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Jüdische Rundschau · 1936-02-28 · Heft 17 (28.2.1936) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 17 (28.2.1936)
Date
1936-02-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 28 11. 1936 JDDISCHF RUNDSCHAU Seite 7 Ein jüdisdies Lesebudi Das Siebenfache Licht. Gestalten und Stoffe des Judentums in deutscher Dichtung. Zusammcngestcilt von Emanucl bin Oorion. Schochen Verlag Berlin. Hier ist ein Buch, das zur rechten Zeit kommt. Gerade heute, da wir Juden im deutschen Lebetisraum unabweisbar vor die Aufgabe gestellt sind, unser geistiges Dasein aufs Neue cinzurichtcn. Rückkehr zu unsern Quellen — das ward uns jetzt oft, aber niemals zu oft gesagt — ist das erste, was uns not tut. Aber auch unseres Anteils an dem ״Acker der Weltliteratur“ wollen, ja dürfen wir uns n clit entäußern; wie weltoffen waren etwa die luden des Mittelalters, die fest auf ihrem eigenen geistigen Grund und Boden wurzelten und daneben es doch nicht unterließen, Sagen und Legenden der Umwelt sich zugänglich zu machen — freilich manchmal in bezeichnender Umwandlung. Gewiß ist diese Zusammen- Stellung von jüdischen Stoffen und Gestalten in der Dichtung nicht die erste ihrer Art. Der allzu früh uns entrissene i)r. Deutschländer hat einmal eine Sammlung von ״West-östlichen Dichterklängen“ veröffentlicht: unbekanntere Dichtungen brachte die Soncino-Gesellschaft vor einigen Jahren in einem schlanken Bändchen. Beide übertrifft an Fülle des Inhalts und Bedachtheit der Auswahl die vorliegende Sammlung ״Das Siebenfache Licht“, die ihren schönen Namen einer Frimterung an Ferdinand Gregorovius verdankt (in dem (i.sehen ״Klagegesang der Kinder Judas“ findet sich diese Wendung). Der Name bildet zugleich nach dem Willen des Herausgebers eine symbolische Bezeichnung des Inhaltes: ein jü- «Jischcs Symbol in der Wortprägung eines nicht jüdischen Schriftstellers. Vom 9. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert reicht diese Auswahl; sie umfaßt die ganze Weite des jiidisehen Stoffgebiets, ln acht Reihen werden Palästina und Diaspora, Geschichte und Sage, Lehre und Brauch in poctisehen oder prosaischen Wiedergaben deutscher Sprachscltöpfcr behandelt. Dabei ist es das unleugbare Verdienst dieser An- Ordnung, daß sie, nach jüdischen Inhalten vergehend, den Akzent offenkundig auf den jüdischen Inhalt legt und dadurch den großen und kleinen Kindern in der jüdischen Schule wie ihren Eltern, die heule ja oft wieder selbst Schulkinder geworden sind, ein Lesebuch bietet, das es an Reichtum und Buntheit schon mit den alten ״Hausfreunden“ — manchmal ״Rimnionim“ genannt — aufnehmen kann. Gewiß wird mancher liebgewordene und schöne Gedichte — wie etwa Josuas Landtag und ähnliches von Rilke 11. a. — vermissen; aber er wird dafür entschädigt, wenn er von unbekannteren Dichtern wie Konisch, Saar usw. manchmal überraschend eindrucksvolle Stücke findet. Vielleicht hätten wir, da nur ״Gültiges׳‘ aufgenommen werden sollte, ״von Autoren, zu denen der zeitliche Abstand selten gegeben ist“, gern auf die doch eigentlich ziemlich dürftigen ״Scherzfragen“ auf S. 226 verzichtet — aber den ״Dichter Nebel“ und den ersten Kutscher ״Leid“ (Bin Oorion kennt ihn als Bergmann) begrüßen wir mit freundlichen Erinnerungen an die Kinderzeit. —ss. Jüdische Mütter Jüdische Mütter. Von Egon Jacobsohn und Leo Ff i r s c h. Vortrupp-Verlag, Berlin. Ein großes Programm wird hier in einem kleinen Buche leise — manchmal allzu leise, manchmal danebengreifend — angerührt. Wenn zwei Männer wie E. Jacobsohn und L. Hirsch sich an dieses aus tiefstem jüdischen Herzensgründe schöpfende Thema wagten, so erwartet man viel. Um es gleich zu sagen: man kann sich einer lebhaften Enttäuschung nicht erwehren. Ja, manchmal wird diese Enttäuschung sogar erheblich lauter und steigert sich zu einer Erinnerung an Goethes bösartige Verse von dem Manne, der rasch nur ein Buch durchbiättcri hat und sogleich ... selbst die Feder ergreifend auf das Büchlein ein Buch mit seltner Fertigkeit pfropft. Verzeihung — dies wäre nun wieder dem Fleiße der beiden Herausgeber nicht gerecht geworden: sie lasen nicht nur eins, sondern viele Bücher -- sicherlich! —, ehe sie dies Büchlein ״mit seltner Fertigkeit pfropften“. Um es zusammenzufassen: Schön ist an diesem Buche zunächst einmal das Thema. Schön — und dieses Themas nicht umvert! — ist der erste Bücher Aufsatz ״Die jüdische Mutter“, der Leo Hirsch zum Verfasser hat und aus einem jüdischen Sohnesherzen heraus manches altbekannte Bild neu beleuchtet. Dann aber werden eine Reihe von ״jüdischen Müttern“ ziemlich willkürlich hcrausgegriffen und ziemlich oberflächlich behandelt. Hier wurden wirklich die in reicher Fülle vorliegenden Bücher manchmal allzu rasch gelesen. So etwa strotzt der Aufsatz ״Frau Frumcf Mendelssohn“ (S. 31 ff.) auf jeder Seite von Fehlern. Moses Mendelssohns berühmter Lehrer, der ihn nach Berlin zog, hieß (S. 33) nicht Friedländer, sondern Frankel; Dorothea Mendelssohn heiratete nicht etwa den ״Maler Veit in erster Flic“, sondern dieser Maler war Dorotheas Sohn. Der Brief auf S. 40 ferner stammt nicht von Frumet, sondern von Moses Mendelssohn, sagt also für seine Frau nichts aus. Und so fort, und so fort... bis endlich die arme ״Mutter der Emanzipation“, wie Frumet sicher gegen ihren Willen betitelt wird (S. 41), im Jahre 1821 ins Grab gelegt wird, während sie in Wahrheit doch schon am 16. März 1812 sich zu den Müttern versammelte — wie uns ihr Grabstein in Altona verkündet. Die anderen Frauenbikler — Heines, Meyerbeers, Rathenaus Mutter usw. — sind vielleicht nicht ganz so voll falscher Angaben, aber sicher ebenso leichthin behandelt. Und das große Problem dieses großen, wichtigen, manchmal tragischen Themas ist kaum ungerührt: wie weit die jüdische Mutier der Fman/ipaiionszeit hei aller menschlichen Güte ihr verhängnisvoll Teil beitrug zur Tragödie des Judentums in den beiden letzten Jahrhunderte״ — zu seiner allmählichen Fntjuihing und Verblaßtheit im Kopf und Herzen so vieler jüdischen Sohne und Töchter... Der letzte Aufsatz ״Die Mutter der Zwölftausend״, den wiederum Leo Hirsch verfaßt hak ergreift unser Herz, wie jedes Wort über dieses bittere Thema. Noch mehr freilich ergreift 1ms die Radierung von Max Liebermann ״Den Müttern der Zwölftausend“, die das Buch beschließt. -bs- Wegweiser durch die Tradition Manfred Swarsensky, ״Das jüdische Jahr. Jüdische Religion — gestern und heute.“ Verlag Ernst Köstenbaum, Berlin 1933. Issl Bayer, 27״ Kapitel jüdischer Brauchdeutung“, 1935 im Selbstverlag Bingen a. Rh., Rochusstr. 12. Nach und nach scheint sich jetzt eine Literaturgattung herausz.ubilden, die zweifellos einem spürbaren Bedürfnis der Juden entspricht: man könnte sie ״Brevier“-Literatur nennen. Zahlreiche Menschen haben den Willen, wieder als Juden zu leben, aber es fehlt ihnen an der T r a d i t i o n festgefügter Lebensformen, und so sind sie in der unglücklichglücklichen Lage, sich selbst diese Formen schaffen zu müssen. Unglücklich, weil der Weg hierzu nicht immer leicht gangbar ist: glücklich, weil hier Menschen beschießen ist, einen Anfang zu machen in einer neuen Traditionskette. Wold kann man äußere Anleitungen hierfür geben, aber die wirkliche Gestaltung eines neuen religiösen Lebens wird immer von der Kraft und dem Grade der Verinnerlichung jener Menschen ahhüngen, die bereit sind, aus ihrer Rückkehr zum Judentum auch die religiösen Konsequenzen zu ziehen. Nach dem schönen Buch von Leo Hirsch ״Praktische Judentumskunde“ haben wir nun das Buch Swarsensky s, des bekannten jungen Berliner Rabbiners. Es ist ein zuverlässiger Führer durch das jüdische Leben. Von der religiösen Ausgestaltung des Wochentags an bis zu den höchsten Feiertagen führt der Verfasser den nach der Kenntnis des Brauchtums dürstender! Leser mit behutsamer Hand und gibt ihm eine Fülle von Stoff, der nun aber — darüber muß sich ein Leser klar sein — nur das Rohmaterial ist, aus dem der Traditionsfremde sich so etwas wie eine jüdische W'elt aufbauen muß. Swarscnskys Darstellung ist sehr eingängig und ungekünstelt. Aber auch in dieser ״nur referierenden“ Darstellung kann sich die Problematik des jüdischen Daseins nicht verleugnen. Auf jeder Seite spürt man den Zwiespalt zwischen Gesetz und Leben, und die -MAGISTER KIRSCH- Der gute Lik&r Magister-Likörfabrik, München VII Auswanderer! Wie transferieren Sie Ihr Vermögen?!. Beratung über dJe Einwanderungsstaaten aus .?!®נ- .ttndeskenntnli (Europa und Uebersee) 2. Bestmöglicher und schneller Vermögenstransfer 3. Immobhien-Tausdi bei Auswanderungen Dr. für. G. E. ROSENDAHL Dev senberater (Volljurst und V '(!kaufmann) Frankfurt a. Main, Liebigstraße 50 Sprechstunde nur nach Anmeldung / Rufs 77128 zahlreichen Konzessionen, die Swarsensky an die Befolgung religiöser Gebote macht (z. B. in der Schabbatfragc), sind nicht nur ein Ausdruck seiner religiös-liberalen Auffassung, sondern doch noch tiefer der Ausdruck eines höchst fragwürdig gewordenen Judentums, dessen Teile nicht mehr zueinander passen und das nicht umhin können wird, einmal seine Tradition gründlich zu revidieren. (Was in Wirklichkeit auch nur die Legalisierung eines längst bestehenden Zustandes bedeuten würde.) Problematisch sind zu einem großen Teil auch die w e 11 ־ anschaulichen Exkurse, die Swarsensky bei vielen Gelegenheite» unternimmt. Die kritische Haltung gegenüber dem Liberalismus in seiner bisherigen Prägung ist bemerkenswert, alicr noch keineswegs eindeutig. — Palästina wird ebenfalls in die Betrachtung mit einbezogen, wobei davon ausgegangen wird, daß sicli dort ein neues religiös-jüdisches Leben entwickeln müsse, weil dort ehe fruchtbarsten Vorausset/.ungen fiar die Verwirklichung der Religion (trotz bekannter Schwierigkeiten) gegeben sind. Andererseits erscheint die Auffassung: ״Golus ist gottgewolltes jüdisches Schicksal" als all/11 leichtes Ausweichen vor wirklich praktischen Konsequenzen. Das schmale Büchlein, das Bayer heraus gegeben hat, umtaßt ebenfalls den gesamten Umkreis des judiseh-religiösen Leberts. Mit außerordentlichem Heiß hat der Verfasser eine Fülle von l'rklärungen der ciii/elneir Brauche zusammengestellt und sich bemüht, dem Leser die Dinge so nahe als möglich zu bringen. Freilich ist diese Zusammenstellung nicht immer befriedigend. So ist es insbesondere auffallend, daß die sehr späten Dcutiingsversuc'ie bevorzugt werden, die aus dem Zusammentreffen von BuchstaUc 11 und Zahl in der hebräischen Sprache zu den eigentümlichsten Ergebnissen gelangen. Diese ins Gebiet der Kabbahmik gehörende Dentungsart ist zweifellos nicht mehr geeignet, einem heutigen Menschen zu genügen; wir hatten es lieber gesehen, wenn der Verfasser seine Braiididciifmig mehr vor! den reichhaltigen Ergebnissen der Reiigiorisetlmologie hervorgeholt hätte, deren reiches \ ölkcrkniullichcs \V1 glcichsinatcrial eine Fülle von interessanten Parallelen ge.-tattet hatte. Wenn aber Bayer nur auf traditionell jüdischem Gebiet bleiben wollte, dann wäre es besser gewesen, mehr den Midrasch als Erklärung hcrati/u/ielu-11, stau der sehr späten Vorlage des unbekannten ostjüdischen Rabbiners, nach dessen Werk Bayer (laut Vorwort) gearbeitet hat. So hat das Buch einen ausgesprochen homiletischen Charakter. Dennoch wird es als Uebcrsicht und als Einleitung manchem Leser vielleicht Dienste leisten können. Dr. N. Das Erdbeben. Abenteuer einer Liebe. Eine Erzählung von Max Samt er. 1936, Vortrupp Verlag Berlin. Der junge Max Samtcr hat durch einige wortkarge, mit großer Kunst geschriebene Novellen gezeigt, daß er und seine Kunst ein eignes Gesicht haben. Diese neue Novelle ״Das Erdbeben“ zeigt eine verhaltene Kunst: im Vordergründe steht ein knapper, sachlicher Bericht des Geschehens — im Hintergründe aber die ganze Unbegreiflichkeit, Grausamkeit und Versöhnung des menschlichen Lebens. Zwei Kinder wachsen in einer Stadt auf, die über Nacht von einem Erdheben heimgesucht wird. Ihre Eltern sterilen — was in zwei Zeilen abgetan wird —, sie finden sich in der allgemeinen Zerstörung doppelt fest und gleichsam schlafwandlerisch zusammen. Von oben ans dem Flugzeug der Retter selten sie aut den Schauplatz der Zerstörung herab ... tmd sind nun schon ״jenen (iewalten untertan, denen jenseits von Tod und Feuer, von Zeit und Raum die Beständigkeit alles Lebendigen an vertraut ist“. — Rilke hat bei dieser Kunst Pate gestanden; vielleicht auch Kafka; aber vor allem schwingt hier eine zarte, eigene Melodie, die uns noclt manches Lied singen wird. —bs— Die Abenteuer der Gracia Mendez Roman von HERMANN SINSHEIM ER & Forlaetraüg Das mittlere Haus war längst wieder nufgehaut — nicht 80 prächtig, wie es vordem gewesen war, aber geräumig, so daß Gracia hier ihre Büros Aufschlägen konnte. Auch der Garten war wieder hergestellt, nur fehlten einige von den alten hohen Eichen. Das Vorderhaus wurde nicht mehr aufgebaut. Ein hohes Bretterviereck umgab die Schuttstiltle. Der Eingang war versperrt. Man gelangte jetzt nur durch ein Gartentor zu den beiden Häusern. Auch der Laubengang zwischen dem vorderen und mittleren Haus war verschwunden. Das alles deutete darauf hin, daß die reich« Familie Mcndez nicht für immer zu bleiben gedachte. Dem ganzen Komplex haftete etwas Provisorisches, der Eindruck eines Rückzugs oder Wegzugs an. In dieser Umgehung wuchs die kleine Reyna auf. Sie war ein Mnsterkind — still, freundlich und folgsam. C'hnnnnh, unter deren Obhut sie stand, hatte keinerlei Sorgen mit ihr. Denn auch die Gesundheit des Kindes ließ nichts zu wünschen übrig. Es ähnelte äußerlich in nichts seinen Eltern. Das Spiel des Zufalls wollte es, daß die kleine Revna wie ein« Toeliter der großen nussah. Sie halte das gleiche rittliehe Haar, den zarten Teint, die hellbraunen Augen der Tante. Diese, da sie ohnehin die gealtert« Channah im Hauswesen z.u unterstützen hatte, nahm sich mit leidenschaft- 11 di cm Eifer auch des Kindes an. Ihm konnte sie lange und breite Geschichten erzählen, woran sie selbst immer noch und immer mehr Gefallen fand, ihm konnte sie, wenn auch nur auf kindlich-primitive Weise, ihr Herz ausschütten, und vollends konnte sie für das Kind aus dem Riesen Duarle daz Paz eine Bilderbuchfigur, einen Märcitenhelden machen. Revna liebte die Tante, weil sie etwas Kindliches hotte, und die Tante liebte die kleine Reyna, weil sic hoffen konnte, hier wenigstens Gracia, die Mutter, z.u ersetzen und vielleicht. Sogar zu verdrängen. Das letztere gelang ihr freilich nicht. Denn Channah erzog die Kleine vor allem zur Liehe der Eltern. Sie wußte in dem Kind ihre Hoffnung verkör!>ert, die innere Zusamntengehörigkeil der Ellern z,u erhalten. Und in der Tat war die Eiche zu dom Kind fast das einzige, das die beiden im;״e>־ wieder zusammen führte und ihnen half, uns Gefühl ('1״- Trennung ihrer Lebenswege zu überwinden. Während Hi Cisco in den Abgründen seiner Geschäfte und seines Leidens z.u versinken und Gracia in den Höhen ihrer Entwürfe und Pläne zu entscliweltcn drohte, blieb für beide das Kind die einz.igc reale Erscheinung des gegenwärtigen und zukünftigen Lehens. Die kleine Reyna war der Trost und das Glück aller. Darum hatte sie eine srhöne Kindheit. Sie war der Schmetterling des Hauses Mende/., in dessen Räumen sonst der Ernst und die Schwere herrschten. VIII. Im .!obre 1534 starb der Papst Clemens VIF, dessen Lehen voll gewesen war von Heimsuchungen Roms und des Heiligen Stuhls. Sein Nachfolger wurde der Kardinal Paul Farnese — Paul III. Er hatte einen jüdischen Heilkundigen Jakob Mantin zum Leibarzt und ließ sich schon durch diesen lür die Juden günstig stimmen. Dunrtc duz. Paz war unermüdlich tätig, um den eingekerkertön Marranen, seinen portugiesischen Brüdern, z.u helfen. Rabbi fsnttk, der nun fast allein den Verkehr mit dem römiselten Vertreter aufrecht erhielt, sandte kaum ein einziges ,Schreiben mt diesen ab, das nicht neue Verhaftungen \ nn Marranen zu melden hatte. Seit den! Erdbeben war den heimischen Jaden keine Ruhe mehr gegönnt, der Boden, auf dem sie standen, war wankend geworden, ihr!.eben, ihre Freiheit, ihr Vermögen immerfort bedroht. Unter den Verhafteten waren viele Freunde und Verwandte Dunrtes sowie natürlich uttcli Freunde und Verwandte des Hauses Mcndez. Immer dringender und imitier verzweifelter wurden die Hilferufe Rabbi Isaaks: Geld durfte nun erst recht keine Rolle mehr spielen, Duartc konnte haben, soviel er wollte. Alter auch die Gegenpartei hatte ihre schlauesten und kühnsten Wortführer an den Vatikan entsandt, hatte viel Geld in die Sache der Inquisition investiert und wollte nun endlich den Sieg der portugiesischen Kirche über die Juden besiegelt wissen. In Lissabon trat damals ein Geistlicher jüdischer Abstnmmung auf, ein Dominikaner namens Enrique/. Nunnez, ein, wie es schien, für die jüdische Sache entflammter Mann. Er wurde in den Marrnnenfmnilien freudig mitgenommen, denn es tat allen inmitten der Verdächtigungen und Verleumdungen besonder* wohl, einen Menschen im geistlichen Gewände so ehrlich und so gerecht von jüdischer Uel*erlieferung, jüdischem Glauben und dem jüdischen Anspruch auf Gerechtigkeit sprechen zu hören. Enrique/., der in seinem Orden ein Itohes Ansehen genoß, wirkt« wie ein weißer Rahe, denn sonst waren es gerade die Dominikaner, und unter ihnen besonders wieder die ton Juden nbstnmmenden, wo'׳ Ire die Verfolgung und Ute mlrtickung der Marranen predigten. Dies« also zögerten nicht, den Enrique* Nunnez zu ihren heimlichen Gottesdiensten hitvzuzitziehen, ihn zur festliehen Begehung der jüdischen Feiertage cinz.ulnden und Ina überhaupt stiie ihre Geheimnisse preis/ugeben. Der jüdische Renegat aber war einer׳ der abscheulichsten Verräter in der Leidensgeschichte des jüdischen Volke». Er unterbreitete eines Tnges seine ganze Wissenschaft über das heimliche Juduisieren den Inquisit inr.s- und Staatsbehörden und brachte viele seiner ehemaligen Glaubensgenossen in» Gefängnis und ins Verderben. Es war ein furchlImrcr Schlag, den er ״egen die Marranen geführt halle, ein Stück Ver* rat, das den teuflischsten wrriilerischen Anschlägen nllor Zeiten würdig an die Seile traf. Enriquez lieferte sogar seinen leiblichen Bruder den Behörden aus. Unter den Marranen herrschte Verzweiflung und die maßloseste Empörung über diesen Verrat. Es gab viele unter ihnen, die sich in schrecklichen Selbstvorwürfcn ergingen, nicht nur wegen!Irrer Vertrauensseligkeit, sondern weil sie seihst durch Annahme der Tnulo das Judentum verraten und so diesen und andere Verräter in den eigenen Reihen gezüchtet hätten. Im Hause Mcndez batte der Dominikaner keinen Eingang gefunden. Er war wohl mehrere Male erschienen lind hatte einen günstigen Eindruck hinterlassen. Aber ihm gegenüber bewährte sielt die aus Veranlagung, Ucbung und Selbst* erzielnmg frühreife Menschenkenntnis Jotlos. Enriquez, seihst noch ein junger Murin, gliinzte durch etwa die »gleichen Gaben wie der noch jüngere Mendez, nämlich durch eine feurige Beredsamkeit, durch eine rege Phantasie und durch den Reichtum an Einfällen. Joäo ließ ihn ganz, nah» an sich herankommen, traf sich mit ihm in Gesellschaften oder in Kirchen und führte lange Gespräche mit ihm. Dabei betonte Joäo absichtlich seine eigene Lässigkeit in Glaubensdingen, erinnerte den anderen daran, daß seine Mutter mit einem frommen Adeligen sich verheiratet halte, und tat überhaupt so, als ob ihm das lästige Judentum gestohlen werden könne. Zuerst sah er, nach solchen Bekenntnissen, mir in ein gespanntes, ernstes Gesicht, Aber je öfter und je deutlicher er sich z.um Judentum distanzierte, desto mehr verändert« sich das Wesen des Benediktiners, bis dieser schließlich, nach langem Hin und Her an Verstellung und Täuschung, die Frage aufwarf, ob es nicht vielleicht doch am besten wflre, den Marranen ihr Festhalten nm jüdischen Glauben auszuroden und sie endgültig in die Arme der Kirche zurückzuführen. Jofto erwiderte, indem er Imidcnschaft heucheite, das wäre wahrscheinlich das beste, dann kehre Ruhe und Frieden wieder und alles sei schön und gut. Enriquez dankte ihm, in einem Augenblick der Selbstvorgessenheit, mit einem heftigen Händedruck.

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