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Jüdische Rundschau · 1936-02-21 · Heft 15 (21.2.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 15 (21.2.1936)
Date
1936-02-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15, 21. IU936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 5 Jiddischer Roman in Uebersetzung Sdmeur französisch und englisch London, Ende Januar Unter dem Vorsitz von Nahum Sokolow fand in London eine Feier zu Ehren von S a I m a n Schneur statt, aus Anlaß der Verleihung des Bialik-Preises an ihn, und am Tage des Erscheinens der englischen und französischen Ueber- Setzung seines großen jiddischen Romans ״Noah Pandrc“. Mit diesen Angaben tritt ein Mann in die Weltliteratur ein, der sein großes Publikum bisher im Osten und bei Kennern der hebräischen Literatur gehabt bat. Nur Deutsch־ Lesende kennen kaum einen Bruchteil seines Werkes, das fast vierzig Bände in hebräischer und jiddischer Sprache umfaßt. Zwar hat kein Geringerer als Gerhart Hauptmann ihn aus dem Gefangenenlager geholt, in das er bei Ausbruch des Weltkrieges als russischer Staatsangehöriger geraten war. Er hat auch vor und nach dem Krieg einige Jahre in Deutschfand gelebt, aber nur als Gast. Was er den Juden, auch den deutschsprachigen, zu bieten hat, stammt aus seiner eigenen Sphäre. Salman Schneur ist ein Nachkomme des berühmten chassidischen Rabbi Schneurson. Vielleicht hat er von daher seine Fähigkeit zur Sublimierung und zu der Tiefe des Gedankens, die hinter den Dingen liegt. Sicher aber kommt aus seiner Herkunft und Heimat, Sebklov in Weißrußland, der Stoft und die vitale Kraft seiner Erzählerkunsf. Seine hebräischen Gedichte werden, von Klausner in seiner Geschichte der Hebräischen Literatur, neben Bialik und Tschernichowsky als bahnbrechend in Eigenart und sprachschöpferischer Kraft angesehen*). Der Jerusalemer Bialik-Preis ist ihm für ein Gedicht ״Der Wald“ einstimmig zuerkannt worden. Nun gelangen seine Romane (englisch in einer meisterhaften Uebersei/ung von Joseph Leftwich bei Lovatt Dickson, französisch im Verlage der ״Nouvclle Revue Fran^aise“) in den Gesichtskreis des Westens, und man kann erwarten, daß sie ihn erobern werden, kraft ihrer Qualität und ihrer Unüblichkeit. Erstens: Schneur bat die seltene ursprüngliche Gabe zu erzählen, mit Schwung und Behagen, mit Temperament und Präzision. Er meditiert nicht, er sagt aus, stellt dar und überzeugt. Landschaft, Mensch und Tier, das alltägliche *) Den Kennern der hebräischen Sprache und Literatur ist Schneur als einer der bedeutendsten modernen hebräischen Dichter bekannt, ln der ״J. R.“ wurde sein Werk wiederholt gewürdigt. — A. d. Red. —י■■«•■■*■■■«»■•■»— ■■■■«—iI—IWM*»H—»—W^**""*‘* Neue Verse von A. N. Stenzei Der jiddische Lyriker A. N. S t e n z e I, dessen ״Fischerdorf“ auch in deutscher Uebersetzung vorliegt, ist als eigenartiger Dichter der Landschaft bekannt. Man weiß, daß die Naturschilderung in der jüdischen und besonders in der jiddischen Literatur etwas stiefmütterlich wegkommt, man feiert Mendele Mocher Sforitn als den Entdecker der Natur für das ostjüdische Lebensgefühl und konstatiert bei ihm und bei seinen Nachfahren eine sichtlich anthropomorplie, wenn nicht ״verjiklisdvte“ Natur. Den Lyrikern wiederum, besonders etwa Einhorn und Hoffstein, ist die Landschaft ein Stimmungselement; Heines Einfluß bleibt auch hier unverkennbar. Stenzei erregte nicht bloß im Rahmen solcher gebundenen Natur-Anschauung Aufsehen, er ging der Natur mit geradezu wilder Unbedingtheit zuleibe, begnügte sich nicht mit Impressionen, sondern machte in seinem Hang zur plastischen Nachgestaltung nicht vor den kühnsten Bildern Halt und ging nie nur aufs Bild, sondern zugleich noch auf den Ton, die Vieltönigkeit, den Geruch, den Geschmack der Landschaft aus, wobei ihm die derbzärtliche Schmiegsamkeit seiner Sprache,^ die Unverbraiichtheit und unabgestempelte Direktheit der jiddisehen Worte sowohl entgegenkam, wie sich ihm auch die Letztgültigkeit des lyrischen Ausdrucks bis ins Symbol durch den Mangel der Vorgestaltung, der Stilgebundenheit des Idioms verschließen mußte. Stenzeis Leistung ist also so ionierhaft wie problematisch, und vielleicht kann man von einem der jiddischen Lyriker Besseres sagen. im letzten Jahr hat sich Stenzei von anderen Seiten gezeigt, es erschienen ein knappes Heft Sonette ״Vunderweitens“ und ein Band biblischer Verse ״Masel Ti eit“. Dieser Bin.l i t wohl Stenze'.s problematischster Versuch. Er enthält einige Dutzend lyrisch-baßadcske Geilichte über Figuren der Bibel von Adam bis zu Esra und den Propheten, und ״Gedichte über“ sind nieist schon an sich mißlich. Nun weiß man ja, daß auch bei uns fast kein nun jüdisch betonter Lenker umhin kann, Rachel, Judith, die Opferung Isaaks usw. entweder nach dem Vorbild Börries von Münchhausens oder Else Lasker-Schiilers zu Ivrifizieren, und solchen Bedichtunge!: gegenüber ist Stenzeis Opus etwas Großes, denn sein Reichtum an Metaphern, seine Bildkraft und vor allem der ursprünglichere und natürlichere Zustrom biblischer Vor- Steilungen bei ihm ergeben oft prachtvolle Formulierungen. Das Ganze aber ist doch Programmusik, Gedichte über, denn eine Art von System ist dieser Sfenzel-Bibel einverleibt, und für das Thema: wie aus diesem Naturvolk das jüdische geworden, ist eine Zusammenstellung von lauter einzelnen lyrisehen Gedichten, im Glücksfall Balladen oder Romanzen, kaum die gemäße Beweisform. Tarnen est iaudanda voluntas, und da auch in diesem Band manche wirklich schöne Strophe auffällt, war auch das Ganze nicht vergeblich. Indessen darf man ״Vundcrweitens“ (Aus der Ferne) als ein in seiner Art vollkommenes Poem bezeichnen und etwa als das jüdische, das jüdischste Gegenstück Eichendorffs ״Auf meines Kindes Tod“ und Rüekerts ״Kindertotenliedern“ (die Gustav Mahler komponiert hat', zur Seite stellen. Stenzei beklagt in 18 Sonetten an die Mutter aus der Ferne den Tod des Vaters, und so unmittelbar wie nie wird Gefühl zum Wort, menschlichste Herzergriffenheit dichterisch ergreifend. Die Abstandsiosigkeit, die dennoch nie der Natur das Geheimnis entreißen, die doch bei aller Plastizität nie über das Bild, das Gleichnis hinauskommen kann, erfaßt hier das ganze Gefühl, gestaltet bis in die heimlichste Falte der Bewußtseinsmöglichkeif die Beziehung zwischen Mensch und Mensch und also im Kleinen das Große, die elterlich-kindliche Natur, die jüdische Welt. Und es ist kein Wunder, daß ein Wunder dahei geschieht: während Stcrizels Natursiichtigkcit nicht bloß aut ar't pour l'art, sondern wohl überhaupt auf alle strenge Form als eine Künstlichkeit verzichtet, während auch diese Sonette am nun einmal feststehenden und also zu erfüllenden Vorbild dieser Form gemessen fehlerhaft sind, erscheint doch das Gefäß vollkommen, und jede rhythmische Abwechslung noch ist so im höchsten Sinne effektvoll, daß der bewußteste Virtuose darauf stolz sein dürfte. L. H. Jetzt zweite BUchsen-Leerung und Büchsen •Aufsteilungs-Aktion KEREN KAJEMETH LEJISRAEL wie das unwahrscheinlichste Ereignis gewinnt in seinem Wort Wirklichkeit. Zweitens, wichtiger: Er hat erlebt, was er erzählt, und fälscht es nicht. Dadurch wirkt es so neu. So sind sie, waren sie, die Leute der kleinstädtischen Gemeinde, die Schlächter und Fuhrleute, die Schnapswirte, die ehrbaren Kauficute und Handwerker und die Schnorrer und Säufer. Sie hahen ihre Fehler und sie haben ihr Recht darauf. Sorgen haben sie; Angst vor der Rckrutenaushebung des Zaren, die ihnen die jungen Söhne für fünfundzwanzig Jahre, wenn nicht für immer, zu nehmen droht. Furcht vor dem Stadtkommandanten, der gleich gefährlich ist -- ob bestechlich oder unhesfechlieh. Aber sic haben doch eben, um was es zu fürchten lohnt — Liebe und Bindung, Regel und Ausweg, Feste, Anteil an der Gemeinschaft, eine eigene, farbenreiche, vielgestaltige Welt. Das Merkwürdigste ist, daß der Held der ״Pandre- Geschichten“, der nur ein Sehlächtergeselle ist, ein übermiitiger, harmloser Kraftmensch — daß dieser Naturbursche des ' östlichen Ghettos in seinen Zügen und Abenteuern deutliche Verwandtschaft mit den alten Heroensagen hat, und zwar tingesucht, so wie er der Tradition des Juden- Städtchens entsprungen ist. Pandres Taten machen ihn zum Beschützer der Furchtsamen und Schwadien. Er kann die Bauern verprügeln, wenn sie im Suff die armen Marktgänger piesacken. Er kann die schetigewordenen Pferde der Schloßherrin aufhalten — er kann sich dem betrunkenen Polizeihauptmann entgegenstellen, furchtlos bis zur Dummheit, und er besiegt den Raufbold und Totschläger, der das Gefängnis für die Mitgefangenen donpelt zur 11 '׳ י macht. Er kann selber saufen und dumme Streiche mahei, und wenn er wie Herkules am Brunnen mit Wasser spie! , oder das bäuerliche Liebespaar, das er .aufgespürt hat, wie in der Kerkopensage, zusamniengebunden auf den Schultern in das Dorf trägt, so wagt sich keiner an ihn heran. Aber als er ins Unglück kommt, haben alle Achtung vor ihm. Er ist ein Stück Natur, dieser Pandre; sinnenbegabt, stark, schüchtern vor dem hochweisen Rabbi, schamvoll seiner Ungelehrtheit bewußt, folgsam dem Lehrherrn, demütig, als er lieht. Er ist wie Simsen und mythische Heiden anderer Völker, eine Kraftquelle seines Volkes, und sein Dichter lichte ihn in dieser Eigenschaft, als die Wurzel eines Stammes, der sich zu geistiger Frucht verfeinert, aber den Ursprung nicht entbehren und nicht vergessen kann, ״Noah Paridre“ ist also ein tröstliches Buch, saftig, humorvoll, und wo cs das Schreckliche und Traurige erzählt, schön, wie die Fidle des Schmerzes und Todes im Leben und in der echten Poesie. Grete Fischer Joseph Von Miicba Kaliko Wie ha&t Ihr mich, dem steh die Sieme neigen, Da ihr der Träume letzten Sinn nicht iaht. Wie ward der AuserwShlte euch zur Last, Seit er das Wort berief zu seinem Zeugen. 1* bin der Bedier, bis zum Rand gefüllt, Noch weife ich nichi um lene Demut: Schweigen. Da sich der Brüder Garben vor mir beugen, werd ich zum Strom, der brausend Überquilit. Um Silberlohn verschachert ihr das Kind, Und glaubet so des Herrn Plan vernichtet. — Mir aber Ist ein goldner Thron errichtet ln Jenen Reichen, die unsterblich sind .. . Herzls Mutter Zu ihrem 25. Todestag Nach kurzer Krankheit verschied am Abend des 20. Februar 1011 in Wien Herzls Mutter. Sie war am 28. Juli 1836 in Budapest geboren und hatte das schwere Schicksal, neun Jahre vor ihrem Tode den Gatten, sieben Jahre zuvor den gefeierten Sohn zu Grabe zu geleiten, das einzige Kind, das ihr geblieben, nachdem sie in jungen Jahren eine Tochter bereits verloren hatte. Was eine Mutter bedeutet, dieses Glück erfahren die meisten Menschen an sich. Und die Elemente des Lebens, die Regungen des Gefühls, die Kühle und Rauheit des Mannes schnell abzuschicifen, verdankt der Mann häufig seiner Mutter. Hcrzl hat von ihr wohl die Kraft des Einfühlens in das Leben anderer, und die Fähigkeit, solches Lehen auch künstlerisch darzustcllen, geerbt. In dem Feuilletonisten, dem Schriftsteller, dem Gesellschafter erkenrjen wir die Züge der Mutter wieder. Jüdisches hat sie ihm wenig geben können, aber sie hat die ethischen edlen Züge des Judentums geschützt, gekannt, gelebt und ihrem Sohne mit aller Liebe und Energie eingeprägt. So kannte er wenigstens diese Seite des Judentums näher. Und sie hat seinen jüdischen Plänen sich nicht entgegengcstellt — wie es die Frau Herzls getan hat. Viele werden sich des Bildes erinnern, das Herzl und seine Mutter in Begleitung von Zangwill anläßlich des letzten Kongresses, den Theodor Herz! noch erlebt, des VI. Zionistenkongresses in Basel im Jahre 1903, zeigt. Herzl schreibt über sie nach dem Tode der Schwester in seiner Selbstbiographie: ״Meine gute Mutter wurde vor Kummer so schwermütig, daß wir 1878 nach Wien verzogen.“ Er wußte auch, daß der Esprit der mütterlichen Familie in Budapest sprichwörtlich war; darauf beziehen sich die Worte, die er einmal seiner Mutter schreibt: ״Da hat sich deine Harschl-Diamantsche Klugheit abermals bewährt.“ Still und zurückgezogen, wie sie gelebt, starb sie, die Mutter Herzls. Mutter wie Sohn wünschten, daß an ihrem Grabe keine Trauerreden gehalten würden. Dennoch bewegte sich ein großes Leichenbegängnis von der Wohnung in der Hainsinger Straße nach dem Friedhof in Döbling, wo sie ihre letzte Ruhe neben Gatten und Sohn finden sollte. 21 Jahre sind nun vergangen, seit hinter ihrem Sarge die Enkelkinder schritten, und mit ihnen in Vertretung von David Wolfsohn Joh. Kremenetzky, Adoif Böhm und viele, viele andere mit großen Namen und eine große Menge der Anhänger des Sohnes. Es war eine stille, aber imposante Trauerkundgebung, bei der das Gebet und wenige Worte durch Rabbiner Dr. D. Feuehtwang gesprochen wurden. Und wenn am 20. Tammus das jüdische Wien in jedem Jahre nach Döbling zum Grabe Herzls wallfahrtet, dann steht man ergriffen auch vor ihrem Grabe, dem Grabe der Mutter Fierzls, der Mutter, die dem jüdischen Volke den großen Sohn geschenkt hat. Rabb. A. Posner (Jerusalem) Auswanderer 1 Wie transferieren Sie Ihr Vermögen? 1. Beratung über di<» Einwanderungsstaaten aus •lg, landeskonntni* (Europa und Uebersee) 2. Bestmöglicher und schneller Vermögensiransfer 3. Immobiiien-Tausdi bei Auswanderungen Sr. fnr. G. C. Rosendahl, Devicenbcrater VoHjuriif1 ׳/. Vollkaufm.) Frankfurt a. Main, LiehigstraBe 50 Sprechstunde naah tefephoruncher Anme düng / Tef phon 77178 Als Chaplin wiederkam ... New York, im Februar 1936 Fünf Jahre war Charlie Chaplin verschollen. Seit 1931 hatte er sich verborgen vor der Welt, der er so oft zu Unterhaltung und Erschütterung Anlaß gegeben hatte. Nun ist er wieder erschienen, und die Lichter von den Boulcvardkinos werfen ihren Schein auf seine vertraute Gestait mit dem runden Hut, dein Spazierstock, den nach oben weisenden Spitzen der Schuhe, dem Schnurrbärtchen und den Zitterhosen. ״Modern Time s“ — ״U n s e r e Zeit“ — hei ßt der neue Film, den er gespielt und geschaffen hat. Charlie Chaplin, der 1936 wiederkam, ist der alte und ein neuer, sein F'ilm ist ein gutes Kunstwerk. ״Modern Times“ ist ein gültiger und mündiger Ausdruck der Zeit, ein ״document humain“. Ein größter Künstler hat einen Film geschaffen mit größtem Wissen und reifster Weisheit von der Schaurigkeit der Zeit, er hat ihn hingestellt ohne Kompromiß und ohne Illusion über die Ausweglosigkeit aus der Situation, auch sein Humor bedeutet keine falsche Versöhnlichkeit mit der Realität. Der ältere Chaplin zeigt diese Zeit in iiirer Hoffnungsiosigkeit und Erbarmungslosigkeit, iiirer Armut und ihrem Hunger, er zeigt die Not der Arbeitslosen und das Eiend der mechanisierten Arbeit und die Dummheit und Unerbittlichkeit der Bürokratie. Das entzauberte und erschreckliche Lehen, in der Abbreviatur dieses Films, der nur zutreffend ist, würde völlig unerträglich sein, wenn der alte Charlie dem Ausdruck seiner sozialen Gefühle nicht zugleich seine persönliche Interpretation mitgegeben hätte: Sein Humor verklärt die verzerrte und mechanisierte Umwelt. Seine Künste und seine liebenswürdigen Schabernackspiele verklären die vcrteufclsten Apparate und die sinnlosesten Augenblicke. Kein Kampf gegen die Umwelt, sondern ein humoristischer Widerstand! So flieht er denn am Schlüsse davon, als die Jugendpolizei ihm seine junge Strolchin mit den barfüßigen langen Tanzbeinen rauben will, diesen holdesten Trost, der ein hungriges, arbeitsloses Mädchen ist: wie die Stuhlbeine übereinanderpurzeln, um Charlie und seiner Schönen die Flucht vor den Beamten zu verschaffen, da wird es einem ganz warm ums Herz. Das ist das Erstaunlichste an dieser Kunst, daß es einem warm werden kann und daß man lachen kann, obwohl in jedem Moment deutlich ist, daß keine Zeit zum Lachen und zur Ruhe verstattet ist. Doch das Komische und Clownhafte überspielen alles Erschreckliche und alles Unerträgliche und lassen als letztes Empfinden Freude und Wärme zurück. Wenn die Gangster auf den nächtlichen Warenhauswärter Charlie schießen, was geschieht ihm? Er wird gründlich mit Rum durchfeuchtet. Von außen wie von innen! Wenn er auch kein Hehl daraus macht, auf welcher Seite der Menschheit sein Herz schlägt — der Film ist deutlich beeinflußt von der sozialen Gärung an der amerikanischen Westküste —, so ist doch der Streik ad absurdum geführt, der gerade dann ausbricht, als es nach langem Feiern endlich wieder Arbeit gibt und Charlie sich und seinem holden Unkraut ein Heim aufbauen will. Besonders klar ist dieses Ueberspielen in dem artistisch stärksten Augenblick dieses Films, der die stumme Pantomime über das gesprochene Wort stellt, ihm sogar offen feindlich ist. Menschen reden bei Chaplin nicht, nur die bösen Maschinen kommandieren laut und unerbittlich: der Gefängnisgong, der Fernapparat des Unternehmers, Megaphone, Grammophone usw. Nur einmal hören wir Charlie Chaplins Stimme: auf Spanisch singt er ein Couplet. Da freut sich alles, auch auf der Leinwand! Dr. Grete Bernstein Wie uns aus London gemeldet wird, wurde die dortige Erstaufführung des Chaplin-Films als ein großes künstlerisches Ereignis gewertet. Der Erfolg war durchschlagend. Audi die Londoner Presse veröffentlicht ausführliche Kritiken, in denen die Bewunderung für Chaplins künstlerische Leistung Aus■ druck findet. RnsM'nmisiliunjc in Amerika William Faulkner: Lieht im August. Rowohlt-Verlag, Berlin 1935; deutsch von Franz Fein. Wenn inan in den letzten Jahren mit jungen Amerikanern oder Engländern von ihren neuen Büchern sprach, so erschien immer wieder dieser Name William Faulkner, — er verdrängte beinahe alle die auch uns bekannten Sterne am Himmel der amerikanischen Literatur. Dieser merkwürdige und sonderbare Schriftsteller erscheint nun zum ersten Male in einer deutschen Uebertragung; wahrscheinlich wird ein anderes Werk Fatilkncrs, ״Pylon“, das im Aibatroti-Verlag erschien, demnächst folgen. Wer von den anderen arnerikanischen Schriftstellern zu diesem Buche kommt, dem tut sieh eine ganz neue Weit auf. Hier schweigt alle die Fülle amerikanischen Großstadtlebens, hier verstummt alle atnerikanische ״Kultur“, — hier werden wir mit einer unerbittliehen Strenge zu den ersten und tiefsten Problemen dieses zwiespältigen Landes* geführt, zu den Problemen der Ras״ senmischung. ״Licht im August“, das ist das schwüle Liciit des dunklen Blutes, das nach dem Willen des Verfassers den Lebensweg des Mischlings bestimmt und... vordämmt. Dahinter steht die Sonntagsschui- und Kleinstadtatmosphäre Mittelamerikas; und der Mischling selbst wie ein gewaltiger Feisblock im Vordergründe, seinen Weg sich bahnend unter Verheerung und endlich selbst zerschmetternd. Quälend und großartig ist dies Buch zugleich. Sicher sind die Spuren von Joyce unverkennbar; aber was dort gesammelte Kultur, das ist hier wilde Kraft geblieben. — Ueber allen diesen Menschen hängt unerbittlich das Schicksal iiirer Geburt, dem sie nicht entgehen können. Und doch dringt spät und zögernd nur — ein wenig Güte endlicli auch durch die steinerne Welt und führt die einfältige Magd, die den Vater ihres _ Kindes sucht, über Mord und Gewalttat der Männer endlich doch noch zu einer bescheidenen Heimstätte, — an der Seite eines kindhaften Menschen. Nach betäubendem Aufruhr der Elemente in Natur und Menschenherz beendet dieses wilde Streiten ein Idyll zwischen zwei Menschen, von dem ein Dritter, ein red'icher Fremder, in vertrauter Stunde seiner Frau erzählt. Und dann ist es nicht mehr Heid und Opfer, Schuld und Sühne in einem Roman, sondern das Leben selbst, in dem alles seinen Platz hat — Verbrechen, Einfalt und Liebe —, das vor uns steht. -bs%

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