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Jüdische Rundschau · 1936-02-21 · Heft 15 (21.2.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 15 (21.2.1936)
Date
1936-02-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 21.11. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Wie soll die jüdische Schule aussehen? Konjunktur und Weltanschauung — Wünsche an die Lehrerschaft — Volks- und höhere Schule — Die Auswirkung im Stundenplan Drei Grundthesen unserer Schulpolitik Eine der zentralsten Aufgaben bei der Neugestaltung der jüdischen Lebensverhältnisse in Deutschland ist die Eilt- Wicklung des jüdischen Schulwesens. Nun entzieht sich gewiß manche Einzelheit gerade auf diesem Arbeitsgebiet der öffentlichen Diskussion, weil es sich zum großen Teil um Fragen handelt, die in erster Linie unter pädagogischen Gesichtspunkten und von Fachleuten erörtert werden müssen. Dennoch gilt es, in einem Zeitpunkt, in dem diese Aussprachen im engeren Fachkreise in ein entscheidendes Stadium zu treten beginnen, die großen Gesichtspunkte herauszuarbeiten, die hierbei Geltung haben. Wir glauben, daß dies in vieler Hinsicht auch die eigentliche fachliche Diskussion der Schulfragen fördern wird, weil ja nichts so sehr des Zusammenhanges mit dem wirklichen Leben, den Hoffnungen und Wünschen, den Sorgen und Plänen der Gesamtheit bedarf wie die Schule. Wenn wir unter diesen Voraussetzungen die Aufgäbe betrachten, die der jüdischen Schule heute gestellt ist, so müssen wir sagen, daß sie unabhängig vom Streit jüdischer Richtungen und von der jeweiligen Situation etwa auf dem Gebiete der Auswanderungsmögtichkeiten darin besteht, unsere Jugend lebenstüchtig zu machen und sie so zu erziehen, daß sie sich als Teil und Träger der Renaissance des jüdischen Volkes fühlt. Die Forderungen, die wir an die Schule zu stellen haben, hängen nicht davon ab, ob Palästina der Zahl der Zertifikate nach etwas mehr oder w׳eniger aufnahmefähig ist. Wir können die Ziele jüdischer Erziehung nicht nach den Schwankungen der politischen und Wirtschaftliehen Konjunktur ausrichten, sondern wissen, daß sie ihrer Aufgabe nur dann gerecht wird, wenn vor ihr das Bild eines erneuerten jüdischen Menschen steht. Damit ist bereits gesagt, daß es für die Gesamtheit unserer Jugend nur eine Art jüdischer Erziehung geben kann. Gewiß sind Differenzen auf dem Wege der Erziehung im einzelnen möglich, sei es in religiöser Beziehung, sei es auf anderen Teilgebieten der Arbeit, aber so wie es nur ein Judentum und e i n jüdisches Volk in der Welt gibt, kann unsere Erziehung nur einen einheitlichen Weg zu lebendigem, national fundiertem Judesein darstellen. Auf drei großen Arbeitsgebieten müssen wir die Maßstiibe unserer Hoffnungen an das jüdische Schul- Werk anlegen: Lehrerausbildung, Schulorganisation und lnhalt dessen, was in der Schule gelehrt wird. Wir müssen prüfen, inwieweit unsere Vorstellungen auf diesen Gebieten bereits erfüllt sind, und welche Erwartungen wir auf die künftige Ausgestaltung der Arbeit setzen. Nicht willkürlich nennen wir die Lehrerausbildung und ihre Fortbildung in diesem Zusammenhänge an erster Stelle. Von Wissen, Willen und Gesinnung unserer Lehrerschaft hängt es in erster Linie ab, wie das jüdische Schulwesen sich entwickelt. Der Lehrer ist nicht nur als Uebermittler des Wissens, sondern auch als Gestalter der Schulatmosphäre und als Vorbild der Jugend berufen, die jüdische Schule ihren eigentlichen Aufgaben zuzuführen, oder aber er kann, wenn er ungeeignet ist, sie von ihrem eigentlichen Wesen ablenken. Dreierlei Art sind die Forderungen, die wir an den Lehrer in diesem Sinne zu stellen haben: Er muß seiner Willenstendenz nach mit ganzer Kraft zum Judesein neigen. Der Lehrer in unserer jüdischen Schule kann gewiß nicht den Typ eines ,.ungebrochenen“ Juden den Jugendlichen Vorleben — wie könnte er das in unserem Galuthdasein! —, aber von ihm muß die Kraft jüdischen Willens ausgehen; die Jugend soll spüren, daß Menschen vor ihnen stehen, die nicht aus dem Leben der Umwelt ausgeschlossen in ein Ghettodasein verbannt sind, sondern die Juden, Glieder des nach Erneuerung strebenden jüdischen Volkes, dessen zentrale Gegenwartsaufgabe im Aufbau Palästinas liegt, sein wollen, mag es in der Welt aussehen, wie es will. Zu dieser Willenstcndenz muß dann fundiertes j ü - di sch es Wissen treten. Das gilt nicht nur für die Lehrer, die jüdische Gegenstände unterrichten, für die eine solche Forderung eine Selbstverständlichkeit ist, sondern für jeden Lehrer, der an einer jüdischen Schule unterrichtet, welches Fach es auch sein mag. Wir verlangen, daß unsere Lehrer in ihrer Ausbildung und, soweit sie bereits im Dienste stehen, in der nicht minder wichtigen Fortbildung sich gewisse Minimalkcnntnisse auf jüdischem Gebiete erwerben, die im einzelnen noch näher zu präzisieren sind. Diese Kenntnisse liegen auf dem Gebiete des Hebräischen, der Grund/iige jüdischer Geschichte und des Wissens um das Leben des jüdischen Volkes in der Gegenwart und um seine religiösen und weltlichen Lebensformen. Von dieser zweiten Forderung aus ergibt sich bereits das dritte, was in bezug auf die Ausbildung unserer Lehrerschaff verlangt werden muß, nicht zuletzt in ihrem eigenen wirtschaftlichen Interesse: Die Lehrer sollen —- wenn man dieses Wort gebrauchen darf — ״exportfähig“ sein. Wir müssen damit rechnen, daß das jüdische Schulwesen in Deutschland nach einer gewissen Zeit des Aufstieges infolge Mangels an Jugendlichen sehr stark einschrumpfen wird. Dann aber muß die Lehrerschaft fähig sein, sich in das jtidisehe Schulwesen außerhalb Deutschlands, d. h. insbesondere Palästinas, einzugliedern, sie muß daher gewisse Voraus- Setzungen hierfür schon jetzt erwerben. Das zweite, was in diesem Zusammenhänge betrachtet werden muß, ist ein mehr organisatorisches Gebiet. Hier taucht zunächst die Frage nach dem Verhältnis der jüdischen Volksschule zur höheren jüdischen Schule auf. Wir glauben sagen zu müssen, daß nach Lage der Dinge und im Hinblick auf die Berufsaussichten unserer Jugend die Volksschule auch in Zukunft durchaus im Mittelpunkt unserer Schularbeit zu stehen hat. Sie soll allerdings, soweit dies noch nicht der Fall ist, im Einklang mit den gesetzlich gegebenen Möglichkeiten allmählich so verbessert werden, daß die Auswanderungsfähigkeit der Jugend dadurch sichergestellt ist. Dies gilt ganz besonders im Hinblick auf die Erlernung von Fremdsprachen. Was die höhere Schule anbelangt, so sind wir entschieden gegen die Schaffung höherer Schulen durch private Initiative, die mehr oder weniger der Kontrolle der jüdischen Instanzen entzogen ist. W'ir glauben vielmehr, daß das gesamte jiidisehe Schulwesen in allen seinen Gliederungen den öffentliehen jüdischen Institutionen unterstellt sein muß, da nur so die Einheitlichkeit des Bildungszieles und die Planmäßigkeit in der Ausbildung unserer Jugend gewahrt werden kann. Dabei ist zu betonen, daß ein so tiefgreifender Unterschied zwischen Volks- und höherer Schule, wie er im allgemeinen Schulwesen üblich ist, innerhalb des jüdischen Bezirks nicht gemacht werden kann. In diesem Zusammenhänge ist es wichtig, auf die Aufgäbe einer weiteren Fortbildung der Jugend nach Abschluß der Volksschule hinzuweisen. Diesein Ziele dienen die Berufs vorlehre und das direkt an die Schule angegliederte 9. und 10. Schuljahr. Beides soll den Uebergang in das Berufsleben erleichtern. Dementsprechend hat diese Ausbildung in erster Linie die Auswauderungsfähigkeit der Jugend zu steigern und ihr sowohl in manueller wie in geistiger und in jüdischer Hinsicht die Fähigkeiten zu geben, die während der eigentlichen Volksschulzeit nicht oder nur unzureichend zu übermitteln waren. Damit haben wir bereits das dritte Gebiet berührt, das in diesem Zusammenhänge grundsätzlich wichtig ist, nämlieh den eigentlichen Inhalt unserer Schularbeit. Es ist natürlich nicht möglich, an dieser Stelle einen detail- Herten Plan für den Unterricht auszuarbeiten. Wir glauben, daß für alle Fächer, die in unseren Schulen unterrichtet werden, und für die Gesamtatmosphäre der Schule die jüdische Haltung bestimmend sein muß. Es geht nicht an, die Schule etwa so aufzubauen, daß für sic mehrere ״U r e r 1 e b n i s s e“ bestimmend sind, die in verschiedenen nationalen Kulturen wurzeln. Wir wissen wohl, daß unsere Schulen nicht in einer jüdischen Umwelt existieren, und daß daher der Einfluß der Galuth, von Völkern und Kulturen um uns wirksam sein muß. Aber wir glauben, daß die Tendenz der Schule so gerichtet sein muß, daß in ihr das Jüdische stofflich und empfindungsmäßig im Vordringen begriffen ist. Die Schule muß sich dabei ihrer eigenen Begrenztheit bewußt sein, sie soll empfinden, daß die Galuth auch in das Schulleben eindringt, aber sie darf diesen Zustand nicht einfach hinnehmen oder gar begrüßen. Worauf es ankommt, ist vielmehr, unserer Jugend erlebnismäßig deutlich zu machen, welche Werte sich ihr erschließen, wenn sie einen möglichst wachsenden Teil ihres Innenlebens dem Jüdischen zuwendet. Hier erwächst die entscheidende Aufgabe für die Lehrer. Von ihnen kann die psychologische Wendung zum Jüdischen ausgeheii. Sie vermögen die Atmosphäre zu scliaffen, die es jedem Kinde ohne viele Worte deutlich macht, daß in diesem Milieu die Wahl getroffen ist, die lautet: Jude-Sein! Vieles führt zu diesem Ziele: Die Feiern und Feste, die in der Schule gestaltet werden, und die Durchdringung des gesamten Unterrichts- Stoffes mit jüdischen Werten. Das müssen nicht immer nur rein stoffliche Werte sein, sondern auch die im allgemeinen Unterricht gegebene Möglichkeit, daß die Kinder zu den Problemen des Lebens in einer Weise Stellung nehmen, die ihrem ureigensten Wesen als Juden entspricht, ist pädagogisch äußerst bedeutsam. GRÜNDE DES LEIDENS Rawa, andere sagen, Raw Chlsda, sagte: 5!ehf der Mensdi, da& Leiden 0 ber ihn kommen, so prüfe et seine Werke; prüfte er sie und fand nlchfs, so suche er ihren Grund In der Vernadilfissigung der Thora; suchte er und fand nichts, so sind es gewih Leiden aus Liebe; wie gesagt Ist: ״Denn, wen ER liebt, den straft er' (Spr. 5,12J b. Beraciiot Sa (Ucberscizt v. M A’. Glatzcr) An dieser Stelle muß ein Wort über das Stofflich* Jüdische gesagt werden, das unsere Schulen vermitteln können. Neben manchem anderen ist es Hebräisch als Grundlage jedes jüdischen Wissens, j 0 discheOeschiehte, jüdische Gegen warts- und Volkskunde mit ihrem entscheidend wichtigen Teilgebiet der Palästina* künde. Für all diese Gebiete eine verbesserte Lehrmethode zu schaffen, Lehrbücher herauszugehen usw., wird eine vordringliche Aufgabe der nächsten Zukunft sein. Wir glauben aber, daß noch bedeutsamer als all die technischen Hilfsmittel, die wir hierfür gebrauchen, die Erkenntnis ist, daß die jüdischen Wissensgebiete in unseren Schulen, den Schulen einer nationalen Gruppe, als durchaus gleichwertiger Partner an die Seite der allgemeinen Wissensgebiete zu treten haben. Das bedeutet gewiß keine Vernachlässigung der allgemeinen Bikiungsgritmilngen, die in der jüdischen Schule nicht angetastet werden sollen, aber eine Verschiebung des psychologischen Schwerpunktes, der für den Charakter jeder Schule ausschlaggebend ist. Diese Forderung müssen wir nach innen und nach außen vertreten. Es gilt die in Frage kommenden Instanzen zu überzeugen, daß unsere Schule nur dann die Jugend zum neuen Typ eines Juden vorbereiten kann, wenn ihr die Möglichkeit gegeben ist, nicht nur durch ein prinzipielles Bekenntnis die entscheidende Wendung zum Jüdischen hin zu vollziehen, sonders dies auch in der Gestaltung des Lehrplanes im einzelnen zu verwirklichen. Die (üeicluvc! tigkeit der jüdischen Fächer wird sich daher auch ,im Stundenplan auszuwirken haben, soweit es sich um die kulturkundlichen Gegenstände handelt. Natürlich muß die Erhöhung der den jüdischer! Fächern gewidmeten Stundenzahl Hand in Hand mit einer echten Verlebendigung dieses Unterrichts gehen. Wenn wir aus diesen allgemeinen Erwägungen heraus den Versuch machen, unsere Forderungen für die zukünftige jüdische Schularbeit in einigen wenigen Grundthesen zusammenzufassen, so ergibt sich etwa folgendes:!. Die Lehre raus- und -fortbildung Ist die Voraussetzung jeden Fortschritts im jüdischen Schulwesen. Sie muß zum Ziele haben: Die psychologische und willensmäßige Hinwendung der Lehrer zum nationalen, lebendigen Judentum und die Vermittlung von Minimal* kenntnissen an alle Lehrer auf den Gebieten der jüdischen Geschichte, jüdischen Gegenwartskunde, jüdischer Lebensformen und des Hebräischen. 2. Die jüdische Volksschule steht Im Mittel* punkt unseres Interesses. Ihre Ergänzung findet sie für bestimmte Berufe in der höheren Schule und im übrigen durch ergänzende Schuljahre oder die Berufsvorlehre. Das jüdische Schulwesen soll organisatorisch den öffentlichen jüdischen Instanzen unterstellt sein. 3. Für Ziel und Inhalt unserer Schule muß das Erlebnis des nationalen Judentums und der Wille zum lebendigen Judesein bestimmend sein. Die Gesamtheit des Schul* lebens soll davon durchtränkt werden, wobei gerade aus der Erkenntnis der Grenzen des unter den gegebenen Verhältnissen Möglichen der Impuls zur Hinwendung zum Jüdischen gestärkt werden soll. Die jüdischen Fächer — Hebräisch, jüdische Geschichte, Gegenwerts-, Volks- und Palästinakunde — sollen als den allgemeinen Fächern gleichwertig behandelt werden, was in der Gestaltung des Stundenplanes klar zum Ausdruck kommen muß. Wir meinen, daß diese Prinzipien die Basis der weiteren Erörterungen über unser jüdisches Sehulwerk sein sollten. Selbstverständlich gehört dazu, daß sie in allen Instanzen von Menschen vertreten werden, die mit gan/cm Herzen bei der Sache sind und ein indisches SchuLve-wn bejahen, das aus jüdischem Geiste gespeist wird und zum jüdischen Leben hier, in Palästina oder wo immer in der Welt hinführt. Verkennen wir nicht die Bedeutung dieser Aufgabe! Sie ist eine der Schlüsselpositionen für die Zukunft des deutschen Judentums, von der das Schicksal der kommenden Generation weitgehend bestimmt wird. Darum gilt es, mit Ernst und Verantwortung diesen!׳'ragen gegenüberzutreten, aber auch mit ganzer Leidenschaft die. Forderungen zu verfechten, die das Schulwcrk erst zu einem wirklichen Träger jüdischen Volkstums machen können. K. L. Der ״Pester Llovd“ meldet, daß ein Familienstreit bisher die Veröffentlichung der nachgelassenen Werke Jacob Wassermanns verhindert habe. Nachdem der Streit beigelegt worden ist, durften in der nächsten Zeit unbekannte Novellen und Romane Jacob Wassermanns vcn>!!ent!ieht werden, darunter die Kindheitsgeschichte ״Engelhart Ratgeber“ und der Roman ״Olivia“. BILLIGE PALÄSTINA- REISEN ZUR LEVANTE *MESSE ZUM ÄRZTE-KONGRESS 25% Rabatt April 1936 30-50% Rabatt April 1936 GESELLSCHAFTS-REISE 2. April Vulcania (24000 to) ab RM 346.— FELIX ROUSSEL (2100010) 2. 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