,loüo, sei ein wenig ueidiseli und ci 1 ct stk 11! tg auf Lnriquez, der ihm an Bildung, Beredsamkeit und sicherem Auftreten den Rang streitig mache. So nahm denn der Verrat und das durch ihn verschuldete Unglück seinen Lauf. Die Gegner triumphierten, Huf und Kita he waren entrüstet über das geheime rituelle 'Freibet׳, der Man.inen, es gingen vernichtende Darstellungen über die au! heut isehen Enthüllungen de» Enrique/ Nunnez nach Rom ab. Die Mammen fasteten und beteten erst reiht zu ihrem allen Gon, der sie wieder einmal beimgesucht hatte für ihre Sünden. .Aller los tief in die Reihen der eigenen Ordensbrüder regte sieb auch S< ham und Entrüstung Über die Doppelzüngigkeit und den \ errat eines Dieners des christlichen Gottes Auch unter den Dominikanern gab es neben Enrique/, nicht wenige Mnrranen, die in ihrer Jugend zwangsweise getauft und sodann für den geistlichen Beruf erzogen worden waren, ohne daß man vermocht hätte, den Glauben ihrer Väter aus ihnen nuszu rollen. Zwei von diesen beschlossen, an dein Verräter Vergeltung zu üben. Während er die Messe las, erdolchten sie ihn. Obwohl sie für diese Tat keine Mitwisser hatten, beschuldigte man alle Marranen der Teilnahme an der Verechwürung gegen das Lehen des Priesters. Die beiden Räch er, die sogleich nach der Tat geflohen waren, wurden von Berittenen der Polizeitruppe aufgespürt und, da sie sieh mutig verteidigten, niedergeinacht,. Man konnte ihnen also nicht mit der Folter das Geständnis erpressen, daß sie ihre Tat im Auftrag der Mnrranen attsgeführl hätten, und ersetzte diese!,ticke durch um so wildere Beschuldigungen. Schrecken und Verzweiflung ging durch die Marranenh&user. An wen immer inan sich licrangetraute, der wurde verhaftet. Auch Francisco Mendez liekam mehrmals Vorladunen, wurde vernommen, verwarnt und bedroht und halte aum noch die Kraft, sich dieser Nachstellungen zu envehreu. Alles Unglück, das über die Marranen, seine Brüder, kam, fraß an ihm, wie wenn es über ihn selbst, gekommen wäre. Er machte sich Vorwürfe, daß er vergossen und versäumt habe, was seines Amtes gewesen wäre, nämlich die Juden rechtzeitig den Gefahren der portugiesischen Betdrüekung zu entziehen und ihnen den Weg über die Meere zu weisen, wie es Graeia 'von ihm verlangt hatte. Er lebte sich in eine Stimmung hinein, in der er die ihm durch Reichtum und Einfluß /,»gewiesene Stellung selbst glorifizierte, um sein Versagen um so schmerzlicher sich bewußt zu machen; er betete und betete und geriet immer mehr in Verfall. Oft ließ er in schlaflosen Nächten Rabhi Isaak zu sich kommen, um mit ihm über die vergeudete Vergangenheit und über ilie ausbticklose Zukunft zu sprechen. Rabhi Isaak saß bei ihm als Arzt der Seele und des I^eil>es. Aber dieser niemals wankende, wie aus einem unerschütterlichen Fels des Glauben» gehauene Rabhi konnte nur für kurze Zeit den zermürbten Herrn trösten und festigen. Er rief Graeia zur Hilfe. Graeia kam. Sie war die Ueberlegene, die Gesunde, die Plan- und Tatvolle. Nun war auch Francisco einer der vielen Juden des Erdballs, die ihre Hille brauchten, ein Versinkender, um seine Bettung Verlegener. Das rief sie an mit ihrer eigenen, heiligenden Stimme, das trieb sie zu ihm wie zu einem Bruder. Nochmals öffnete sich ihm ihr Herz, nochmals umfing sie ihn und zog ihn an sich. Und es gelang ihr, sein Vertrauen zu stärken, wenn auch freilich nicht das Vertrauen zu seinem eigenen!,eben, so doch das zu dem I.eben und der Zukunft der Juden, deren Schicksal er in ihren guten Händen wußte. Dadurch aber kam er erst recht zur Erkenntnis, daß er seihst keine Aufgabe und daher auch keine Zukunft mehr habe. Je selbstsicherer Graeia ihn für a’les Zukünftige hinzureißen versuchte, desto mehr riß sie ihn ins Zukunft slose hinab. Die Gesunde machte den Kranken ohne es zu wollen, noch kränker. Bald hatte Francisco kaum noch die Kraft, das Zimmer zu verlassen. Bald sogar ließ ihn auch das Bett nicht mehr los. Schon fing man an, was in der Stadt und im Land gegen die Juden geschah oder geplant wurde, vor ihm zu verheimlichen, .Joäo trat immer deutlicher in die Rechte und Pflichten des Onkels ein. Wenn er erschien, um Bericht zu erstatten, ,jung, schön und elegant, voll Unternehmung«- und Lebenslust, da überkam den matten Francisco das Gefühl, daß er selbst schon eingesargt und überflüssig sei! Er sah seinen Erben und Nachfolger andere Wege gehen, als er sie gegangen war, andere Mittel anwenden, als die ihm gut geschienen hatten. Er sehnte sieh, zu sterben. Die Atemnot, die ihn mit zunehmender Härte quälte, sali er wie einen Akt aus dem Jenseits an, wie die Berührung durch den Finger Gottes, der ihm den Atem vorenthielt, um ihn aut den Weg zu drängen, der aus diesem!,eben hinausführt. Wozu allein er sieh noch aufraffte, das war ein rühread inniger Umgang mit seinem Kind. Es war, wie er eich selbst zu sagen nicht müde wurde, Körper von seinem Körper sein Fleisch und Blut, in Jugend erblühend, die er in seinen Armen hielt als sein leibhaftiges Fortleben auf Erden. Und wie es oft geschieht, daß Kinder vom Vergehenden angezogen werden, so trieb es auch die kleine Reyna zu dem dahinsterbenden Vater, und sein Ohr neigte sich ihrem Geplauder, wenn sie vor ihm die Geschichten von dem Riesen und Helden Duarte auf kindliche Weise wiederholte, die sie von der Tante Reyna hörte. Aut diesem Umweg trat, naiv verklärt, Duarte daz Paz nochmals vor Francisco hin, wiederum eine Gestalt aus dem strotzenden Leben, genau wie Joäo. In diesen beiden erkannte er, wie die Wirkenden über ihn hinwegschritten und ihm, im wahren Sinn des Wortes, das Nachsehen ließen. Er sah ihnen nach wie Fremdlingen, mit denen ihn nichts Gemeinsames mehr verband, obwohl er sie einst in Marsch gesetzt hatte, und wenn er ihnen auch nicht mit feindlichen Augen nachsah, so ahnte er doch, daß ihnen nur Einsatz in einem hohen Spiel bedeutete, was sein eigenes Lehen mächtig bewegt und erfüllt hatte: der Kampf für das Judentum. Er wußte, daß den beiden die Frömmigkeit abging, das Stehen bei dem jüdischen Gott, das ihn zuerst und fast ausschließlich in diesen Kampf hatte eintreten lassen. Francisco aber wußte in seiner schon vom Tod umdunkelten Einsamkeit, daß ohne diese Frömmigkeit und Gottesnähe im letzten Grunde nichts zu schaffen, nichts für die Juden zu erreichen war. Darum schien ihm seine Frau Graeia allein berufen, die Seele dieses Kampfes zu werden. Ihr, die wahrhaft fromm war, stand die Kraft und das Recht und die Pflicht zu, in seinen Spuren zu wandeln. Ihr wollte er auch die äußere Macht und die Mittel überantworten. Er begann seinen letzten Willen niederzuschreiben. Und wie genau er auch alles erwog, er sah nur einen Erben: seine Frau! Er setzte sie also zur Alleinerbin ein und sprach ihr das Recht zu, mit seinem Bruder Diogo das Haus Mendez zu leiten. Er teilte Graeia auch mündlich diesen seinen letzten Willen mit und besprach mit ihr alles, was nach seinem Tode zu geschehen hätte, wie wenn er sich nur auf eine lange Reise begäbe. Als Graeia einmal seinen Todesahnungen besonders heftig und ihn geradezu zurechtweisend widersprach, verfiel er zu ihrem Schrecken in ein heftiges Lachen. Sie sagte, ungewohnte Tränen niederkämpfend: ״Du lachst darüber, Francisco, daß ich nicht von dir verlassen sein will? Du verlachst mich, daß ich nicht einsatu bleiben will?“ (Fortsetzung folgt)