Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1936)
- Date
- 1936-02-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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5״lt* 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 15 21. II 1936 Spur der Geschichte? Unter dem Titel ״In Scarcli of History“ erschien (bei Hamish Hamilton, London) ein Sammelband des amcri- Iranischen Journalisten Vincent Sheean, der in Amerika und in England schon einiges Aufsehen gemacht hat; es sind, mit Bemühung dreier Erdteile, Berichte vom internationalen Kriegsschauplatz /wischen Parteien, Völkern, Hassen, der leider auch nach dem Weltkrieg noch nicht geschlossen worden ist. Shecans großer Erfolg war die Reportage über einen Aufenthalt im Lager von Abd cl Krim während des spanischen Krieges im Rif, und er hat, woran sich einige noch erinnern werden, über die arabischen Unruhen in Paläs t i n a 1Q2Q nach Amerika Berichte gesandt, die nicht nur auf jiklischer Seite starken Widerspruch fanden. So ist auch sein Buch für uns eine Erinnerung an diese tragische Episode in der Eniw..,. .mg des neuen Palästina. Uns geht aus dem vielfarbigen Buch im wesentlichen dieses Thema Palästina an, zuvor aber das Kapitel an jüdischen Begegnungen und Erfahrungen, durch das Sheean für diese Expedition vorbereitet wurde. Die judenfrage begegnet ihm zuerst an der Universität Chikago, wo er recht unberaten und ziellos herumstudiert. Es geht dem jungen Bursehen besser, er spürt zum erstenmal geistige Zusammenhänge und Aufgaben, da er in einen Studenten verband (Fraternitv) für antike Literatur eintritt. Eine amerikanische Kommilitonin klärt ihn über einen in aller Unschuld beganeenen, aber nicht weniger furchtbaren Irrtum auf: er ist unter Juden geraten! Man macht ihn auf unverkennbare Unterschiede der Rasse aufmerksam, von denen er, der bisher höchstens mit der schönen Rebekka in Scotts ״Ivanhoe‘‘ umgegangen war, auch nicht das geringste bemerkt hatte. Das Unglück ist jedenfalls geschehen. Kein echt amerikanisches Mädchen wird mit ihm tanzen, und wenn er sich unter diesem Druck entschließt, in eine andere tadellose Fratcmity überzugehen, muß er zu seiner Reinigung und Ertötung aller Ansteckimgskeinie erst eine Quarantäne von soundsoviel Monaten durchmachen, Diese Erfahrung stimmt übrigens recht zusammen mit den autobiographischen Erinnerungen von Ludwig Lewisnhu, dessen Erlebnisse sich in New York etwa fünfzehn Jahre früher abspielcn. In seinem (auch in deutscher Ueberset/ung erschienenen) ״Up S:rcam" (.,Degen d״n Strom“) enthüllte Lcuisohn die antisemitischen Widerstände in den akademischen Kreisen von Amerika, wenn sie sich auch mehr als einen geheimen, nicht ciiizugrstehcmlen Beirieb unter Professorcn, Stiftern, Behörden andeuteten. Sheean wird Journalist, wie man es besonders in Amerika wird, ohne daß man erst einen Beruf verfehlt haben muß, und auch ohne sonstige Vorbereitung: man schreibt, bis man es gelernt hat. Sein Handwerk bringt ihn viel mit Juden zusammen; er ist verschossen, wie er sagt, in jüdische Tradition, jüdische Küche, jüdisches Theater, vielfach belehrt nrtd angeregt durch seinen jüdischen Umgang — alles i?ute von hoher 'Geistesbildung — und er neigt zu der Schätzung von Romain Rolland, daß die Juden des euronäischen Westens und Amerikas vor allem zu Kulturträgern bestimmt sind, zu Förderern von allem Outen in Literatur, Kunst, Musik. Also die Rolle der griechischen Sklaven und Freigelassenen im Römischen Kaiserreich. Man kann es Sheean nicht verdenken, daß er nach solchen Erfahrungen gegenüber der Ganzheit des Judentums zu falschen Schlüssen kam: er wurde zu einem Irrtum geleitet, der ja auch mehreren jüdischen Generationen nicht vor enthalten blieb. Jedenfalls waren ihm alle Aeiißeningen des Antisemitismus peinlich, von den groben des RHualniordmärehens, der ״Weisen von Zion‘-, bis zu gesellschaftlichen Beschränkungen und Kränkungen: er galt so sehr als ״Prosemit“, daß ihn eine jüdisch-nationale Zeitschritt in Amerika, ohne ihn vorher auf eine gute Zensur zu verpflichten, nach Palästina zur Bew׳ertung des Aufbau- Werks schicken konnte. Von dem wesentlichen Teil dieses Werks, von den ländliehen Siedlungen ist in diesem Palästina-Kapitel kaum die Rede. Sheean kam zum ungünstigsten, unnormalsten Zeitpunkt nach Jerusalem, als am Tischa b’Ab 1920 die Unruhen um die Klage in auer ausbrachen, und er kam dadurch auf übereilte Weise zu a r! t i z i ח ס i s t i s c h e n Schlüssen, wobei wir ihm durchaus glauben dürfen, daß er, für einen Journalisten besonders schmerzlich, die ihm von der jüdischrationalen Zeitschrift gewähren Vorschüsse znrückerstattet hat. Durch einen unglücklichen Zufall fand er die zionistischen Führer oder sonst Maßgebende, die ihn hätten beraten können, nicht in der Hauptstadt. Dieser unglückliche Zufall war ja auch, was von uns nicht bestritten ward, mit schuld an provokatorisch wirkenden l'nternchmungcn, die auf das Konto der revisionistisch radik rten jinrend fallen Aber Shecans Vorurteil war von vornherein: ״Das Karnickel hat angefangen“, blieb es auch, als er sich von arabischen Blutbädern, Plünderungen, Zerstörungen überzeugen mußte. Sheean ist selbst hinterher vom Gericht vernommen worden, das ihn, wie er sagt, kaum angehört oder richtig verstanden hat. Mit Recht, wie mir scheint; denn er berief sich hauptsächlich auf die Aussage einer amerikanischen Jüdin, die ihn auf die angebliche zionistische Taktik vorbereitet hatte, genau vorbedacht zu dem Endzweck, daß man den Fanatismus der Araber bis zur Weißglut erhitzen mußte, um dann nach geschehenem Unheil höchste Genugtuung und Entschädigung an politischen Vorteilen zu beanspruchen. Was ihm eine Hysterikerin da auch vorgernacht haben mag, wie durfte er sie als eine Egeria der zionistischen Politik cinschätzen! Von der er trotz seinem jüdischen Umgang oder vielleicht wegen seines speziellen jüdischen Umgangs auch nicht die Anfangsgründe verstand. Sheean sicht im Hospital einen amerikanischen Landsmann, einen halbwüchsigen Jungen aus Hebron, von dem nach einem Dutzend Wunden kaum noch etwas übrig geblieben ist, und er sicht noch manches andere, worauf folgende Bemerkung abfällt: ״Ich habe schon manche Menschen von allen möglichen Nationalitäten bei solchen Unglücksfällen gescheu, aber niemals ein Betragen wie bei diesen Juden. Das war nicht Feigheit und hat nichts mit Feigheit zu tun. Das vertrug sich oft tntt einem Verhalten von höchstem Mut. Aber es hatte die Form einer seltenen, einer vollkommenen Verzweiflung. In der einfachsten Form war es die lieberzeugung, daß der Jude keinen anderen Freund hat als Gott.“ Sheean ist da an einer ״Spur der Geschichte“ mit mcrkwiirdiger Unempfindlichkeit v o r ü b c r g e g a n g e n, er spricht von einem ״Pogrom-Komplex“ wie von einem Aberglauben, der sich nur durch Vererbung erklären ließe. Es ist sogar zu vermuten, daß unter den Juden in Jerusalem auch einige waren, die die Vorstellung von Pogromen nicht geerbt zu haben brauchten, die solche Unannehmlichkeiten schon irgendwo in Osteuropa selbst mitgemacht hatten. Sheean verließ Jerusalem, nachdem ihm menschliche Teilnähme und Aufregung, zugleich mit einem angestrengten Kabeldienst, einen ‘ Nervenzusammenbruch eingebracht hatte. Er hat die Einzigkeit der Judenfrage nicht erkannt, nicht ihren tieferen, in Jahrhunderten wurzelnden Ursprung, nicht den sittlichen, durch den Zionismus tatgewordenen Entschluß des jüdischen Vo'kes, sich selbst aufzubauen, sich selbst zu helfen, bevor eine Weltrevolution diesen ältesten Posten auf ihr allgemeines Konto von Soll und Haben, von Schuld und Sühne mit übernimmt. ״On Search of Historv“ — wo einmal eine Ocschichfsspur zu entdecken war, hat er sie gründlich übersehen, wie er sich auch sonst in manchen ״Views“ geirrt hat, nicht zuletzt unter dem Einfluß von jüdischen Freunden, mehr noch Freundinnen, die die Menschheit im ganzem überall befreien wollten, nachdem sie ihr Bewußtsein von ihrer eigenen Herkunft entlastet hatten, von der besonderen Verpflichtung, die ihnen gerade durch die Geschichte und schon seit der Gesetzgebung vom Berge Sinai her auferlegt worden ist. __ Arthur Eloesser Beruhigung in Syrien? DNB. meldet: Der Sonderausschuß der arabischen Nationalistcn in Aleppo sandte an Außenminister Fiandin eine Eingabe, in der fiir den Abbruch des General- Streiks folgende Bedingungen gestellt werden: Amnestie aller politischen Gefangenen, die im Jahre 1925 und in der jüngsten Zeit verhaftet worden sind, Wiederherstellung der Verfassung von 1928, jedoch ohne Vetorecht für den Oberkomniissar, und Abschluß eines neuen französisch-syrischen Vertrages. Der französische Vertreter in der ständigen Mandatskommission soll in einer Besprechung in Damaskus das französische Einverständnis mit Verhandlungen über die syrisehen Wünsche erklärt haben. In Beirut, Tripoli, Sidon und anderen Städten des Libanon sind die Läden wieder geöffnet. In Hamaskus nahm die besonders umkämpfte Straßenbahn, die sich in französischem Besitz befindet, unter starkem ntilitärischcm Schutz den Verkehr wieder auf; sie wurde aber von der Bevölkerung gemieden. — Vier weitere syrische Zeitungen sind verboten worden. Am Dienstag öffneten einige Geschäftsinhaber in Damaskus unter starkem militärischen Schutz ihre Läden; sie wurden aber boykottiert. Die verhafteten Nationalistenfiihrer Mardam und Bakri wurden mit unbekanntem Ziel abtransportiert, fn Aleppo schoß die Polizei auf Demonstranten, wobei nach Pressemeldungen mehrere Personen verletzt worden sein sollen. IN ALLER KURZE Am Rödertor in Rothenburg o. T. wurde am Oo burtstag des Gauleiters Streicher eine Malmtafel angebracht mit der Inschrift: ״Die Weltgeschichte nennt die Namen der Völker, die am Juden zugrunde gingen. Ihr tragisches Ende ist eine furchtbare Mahnung für die Völker, die noch am Leben sind. 12. Februar 1936. Julius Streicher.“ Die ״Hagener Zeitung“ berichtet von einer Verhandlung vor dem Schöffengericht in H a R e ri gegen eine Angeklagte, die beschuldigt wird, die Behauptung verbreitet zu haben, der Ortsgruppenleiter der NSDAP, und dessen Eltern in Hagen kauften bei Juden. Nach Aufklärung des Sachverhalts in der Hauptverhandlung erklärte die Angeklagte, daß dem Ortsgriippenlciter und dessen Eltern irgendein Vorwurf, bei Juden gekauft zu haben, nicht gemacht werden könne. Die Angeklagte bedauert, durch Schiidertmg eines Tatbestandes Veranlassung gegeben zu haben, daß falsche Gerüchte in Umlauf kamen. Wie die ״Frankfurter Zeitung“ berichtet, wurde ein iüdischer Textihvarenhändler vom Schöffengericht in Hanau wegen verleumderischer Beleidigung zu drei Wochen Gefängnis verurteilt, weil er bei einem Kundenbesuch im Kreise Gelnhausen der Wahrheit zuwider beliattpk'l hatte, der dortige Ortsgriippenlciter der NSDAP, habe ihm unmittelbar vorher für 70 RM. Ware abgenommen. Wie die ״Nationale Rundschau“ in U1 m berichtet, pflegen jüdische Viehhändler ihre Handelspartner auf Markten mit ״du“ anzureden. Der Polizeidirektor von Ulm hat dieses Verhalten gerügt und folgende Bekanntmachung erlassen: ״Fs herrscht noch die Unsitte, daß jüdische Viehhändler deutsche Bauern beim Viehliandel, namentlich aber aut Viehmärkten, mit ״du“ anreden. Im Ansehen der deutsehen Bauernschaft sehe ich mich genötigt, diese Unsitte zu untersagen, und ich werde jeden jüdischen Viehhändler, der einen deutschen Bauern, Bäuerin oder deren erwachsene Kinder mit ״du“ anredet, wegen groben Unfugs in Strafe nehmen.“ Das Herrenartikel-Geschätt Richard Breslauer in G log au ist in arischen Besitz übergegangen. Im 72. Lebensjahre ist der Wiener Nervenarzt und Universitiitsprofessor Dr. Johann Pani Karplus einem Herzschlag erlegen. Prof. Karplus, der Jude war, hat viele Jahre im Institut des Physiologen Siegmund Exner gearbeitet und veröffentlichte gemeinsam mit Prof. Krcidel grundlegende Untersuchungen über die Funktion des Zwischenhirns. Dr. Willi Aron, der frühere Oberregisseur der Operntheater in Aachen, Dortmund, Helsingfors, der kürzlich mit großem Erfolg drei Offenbach-Einakter im Frankfurter Kulturbuiut inszenierte, führt zur Zeit im Tcatro Cotnmunaie in Triest die Regie in der ״Götterdämmerung“ und der ״Elektra“. Die Triester Kritik schreibt seiner Regie einen guten Teil des Erfolges zu. _ Zum Tode von Generaldirektor Berliner. Unser Wiener J. R.-Berichterstatter schreibt uns: Im Wiener Sanatorium Auersperg ist Montag früh der Direktor der Allgemeinen Lebeiisversicherunos-Gcsellschaft ״Phönix“, Dr. Wilhelm B er- I i n e r, nach einer an ihm im Laufe der Sonnfagnacht vorgenommenen Operation gestorben. Mit ihm ist nicht nur eine der hervorragendster! Persönlichkeiten des österreichischen Wirtschafts- und Finanzwesens dahingegangen, eine Personlichkcit, die weit über das Versicherungswesen und Oesterreich hinaus Bedeutung hatte, sondern auch ein treuer Jude, der jederzeit bereit war, seinen Einfluß in die Wagschale zu werfen, wenn es sich um die Wahrung jüdischer Rechte und um den Schutz jüdischer Ehre gehandelt hat. Dr. Berliner war auch ein ergebener Freund der zionistischen Palästina-Arbeit und interessierte sich stets für den Stand der Entwicklung in Palästina. Zuletzt sah man ihn beim Luzerner Zionistenkongreß. Die Wiener Kultusgemeinde hat Dr. Berliner ein Ehrengrab gewidmet. Der Cellist Pablo Casals hat an Julius Chajes, einen jungen, seit einem Jahre in Palästina lebenden jüdischen Komponisten, einen Brief geschrieben, in dem er ihm zu einem Konzert für Violoncello beglückwünscht. Chajes ist in Lemberg im Jahre 1911 geboren. Als Wunderkind erregte er bereits irn Alter von neun Jahren große Aufmerksamkeit. Seine Studien beendete er in Wien, wo er als Pianist heim Internationalen Wettbewerb für Klavier den Ehrenpreis (1933) bekam. Seine Werke wurden von bedeutenden Künstlern aufgeführt. Das Rose-Quartett hat zwei Streichquartette von Chajes uraufgeführt. Die Abenteuer der Graeia Mendez Roman von HERMANN SINSHEIM ER t. Fort.״,״!׳. Es ist nicht zuverlässig überliefert. was alles an Mensch und Werk die-er Katastrophe zum Opfer fiel. F.s kommt auch mäht auf die Zahl der zerstörten Menschenleben, Hau- *er und Werte an. Lissabon ist mehr als zwei Jahrhunderte später durch ein noch schrecklicheres Erdbeben fast ganz zerstört worden. Alter damals, anno 15.31, traf die Kala- Strophe, die alles rundum aufwühlte, eine Zeit, die selbst rundum aufgewühlt war. Sie traf auch ein zu Reichtum und Ueliermut auf geblühtes und aufgeblähtes Volk. Sie traf die Macht, die Habsucht, und die ßoüesvvitlrtge Besessenheit. Sie trat als Mahnerin auf. Nicht nur die Erde, sondern auch der Himmel schien sich auf den Tummelplatz der menschliehen Begierden stürzen zu wollen, damit der Hochmut und Aberwitz zuschanden werde. Was war nun Reichtum aus Indien and Afrika? Ein grinsendes Nichts. Was war die tönende Rede der Priester? Sinnloses Stammeln. Was war nun das Gericht über die Marranen? Ein kindisches Spiel. Noch aber wankte die Erde, noch ins Brüllen und Toben der Elemente hinein wurden die Beschuldigungen laut, dies sei die Strafe des Himmels, daß man diese Un- und Mißgläubigen solange unter sich geduldet, halte. Wnnn endlich werde man sie mit Folter und Feuer austilgen? Diese Frage begleiteten noch andere Fragen und Behauptungen, die im Volk umliefen wie abscheuliches Ungeziefer. Voriges Jahr die Ueberschwemmung in Rom, dieses Jahr Erdbeben in Liseabon — könne denn Gott seinen Willen deutlicher bekunden, als indem er die zwei Städte heimsuche, in denen man zögere, seinen heiligen Willen gegen die von ihm Abtrflnnigen zu vollstreckcn? Und endlich: jener Salomo Molcho, ehe- ®als Christ und Sekretär am portugiesischen Hof, — hatte er nicht sowohl das Unglück von Rom wie auch das Unglück von Lissabon vorausgesagt? Und heiße Voraussagen nicht herbeibeten und herbeiftihren? Die Taten von Rom und Lissabon schreien nach Sühne. Das Erdbeben war vorüber, aber es bebte weiter in den Köpfen und Herzen und richtete in ihnen nicht geringere Verheerungen an als in den Häusern und Straßen. — Die Katastrophe hatte nach einer sturmdurchtobtcn Nacht mit dem Morgen eingesetzt, der wie ein furchtsamer Wanderer zögerte, aus dem Dunkel hcrauszutreten, und im schrecklichen Zwielicht umhortaumelte. Im Hause Mendez waren, wie in allen Häusern der Stadt, die Leute wach. Der Sturm, der Schnee mit Hagel und Regen teuflisch mischte, ließ keinen Schlaf zu. Francisco und Graeia standen mit Reyna und Channah, die das schreiende Kind hielt, im Gebet zusammen. Auf dem Tisch, um den sie herumstanden, lag das Chtimesch, die fünf Bücher Moses, worin die erste Seite nul'geschlngon war: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde . . . Dies galt nach altem Brauch als Beschwörung Gottes, das von ihm Erschaffene jetzt nicht zu zerstören. Als das Unwetter einige Augenblicke nachließ, liefen alle aus dem mittleren Haus durch den Laubengang in die Burg. Hier war schon Isaak mit den Minjnn-Männern, die im Laufe der Nacht einer nach dem andern gekommen waren, in Gebeten versunken. Sie sprachen und sangen die Loh-, Buß- und ßittpsalmcn. Sie schrien mit ihrem Gottvertrauen zugleich auch ihre Verzagtheit in den Tumult der Elemente. Plötzlich hörte der Sturm auf, und sogleich warf sich das grellste Tageslicht wie ein Feuerbrand gegen die Fenster. Lauter noch als vorher erhoben sich die betenden Stimmen. Da schattete wie ein gigantischer schwarzer Vogel ein von Blitzen durchzucktes Dunkel durch die Luft — gleich darauf bäumte sieh die Erde auf: der erste Stoß des Erdbebens! Die Wände wankten, die Möliel stüizten durcheinander. Draußen im Garten fiel krachend eine der alten Eichen gegen die Mauern. Ein vielstimmiger Schrei splitterte durch das Haus. Der eine stand breitbeinig, ober mit zitternden Gliedern da, der andere lag wie ein hingeworfenes Bündel am Boden, der dritte lehnte mit seinem ganzen Körper gegen die Wand, als ob er sie stützen wollte. Das Feuer im Ofen erlosch wie von einem mächtigen Atem ausgcblasen. Keiner war zu Schaden gekommen. Sie betasteten sich wie Neugierige, sie sanken sich in die Arme. Das Kind schlief. Reyna hatte sich mit beiden Händen in die Haare gegriffen und lachte vvie eine Verrückte. Isaak, der die Fassung nicht verloren hatte, drängte alle hinaus in den Garten. Zuletzt stand er mit Fran- Cisco allein im Zimmer. Sie sahen sich stumm an. Von unten hörten sie die Stimme Gracias, die wie ein« Glocke zu ihnen heraufklang: ״Ein unwirtliches Landl Es frißt seine Menschen, es frißt sich selbst auf. Hier ist nicht unser Ort.“ Wie um dies zu bestätigen, fing jetzt von neuem der Sturm an. Dazu begannen von den Kirchen die Glocken zu wimmern, einige von ihnen waren zersprungen und gaben Laute von sich wie auf den Tod getroffene Greise oder Kinder. Man hörte Feuerlärm. Alter sogleich wischten Sturm und Regen alles aus. Sie schlugen die Stadt mit Blindheit und Taubheit. Im tollenden Wirbel verdunkelte sich die Luft von neuem. Graeia und die anderen taumelten in die Burg zurück. Dann kam der zweite Stoß. Er war nur wie ein Nachzittern des ersten. Eine Lampe fiel klirrend herunter. Der Boden warf sich auf wie berstendes Eis. Draußen ballte sich der Regen zu Eisklumpen, die in die Baumkronen wie Steingeschosse einschhsgen. Jofto und Salotno kamen angewankt. Sie wollten mit den anderen sterben. Joäo glühte vor Entsetzen. Seine großen, schwarzen Augen waren aus den Höhlen getreten, sein Gcsicht sah zerfallen aus. Salomo dagegen war ruhig wie immer. Er nahm Reynas Hand, er fühlte sich geborgen. Nun tobte das Unwetter stundenlang. Es war dunkel. Niemand wagte Licht zu machen, obwohl Channah eine andere Lampe herbeigebracht hatte. Mitten im Zimmer stand die ebenfalls herbeigoschnffte Wiege, in der, durch Kissen und Decken geschützt, das Kind lag. Die Türen schlossen nicht mehr, aus Schränken und Kommoden hingen die Schubladen heraus. Der Wind tobte durch das Haus, das von den Psnlmen widerhnllte, die sich wie Schilde und Mauern gegen den Sturm aufriehleten. Es kamen Menschen von der Straße ins Haus, Marranen mit verängstigten, verzerrten Gesichtern, die schon daran gewöhnt waren, im Hause Mendez eine Stätte der Zuflucht zu sehen. Einer schien den anderen nach sich zu ziehen, einer den andern an die Stätte des Gebets zu holen. Manche kamen, wie Auswanderer oder Landesflüchtige, mit Habseligkeiten bepackt. Immer mehr, immer mehr kamen. Sturm, Hagel, Schnee, Regen trieb mit ihnen ins Haus. Kinder schrien vor Angst und Hunger. Aber Isaaks und seiner Genossen Stimmen trugen die Psalmen über die sich Drängenden, über die Verharrenden und Ankommenden! Alle Zimmer waren voll Menschen, auf der Treppe und im Flur standen sie. Alle beteten oder tranken die Gebete der andern in sich ein. Die Reichsten und die Aermsten der großen Marrunengemeinde waren versammelt, endlich wieder eine Gemeinde, endlich wieder jüdische Gebete hörend, die eine Gemeinde sprach. Die im Hintergrund drängten sich vor, jeder wollte einen Blick auf Graeia und Francisco Mendez tun, auf die Retter Israels aus der Bedrängnis. Die Schrecken des Erdbebens hatten sie zusammengeführt, einer zum anderen und alle zu jenen beiden. Plötzlich wankte die Erde wieder, starker als beim ersten MaL Ein Stück Gartenmauer krachte zusammen, ein Stück des Laubenganges zischte wie feuchter Gips in die Erde. Der Sturm holte die nackten Sträucher aus dem Boden und warf sie wie Flederwische durch die offenen oder zerbrochenen Fenster. Die Burg aber stand und hielt ihr Dach vvie einen Schirm aus Erz über die Häupter der betenden Juden. (Fortsetzung folgt)