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Jüdische Rundschau · 1936-02-25 · Heft 16 (25.2.1936) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 16 (25.2.1936)
Date
1936-02-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. W, 25. H. 1936 JÖDlSCHi tUNlTSCMAtt Mtott Wie ^lalle Ich den Schabbal? Für Schabbat, 29. Februar Wochenabschnftt: ״T'ruma״ (2. B. M. Kap. 25, 1-27, 19.) I. Unser Wochenabschnitt enthält den Befehl zum Bau des Heiligtums. Wir lesen aus diesem Anlaß aus ״Moses“ von Edmond Fleg das Kapitel ״Der Glanz des Stiftszeltes“ vor und unterhalten uns an Hand des Kommenlares von S. R. Hirsch über die Bedeutung der einzelnen im Heiligtum aufgestellten Gegenstände. Für Jüngere empfiehlt es sich, kleine Modelle anfertigen zu lassen. Die Maße hierzu kann man an Hand des Textes zusamnienstellen. Auch ziehe man Abbildungen, die vielen Ausgaben beigegeben sind, heran. II. Am Abend unseres Schabbat beginnt die ״Jahrzeit“ von Mosche Rabbenu. Es ist eine alte Sitte, dab die Mitglieder der Chewra Kadischa den Todestag durch Fasten begehen. Wir haben schon häufig auf Literatur, die im Zusammenhang mit Mosche steht, hingewiesen. Zur Feier der ״Jahrzeit‘' schlagen wir vor, das letzte Kapitel aus dem Chumasch vorzulesen und den entsprechenden Abschnitt aus Bialik ״Ssefer Hagadah“ über den Tod von Mosche Rabbenu zu lernen. Im Anschluß daran gebe man ein Bild von der Persönlichkeit Mosches. III. Am Sonntag begeht die zionistische Welt den 60. Geburtstag von Dr. Arthur R u p p i n. Da wir Zionisten in Deutschland mit dem Werk dieses Mannes besonders verbunden sind, unterhalten wir uns aus diesem Anlaß über sein Schaffen. Wir werden darauf hinweisen, daß er schon 1908 als Leiter eines Palästina-Amtes in Erez Israel nach Jaffa ging. Man würdige insbesondere seine Bedeutung für die Erforschung der Soziologie der Juden und hebe ihre Bedeutung im Zusammenhang der zionistischen Analyse der Judenfrage hervor. Die in den letzten Rundschau-Nummern veröffentlichten Artikel von Arthur Ruppin über ״Die Juden in Südamerika“ können zu diesem Zwecke herangezogen werden. Als Hafiarah wird gelesen Könige I, Kap. 5, 26—6^ 13. Rabbi Jehuda he-Chassid Eine der markantesten Gestalten des jüdischen Mittelalters auf deutschem Boden ist der Gelehrte und Mystiker R. Jehuda h e- C h a s s i d, der in Speyer um das Jahr 1150 geboren wurde und in späteren Jahren nach Regensburg zog, wo er bis zu seinem Tode (1217) die dortige Jeschiwa leitete. Ein Oneg Schabbat in unserem Kreise sollte daher der Persönlichkeit dieses Mannes, des Schöpfers eines grandiosen ethischen wie Religionssystems, gewidmet sein. Es ist zu empfehlen, bei dieser Besprechung von den zeitgeschichtlichen Voraussetzungen auszugehen und die mystisch-didaktischen Zeitströmungen besonders zu berücksichtigen. Wir fragen uns, welche Kräfte diese Zeit beherrschten und welches ihr äußerer Rahmen war. Im nichtjüdischen Bezirk standen die politischen Bewegungen der Zeit unter der Vorherrschaft des religiösen Prinzips. Die Zeit selbst war voller Unrast und Unruhe; es war ein Jahrhundert der Auflösung und der Zerstörung, voll schwerster Prüfungen und bitterster Not. Die Kreuzzüge haben in der Seele des Volkes erschütternde und unauslöschliche Spuren hinterlassen. Eipst ruhmreiche und blühende Gemeinden wurden von unsagbarem Unglück beimgesucht. Selten kennt die Geschichte eines Volkes ein derartiges Schauspiel eines Massenmartyriuins, wie das jüdische Volk jener Zeit es erlebte. Der Wille, für Volk und Lehre zu sterben, war zuweilen größer als der Wille zum Leben, ln solch einer Zeit der Auflösung und des Aufbruches mußte das religiöse Erleben von ganz anderen Kräften getragen sein als in einer Epoche der Stabilität und der Ruhe, was von dem Einzelnen wie von der Gemeinschaft gefordert werden mußte, war: Eine starke, innerlich gefestigte und persönliche Moral, die getragen war von einer heiligen Begeisterung, verbunden mit dem Willen zur restlosen Hingabe. Dieser Aufgabe unterzog sich das berühmte diktatisch-ethische Volksbuch, das ״Sefer Chassidim ‘, das zum größten Teil eine Schöpfung des R. Jehuda he• Chassid ist. Es wäre sehr lohnend, sich in diesem Zusammenhang über die drei Hauptautoren des ״Sefer Chassidim“ zu unterhalten, von denen wir bereits R. Jehuda genannt haben. Hinzu kommen noch R. S c h m u e I, der Vater des R. Jehuda, ebenfalls mit dem Beinamen der Fromme ( TOHil), sowie R. El e as a r b. Jehuda ״R o k c a c h“, der Jünger R. Jehudas des Frommen. Von diesen berühmten jüdischen Gelehrten auf deutschem Boden wissen wir, daß sie sich neben ihrer talmudischen Gc- Das scfiönste Purim-Gescfienk für jedes jüdische Kind LAND DER JUGEND Das Buch der Kinder»Rundschau Eine Sammlung der schönsten Erzählungen, Aben» teuer, Erfebn«sse,Lieder, Legenden, Gedidite,Spiele und Bilder aus den drei Jahrgängen der Kinder» Rundschau, der von der jüdischen Jugend stets mit Spannung erwarteten Beilage der ״Jüdischen Rund» schau", vermehrt durch neue Erzählungen und Bilder. Ein Buch, an dem die Jugend selbst mitgearbeitet hat, und das ihren Geist atmet. 112 Seiten, 155X205 mm, mit 79 Bildern Hafbleinenbandmit mehrfarbigem Titelbild Preis nur RM 2,85 Bestellen Sie bitte bei Ihrem Buchhändler oder direkt bei dem VERLAG JÜDISCHE RUNDSCHAU G. m. b. H. Berlin W 15 Meinefcestr. 10 Gegen Voreinsendung des Betrages zuzügl. 30 Rpf. Porto Postscheckkonto der Verlagsabteilung: Berlin 71576 lehrsamkeit noch durch ihr mystisch-theosophisches Denken ausgezeichnet haben. Wegen ihres frommen und geheiligten Lebens wurden R. Schmuei wie sein Sohn R. Jehuda vom Volke als ״Chassidim“, Fromme, bezeichnet. Von ihren Wundertaten weiß die Legende vieles zu berichten. Kraft ihrer Heiligkeit vollbringen sie große Wunder und helfen ihrem Volke in Zeiten der Not. Mit besonders reichen Farben hat die Volksphantasie das Leben des R. Jehuda auszustatten gewußt. Eine Erzählung weiß von ihm zu berichten, daß er bis zu seinem 18. Lebensjahr ein unwissender Müßiggänger war und seine freie Zeit mit Bogenschießen zugebraent hat. Mit Hilfe des Gebetes und des durch seinen Vater, R. Schmuei, ausgesprochenen Gottesnamen (שם המפורש) wird die rohe physische Kraft Jehudas gebrochen, und seitdem wurde er zum großen Lehrer, zur ״Leuchte in Israel“. In diesem Lichte sieht das Volk seine Helden. Ihre Kraft ist nicht das Schwert oder die gepanzerte Faust, sondern sie ist in der tiefen und schlichten Gläubigkeit begründet. Ihr Vertrauen auf Gott macht sie standhaft und hilft ihnen, das Böse zu überwinden. Die Person R. Jehudas wie das von ihm im ״Buche der Frommen“ niedergelegte Moralsystcm ist für die Stimmung der Zeit charakteristisch. Während das Recht der rohen Gewnlt die Gemüter beherrschte, wurden in diesem Buche Forderungen nach uneingeschränkter und voran ssetzungsloser Menschenliebe, nach sittlicher V o 11 k o m - menheit, nach gefestigter Charakterbildung und reiner und unverfälschter Gläubigkeit aufgestellt. Trotz der düsteren Stimmung der Kreuzzugszeit, trotz Finsternis und Aberglauben, kommt in der Person R. Jehudas ein Geist zum Durchbruch voll edelster Humanität und tiefer Gläubigkeit, von dem ein unvergleichlieber Glanz ausstrahlt. Ueber R. Jehuda b. Schmuei he-Chassid haben wir eine reiche Literatur. Zur Aussprache über die Zeitverhältnisse werden wir Dubnow Bd. IV § 40 und Elbogen, Geschichte der Juden in Deutschland, S. 28 und S. 50 heranziehen. Zum näheren Verständnis der überlieferten Volksgeschichten über Rl Schmuei und R. Jehuda sollte man die literargeschichtliche Arbeit von Jakob Meitüs, Das Mnassebuch, seine Entstehung und Queilengeschichfe, besonders S. 112 ff., lesen. Beachtenswert sind noch die Geschichten über R. Jehuda, die Bin Gorion im ״Born Judas“ Bd. VI, S. 114 ff., bringt. Es wäre zu empfehlen, die Geschichten vorzulesen und sich darüber zu unterhalten. Bei dieser Gelegenheit sollte man noch versuchen, den Unterschied zwischen diesen Chassidim und dem späteren Chassidismus herauszuarbeiten und ihre Berührungspunkte aufzuweisen. Die Enc. Judaica könnte unter ״Chassidismus“ und R. Jehuda he-Chassid als gute Hilfsquelle dazu dienen. J. M. Vom Verband der Jüdischen Jugendvereine Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands teilt mit: Nachdem die Sitzung der erweiterten Verbandsleitung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands am 29. Dezember 1935 mit einer großen Mehrheit die Ent- Scheidung zum Zionismus beschlossen hat, ist die Einordnung des Verbandes mit seinen 123 Bünden in die zionistische Bewegung vollzogen worden. Die Landesverhände, besonders der badische, bayerische, hessische, nordwestdeutsche und württemhcrgische Landesverband, haben die Verwirklichung dieses Beschlusses durch ihre Erziehungsarbeit vorbereitet und durchgeführt. Eine erste eigene Hac I! sc harah gruppe des Verbandes wird demnächst irn Bcth Chaluz Reuthen in Verbindung mit dem Hcchaluz ihre Arbeit aufnehmen, nachdem bereits eine größere Anzahl von Chawerim des Verbandes ihre Einzelhachscharah angetreten haben. Die Entwicklung des Verbandes zu einem Erziehungsbund mit festumrissenen pädagogischen und lebensmäßigcn Antordcrungen konnte von einigen Jugendvereinen nicht mit vollzogen werden, die sich auf reine Bildungsarhcit und aui die Pflege geselliger Ci e in e i n s c h a f t beschränken. Einige Vereine, die zu dem Grundsatz der Neutralität zurückkehren oder die die gesarntjüdischc Idee nicht in ihrer zionistischen Entscheidung erfüllen wollen, konnten aut Grund dieser Verschiedenheiten nicht mehr im Verband verbleiben. So hat sich 7. B. der jüdische Jugendverein Aachen im Rahmen des Reichsverbandes jüdischer Kulturbiinde als ״Klub der jüdischen Jugend‘‘ neu organisiert. So hat der jüdische Jugendbund ״Gabriel Rießer“-Köln sich ais neutraler Jugetidverein vom Verband getrennt, während einige jüdische Jugcndvercine, wie z. B. in Diisseldort und Essen, in Opposition zur zionistischen Ent- Scheidung des Verbandes ihren Austritt aus dem Verband beschlossen haben. Im Gegensatz zu dieser Trennung hat sich die überwiegende Mehrzahl der Bünde vorbehaltlos zu dem neuen Weg des Verbandes lind seiner Arbeit bekannt, wobei sich die Auseinandersetzung über die chaluzische Erziehungsarbeit des Verbandes und über ihre Verwirklichung noch im Fluß befindet. ANTWORTEN DER REDAKTION lsragl Tunis, Ben Israel und andere Einsender. Daß einem Rabbiner bei der Würdigung eines Toten ungebührliche (Sie schreiben ״blasphemischc“) Uebertreibungen unterlaufen, hängt wohl mehr mit der Neigung der betreffenden Persönlichkcit zu pathetischer Deklamation zusammen. Der Leser wird das von selbst auf das gebotene Maß reduzieren und wir betrachten es nicht als unsere Aufgabe, hierüber zu disputieren. Ehcnsowcnig betrachten wir als unsere Sache, Oenicindeblättern über Geschmacksfragcn Vorhaltungen zu machen. Die Veröffentlichung Ihrer Zuschriften würde nur zu Mißdeutungen führen und unterbleibt daher besser. Die Abenteuer der Gracia Mendez Roman von HERMANN SINS II EIMER % FoHaetiing Nach dem dritten Erdstoß trat Ruhe ein. Die Luft stöhnte und ächzte wie übermüdet. Dünne Streifen von Regen fielen schräg zur Erde. Immer andere Glocken erhoben ihre wimmernden Stimmen. Ueber den Dächern lag der Feuerschein von brennenden Häusern. Channah war mit den Dienern ins mittlere Haus geeilt. Sie brachten Körbe voll Essen. Die Kinder und Gebrechliehen wurden gespeist. Die anderen fasteten. Sie wurden satt und stark von den Psalmen, vom Gebet und Gesang der Gemeinde, von den Segenssprüchen, die Isaak gegen das Wüten der Natur warf — ein Soldat des Allmächtigen. Gracia bewegte sich, zu ihrer ganzen Größe aufgerichtet, durch die Menge der Glaubensgenossen, sprach ihnen Trost zu und sorgte dafür, daß der Hunger der Kinder gestillt und die Wunden der Verletzten verbunden wurden. Jeder war ihr Bruder, jede ihre Schwester, die Kleinen alle waren ihre Kinder. Es war nichts von Furcht in ihr, sie atmete Zuversicht aus und verteilte Vertrauen. Alle sahen und wußten, daß der alte jüdische Gott und Geist in ihr war und durch sie jedem von ihnen zuteil wurde. Das Erdbeben hatte sie in die Winde gestreut, aber der Odem Gottes hatte sie hierher geweht, wo sie sich selbst und ihren Glauben an ihn wiederfanden. Jetzt stand Gracia auf der Treppe und sprach mit einigen Frauen. Ohne daß sie es wollte, fühlten sieh alle von ihren Worten angesprochen, da gerade eine Gebetspause war, und hörten so verlangend zu, daß Gracia sich gezwungen sah, ihre Stimme zu heben wie eine Priesterin: ״Juden, geliebte Juden, Gottes Faust, die uns schlägt, öffnet sich, um uns zu beschützen. Unsere Gebete sind der Panzer gegen die Welt, unser Glaube das Dach, das Sicherheit gibt. Man will uns ausrolten und verderben, aber Gott macht es uns leicht, diese portugiesische Erde, die sich aufbäumt und berstet, zu verlassen. Jeder nehme sich ein Ziel, wohin er sich wenden will, aber aller Ziele Ziel ist unser ewiger, heiliger Gott, den wir preisen, wenn er straft, und den wir preisen, wenn er uns errettet, ln seinem Namen haben wir dieses Land bewohnt, in seinem Namen werden wir über die Meere ziehen. Juden, geliebte Brüder und Schwestern, die Erde bebt, aber der Himmel stellt fest. Uns ist der Messias, der Gesandte des Heiligen, am Ende alles Bebens und Bestehens versprochen.“ Die letzten Worte klangen wie gesungen und gejauchzt. Dann sank Gracia den Nächststehenden in die Arme, alle Arme streckten sich nach ihr aus, sie schwebte von einem zum anderen, immer mit gebreiteten Armen, und, ihrem Beispiel folgend, schlugen alle die Arme um alle, während Rabbi Isaak wieder seine Stimme erhob zum Gebet Es war eine gottselige Verbrüderung. Draußen und, da es kaum noch ein Außen und Innen gab, auch drinnen hob sich wieder ein Sturm hoch, holte den Regen hernieder und die Finsternis, und dann gcschah der letzte und gewaltigste Erdstoß, daß man meinen konnte, die Stadt stürze sich wie ein Selbstmörder von den Hügeln in den Fluß und ins Meer. In kurzen Abständen rollten neue Belten, immer schwächer werdend, unter den Fundamenten hin. Die Burg aber stand fest, wie wenn sie von den vielen Menschen, die sich gegen ihre Mauern drängten, gehalten und gestützt würde. Regen, Schnee, Hagel stampften durch die Luft wie dunkel geschirrte Pferde, man glaubte sie wiehern und schnauben zu hören. Sie zogen wie ein galoppierender Troß vorüber — und dann war Ruhe, Ruhe, Ruhe. Alle hielten den Atem an, um zu hören, was keiner glaubte je gehört zu haben: tönende Stille. Die Gebete waren ebenfalls verstummt. Auf allen Gesichtern lag das Schweigen wie ein Glanz der Gewißheit: Gottes Allmacht hat uns verschont! Die ersten traten aus der Burg ins Freie. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich ihnen: die beiden anderen Iläuser lagen in Trümmern. Gracia und Francisco traten hervor und sahen die Zer- Störung. Sie faßten sich bei den Händen and senkten die Köpfe. Franciscos Augen waren tränenüberströmt. Langsam gingen die Menschen davon — zögernd in der Furcht, bei sich zu Hause das gleiche Schauspiel zu erleben. Aber es stellte sich heraus, daß die meisten Bauwerke verschont geblieben oder nur wenig beschädigt waren. In Porto waren die Erdstöße viel schwächer gewesen als in der Hügelstadt Lissabon. Aber auch dort waren einige Bauwerke vernichtet, darunter das Haus Benveniste, Gracias Geschenk an den Orden des Bruders Christophoro. Dieser aber, der sich gerade in dem Haus aufgehalten hatte, war von einer stürzenden Mauer erschlagen worden. Gracia sah und vernahm dies alles wie Sprache und Zeichen des Himmels, als den Befehl, zu wandern. VII. Das Königspaar war nun darin einig, daß es für das von Gott im Guten und im Bösen so sichtbarlich gezeichnete Portugal nichts Wünschenswerteres gehen könne als die Einführung der Inquisition. Auch der König war endlich für die Meinung gewonnen, daß sein Land hinter Spanien im Glaubenseifer nicht zurückstehen dürfe, und daß das portugiesische Volk auf die Veranstaltung von Auto» da 16 den gleichen Anspruch habe wie das spanische. Sondergesandt־ schäften brachten dies beim Vatikan nachdrücklich vor, und so konnte dieser nicht umhin, auch das getreue Portugal in den Genuß des heiligen Officiums und ßenefieiums der Inquisition zu setzen, wenn auch mit wesentlichen Ein- Schränkungen und mit Ermahnungen zur Menschlichkeit und Milde. Uchrigens wurde schon im nächsten Jahre alles wieder außer Kraft gesetzt. Vorläufig ent ging kaum ein Marranc schimpflicher Behandiung und harter Verfolgung, wenn er sich nicht durch besonderen kirchlichen Eifer hervortat. Lind auch in diesem Fall, ja oft sogar gerade dann konnte einer den Anschein erwecken, daß er durch seine öffentlich zur Schau getragene, Christlichkeit eben nur das heimliche Judaisieren vergessen machen wolle. Das Haus Mendez. verhielt sich gegenüber diesem Umschw ung der Dinge nicht v iel anders als bisher. Duarte wurde aufgepcitscht, in Rom alles daranzusetzen, um die Marranen in Portugal vor dem Scheiterhaufen zu bewahren. Noch mehr Geld als bisher, Hundert tausende, die Francisco aus eignen Mitteln und aus Mitteln seiner Freunde aufbrachbe, flössen in Dunrtcs Taschen und aus ihnen in die der römisehen Machthaber. Francisco war mit Gracia darin einig, daß die Auswanderung so bald wie möglich ins Werk zu setzen sei. Aber er blieb sich bewußt, daß er seinen ganzen Reichtum über die Grenzen retten müsse, um eine Macht zu bleiben, nicht etwa bloß eine auf den Märkten, wo Geld und Ware gehandelt wurden, sondern auch auf dem politischen Feld, wo das Schicksal der ,luden zur Entscheidung stand. Er mußte sich immer wieder gegen das Drängen Gracins stellen, die übers Meer, um jeden Preis übers Meer wollte. Er mußte ihr immer wieder Rechenschaft darüber geben, daß es noch Jahre dauern würde, bis er sich und sein Vermögen aus der Verflechtung mit den portugiesischen Interessen losgelöst haben würde. Gracia blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Aber sie war nun schon keine portugiesische Jüdin mehr. Sie hatte mit den Juden in allen Ländern Verbindung, und aus allen Ländern kamen die Rufe um Hilfe, die Rufe aus der jüdischen Not zu ihr. Sie gab mit vollen Händen, sie setzt« fast ihren ganzen Anteil am väterlichen Vermögen daran, um den armen Juden im Orient und im Okzident zu helfen. Sie war vom Morgen bis zum Abend tätig, um all ihren Verpflichtungen nachzukommen. Ihre Korrespondenz wuchs ins Unübersehbare. JoAo aber wurde ihr Korrespondent und erster Gehilfe. Sein Fleiß, seine Wißbegier und sein Ehrgeiz besiegten alle Hindernisse. Im Bankhaus war ihm bald jeder Geschäfts*

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